Donnerstag, 6.Oktober


Heute haben
Horst Lange * 1904
Meret Oppenheim * 1913
Yasar Kemal * 1923
Louis Begley * 1933
Geburtstag
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„Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen.“
Meret Oppenheim
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Prosaische Passionen
Die weibliche Moderne in 101 Short Stories – Übersetzungen aus 25 Weltsprachen
Herausgegeben von Sandra Kegel
über 900 Seiten, Manesse Verlag € 40,00

Frauen schreiben anders! Katherine Anne Porter schreibt anders als Eileen Chang, Alfonsina Storni schreibt anders als Marina Zwetajewa, Edith Wharton schreibt anders als Else Lasker-Schüler, Clarice Lispector schreibt anders als Carson McCullers, Marguerite Duras schreibt anders als Tania Blixen, Djuna Barnes schreibt anders als Grazia Deledda, Selma Lagerlöf schreibt anders als Silvina Ocampo, Anaïs Nin schreibt anders als Tove Ditlevsen und Sofja Tolstaja schreibt anders als Virginia Woolf.
Diese erste globale Prosasammlung weiblichen Schreibens um und nach 1900 zeigt: Die literarische Moderne war ganz wesentlich weiblich! Nicht nur in Europa, überall auf der Welt veränderte sich das künstlerische Selbstverständnis von Frauen von Grund auf. Sie eroberten sich kreative Freiräume, machten weibliches Denken und Fühlen literaturfähig, vor allem aber schufen sie große Erzählkunst und behaupteten sich so auf dem Feld der Hochliteratur, die bis dahin als exklusive Männerdomäne galt. Ab 1900 ist Weltliteratur nicht mehr bloß ein Gruppenbild mit Dame.
Sandra Kegel, renommierte Literaturkennerin und -liebhaberin, hat für diesen einzigartigen Band moderne Kurzprosa aus aller Frauen Ländern zusammengetragen – Klassikerinnen, deren Rang unbestritten ist, neben solchen, die erst noch entdeckt werden wollen. Ein längst überfälliges Panorama weiblicher Erzählkunst!

Leseprobe


Montag, 30.Mai

Mit Volldampf in die neue Woche

Heute haben
Michail Bakunin * 1814
Robert Eduard Prutz * 1816
Hjalmar Gullberg * 1898
Georg K.Glaser * 1901
Colm Tóibín * 1955
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Mehr Licht

Gestern Nacht
Fiel mein Blick
Ins Herz der Welt
Und ich fand denselben Stern
Wie die Nacht zuvor
In mir
Im Chaos
Das Dich und Mich erregt
Und ich erbebte angesichts seiner schieren Macht
Heute nun
Blitzt der Wahnsinn aus deinen Augen
Als wäre er ein Licht
Das uns zum Leben verführt
Und ich frage mich
Ob wir überhaupt eine Wahl haben …
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Ein Klassiker zum ersten Mal komplett übersetzt.


Tania Blixen: „Babettes Gastmahl
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Mit einem Nachwort von Erik Fosnes Hansen
Manesse Verlag € 20,00

Normalerweise haben wir diese Novelle an Weihnachten ausliegen. Und das schon seit Jahrzehnten. Wir alle kennen diese Geschichte von Babette, die Ende des 19.Jahrhunderts im hohen Norden Norwegens in einer kleinen pietistischen Gemeinde, als politische Geflüchtete aus Paris, aufschlägt und ihre Gastgeber mit einem opulenten Mahl überrascht.
Diese Novelle wurde 1950 in einer us-amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht und davon haben wir unsere bisherige deutsche Ausgabe. Tania Blixen hat den Text acht Jahre später überarbeitet, ergänzt und Ulrich Sonnenberg hat den Text jetzt aus dem Dänischen ins Deutsche übertragen.
Ich habe natürlich den Originaltext nicht mehr im Ohr, aber das hier liest sich so toll und fein, dass ich ihn auch im warmen Mai mit Freude gelesen habe und merke, dass irgendwie der ganze Staub der Jahrzehnte weggepustet worden ist.
Gut auch, aus dem Titel „Babettes Fest“ „Babettes Gastmahl“ zu machen. Das erinnert an Platon stellt den Charakter der Novelle noch mehr ins Rampenlicht und macht aus der schönen Geschichte ein Gleichnis über die Notwendigkeit von Kunst und Genuss.

Ach ja: Das Nachwort des norwegischen Autors ist großartig.
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Dienstag, 7.Juni, 19.00 Uhr
„Die erste Seite“

Wir stellen vier neue Bücher vor.

Lea Ypi: Frei
Sarah M.Broom: Das gelbe Haus
Fatma Aydemir: Dschinns
Laurent Petitmangin: Was es braucht in der Nacht


Es liest Clemens Grote

Bei uns in der Buchhandlung.
Eintritt frei.
Bitte Plätze reservieren, da wir nur 20 Personen reinlassen wollen.
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Hardy on Tour
www.hardyontour.wordpress.com


Tag 3
waren statistisch 142 km nach Bad Kreuznach- Bingen – Boppard -Koblenz und Linz am Rhein und dies bei spürbarem Gegenwind und einem heftigen Regenschauer.
Ein Foto vom „deutschen Eck“ in Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet ist natürlich fast schon obligatorisch wenn man am Rhein radelt.

Das 8.Türchen vom Besten das Beste

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Heute haben
Horaz * 65-8 v.Ch.
Bjornstjerne Bjornson * 1832 (Nobelpreis 1903)
Geburtstag

