Samstag, 11.Juni

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Statt eines Buchtipps gibt es die Ankündigung für Detlef Surreys 40.Sonntagsskizzen, die Sie morgen hier auf dem Blog finden. „Deck 5“ heißt der Betrag und spielt auf’m Dach eines Parkhauses in Berlin, das im Sommer in eine Strandbar umgebaut wird.

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Die Website von Detlef Surrey
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Impressionen aus dem Dom in Münster.

 

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Donnerstag

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Heute haben
Ben Jonson * 1572
William Styron * 1925
Diana Kempff * 1945
Richard Pietraß *1946
Geburtstag

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Buchtipp:

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Anke Stelling: „Bodentiefe Fenster“
Verbrecher Verlag € 19,00
auch als eBook erhältlich

Nicht nur, weil Jörg Sundermeier am kommenden Montag seinen Verbrecher Verlag vorstellen wird (zusammen mit Stefan Weidle, mit seinem gleichnamigen Verlag. 19:30 Botanischer Garten, Ulm), in dem dieses Buch erschienen ist, taucht der dritte Roman von Anke Stelling hier auf unserem Blog auf. Aber es ist eine passende Gelegenheit dafür, dieses Buch zu loben. Und ausserdem passt er so gut zum vorgestellten Roman „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau und dem in der Südwestpresse hochgehaltenen Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen. Diesmal allerdings nicht Hamburg und das dazupassende Szeneviertel, sondern gleich so richtig mittemang Prenzlauer Berg in Berlin. Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, wohnt dort und hat wieder einmal sehr genau hingeschaut und ihre Eindrücke auf faszinierende Weise wiedergegeben.
Ist „Altes Land“ in seinen Beschreibungen zum Schreien komisch (zumindest auf den ersten Blick), sind die „Glücklichen“ deutlich ernster, melancholisch und liebenswert warmherzig. „Bodentiefe Fenster“ geht noch einen Schritt weiter. Allein schon das Wort „bodentief“ erinnert an „bodenlos“ und lässt einige Assoziationen zu und dazu noch der Ausblick (in die Zukunft) durch die Fenster.
Sandra ist 40 Jahre, hat zwei Kinder und lebt mit ihrem Mann in einem selbstverwalteten Haus mit vielen Familien und Kindern, mit alten und jungen Mitbewohnern. Über allem hängen die Ideale, die die Eltern sehr hochgehängt haben und denen die 40jährigen Kindern immer noch nachhängen, oder versuchen, zu erreichen, aber sich nicht getrauen, sie abzuhängen. Was ist mit den Patchwork-Paaren, die sich per Handy von einem zum anderen Zimmer unterhalten und Informationen austauschen? Oder die Kinderfeste mit ihren vielen Ritualen, bei denen alles zum Wohl der Kleinen gestaltet wird? Ist da nicht sehr viel warme Luft in den vielen Gesprächen zwischen den Mietern, Freunden und anderen Eltern? Wann wird die Wahrheit gesagt und wann wird um den heissen Brei herumgeredet, um sich selbst in ein besseres Licht zu stellen?
Anke Stelling macht diesen weltoffenen und doch sehr einengenden Familien- und Beziehungsalltag mit ihren bodentiefen Fenstern durchsichtig und Sandra extrem dünnhäutig. In schöner Sprache und mit viel Ironie erzählt Anke Stelling von den Hoffnungen, Kämpfen und Widersprüchlichkeiten des Mutterdaseins im linksliberalen Milieu und lauernden Abgründe.
Trotz der vielen (ganz kleinen) tragischen Momenten hat dieses tolle Buch ein ganz besonderes Ende. Ein Ende voller Hoffung.
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»So! : ich hätte’s wieder mal überlebt. … Das Ergebnis? Je nun; ich bin da realistisch … Besseres, als ich bereits vorgelegt habe, werde ich wohl nicht mehr vermögen.« So Arno Schmidt an seinen Schriftstellerkollegen Hans Wollschläger nach Abschluss der Arbeit am Roman Kaff auch Mare Crisium. Überraschend offen äußert sich der einzelgängerische Autor seinen wenigen Freunden gegenüber, spitz und oftmals geradezu maliziös sind seine Formulierungen, wenn er sich etwa an seinen Verleger Ernst Krawehl wendet. Doch welchen Ton er auch anschlägt, immer schon wusste er um sein »großes Talent, Briefe zu schreiben«.

Heute abend um 19:30 (und nicht wie auf dieser Seite und den Jastramhandzettel zu sehen war um 19:00) lesen Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach aus den Briefen von Arno Schmidt.
Der Eintritt ist frei.

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Morgen, Freitag, auch um 19:30 liest Bernd Rauschenbach aus seinem Buch mit Erzählungen „Applausordnung“.
Weitere Termine der Literaturwoche finden Sie hier.

Dienstag

Das Programm der Literaturwoche Ulm

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Heute haben
Marquis de Sade * 1740
Thomas Hardy * 1840
Max Aub * 1903
Marcel Reich-Ranicki * 1920
Sibylle Berg * 1962
Geburtstag

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Stefan Weidle kommt zur Literaturwoche Ulm und stellt seinen Verlag vor.
Zusammen mit Jörg Sundermeier, Leiter des Verbrecher Verlages, können Sie die Beiden am Montag, den 15.Juni ab 19:30 im Botanischen Garten erleben.
Aus diesem Grund stelle ich heute ein grandioses Buch des Neuseeländischen Autors Carl Nixon vor, dessen dritter Ronan gerade eben erschienen ist.

