Samstag, 18.Juni

Heute haben
Iwan Gontscharow * 1812
Günter Seuren * 1931
Mirjam Pressler * 1940
Richard Powers * 1957
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Jeder braucht einen Platz in der Welt, einen Ort, an den er gehört, und Menschen, in deren Mitte er Geborgenheit findet. Niemand kann in den Räumen dazwischen leben, da muss er abstürzen.
Mirjam Pressler aus: „Nathan und seine Kinder“
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Unser Kinderbuchtipp für die ganze Familie:


Delphine Chedru: „99 Tomaten & eine Kartoffel
Ein großer Wimmel- und Suchspielspaß
Aus dem Französischen von Felicia Bomhoff
Insel Verlag € 15,00

Auf vielen kunterbunten Wimmelbildern versteckt sich immer ein Ding, das nicht zu den anderen passt: 99 Äpfel und eine Birne. 99 Autos und ein Bus. 99 Sterne und eine Schneeflocke. Aber auch: An welchem Apfel wurde am meisten geknabbert?
99 Werkzeuge und ein Pflaster. Das gilt es zu suchen. Aber auch: Gibt es mehr grüne, oder mehr orangene Werkzeuge? Und: Wieviel Nägel sind auf dem Bild?
Sie merken schon, so einfach, wie es zu Anfang aussieht, ist das gar nicht.
Mal schauen, ob das Kind, oder die Eltern schneller sind?
Und überhaupt: Wo steckt die Kartoffel?
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Hardy on Tour
Tag 22 
102 km von Penrith nach Lochmaben bei Lockerbie

Daß dieser Tag nun so besonders endet, war so gar nicht zu erwarten.
Da sitz ich nun frisch geduscht im Garten von Davet und seiner Frau Fionna in der Abendsonne und habe eine Tasse dampfenden Tee und ein Stückchen feinen Früchtekuchen vor mir. Die beiden haben mich einfach so am Straßenrand angesprochen, als ich gerade angehalten hatte, um die Kirche zu fotografieren und mich einfach so zu sich in den Garten eingeladen. Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Solch tolle Gastfreundschaft und angenehme Unterhaltung mit den beiden. Danke. 
Heute war ich irgendwie müde und fast etwas lustlos unterwegs, obwohl am Morgen im Radladen alles super geklappt hat. Die Speiche ist ersetzt und das Rad zentriert; es fühlt sich gut an. Auch wenn der Radmechaniker meinte, er könne für nix garantieren.
Die Strecke heute war eher flach und recht unspektakulär und ich kam auch gut voran, bis dann in Carlisle (eindrucksvolle  Pferderennbahn dort) der angekündigte Regen begann und ich den Nachmittag mit einer Pause nach der anderen verbrachte, weil ich keine Motivation aufbringen konnte, um im Regen zu radeln.
Ein besonderer Moment war dann aber doch, als ich Schottland erreicht hatte. Ich hoffte am „Grenz“-Schild auf andere Radler zu treffen, wegen eines Fotos und prompt traf ich dort dann auch das nette Tandemgespann, die entgegengesetzt unterwegs sind und wir plauderten eine Weile, im schottisch-britischen Regen stehend. Eigentlich wollte ich heut noch am regenfreien Abend bis Moffat radeln, aber dieses Vorhaben habe ich sehr gerne mit diesem prächtigen Übernachtungsangebot getauscht. 

Montag

1
Sonntag auf der Alb

Heute haben
Frederick Forsyth * 1938
Maxim Biller * 1960
Taslima Nasrin * 1962
Geburtstag
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Wir haben wohl wirklich den letzten Tag des Sommers verpasst und somit eine der Regeln aus dem Bilderbuch von Shaun Tan nicht beachtet. Dafür freut sich so langsam aber wieder der Herr Doktor aus dem Gedicht von Wilhelm Busch.

Wilhelm Busch
Im Sommer

In Sommerbäder
Reist jetzt ein jeder
Und lebt famos.
Der arme Dokter,
Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen,
Von schrecklich schönen,
Träumt sein Gemüt,
Wenn, Dank der Götter,
Bei Hundewetter
Sein Weizen blüht.
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besuch

Hila Blum: „Der Besuch“
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Berlin Verlag € 22,99

„Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.“

In diesem Erstlingswerk der 1962 geborenen israelischen Autorin herrscht richtig Sommer. Hochsommer. Eine ungewöhnlich hartnäckige Hitze liegt über Jerusalem und es beginnt damit, dass ein Junge verschwindet. Die Nachrichten sind voll mit dieser Meldung. Dies hat mit dem Roman nichts zu tun, zieht sich aber wie ein roter Faden durch das Buch, bis es am Schluss zu einem glücklichen Ende mit dem Jungen kommt.
„Alles Mögliche passiert in diesem Sommer. Es ist der Sommer der nicht so fernen Katastrophen, einer Kette seltsamer Unfälle.“
Warum diese Episode? Vielleicht ist es die Nähe der Katastrophe, in der beiden Hauptpersonen Nili und Nataniel (Nati) leben. Ein Sommer kann schnell vorüber gehen, ein glücklicher Tag plötzlich schrecklich enden. Ein Kind geht über die Straße und wird von einem heranbrausenen Auto getötet, ein Sturz aus dem Haus kann zu einem langen Aufenthalt im Krankenhaus führen. Dies sind genau die Dinge, die irgendwann auch in diesem Roman passieren.
Nili und Nataniel sind kinderlos. Die ältere Tochter aus Natis erster Ehe ist bei ihrer Mutter in Amsterdam und die kleine Tochter mit der Schwester von Nili am Meer. Was könnte es also schöneres geben, als die wenigen freien Tage im Hochsommer zu genießen. Doch beide aufpassenden Frauen sind nicht richtig einzuschätzen. Die eine die Ex-Frau des Ehemannes, die andere die psychisch  labile Schwester. Somit sitzt Nili auf Kohlen und möchte fast ständig online mit den beiden Kindern sein. Der Anruf eines französischen Millionärs, der ihnen am letzten Tag ihrer Hochzeitsreise in einem Pariser Edelrestaurant aus der Patsche geholfen hat, bringt das eh schon fragile Gleichgewicht der Ehe schwer ins Wanken.
Hila Blums Debüt erzählt nicht nur die Geschichte von Nili und Nati, wie sie sich kennen und lieben gelernt haben. Sie zeigt ihre Sehnsüchte, ihre Fluchten und Hoffnungen, die sich nicht immer mit denen des Partners decken. Sie schreibt über dieses Paar um die vierzig, denen es so gut gehen könnte und die es sich selbst schwer machen. Hila Blum bohrt in den den Rissen und deckt unter der dünnen Oberfläche nach weiteren Rissen und Unebenheiten auf. Gleichzeitig wissen wir, dass damals vor 10 Jahren in Paris noch etwas geschehen ist, als Nili und Duclos, der Millionär, allein vor der Restaurant standen.
Während wir nun darauf warten, bis die beiden sich mit dem Fremden zum Abendessen treffen, erzählt uns Bila Blum die Jahre der Beziehung von Nili, Nati und ihren Kindern, aber auch die Zeit als Nili alleine in Jerusalem mit den Kleinen und Nati für einige Wochen in der Schweiz zum Arbeiten ist. Hier legt die Autorin noch eine weitere Ebene frei und schreibt sehr treffend Dialoge zwischen der Mutter, ihrer pubertierenden und der kleinen, fragilen Tochter, wie wir sie nur zu gut kennen.
Sie merken schon, Hila Blum hat sich viel vorgenommen. Ihr Schreibstil ist gekonnt flüssig, die Konstruktion des Romans verschachtelt, spannungssteigernd und wir lesen diesen Erstling in einem Rutsch durch. Einzelne Episoden sind vielleicht etwas zu lang geraten, das Geheimnis um Duclos fast eine Luftnummer, aber insgesamt finde ich, ist es ein mehr als gelungener Roman, der sich wirklich lohnt und augezeichnet auf hohem Niveau unterhält.

Leseprobe
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Werner Färber
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… aus der Tierwelt):

PROBLEMKUH VERUNSICHERT LÄNDLE *

Im Wald zu Gaildorf gibt’s ’ne Kuh,
die ist seit Wochen nicht bereit,
zu leben friedlich und in Ruh –,
nein, sie sucht offensichtlich Streit!

Was macht die Kuh so aggressiv,
dass sie vollkommen ungeniert
(vielleicht sogar demonstrativ)
bisweilen den Verkehr blockiert?

Sie stellt sich Autos in den Weg,
statt sich zu laben an dem Grase.
Wenn ich mir das so überleg,
tut sie’s vielleicht, dass man nicht rase

(* Bildschirmtext ARD am 22.08.2014)

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE: (aus der Reihe BEI HEMPELS UNTERM SOFA)

BEI HEMPELS UNTERM SOFA XLI

… liegt ein Stapel von Plakaten,
die Hempel an der Straße störten,
weil sie nach seiner ganz privaten
Meinung dort nicht hingehörten.

Parolen von der NPD
musst‘ vom Straßenrand er klau’n!
Auch jene von der AfD
war’n ihm schlichterdings zu braun!