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Ende Februar 2015 war Dr.Horst Lauinger bei uns im Laden und stellte den Manesse Verlag vor, den er seit 15 Jahren leitet.
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Gleich zu Beginn stellte er klar, dass dies keine Verkaufsveranstaltung für Heizdecken sei, dass das Leben ohne ein (Manesse)-Buch jedoch sinnlos sei. So, oder so ähnlich. Bei meiner Begrüßung erzählte ich kurz, wie ich ihn getroffen hatte. Vor eineinhalb Jahren stand ein größerer Herr am Klassikerregal und als ich fragte, ob er Hilfe bauche, meinte er, dass wir hier ordentlich viel Manesse-Bücher haben. Ich brummelte etwas von naja und ich weiss nicht. Doch, doch, hier und hier und hier stehen sie doch. Und er stellte sich mir als der Verlagsleiter des Verlages vor, der gerade auf dem Weg nach Biberach sei. Dort wurde Eike Schönfeldt der Wieland-Preis für seine Übersetzung von “Winesburg, Ohio” überreicht, das im Manesse Verlag erschienen ist.
Darauf meinte gestern abend Herr Lauinger, dass der zum einen feststellen will, dass er bei mir tatsächlich noch ein Kinderbuch gekauft habe und bei den anderen Ulmer Buchhandlungen keines seiner Bücher gefunden hatte und sich auch nicht geoutet hätte. So war dies also auch geklärt und er konnte beginnen. Er überreichte mir eine kleine Stofftasche und ein Parfumtuch – beides Werbeartikel aus längst vergangenen Tagen, die er in irgendwelchen Verlagsschubladen gefunden hat. So versprach ich, das feine Tüchlein am nächsten Samstag als Einstecktuch im Jackett zutragen.

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Gegründet wurde der Verlag und seine Reihe: “Bibliothek der Weltliteratur” im Jahre 1944 (!) in der Schweiz. Die Idee stand schon 1942 fest. Die Vorstellung, zu dieser Zeit, als noch niemand wusste, wie es in Europa weitergeht, einen Verlag mit den besten literarischen Werken aus der ganzen Welt auf die Beine zu stellen, klingt  verwunderlich und zeigt schon die Richtung, an der der Verlag immer noch festhält. Nicht nur an die Autoren des eigenen Landes zu denken und deren Klassiker auf hohe Sockel zustellen, war die Idee, sondern uns Leser auf eine Reise um die Welt mitzunehmen. Die Rechung ging auf, wenn auch langsam, und in den 50er und 60er Jahren hatte der Verlag die höchsten Auflagen, da das Bildungsbürgertum ausgehungert war, die Bibliothek zerstört, das Fernsehen noch nicht das Ablenkungsmedium Nummer eins war. Das Format war eine Kopie einer Klassikerreihe des englischen Oxford Verlages und die hochwertige Qualität sollte mit der Weltliteratur im Inhalt korrespondieren. Endlich gab es Bücher aus Japan, aus dem vorderen Orient, aber auch Entdeckungen aus den USA und Europa. Ein einziges Mal gelang es dem Verlag mit einem Buch auf Platz eins der Spiegel Bestsellerliste zukommen. Es war das Buch mit Robert Redford, erzählte Horst Lauinger lachend und meinte natürlich Tanja Blixens Roman: “Jenseits von Afrika”, dessen Verfilmung gerade mit Reford in der Hauptrolle im Kino lief.
Horst Lauinger berichtete über die Wertigkeit seiner Bücher, über die Art der Herstellung, warum es keine Lederausgaben mehr gibt, wie sich das Leseverhalten geändert hat und wie Manesse versucht, darauf zu reagieren, um weiterhin Klassiker produzieren zu können. Ein Punkt ist, dass das kleine Format sich aufgelöst hat und dass es seit einigen Jahren auch Romane im “normalen” Format und in Übergrößen gibt. Zum Beispiel das Buch “Wildfrüchte” von Henry David Thoreau, das in rotem Leinen und Schuber aufgelegt wurde. Der Text wurde neuübersetzt und zeigt Thoreaus Tagebuch während seiner Zeit im Wald. Ihn hat damal schon genervt, warum seine Mitbürger asiatische Pflanzen im Garten haben, wo doch die einheimische Natur so reichhaltig ist. Manesse fand eine Illustratorin, die gleichzeitig auch noch Botaniker ist und so auch wusste wie und was sie zeichnen sollte. Ein Glückstreffer für den Verlag und für uns Leser. Der dicke Schuber mit den zwei Bänden mit den “Geschichten des Prinzen Genji” hat auch eine schöne Anektode auf dem Buckel. Längst war es im Verlag vergriffen und eine neue Auflage lohnte sich nicht. Da fand sich ein Schweizer Ehepaar, die sich dieses Buch täglich und in Endlosschlaufe gegenseitig vorlas. Die wollten das Werk wieder lieferbar wissen und traten als Sponsoren auf den Plan. Bedingungen: Keine Neuübersetzung, keine Fehlerkorrektur und im kleinen Manesse-Format. Auf die ersten beiden Punkten ging der Verlag ein, das Format wurde tatsächlich auch wegen einer besseren Lesbarkeit verändert. Und wie! Die Bände schimmern in einem Stoff, dass an einen Kimono erinnert, stecken in einem herrlichen Schuber und präsentieren diesen ersten Roman der Weltliteratur, der von einer Frau geschrieben worden ist.

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Horst Lauinger erzählte von Henry James und dass der Farbschnitt von Hand aufgetragen wird,  von Ernest Hemingway, von Problemen der Übersetzungen und las dann auch Teile aus Briefen vor, die den Verlag diesbezüglich erreichten. Der Verlag hatte schon lange eine Übersetzungen der “Elenden” im Programm, und entdeckte, dass daran etwas nicht stimmen könne und dass große Teile des Originales fehlen würden. Der Übersetzer rechtfertigte sich in einem Brief, warum er Passagen ausgelassen habe. Die Franzosen kennen wohl alle dieses dicke Werk, aber die Wenigsten haben es wohl zur Gänze gelesen. Viele Passagen seine für deutsche Leser nicht wichtig und belanglos. Aber gleichzeitig sei seine Übersetzung angemessen und modern. Und so ging es weiter und wir Zuhörer hatten ordentlich zu schmunzeln. Auch eine Kritik von Dennis Scheck an einer Jane Austen-Übersetzung (war es das, ich hab’s vergessen), trug Herr Lauinger vor und es war zum Brüllen komisch, wie Scheck seinen Text immer wieder mit Original-Zitaten aus dem Buch schmückte. Herrlich. Sie sehen, meinte der Verlagsleiter, auch solche Dinge passieren.
Dies als kleine Zusammenfassung eines schönen Abends. Sicherlich habe ich viele wichtigen Dinge vergessen. Über allem stand jedoch, wie wichtig Bücher für uns Menschen sind. Wie wichtig es ist, dass wir das Lesen nicht verlernen  und dass es eine große, schwierige Aufgabe in den Schulen ist, den Schülern die Angst vor den Werken der großen Toten zu nehmen.
Vielen Dank, Herr Lauinger für den schönen Abend, und dass Sie trotz Nockerberg und Champions League zu uns gekommen sind. Sie werden bei uns auch weiterhin Manesse-Bücher im Regal finden.
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Dienstag

Münster am Morgen
Münster am Morgen

Heute haben
Friedrich von Schlegel * 1772
Joseph von Eichendorff * 1788
Jakob Wassermann * 1873
Boris Vian * 1920
Ake Edwardson * 1953
Geburtstag
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Joseph von Eichendorff
Frühlingsnacht

Über’n Garten durch die Lüfte
Hört’ ich Wandervögel zieh’n,
Was bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt’s schon an zu blüh’n.