„I know you’ll never come to harm
Walking down Rocking Horse Road, it’s so peaceful“
Elvis Costello: Rocking Horse Road (1994)

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Carl Nixon: „Rocking Horse Road“
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Weidle Verlag € 19,90
als TB bei btb € 9,99
auch als eBook erhältlich

Es war Pete Marshall, der Lucys nackte Leiche am Strand fand, nicht weit vom Ende der Rocking Horse Road entfernt. Seit diesem Morgen sind fast drei Jahrzehnte vergangen, und ein Jahrtausend hat geendet, aber wir können immer noch ganz präzise sagen, wo Lucy gelegen hat. Ihre Leiche lag am Fuß der Dünen, dort, wo die Flut sie hingespült hatte, nahe dem Schild mit der Warnung vor Kabbelwellen und der Aufforderung, nicht zu dem tiefen Kanal zu schwimmen, der die Flußmündung mit dem Meer verbindet und das Ende von The Spit markiert. Sofort war klar, daß keine dieser alltäglichen Gefahren Lucy Ashers Tod verursacht hatte.
Es war der 21. Dezember 1980, ein Sonntag vier Tage vor Weihnachten. Halb sieben Uhr morgens. Der Sommer schickte sich bereits dazu an, einer der heißesten seit Menschengedenken zu werden. Der Himmel war wolkenlos, der Sand bereits warm. Von Anfang an stand fest, daß es ein verdammt heißer Tag werden würde.

Es ist 1980, kurz vor Weihnachten als am Meer vor Christchurch in Neuseeland die Leiche der 17jährigen Lucy Asher entdeckt wird. Der Strand ist nur ein schmaler Streifen Sand, auf dem die Rocking Horse Road verläuft, an der sich links und rechts Häuser reihen. Lucy war eine Mitschülerin, schön, anziehend und arbeitete nachmittags, nach der Schule, oft im Milchgeschäft ihrer Eltern.
Erzählt wird das Buch in der Wir-Form. Dieses Wir ist eine Gruppe von Jungs, die damals ca.15 Jahre alt waren und durch diesen Vorfall ihr Leben lang zusammengeschweisst worden sind. 1980 ist die Zeit lange bevor ein großes Erdbeben Christchurch zerstörte und es ist auch das erste Mal, dass ein Sexualmord hier in der Gegend stattgefunden hat. Es ist zwar keine heile Welt rund um die Rocking Horse Road. Die Menschen sind hart, gehen einfachen Arbeiten nach und sind vom Wind, dem Sand, dem Wasser geprägt. Eigenbrötlerisch und wortkarg.
Der Tod des Mädchens verändert viel. Die Familie von Lucy zerbricht, ihre kleine Schwester findet keinen Halt und lässt sich auf viele Liebschaften ein. Der Vater ist tagsüber nie zusehen und das Milchgeschäft muss irgendwann schließen, da die ersten Supermärkte auftauchen. Verändert hat sich auch das Leben der Jungs, die mitten in der Pubertät stecken und an nichts anderes, als an Mädchen und Sex denken. Und da liegt die nackte Lucy am Strand. Sie organisieren sich einen Raum, in dem sie alles über den Mord an Lucy (sie wurde tatsächlich vergewaltigt und erwürgt) sammeln, da sie den Recherchen der Polizei nicht trauen.
Wir haben es in diesem Roman nicht nur mit einem Kriminalfall zu tun, sondern auch dem Erwachsenwerden dieser Jungs, die ihr Trauma bis in die Gegenwart mitnehmen. Unlösbar sind sie miteinander verbunden. Und nur das Wegziehen aus Christchurch, oder ein früher Tod lässt sie aus diesen Banden entkommen.
Ein zweiter Strang ist die Tour des Südafrikanischen Rugby-Teams. Zum ersten Mal gibt es in Neuseeland Proteste und gewalttätige Ausschreitungen gegen das Apartheidsystem.

Wir hatten das Gefühl, daß da vor unseren Augen etwas sehr Wichtiges zerbrach. Wir konnten es nicht benennen, es war etwas, das uns zuvor selbstverständlich gewesen war und das, wie wir instinktiv wußten, niemals würde repariert werden können.

„Rocking Horse Road“ ist also kein Kriminalroman, sondern die Geschichte einer Wohnsiedlung, deren Bewohner sich durch den Mord und durch die Zeitläuften verändert haben. Die Idee, dies alles von einem unbenannten Chor von Jugendlichen erzählenzulassen, passt sehr gut zu diesem nie aufgeklärten Mordfall.
Ein toller Roman., der sehr aufwendig gestaltet ist. Der Weidle Verlag hat von Carl Nixon nach „Rocking Horse Road“ noch „Settlers Creek“ (grossartig!) veröffentlicht und, wie schon erwähnt, jetzt gerade den dritten Roman „Lucky Newman“.
Sind wir also gespannt auf den Abend im Botanischen Garten.

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