Mittwoch, 28.Dezember


Heute haben
Alfred Wolfenstein * 1883
und Hildegard Knef * 1925 in Ulm
Manuel Puig * 1932
Burkhard Spinnen * 1956
Geburtstag
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„Brüllt ein Mann, ist er dynamisch. Brüllt eine Frau, ist sie hysterisch.“
HIldegard Knef
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Heute auf dem Gedichte-Kalender:

Emanuel Geibel (1815-1884)
Leichter Sinn

Und wie wär‘ es nicht zu tragen,
Dieses Leben in der Welt?
Täglich wechseln Lust und Plagen,
Was betrübt und was gefällt.
Schlägt die Zeit dir manche Wunde,
Manche Freude bringt ihr Lauf;
Aber eine sel’ge Stunde
Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf.

Wisse nur das Glück zu fassen,
Wenn es lächelnd dir sich beut!
In der Brust und auf den Gassen
Such es morgen, such es heut.
Doch bedrängt in deinem Kreise
Dich ein flüchtig Mißgeschick,
Lächle leise, hoffe weise
Auf den nächsten Augenblick.

Nur kein müßig Schmerzbehagen!
Nur kein weichlich Selbstverzeihn!
Kommen Grillen, dich zu plagen,
Wiege sie mit Liedern ein.
Froh und ernst, doch immer heiter
Leite dich die Poesie,
Und die Welle trägt dich weiter,
Und du weißt es selbst nicht, wie.
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Unser Buchtipp:


Isabel Fargo Cole: „Die Goldküste“
Eine Irrfahrt
Naturkunden bei Matthes&Seitz € 38,00

„Mein Ururopa Arva Fargo war zur Goldsuche nach Alaska abgehauen. He ran off to the Yukon. He ran off to the Klondike. Eine Geschichtsscherbe, hervorgekramt, ratlos zurückgelegt.“

Dieses Zitat von Isabel Fargo Cole steht über dieser Recherche, die sich nicht nur mit ihrem Urgroßvater befasst, sondern einen riesigen Koffer voller Geschichten zutage fördert. Es ist ihre Familie, aber auch die Geschichte der USA, des Kapitalismus, der Vagabunden und Helden. Ein Essay, ein Roman, wie wir ihn von Sebald kennen.
Ein großer Lesespaß in einem sehr schön gestalteten Buch von Judith Schalansky.
Zwar kein Gold-, aber vielleicht ein Bücherschatz.

Leseprobe

Isabel Fargo Cole, geb. 1973 in Galena, Illinois, wuchs in New York auf. Seit 1995 lebt sie in Berlin als Autorin und Übersetzerin aus dem Deutschen, u.a. von Annemarie Schwarzenbach, Wolfgang Hilbig, Franz Fühmann, Alexander Kluge und Adalbert Stifter. Zuletzt veröffentlichte sie in der Edition Nautilus die Romane Die grüne Grenze, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, und Das Gift der Biene.
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Annie Ernaux – Die Super-8 Jahre

Filmstart: 29.12.2022

  • Frankreich, 2022
  • 64′
  • FSK 0
  • Dokumentarfilm
  • OT: Les Années Super 8
  • Regie: Annie Ernaux, David Ernaux-Briot
  • Mit: Annie Ernaux

Annie Ernaux blickt auf ihr Leben & Wirken als Nobelpreisträgerin zurück

Im Winter 1972 gründet die französische Schriftstellerin Annie Ernaux mit ihrem Ehemann Philippe eine Familie, und die beiden legen sich eine Super-8-Kamera zu. In der Folge zeichnen sie über 9 Jahre ein französisches Mittelklasse-Leben auf, nicht nur Szenen einer Ehe, sondern auch Reisen an politisch außergewöhnliche Orte wie Chile, Albanien oder Russland werden dokumentiert.