Jauchzen möcht’ ich, möchte weinen,
Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s
Und in Träumen rauscht’s der Hain
Und die Nachtigallen schlagen’s:
Sie ist deine, sie ist dein!
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Heute lasse ich schreiben.
Kyra, die vor einiger Zeit als Praktikantin bei uns in der Buchhandlung arbeitete, hatte sich damals als Fitzek-Fan geoutet. Nun war der Thriller-Autor vor ein paar Wochen im Ulmer Stadthaus und wir liessen für Kyra ein Exemplar seines neuen Buches „Passagier 23“ für sie signieren. Jetzt kam die Antwort der jungen Studentin, die gleich mal eine Besprechung des Buches beinhaltete. Danke!!!

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Sebastian Fitzek: „Passagier 23“
Droemer Verlag € 19,99
auch als eBook und Hörbuch erhältlich

Ein Kreuzfahrtschiff als Schauplatz eines Psychothrillers: Der Berliner Erfolgsautor Sebastian Fitzek verlässt seine gewohnte Umgebung. Er nimmt seine Leser mit auf das Schiff, auf dem der verdeckte Ermittler Martin Schwartz vor fünf Jahren seine Frau und seinen Sohn verlor. Verarbeiten konnte er es nie. Mit dem Schiff und der Crew wollte er nichts mehr zu tun haben. Doch dann findet eine Passagierin den Teddy seines Sohnes. Martin Schwartz erfährt von Anouk: Ein Mädchen, das ebenfalls auf mysteriöse Art und Weise an Bord verschwand und plötzlich wieder aufgetaucht.
Wie gewohnt spannend ist Fitzeks „Passagier 23“, der sich an die Zahl der Passagiere anlehnt, die jedes Jahr aus ungeklärter Ursache von Kreuzfahrtschiffen verschwinden. Die häufigen Cliffhanger am Ende der Kapitel regen zum Weiterlesen an, sodass das Buch kaum zur Seite gelegt werden kann.
Fitzek springt mit den Kapiteln in die Situationen der verschiedenen Protagonisten – so weiß der Leser oft schon mehr als der verdeckte Ermittler Martin Schwartz. Dazu kommen immer mehr Hinweise zum Täter, die die Spannung nicht abreißen lassen. Nach vielen Wendungen löst sich schließlich alles auf.
Fazit: Ein guter Thriller, bei dem man sich in die einzelnen Figuren hineinversetzen kann und bis zum Schluss mitfiebert. Aus Recherchezwecken begab sich der Autor übrigens selbst aufn Schiff und nahm an einer Führung teil; jedoch ohne, dass die Verantwortlichen wussten, wovon sein Buch am Ende handeln würde.

Leseprobe

Was es nicht alles gibt.
Sebastian Fitzek trinkt gerne Cola. Cola light. Und das exzessiv, wie er sagt. So führt Coca-Cola mit ihm ein Interview über sein Schreiben, seinen oben genannten Thriller und Fitzek gibt am Ende noch Tipps für junge Leser.
Also auf geht’s zum Cola-Interview.

Münster am Abend
Münster am Abend

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Letzten Samstag habe ich mein Versprechen eingelöst und das Damentaschentuch als Einstecktuch getragen, das mir Horst Lauinger am Manesse-Abend überreicht hat.  (Leicht sichtbar noch die samstägliche Fliege)

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Mittwoch

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Heute haben
Carlo Goldoni * 1707
Karl May * 1842
Anthony Burgess * 1917
Erica Pedretti * 1930
Amin Maalouf * 1949
Franz Xaver Kroetz * 1946
Geburtstag

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„Für das, was in einem einzigen Menschen Platz hat, ist die Aussenwelt zu klein, zu eindeutig, zu wahrhaftig.“
Franz Kafka in einem Brief an Felice Bauer
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Franziska Gehm und Horst Klein (Ill.): „Was macht der Mann denn da?“
Klett Kinderbuch Verlag € 12,95
ab vier Jahren

Etwas durchgedreht ist das Bilderbuch schon. Aber kennen wir nicht die englischen Gundschulverse, die wirklich auch nicht politisch korrekt sind. Hier also ein (tatsächliches) Mutter-Kind-Gespräch, in dem alltägliche Situationen ganz anders erklärt werden. Und es stellt sich wirklich die Frage: Ist es vielleicht nicht tatsächlich so? Ich meine, wer von uns versteht schon, wenn wir auf unseren Smartphones herumwischeln und mit Siri und Frau Google reden, wie das funktionieren kann? Siehe Kafka. Und machen wir uns nicht (heimlich) über bestimmte Verhaltensweisen von Mitmenschen auf der Straße lustig? Sind nicht die Walker die Mantafahrer der Marathonläufer?
Hier bekommen Sie endlich erklärt, was die Menschen in ihren Handflächen suchen und finden und warum sie darauf herumwischeln. (Sehr schön nachzulesen in der Leseprobe). Oder warum die Person mit hochrotem Kopf und Skistöcken durch die Stadt hetzt. Und wenn der Mann an den leuchtenden Laternenmast pinkelt, dann dient es dazu, dass die gelbe Farbe in die Lampe kommt. Der Raucher kann vielleicht auch gleich Feuer spucken. Achtung. Und weil die Chefin der Mama auch immer wieder Feuer spuckt, wird sie von der Mama auch Drachen genannt, sagt ihr kleiner Sohn. Dem tätowierten Mann gehen immer die Malpapiere aus und so schreiben seine vielen Kinder auf seiner Haut weiter. Und der Kleine meint, dass die vielen Ringe in seinem Gesicht sicherlich von seinen vielen Frauen sind. Und so weiter und so weiter.
Dazu die wirklich frechen, ausdrucksstarken Holzschablonendrucke von Horst Klein, die dieses Buch zu einem besonderen Bilderbuch machen.
Wie gesagt: überdreht, frech. Aber warum kein Spiel daraus machen und sich die Umwelt mal ganz anders erklären. So vieles ist einfach da, alle wissen wofür sie nützlich sind. Aber stimmt das wirklich? Ich meine, ich sitze hier vor einer kleinen Maschine mit Bildschirm und hämmere auf Tasten und gleichzeitig nimmt mich die eingebaute Kamera auf und Obama hat seine Freude mit mir. Alles nicht ganz so eindeutig.
Also los gehts. Nehmen Sie ihre Kleinen und schauen sich die Nachbarschaft mit anderen Augen an. Sie finden sicherlich einen Sack voller Erklärungen. Einfach neugierig bleiben.