Mittwoch

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Heute haben
Iwan Gontscharow * 1812
Mirjam Pressler * 1940
Paul McCartney * 1942
Richard Powers * 1957
Geburtstag
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Alles Gute zum Geburtstag, Paul, du altes Haus.

http://www.youtube.com/watch?v=b72cll9FHCE

http://www.youtube.com/watch?v=lals72I5DEY
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Ballade

Éric Vuillard:Ballade vom Abendland
8 Abbildungen
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz Verlag € 19,90
Als eBook € 16,99

Vielleicht wird es Ihnen so langsam zu viel mit all den vielen Büchern zum Thema „1.Weltkrieg“? Das Datum das Kriegsbeginns kommt aber erst in ca. sechs Wochen. Also wird es noch einiges zum Lesen, Hören und Sehen geben. Und geht es sofort weiter mit 75 Jahre „2.Weltkrieg“.
Ich habe aber dieses schmale Buch in die Finger bekommen und bin mehr als froh, dass ich es gelesen habe. Ein Kunde hat es bestellt und ich habe ihn gefragt, ob er mir sagen kann, wie es ihm gefallen hat, wenn er durch ist. Er ist wohl auch ein Vielleser, denn zwei Tage später stand er wieder Laden und schwärmte in seiner zurückhaltenden Art, dass ich dachte, dass ich das auch lesen will.
Éric Vuillard, der auch Filme macht, hat eine ganz eigene Art gefunden, sich dem Thema zu nähern und es zu verarbeiten. Eine Mischung aus Erzählung und Essay. Mit viel Witz (ja, in einer bestimmten Art hat es das auch) hüpft er durch die Zeiten und die Themen und das mit einer großen Leichtigkeit, wobei der den Schrecken, der dem Thema innewohnt, nicht verkleinert. Es wirkt fast wie eine musikalische Kompostion aus verschiedenen Elementen, oder einem Mosaik von vielen Bildern des Schreckens, der Lust auf das Leben, der Wirklichkeit und vielen Träumen.
Éric Vuillard hat für dieses Buch den Franz Hessel-Preis bekommen, der seit drei Jahren für Bücher vergeben wird, die sich um das Verhältnis von Frankreich und Deutschland bemühen. Und das tut er wirklich. In einem Interview mit der Übersetzerin (das ich unten verlinke), sagt er, dass dieses Buch nach einem Buch über den Kongo entstanden ist, also eine Weiterführung des großen Themas der Weltgeschichte ist, nachdem 1887 Afrika unter den großen Mächten verteilt worden ist.
Er beginnt mit den Großen und Reichen, mit dem Dt.Kaiser, der mit dem König von England verwandt ist. Alles ist verwoben und trotzdem führen sie Krieg gegeneinander. Halt, natürlich nicht, die mit den bunten Uniformen, wobei die Österreicher die Farbenprächtigsten sind, sondern Krieg führen dann die einfachen Männer. Man braucht doch jemanden, der die Waffen trägt, man braucht jemanden, der als Kanonenfutter herhalten kann. Und das gab es ja dann jede Menge. 10.000 an einem Morgen, 30.000 an einem Tag. Unglaubliche Menge von Gräbern, so schildert er es. Man solle sich das doch mal vorstellen, wenn man den eigenen Friedhof vor Augen hat.
Aber zuerst schreibt er noch wann wer wem den Krieg erklärt. Irgendwie verliert man den Überblick (die damals Mächtigen wahrscheinlich auch) und er endet das Kapitel so:
„Ach ja, genau, England hatte Österreich-Ungarn vergessen, den Ursprung des ganzen Schlamassels. Und schließlich, am 23. August, erklärt Japan Deutschland den Krieg, warum weiß niemend mehr.“
Vuillard schreibt über die Attentäter und was aus ihnen geworden ist. Wir lesen über das ermordete Kaiserpaar und wie sie sich überhaupt erst gefunden haben. Er führt uns an den Krieg heran, wie wir es noch nie gelesen haben. Er schreibt, dass das tägliche Kontingent an Granaten zu Beginn des Krieges ca. 10 Stück war. Das heißt, ein paar Minuten schießen und fertig für heut‘. Das musste natürlich gesteigert werden. Wurde es auch und zwar bis zu 10.000 am Tag. Das heisst wiederum, dass tausende von Frauen in den Fabriken rund um die Uhr dafür arbeiteten. Und dabei zieht er einen Vergleich, ob nicht die heutigen, etwas unternährten Powerfrauen, sich von diesen Frauen ableiten lassen. Auch diese Steigerung der Menge bringt er in Verbindung, wie sich die Zeiten des 100 Meterlaufes gesteigert haben. Das sind innerhalb einiger Jahrzehnten nur ein paar Minisekunden. Ganz anders als bei der Waffenproduktion.
Dies soll als Einstieg in das Buch reichen. Vuillards Ideen enden nicht. Sein Buch schon und ich hoffe, wir bekommen über den engagierten Matthes & Seitz Verlag auch noch sein Kongo-Buch zu lesen.

Hier kommt das Interview und eine Leseprobe als bebilderte Hörprobe.
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Dies fand ich heute morgen in meinem „Briefkasten“.
Schön von einem Autoren Antwort auf eine Buchbesprechung zu bekommen.
Danke!

Thanks for your review!
(http://jastramkulturblog.wordpress.com/2014/06/17/dienstag-40/)

For your information: My book, Das andere Hertz, was published in 2011 in Norway. John Green’s book, The Fault in our Stars / Das Schicksal ist ein mieser Verräter, was first published in 2012.

Best,
Alf Kjetil Walgermo,
author