ANNIE ERNAUX – DIE SUPER-8-JAHRE (1972 bis 1981) ist das feministische Dokument eines 9-jährigen Aufbruchs einer jungen Frau, die am Anfang noch von der Kamera ihres Mannes beim verschämten Schreiben ertappt wird, weil sie als junge Mutter und Lehrerin andere Pflichten hat, als ihren Weg als Schriftstellerin zu suchen. Aber am Ende, nach der Trennung von ihrem Mann, wird ihr mit ihrem Buch „Der Platz“ der internationale Durchbruch gelingen. (Quelle: Verleih)

Mephisto Kino ab Do. 29.12., 18:30

Montag, 13.Juni

Heute haben
Heinrich Hoffmann * 1809
Johann Gottfried Seume * 1810
W.B.Yeats * 1865
Fernando Pessoa * 1888
Dorothy Sayers * 1893
Anna Maria Ortese * 1914
Irving D. Yalom * 1931
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„Die meisten Menschen haben überhaupt gar keine Meinung, viel weniger eine eigene, viel weniger eine geprüfte, viel weniger vernünftige Grundsätze.“
Johann Gottfried Seume
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Ein neues Buch aus der Naturkunden-Reihe:


Samuel Hamen: „Quallen
Naturkunden 81, Herausgegeben von Judith Schalansky
Matthes & Seitz Verlag € 20,00

Das schreibt der Verlag:
Seit Menschengedenken entziehen sich die Medusen jeglicher Festschreibung. Sie winden und wandeln sich wie organisiertes Wasser in den sie umströmenden Wellen und lassen die Imagination Funken sprühen. Doch gleich, ob als Störfaktor oder Symbol des Digitalen und Immersiven, als gestalterische Idee des Art Déco, als rückgratloses Schreckbild, Alien des Meeres, queeres Wappentier oder alarmistisches Emblem eines radikalen Wandels, bei dem selbst Wissenschaftler:innen mitunter an ihre Grenzen stoßen – Quallen, so zeigt Samuel Hamen in diesem schillernden Portrait, zucken nicht mit Wimpern, sondern mit Tentakeln, die je nach Art schon bei flüchtigem Kontakt starke Verbrennungen verursachen können. Wer es dennoch wagt, ihren Schwebebewegungen zu folgen, dem offenbart sich ein Einblick in die früheste Erdgeschichte wie auch in alle erdenkbaren Zukünfte.

Leseprobe
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Hardy on Tour
Tag 17 
119 km von Thorverton über Taunton nach Clevedon

Ein recht ruhiger Radsonntag war das. Morgens ohne Wind und Sonne. Kühl und ab Nachmittag mit Sonne und Wind dann sehr angenehm, wenn der Wind einen angeschoben hat. Glücklicherweise war das tendenziell auch meist der Fall, aber da die Route heute viele Zickzack Abweichungen hatte, habe ich den Wind aus allen Richtungen mal ausprobieren dürfen und war dann umso mehr dankbar, daß ich meist die günstigste Variante hatte.
20 Kilometer ging es vor Bridgwater dem Kanal entlang. Llingt leider besser wie es war, da der Weg recht holprig und eingewachsen war und etlich Sonntagsausflüger zudem ein Vorwärtskommen deutlich entschleunigten. Die Briten lieben ja Hunde. Es ist unglaublich wieviele Hunde es hier gibt. Meist an der Leine, eher kleinere Rassen und meist auch wohlerzogen und auch in Sachen Hundehaufen wegräumen sind die Briten diszipliniert, wenn auch der ein und andere mal „vergessen“ auf dem Wege liegt.

Um die Versorgung braucht man sich auch sonntags keine Sorgen zumachen. Die kleinen Läden haben den ganzen Tag auf und die großen Supermärkte von 10:00 – 16:00 Uhr. Für viele hier das sonntägliche Ritual: mit dem Auto von zuhause zum kleinen Supermarkt um die Ecke und eine der zahlreichen Sonntagszeitungen holen. Radfahren ist hier eher Sport. Rennradfahrern begegnet man oft. 