Leseprobe
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Sind Sie neugierig, was sich im Manesse Verlag alles tummelt und tut?
Dann schauen Sie heute abend ab 19 Uhr bei uns in die Buchhandlung.
Der Verlagsleiter Horst Lauinger stellt uns den Verlag mit den vielen Klassikern vor.
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Dienstag

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Die Dichterwerkstatt der Klasse 5b des Humboldt Gymnasium stellt eigene Gedichte aus und ein unbekannter Fenstergucker hat auch etwas dazugeschrieben.

 

Heute haben
Wilhelm Grimm *1786
Keto von Waberer * 1942
Leon de Winter * 1954
Geburtstag und es ist der Todestag von Uwe Johnson (+ 1984)
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land

Dörte Hansen: „Altes Land“
Knaus Verlag € 19,99
auch als Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger € 19,99
und als eBook € 15,99

Wie ich schon „angedroht“ habe, stelle ich heute das Debüt von Dörte Hansen vor. Gestern abend habe ich das Buch zuendegelesen. An den Beinen den prasselnden Holzofen und im Kopf im hohen Norden, in Hamburg und im Alten Land.
Dörte Hansen ist Journalisten beim NDR und das merkt man ihrer flotten, frechen Schreibe an, ihrem genauen Blick auf das Szeneviertel Hamburg-Ottensen und das ganz andere Leben auf dem Land.
Was seht nun im Mittelpunkt dieser verzweigten, verzwickten Patchwork-Familiengeschichte?
Ein Haus, oder zwei Flüchtlinge?
Beides, würde ich sagen. Denn es geht um Heimat, um die eigenen Wurzeln, um die Suche nach einem sicheren Boden unter den Füssen. Eine Sinnsuche der besonderen Art hat Dörte Hansen hier zu Papier gebracht, woraus ich immer wieder laut lachend vorlesen musste. Seien Sie gespannt, wenn Sie das im April von Clemens Grote zu hören bekommen.
„Das „Polackenkind“ ist die fünfjährige Vera auf dem Hof im Alten Land, wohin sie 1945 aus Ostpreußen mit ihrer Mutter geflohen ist. Ihr Leben lang fühlt sie sich fremd in dem großen, kalten Bauernhaus und kann trotzdem nicht davon lassen. Bis sechzig Jahre später plötzlich ihre Nichte Anne vor der Tür steht. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg-Ottensen geflüchtet, wo ehrgeizige Vollwert-Eltern ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen – und wo Annes Mann eine Andere liebt. Vera und Anne sind einander fremd und haben doch viel mehr gemeinsam, als sie ahnen.“
Dies ist die Kurzfassung, die uns der Knaus Verlag anbietet und ich übernehme sie gerne, da sie die wichtigsten Aspekte zusammenfasst, ohne sich in den verschiedenen Familienzweigen zuverzetteln, die zwar vorhanden sind, sich jedoch auf diese beiden Personen verdichten lässt.
Mit großer Anteilnahme und spitzer Feder schreibt die Autorin über die Zeit nach dem Krieg, als die Bewohnerin des Bauernhauses und die Flüchtlingsfrau mit Kind sich bekämpfen, bis eine davon im Dachstuhl hängt. Diese Situation wird von drei Personen gleichzeitig und beiläufig geschildert und zeigt, wie gekonnt Dörte Hansen mit dramatischen Szenen flott umgehen kann.
Der Sprung ins heutige Hamburg-Ottensen ist dann das genaue Gegenteil. So wie Kathrin Hartmann in ihrem Sachbuch „Ende der Märchenstunde“ über diese Neureichen, die die Welt retten wollen, in dem sie mit dem großen Volvo im Biosupermarkt einkaufen, so lesen wir hier über diese jungen Familien, die ihre Kinder wie Preispokale vorsichhertragen. Zum Brüllen komisch.
Aus dieser Welt flüchten Anne mit ihrem kleinen Sohn Leon, weil sie es nicht mehr aushält als Musiklehrerin in der Musikfrüherziehung und weil ihr Mann ein Geliebte hat. Sie flüchtet aufs Land, ins Bauernhaus ihrer Tante, die dort sehr für sich ihr eigenes Leben führt, ohne sich groß um die Nachbarschaft und das alte Bauernhaus zu kümmern.
Dörte Hansens Beschreibungen einzelner Typen (den Aussteigerjournalisten, der für ein Landlust-Magazin Reportagen schreibt, die Marmeladekochwut aus alten Obstsorten der dazugehörenden Frau, der Obstbauer mit seinen Kindern, …) lesen sich wie Satiren und sind doch purer Ernst, denn wir sehen einzelne Szenen immer wieder, wenn wir die oben genannten Magazine durchblättern. Wohl wissend, dass „Landlust“ die höchsten Auflagenzahlen einfährt.
Diese Mischung aus Spurensuche (bis zurück nach Polen), Familienbande und dem, was uns wichtig ist, macht diesen Roman zu einer wunderbaren Mischung und kommt meiner Meinung nach ohne Klischees aus.

Achtung! Wir haben alle unsere Exemplare verkauft und warten auf Nachlieferung.

