Donnerstag, 8.Juni

Heute haben
Czeslaw Milosz * 1911
Philippe Jaccottet * 1925
Juli Zeh * 1974
Geburtstag
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Christian Morgenstern
An die Wolken

Und immer wieder,
wenn ich mich müde gesehn
an der Menschen Gesichtern,
so vielen Spiegeln
unendlicher Torheit,
hob ich das Aug
über die Häuser und Bäume
empor zu euch,
ihr ewigen Gedanken des Himmels.
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Robert Macfarlane: “Karte der Wildnis
Herausgegeben von Judith Schalansky
Aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers
Ullstein Taschenbuch € 15,00

Wie es ist, in den Wald zu gehen und auf einen Lieblingsbaum zu klettern, den man schon in der Kindheit kannte? Wie es sich anfühlt, dort oben auf die anderen Bäume herunterzuschauen und zu sehen, wie die Äste sich im Wind, hier sogar Sturm, wiegen. Damit beginnt der Autor seinen Essay-Roman, der im Englischen 2007 herauskam und mit zahlreichen Preisen überschüttet worden ist. W.G.Sebald hätte an dieser Art von Literatur seine große Freude. Die Sprache fließt wie ein großes Gedicht und nimmt uns mit in die Wildnis. Aber wo ist heute noch Wildnis? Unberührte Natur in England vor ca. zehn Jahren? Gar nicht so einfach zu finden. Oder vielleicht doch? Sind es nicht einfach auch nur die Ecken um’s Haus. Der Hinterhof, oder das Tal ein paar Kilometer weit entfernt? Mein Nachbar erzählte mir, dass er beim erstmaligen Übertritt der Grenze von der DDR in die BRD vom Grenzer einen Autoatlas ins Auto geworfen bekommen habe. Jedes Auto. Und das war nicht das einzig Verwunderliche. Auf dem Autoatlas waren die BRD, Österreich und die Schweiz zu sehen und nicht nur weisses Niemandsland, wie bisher in seinem Leben. Statt Wildnis also aufgezeichnete Straßen und Städte, Bahnlinien und Küsten. McFarlane sucht diese weissen Flecken und beginnt seine Reise ganz in der Nähe, zieht weiter zu Freunden und Bekannten, die ihm im Norden von England, auf Inseln Unberührtes empfehlen, zeigen, ihn dort hinführen. Und umso mehr er dorthinreist, die Gegenden abwandert, wandelt sich dieses Buch zu einer Reise ins Innere, in die Zeit und aus einem kleinen Flecken wird eine Philosophie des Lebens. Wobei ich wieder bei Sebald bin, der in seinen Erzählungen Biografien aufgreift, aufschreibt und uns einen riesigen Kosmos präsentiert, der Ort und Zeit zu sprengen scheint.
Mcfarlane zitiert aus einem Brief eines US-amerikanischen Historikers, der 1960 an einen Beamten schrieb, wie wichtig die Wildnis ist. Eine wilde Gegend sei bei Weitem mehr wert, als sich in der Kosten-Nutzen-Rechnung ihre ökonomischen Erholungswertes oder ihre Reichtums an Bodenschätzen errechnen ließe. Wir brauchen die Wildnis, so der Historiker weiter, weil sie uns an eine Natur erinnert, die außerhalb des Menschen liegt. Wälder, Ebenen, Prärien, Wüsten, Berge: Diese Landschaften zu erleben kann dem Menschen eine Ahnung von Größe geben, die über ihn hinausgeht und die wir in gewisser Weise verloren haben.
Am Ende entsteht diese Karte der Wildnis, die im Englischen: “The Wild Places” heisst. Keine reale Karte, sondern eine Karte im Kopf von jedem von uns, auf der wir erkennen, wie nahe die Fremde und wie wild unsere Städte sind. Wir müssen es nur zulassen und die Wildnis nicht vergessen.

Robert Macfarlane, geboren 1976 in Nottinghamshire, studierte Literaturwissenschaft in Cambridge, und begann schon als Kind mit dem Bergsteigen. Sein erstes Buch Mountains of the Mind (2003) erhielt zahlreiche Preise, darunter den Somerset Maugham Award. Nach einer wissenschaftlichen Arbeit über Plagiate im 19. Jahrhundert veröffentlichte er 2007 Karte der Wildnis. Es wurde von Kritik und Publikum gefeiert und zur Grundlage einer BBC-Dokumentation. 2012 erschien die Fortsetzung Old Ways. 2011 wurde Macfarlane, der auch als Essayist und Kritiker für den Guardian tätig ist, zum Mitglied der Royal Society of Literature ernannt.
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Jörg Neugebauer, der für uns an der „Ersten Seite“ vorgelesen hat, schickte mir den Link zu seiner aktuellen Sendung „Klassisch modern“ auf FreeFM.

https://www.freefm.de/node/25854

Dienstag, 6.Juni

Heute haben
Pierre Corneille * 1606
Alexander Puschkin * 1799
Thomas Mann * 1875
Joyce Carol Oates * 1938
Bernd Schroeder * 1944
Erik Fosnes Hansen * 1965
Geburtstag
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Justinus Kerner
Trinklied im Juni

Was duftet von des Berges Haupt
So tief ins Tal hinab?
Die Rebe ist’s, die neubelaubt
Sich blühend hebt am Stab.

Was regt sich in des Hauses Grund,
In den Gewölben tief?
Der Wein ist’s, der in Fasses Rund
Schon längst gebunden schlief.

Die Blüte hat ihn aufgeregt,
Der Duft im Heimatland,
Daß er, von Sehnsucht tiefbewegt,
Will sprengen jetzt sein Band.

Zwingherren, Freunde, sind wir nicht,
Bringt die Pokale her!
Und laßt den Armen jetzt ans Licht,
Wie er es wünscht so sehr!

Und singend hebt dem Berge zu
Den schäumenden Pokal:
»Befreier, siehst die Heimat du
In Duft und Sonnenstrahl?«

Seht, wie mit tausend Augen er
Die Heimat schaut entzückt,
Aus der die Rebe blütenschwer
Ihm in die Augen blickt!

Er braust, er singt: »Willkommen du,
O Heimat voller Licht!
Und jetzt, ihr Lieben! trinkt nur zu!
Ich bin der letzte nicht!«

Du edler Saft! du dringst mit Macht
Uns in das Herz hinein!
Wohlan! stoßt an! du sollst gebracht
Der teuren Heimat sein!

Und dem, der irrt am fremden Strand,
Und dem in Kerkernot,
Daß ihm erschein‘ sein Heimatland
Wie dir noch vor dem Tod.
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Das Bild des Monats:
Albert Cüppers: Hemdtorso

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Heute abend ab 19 Uhr.
„Die erste Seite“
Wir stellen vier neue Romane vor.
Es liest die Sommervertretung Jörg Neugebauer.
Eintritt frei.