Heut hab ich schon recht früh um halb sechs einen Campingplatz angesteuert und freute mich schon auf einen faulen Abend. Musste dann beim Radcheck leider feststellen, daß schon wieder eine Speiche gebrochen ist;. Oft ist das so, wenn mal eine anfängt.
Dank der Anschauungslektion bei Hugo, konnte ich die nun selber austauschen und das Rad halbwegs rund zentrieren. Ich fürchte nun aber, dass das mit den gebrochenen Speichen grad so weiter geht. Nun ja, eine hab ich noch als Reserve und alternativ leg ich wohl oder übel halt einen Rasttag bei einem Radmechaniker ein.
Wir werden seh’n was passiert…..

Montag 4.April

Heute haben
Bettine von Arnim * 1785
Tristan Tzara* 1896
Marguerite Duras * 1914
Helme Heine * 1941
Geburtstag.
Es ist der Todestag von Max Frisch + 1991
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Ernest Wichner
In den Rolläden die Eifersucht

In den Rolläden die Eifersucht als gelozia quergestreift
und Jalousie, das »Monte Ma o Monte Zu«, sie rasselte beim
Niederfahren und knirschte, zog man sie hoch. Die Wespen-

nester in dem Kasten hatten Großvater schon überlebt samt
seinen Reisen an den noch lange nicht bekannten Rand der
kleinsten aller Welten. Als ich sie in Händen hielt, die

Wand war nackt, der Kasten offen, zerriss unter der
Mittagssonne der Tag, ein Kampfjet spaltete den Himmel
ich ließ die beinah kugelrunde Wabe fallen und floh

in meine Schattenzonen, wo ich als Kind schon meine
Striemen deponierte, Schmerz genoss, als wäre er mit mir
erst unter diesen Leuten aufgetaucht. Später winkte uns

bevor von innen sie verdarb, noch Minkas Tanne über
den Dächern der Stadt, bevor auch du gestorben bist, bevor
ich sterben werde, gib mir, allein steh ich jetzt vor der

Baumscheibe der Tanne, gib mir die Rechnung von heute
gib mir den Junikäfer, den Schiwwer, wenn ich einmal
groß bin, gib mir die Zugspitze und das Abendlied. So

magst du von mir alles haben, was eben noch verschlüsselt
war: Konstantinopel, wie es uns heute noch bewegt, und
Wien hoch drei, auch Brünn, dann Lipova, den kleinen Platz

dort und die Wäscheleinen, komplizenhaft das Lächeln
der immergleichen Nachbarin: Ich werd ich und du wirst du
sag zum Abschied leise Marabu, wenn du zurückkehrst.

(aus: Jahrbuch der Lyrik 2022,
Hrsg. von Matthias Kniep und Nadja Küchenmeister.
Schöffling Verlag, Frankfurt/M 2022)
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Unser Buchtipp:


Maja Göpel und Eva von Redecker: „Schöpfen und Erschöpfen

im Gespräch mit Maximilian Haas und Margarita Tsomou
Matthes & Seitz Verlag € 12,00

In einem Gespräch mit Maximilian Haas und Margarita Tsomou stellen sich die Politökonomin Maja Göpel und die Philosophin Eva von Redecker den Fragen zu Ökonomie, dauerndem Wirtschaftswachstum, dem Umgang mit Ressourcen, um ökologischer und sozialer Erschöpfung entgegenzuwirken.
Ist es möglich, dass Gesellschaften tatsächlich mehr Reichtum, Wohlstand und Wohlbefinden für alle erzeugen können, wenn sie nicht mehr an Profit orientiert sind?
Ein schwieriges Unterfangen, das fast unmöglich scheint in Zeiten der verschiedensten Krisen, wie z.B. Klima, Corona, Krieg. Und doch sollen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Ein wichtiges Mittel, um dies zu erreichen, ist die Solidarität zwischen den Menschen und Nationen, damit wir die radikalen Veränderungen, die auf uns zukommen irgendwie bewältigen können.