Hier kommt eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin.


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Morgen ist es soweit.
Ich hoffe, es finden sich ein paar Interessierte bei uns ein.

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Donnerstag

Heute haben
Sven Hedin * 1865
Paul Zech * 1881
Giorgios Sefaris * 1900
Kay Boyle * 1902
Carson McCullers * 1917
Marin Sorescu * 1936
Thomas Brasch * 1945
Siri Hustvedt * 1955
Helen Fielding * 1958
Jonathan Lethem * 1964
Geburtstag
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Julie

Julie Fogliano und die Illustratorin Erin A. Stead: „Und dann ist Frühling!“
Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Bilderbuch ab 3 Jahren
Sauerländer / S.Fischer Verlag € 14,99

Wir kennen die beiden von ihrem Walbilderbuch, in dem ein Wal gesucht wird, der im Prinzip ständig auf dem Bild zu sehen ist und doch nicht erkannt wird.
Jetzt erscheint im Deutschen, rechtzeitig zum Ende des Winters, allerdings mit drei Jahren Verspätung, das „neue“ Bilderbuch der beiden. 2012 kam es in den USA auf den Markt. Wir holen das jetzt nach. Und da es jedes Jahr einen Frühling gibt, machen auch die Jahre nichts aus.
„Und dann ist Frühling!“ – Schön wär’s. Zuerst ist erstmal der Winter vorbei, aber es ist noch bitter kalt, so wie der Junge in seinen Schal eingemummelt ist und die die Rauchwolken aus dem Schornstein in den Himmel steigen.
„Zuerst hast du Braun, überall nur Braun.“, ist der erste Satz des Buches. „Dann kommen die Samenkörner…“ lesen wir, wenn wir umdrehen und können sehen, wie der Junge, mit seinem treuen Hund, ein Loch gebuddelt hat und darin ein Samenkorn fallen lässt. Links von ihm ist sein Bollerwagen voll mit Gärtnerutensilien, die von einem Hasen neugierig begutachtet werden. Aber so schnell geht das nicht mit dem Wachsen. Auch als endlich der Regen einsetzt, scheint sich nichts zu rühren. Der Junge sieht ganz zerknirscht aus und wartet. Genauso wie die Tiere um ihn herum. Alles ist eingesät, vergraben und beschriftet. Alle schauen auf die kleinen Hügelchen, ob sich da schon etwas tut. Die Tiere halten die Ohren auf den Boden, um die Pflanzen zu belauschen. Sie hören (wahrscheinlich) nichts, aber wir sehen schon die kleinen Wurzeln, die tief ins Erdreich dringen. Aber die Wochen vergehen und es sind noch keine Pflanzen in Sicht. Der Vogel hat sich vor dem Schild mit dem Apfel hingesetzt und sich schon einen Latz umgebunden. Doch das Frühjahr ist lang und braun ist und bleibt die Natur. Bis der Junge fast schon nicht mehr drandenkt und endlich voller Freude schaukelt, … Ja dann …Aber das verrate ich Ihnen jetzt nicht.

Ein kleiner poetischer Text fügt sich mit diesen zarten Bildern zu einem kleinen Kunstwerk zusammen, in dem es um Geduld und Warten, Natur, Tiere und Pflanzen geht. Ein kleines Stück Magie, das sich jährlich wiederholt und hier festgehalten worden ist. Auch der matte Einband und die Papierart passen zu dieser Geschichte und lassen das Bilderbuch aus den anderen Bilderbüchern herausstechen.

Leseprobe

Es ist schon toll, wieviele schöne, besondere Bücher für die Kleinen auf den Markt kommen. „Nana in the City“, „Sam und Dave graben ein Loch“, die Geschichte mit dem Faultier habe ich hier schon vorgestellt und es scheint immer weiter zu gehen. Prima!
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Und für uns Alten gibt es nächste Woche einen Leckerbissen:

Mittwoch, 25.Februar um 19 Uhr
Herr Lauinger stellt seinen Manesse Verlag vor.

Er erzählt über alte, dicke, ganz kleine Bücher und wie sich so ein Verlag immer noch in der sich so schnell drehenden Welt halten kann.
Haben wir nicht alle irgendeins dieser schönen Leinenbändchen daheim?
Ich jedenfalls, habe in den letzten Jahren immer wieder schöne Entdeckungen gemacht, die ich hier dann vorgestellt habe und bin deshalb sehr gespannt auf nächsten Mittwoch.

Mittwoch

Heute haben
Karoline von Günderode * 1780
Else Lasker-Schüler * 1869
Georg Hirschfeld * 1873
Maryse Condé * 1937
Frank Schulz * 1957
Geburtstag
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„Still“
Regie: Matti Bauer
Deutschland 2013
DVD € 15,99
Mit deutschen (!) und englischen Untertiteln

Ja wirklich. Ein deutscher Film mit deutschen Untertiteln. Denn, wenn die hier ihr richtiges Bayerisch auspacken, dann wird es schwierig.
Über fünf Jahre hinweg hat der Filmemacher Matti Bauer die junge Bäuerin Uschi begleitet. Dabei zeigt er, wie die Frau trotz widriger Umstände an ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben festhält. In beeindruckenden Schwarzweißbildern und mit einer fast meditativen Ruhe (es gibt keine Musik im Hintergrund) gibt er seiner sympathischen Protagonistin viel Raum zur Entfaltung – und letztlich lebt der Film auch von ihrem ansteckenden Optimismus. Ein warmherziges Porträt über ein Leben, das unserer Zeit völlig entrückt zu sein scheint und gerade daraus seinen Reiz bezieht.

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(Bildrecht: Matti Bauer)

Eine junge Frau verlässt den Hof der Eltern und geht auf eine Alm in den Bergen. Abgeschieden von der Welt im Tal führt sie ein einfaches, aber freies Leben, gebunden nur an den Rhythmus, den die Tiere ihr vorgeben. Sie hat schon einiges von der Welt gesehen; war in Thailand und mehrfach in Südamerika und hat ein so sympatisches Lachen, dass es einem beim Zuschauen die harte Arbeit vergessen lässt. Nicht nur ist sie für die Kühe rund um die Uhr da, sie nimmt auch noch eine Ziege mit hoch und lernt nebenbei für verschiedene Prüfungen. Uschi melkt, buttert und macht Käse. Sie ist eins mit sich und den Tieren, für die sie Verantwortung übernommen hat. Egal welches Wetter herrscht, sie ist bei ihren Tieren und kann sich vielleicht auch gar nichts anderes vorstellen. Einen Almsommer lang kann die selbstbewusste Sennerin vergessen, dass die Zukunft des Hofes der Eltern ungeklärt ist. Sie ist das einzige Kind und die Eltern sind schon alt und denken an eine Übergabe. Doch im nächsten Winter ist Uschi schwanger, der Freund weg und der Almsommer in weite Ferne gerückt. Auf dem Hof beginnt ein zähes Ringen zwischen Uschi und ihren Eltern um die Übergabe des Betriebs.

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(Bildrecht: Matti Bauer)

Matti Bauer schafft es mit seiner diskreten Kamera und seiner Stimme aus dem Off ein sehr nahes, persönliches Bild dieser jungen Frau zu zeigen, die ungebunden bleiben will. Trotz des Kindes (es kommen noch ein paar dazu, sagt der Nachspann) will sie selbst entscheiden, wohin ihr Weg gehen soll. Sie möchte sich nichts aufdrängen lassen und lieber spontan auf veränderte Situationen reagieren.
Ich hoffe, Uschi geht es immer noch gut mit dem Weg, den sie eingeschlagen hat.
In den 80 Minuten ist sie mir richtig ans Herz gewachsen.

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Ich möchte Sie auf die kommenden Veranstaltungen bei uns in der Buchhandlung
aufmerksam machen.

Freitag, 13.Februar um 19 Uhr
Tobias Wahren: „Kopf an Kopf
Der „Ulmer“ Tobias Wahren liest
aus seinem dritten Roman

Tobias Wahren kennen wir als Leiter unzähliger Chöre hier in Ulm, als
Klavierspieler (demnächst im Stadthaus) und Mitspieler bei „Trias“. Dass er
einen Abend schmeiseen kann, wissen wir. Lassen Sie sich das nicht entgehen.
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Montag, 16.Februar um 19 Uhr
„Literalotto
Spaß mit Literatur
Mit Florian Arnold

Leider gibt es kein „Chaos-Lesen“ mehr – „Literalotto“ sorgt für Ersatz.
Rätseln, gewinnen, zuhören und mitreden. Ein Ehrengast und das spontane Gedicht.
Alles an einem Abend, in einer Stunde.
Eine Weltneuheit, das gab es noch nie. Auch wir haben keine Ahnung, wie das
wird. Auf jeden Fall lustig.
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Mittwoch, 25.Februar um 19 Uhr
Der Manesse Verlag stellt sich vor

Da bin ich selbst sehr gespannt und habe schon ein paar Fragen an den
Verlagsleiter Herrn Lauinger.
Mit den Manesse-Büchern sind wir alle aufgewachsen. Und es gibt sie immer noch.
Es geht um Henry James, alte chinesische Geschichten, um Natur und kleine,
dicke, große, schöne Bücher.
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Alle Veranstaltungen haben freien Eintritt.
Wir beginnen pünktlich um 19 Uhr
und freuen uns auf Ihr/Euer Kommen, denn ohne Zuschauer funktioniert das nicht.
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Mehr aus der Jastram-Welt finden Sie auch auf unseren anderen Internetseiten.

Der Bilderblog
Wie Bücher leben
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Mittwoch

Heute haben
Emily Dickinson * 1830
Nelly Sachs * 1891
Gertrud Kolmar * 1894
Christine Brückner * 1921
Jorge Semprun * 1923
Clarice Lispector * 1925 (die gestern ihren Todestag hatte)
Cornelia Funke  * 1958
Geburtstag.
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Emily Dickinson
You left me

You left me, sweet, two legacies,—
A legacy of love
A Heavenly Father would content,
Had He the offer of;

You left me boundaries of pain
Capacious as the sea,
Between eternity and time,
Your consciousness and me.

That I did always love

That I did always love,
I bring thee proof:
That till I loved
I did not love enough.

That I shall love alway,
I offer thee
That love is life,
And life hath immortality.

This, dost thou doubt, sweet?
Then have I
Nothing to show
But Calvary.
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Ein kleiner Tipp für ein kleines Buch:

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Raymond Queneau: „Odile“
Mit Nachwort von Tilman Spreckelsen
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Manesse Verlag 19,95

Da wir im Moment durch den Nobelpreisträger Patrick Modiano im Paris-Fieber sind, passt vielleicht dieser Roman aus dem Jahre 1937 ganz prima dazu. Modiano handelt die 40er und 60er Jahre ab, Queneau ist da noch ein Jahrzehnt vorneweg. Und wenn in den Romanen von Modiano viele Personen mit ihren richtigen Namen auftauchen und wir nie genau wissen, inwiefern da auch Biografisches mitspielt, ist es bei „oOdile“ klar, dass da ganz viel Queneau drinsteckt. Er schreibt über die Pariser Szene, die (Vorläufer der) Existenzialisten und Surrealisten und nimmt natürlich André Breton voll auf’s Korn. Eine Abrechung mit dem großen Guru der Szene und ein Sittengemälde dieser wilden Zeit. Odile wird geheiratet, aber nicht geliebt, der Ehemann Roland Travy versucht sein Marokko-Trauma zu überwinden und über allem schwebt Paris als Hauptperson des Romanes. Seine Bars und Restaurants, die Intellektuellentreffpunkte und hitzige Diskussionen. So wie wir es bei den Romanen von Modiano auch erleben.
Das war der kleine Tipp für ein kleines Buch, das in jede kleine Tasche passt und ein großes Lesevergnügen ist.