Maja Göpel ist Mitbegründerin der Scientists for Future, Politökonomin, Rednerin, Professorin für Nachhaltigkeitstransformationen und Mitglied des Club of Rome. Zuletzt erschien ihr Bestseller „Unsere Welt neu denken“ (2020).

Eva von Redecker ist Philosophin und verbindet in ihrem Denken queerfeministische, dekoloniale und ökologische Ansätze mit der kritischen Philosophie in Marx’scher Tradition, zuletzt erschien ihr Buch „Revolution für das Leben“ (2020).

Maximilian Haas, geboren 1982 und aufgewachsen in Heppenheim, ist Theaterwissenschaftler und Dramaturg. Zuletzt erschien How to Relate: Wissen Künste Praktiken (transcript 2021), seit 2019 kuratiert er gemeinsam mit Margarita Tsomou für das HAU Hebbel am Ufer die Reihe »Burning Futures: On Ecologies of Existence«, in deren Rahmen die Grundlage für den Gesprächsband Schöpfen und Erschöpfen entstanden ist.

Margarita Tsomou, 1977 in Thessaloniki geboren, ist Professorin für Zeitgenössische Theaterpraxis an der Hochschule Osnabrück und Kuratorin am HAU Hebbel am Ufer, wo sie seit 2019 mit Maximilian Haas die Reihe »Burning Futures: On Ecologies of Existence« kuratiert, in deren Rahmen das Gespräch für den Band »Schöpfen und Erschöpfen« stattgefunden hat.

Donnerstag, 31.März

Heute haben
Francois Villon * 1431
Alexandra Kollontai * 1872
Octavio Paz * 1914
John Robert Fowles* 1926
Hartmut Lange * 1937
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Christian Morgenstern.
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„Es gibt keine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.“
Christian Morgenstern
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Am 13.Oktober 2020 haben wir den Roman hier vorgestellt
und ab heute gibt es ihn als Taschenbuch.

Anne Weber: „Annette, ein Heldinnenepos
Matthes & Seitz Verlag € 12,00

Damals habe ich geschrieben:

Anne Weber ist immer für eine Überraschnung gut. Und dieses Mal erreicht sie damit das Finale zum Deutschen Buchpreis 2020. Zurecht, wie ich meine. Sperrig steht es knallrot im Regal und nennt sich „Ein Heldinnenepos“. Nicht gerade verkaufsfördernd. Wenn wir das Buch aufschlagen, sieht es aus, wie in langes Gedicht, ein Epos. Mmmh?
Wenn wir aber zu Lesen beginnen, macht es peng und Sie kommen nicht mehr weg von dieser Lektüre über eine außergewöhnliche Frau, ein selbstbestimmtes Leben.
Anne Webers leicht ironischer Ton, ihre flotte Schreibe, machen das Buch zu einem wirklichen Lesevergnügen.
Geboren wurde die Heldin 1923 in der Bretagne, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schon als Jugendliche Mitglied der kommunistischen Résistance, Retterin zweier jüdischer Jugendlicher — wofür sie von Yad Vashem später den Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« erhalten wird –, nach dem Krieg Neurophysiologin in Marseille, 1959 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wegen ihres Engagements auf Seiten der algerischen Unabhängigkeitsbewegung… und noch heute an Schulen ein lebendiges Beispiel für die Wichtigkeit des Ungehorsams.
Das wär’n Ding, wenn das den Deutschen Buchpreis bekäme. Es passt haargenau in unsere Zeit, in der Courage gefordert ist.

Jaaa, sie hat den Deutschen Buchpreis 2020 erhalten.
Und vor ca. zwei Wochen ist Anne Beaumanoir (die Heldin des Romanes) gestorben.

Und: Anne Weber hat gerade eben den Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2022 für ihre Übersetzung von „Nevermore“ von Cécile Wajsbrot bekommen.

Leseprobe
Hörprobe

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