Leseprobe
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Das Beste vom Besten aus 2014
Heute ein Tipp vom 26.März 2014

Mozer

Tassilo Mozer:Gartenkunst & Künstlergärten
Ein Führer durch Umbrien, Latium und die Toskana
Land Art, Skulpturen-Parcours, Künstlergärten und historische Gartenkunst aus zwei Jahrtausenden im Herzen Italiens
Parthas Verlag € 38,00
470 Seiten, mit 350 farbigen Abbildungen und ausführlichem Serviceteil, Karten und GPS-Daten, Klappenbroschur

Was verbindet Niki de Saint-Phalle und Daniel Spoerri mit dem Renaissancefürsten Vicino Orsini und dem antiken Kaiser Hadrian? Sie alle haben in räumlicher Nähe zueinander einen Garten gestaltet.
Kenntnisreich und unterhaltsam zugleich beschreibt Tassilo Mozer in diesem umfangreichen Band neunzig herausragende Denkmale aus der Geschichte der Gartenkunst, von der römischen Antike über das Mittelalter bis in unsere heutige Zeit. Er beginnt jedoch zu Beginn mit einem geschichtlichen Gang durch die Gartenkunst Europas von den Hängenden Gärten, die römischen Garten und die des Islams, bis er im Barock endet und seinen ersten Garten vorstellt. Es ist der Pinocchio Garten in Collodi. (Nach dieser Stadt hat sich der Autor des Pinocchios umbenannt). Auch ne Möglichkeit. Und so zieht Tassilo Mozer weiter durch Umbrien, die Toskana und das Latium. Jeder Garten ist liebevoll besprochen, mit Fotos unterlegt und im Serviceteil gibt es exakte Hilfen, wie Telefonnummern, Öffnungszeiten, die Sprachen der Führungen und genaue GPS-Angaben.
Das Ganze ist nun kein großformatiger Bildband, sondern ein großartiger, handlicher, fadengehefteter Ziegelstein, den Sie jedoch sehr gut mit in den Italienurlaub mitnehmen können und jetzt schon richtig anmacht, beim nächsten Italienurlaub sich den einen oder anderen Garten anzuschauen.

Tassilo Mozer wurde 1963 in Ulm geboren. Nach einigen Semestern Kunstgeschichte, Italienisch und Soziologie in Heidelberg studierte er Kunst an den Akademien in Florenz und Bologna. 1992 schloss er mit dem Diplom in Bildhauerei an der Accademia di Belle Arti in Bologna ab. Seitdem arbeitete er als freier Künstler und führte kunstinteressierte Reisegruppen in der italienischen Renaissancemetropole Florenz zu bekannten und weniger bekannten Orten. Für seine Skulpturen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, mehrfach stellte er in Galerien und Museen in Deutschland und Italien aus.

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Die Website von Tassilo Mozer

Freitag

Heute haben Marie von Ebner-Eschenbach * 1830
Sherwood Anderson * 1876
J.B.Priestley * 1894
Geburtstag
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Die Neuübersetzung von Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio“ von Eike Schönfeld bekam vor ein par Tagen den Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis.
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Wie versprochen gibt es ab heute kleine Lesehappen aus dem Buch:
„Restaurant Dalmatia“ von Jagoda Marinic, die am Do., den 26.9. bei uns in der Buchhandlung daraus vorlesen wird.

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POLAROID Berlin
28. Januar 1985

Sie schleicht ins Schlafzimmer ihrer Eltern, zur Kommode an Mutters Bettseite, macht die oberste Schublade auf und wieder zu. Die Polaroid, die darin liegt, packt sie schnell in ihren Kinderrucksack, den sie letzte Nacht noch leerräumte. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts, und ab über die große Kreuzung vor ihrem Haus. Eis. Überall Eis. Sie setzt die Schritte in die Asphaltlücken. Mal kleine Schritte. Mal Ausfallschritte. Kurz sicher. Dann holprig. Ein riesiger Eisberg aus Altschnee, zur Pyramide gefroren, kreuzt ihren Weg. Sie holt die Polaroid aus dem Rucksack, wählt den Ausschnitt, den sie haben will und drückt ab. Das erste Bild fährt aus dem Schlitz. Ihre linke Hand öffnet sich. Schattierungen zeichnen sich ab, erste Formen. Sie fächert das Foto durch die Luft, genau so, wie es vor ein paar Nächten noch ihre Mutter getan hat. Nein, das hier ist keine Ohrfeige wert, denkt sie, als es entwickelt ist, geht weiter, die rechte Hand in der Schlaufe, die linke fest ums Gehäuse. Das erste Mal auf Berliner Straßen, ohne dass einer wüsste, wo sie ist, wohin sie will oder wann sie zurück sein wird. Ein Horn bläst. In ihrem Kopf? Sie beeilt sich, biegt um die Ecke, dorthin, wo sie das Horn, das eben noch in ihrem Kopf nachklang, vermutet. Es zittert unter ihr. Der Boden zittert, denkt sie. Sie fällt. Nach wenigen Sekunden kommt sie zu sich, vergewissert sich der Kamera, die sie mit der rechten Hand fest gegen den Bauch gepresst hält. Das zweite Bild noch, denkt sie, das zweite Bild! Sie fokussiert die Stelle, an der eben noch, hinter der Mauer, der Kirchturm umgefallen ist. Und drückt ab. Das Bild gleitet aus der Polaroid. Diesmal fächert sie es gleich durch die Luft, hastig, kann nicht lange warten. Eilt nach Hause, bevor sie es sich in Ruhe ansieht. In der Wohnung ist noch niemand. Die Polaroid verschwindet wieder in der Schublade, die Tür zum Schlafzimmer bleibt einen kleinen Spalt offen. Alles, wie es war. Nur das Bild liegt nun in einem ihrer Bücher.
Ihr Vater sitzt auf dem Sessel im Wohnzimmer und wartet wie jeden Abend auf die 20-Uhr-Nachrichten. Sie hockt vor ihm auf dem Boden, den Rücken an seine Beine gelehnt, den Kopf in der Lücke zwischen seinen Knien. Da! ruft sie, den Zeigefinger schon auf den Bildschirm gerichtet. Sie verschluckt den restlichen Satz gerade noch rechtzeitig, als ihr Vater ihre Hand aus seinem Sichtfeld schiebt. Die Versöhnungskirche sei gesprengt worden. Das Mädchen sieht die Kirche, all die Bilder bis zu jenem Moment, an dem sie um die Ecke bog. Sie wendet den Blick vom Bildschirm ab, liest im Gesicht ihres Vaters, der gebannt verfolgt, wie die Kirche in der Bernauer Straße in sich zusammenfällt. Was er da sieht, gefällt ihm nicht, glaubt sie. Im Gesicht ihres Vaters ist schwer zu lesen. Er zieht an seiner Zigarette. Das sicher. Der Rauch löst sich nur langsam über ihrem Kopf auf.
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Auf dem Filmfestival in Venedig wurde der Film „Sacro GRA“ über einen Autobahnring in Rom mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
Ich bin gespannt, ob er den Weg nach Ulm findet.

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Nach Rom, der alten Sehnsuchtsstadt, jetzt ein Buch über eine Sehnsuchtsstadt des 20.Jahrhunderts.

NY

Susanne Lehmann-Reupert:Von New York lernen
Mit Stuhl, Tisch und Sonnenschirm
Vorwort von Andres Lepik
Text von Susanne Lehmann-Reupert
Fotografien von Susanne Lehmann-Reupert
Gestaltung von Hannes Aechter
Hatje Cantz Verlag € 16,80

New York als Vorbild einer nachhaltigen Stadtentwicklung.
Der alternative Reiseführer in die Weltstadt.
Das Ganze kommt als broschürtes Taschenbuch daher. Wer also einen Bildband in der Art des Verlages Hatje Cantz erwartet hat, wird enttäuscht sein. Wer jedoch ein Buch über Veränderungen in einer großen Stadt lesen will, über Veränderungen zum Wohle der Menschen dort, der wird hier bestens bedient.
Ich habe mir das Buch vor Wochen vorbestellt, weil ich einen Reiseführer der anderen Art vorgestellt habe. Was ich dann aber zum Lesen bekommen habe, hat mich wirklich umgehauen. Immer wieder musste ich an Ulm denken, die Stadt, in der ich seit 30 Jahren arbeite. Mir fallen Veränderungen auf, die so ganz anders hätten verlaufen können, wenn ich an das Modell New York denke. Sie werde sagen, naja New York hat auch ein paar Einwohner mehr. Ja, das stimmt und deshalb stellt Susanne Lehmann-Reupert hinter jedes Kapitel den Satz: „Aber wie können wir denn von New York City lernen, wenn wir nicht New York City sind“ und führt dann spezielle Dinge aus, die sehr wohl auch in Ulm umsetzbar sind.
Die Architektin Susanne Lehmann-Reupert geht auf ihren Streifzügen, etwa von Dumbo über Brooklyn Bridge Park nach Red Hook und von der High Line bis zum Bryant Park, den Veränderungen im öffentlichen Raum nach. Sie entdeckt neue Erholungsflächen an Hudson und East River oder Dachgärten und Stadtfarmen und erkennt hinter den sichtbaren Qualitätsverbesserungen eine klare Strategie der Rückbesinnung auf die Tradition des bürgerschaftlichen Engagements. Gerade diese Verbindung von Privatem und Städtischem macht den Erfolg aus. So bekamen zwei Personen aus New York City einen Preis für ihr gemeinsames Engagemant zur Verbesserung der Stadt. Eine städtische Angestellte und eine Person aus einer Initiative. Ich denke, dass so etwas Neues, Gutes entstehen kann.
Wie schafft es New York City zum Beispiel hunderte von Kilomter von Redwegen hervorzubringen und wir hier in Ulm bekommen plötzlich weiße Striefen auf die Straße gemalt, die einen neuen Radweg anzeigen und einfach nur die Autowege verschmälern? Es wird aber nicht daran gedacht, dass Autos auf dieser Fahrbahn automatisch auf diese Radwege kommen und Radler so kanpp an parkenden Autos vorbeifahren müssen und jede aufgehende Autotür als Absprungschanze erleben.
Wie wird zum Beispiel aus dem Bryant Park, der vor Jahren noch von kriminellen berherrschat worden ist, ein Kleinod, wie ich es selten erlebt habe? Es sind ein paar wenige Tricks, die die Autorin anführt, die so klar auf der Hand liegen und aus dem Park wird eine Begegnungsstätte, auf der sich täglich tausende Menschen treffen und sich ausruhen.
Das, was wir mittlerweile urban gardening nennen, nimmt einen großen Teil des Buches ein. Sie schildert den Beginn der Stadtgarten-Bewegung, sie stellt ein paar Dachgärten vor. Wobei hier wirkliche Farmen, Bauerhöfen gemeint sind, die Flächen so große wie Fußballfelder haben und ihre Produkte professionell verkaufen. Greenmarkets, also unsere Wochenmärkte, schießen aus dem Boden und auch hier nennt sie ein schönes Beispiel: Verkauft werden hier Produkte, die nicht von weiter als 110 km herkommen. Somit werden die Anbauer aus der Region gefördert und wir bekommen eine wirkliche Alternative zu den Supermärkten.
Susanne geht auf’s Wasser und schreibt, dass dies zum sechsten Stadtteil der Stadt ernannt worden ist. Welche positiven Veränderungen damit einhergehen erfahren wir in einem extra Kapitel. Und über allem steht diese Verbindung zwischen persönlichem, privatem Engagement und der Stadtverwaltung. Ich denke, anders ist es auch nicht möglich, Veränderungen durchzusetzen, die dann auch in der Bevölkerung ankommen. Wie soll es sonst vorstelltbar sein, dass jeder Bürger in NYC innerhalb von 10 Minuten einen Park vorfinden soll. Es sind oft ganz einfache Dinge, die als Vorgaben dienen und die bei mir ein großes „Ja, genau! Wie schlau!“ hervorgerufen haben. So dürfen Bürokomplexe,oder Banken eine bestimmte Länge an der Straße nicht überschreiten und müssen durch kleine Läden, Bars, … unterbrochen werden. Worum? Es dient der Sicherheit, wenn wir nachts durch die Straßen gehen und alles ist dunkel. Wenn jedoch Lichter brennen, Menschen sich noch bewegen, ist einiges gewonnen.
Schön wäre es, wenn die entscheidenten Personen in der Stadtverwaltung dieses Buch in Händen halten würden und es auch lesen würden. So viele tolle Beispiel sind hier aufgeführt, dass ich noch seitenlang darüber schreiben könnte. Und wie einfach es gehen kann, zeigt schon allein der Untertitel: „Mit Stuhl, Tisch und Sonnenschirm“.            Kommen Sie einfach in den Laden und schauen Sie es sich an.

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