Freitag, 25.Oktober

IMG_6363

Heute haben
Peter Rühmkorf * 1929
Harold Brodkey * 1930
Geburtstag
________________________

Heute auf dem Gedichtekalender:

Otto zur Linde
Amarylle

Oh stille Amarylle,
Du blühst, wenn Herbst schon leer.
Von Frucht- und Blütenfülle
Bliebst du mir und nichts mehr.

Ich trug dich in mein Zimmer,
Balkon war schon zu kalt.
Leucht Sommers letzten Schimmer
Du mir. Das Jahr ist alt.

Und alt ist auch mein Herz schon,
Und weiß ist schon mein Haar.
Sei du mein letzter Herbstlohn –
Stumm, traurig. Und was mir war

An Herzblühn und Geistfruchtzeit,
Ist abgewelkt, wurmtaub.
Auf Schmerz und Mühn und Sucht streut
Enttäuschung totes Laub.

Ach wenn auf meinem Grab nur
Die stille Flamme ständ!
Oh Amaryll, ich hab nur
Das Licht, das jenseits brennt.
_____________________

Sarah Wiltschek empfiehlt:

46388.jpg

Judith Schalansky: „Der Hals der Giraffe“
Bildungsroman
Suhrkamp Verlag € 10,00

Judith Schalansky widmet ihren Roman denen, die in ihren Köpfen und Herzen nicht den Sprung geschafft haben in ein neues System, das die Wende ihnen beschert hat. Denjenigen, die die alten Zeiten heimlich zelebrieren. Im Lehrerzimmer. Denn der Roman spielt in einem mecklenburgischen Gymnasium, das aufgrund dramatischen Schülerschwunds, in vier Jahren geschlossen werden soll.
Damit gibt es für Inge Lohmark, Lehrerin für Biologie und Sport, noch weniger Zukunft als zuvor. Sie hat sich, trotz Wende und Bildungsreform, nicht abbringen lassen von einem nahezu militanten Unterrichtsstil, frei von jeder Empathie, unnahbar für die noch übrig gebliebenen Schüler. So kommt sie gut voran im Lehrplan, scheucht die lethargischen jungen Menschen verbittert über den Sportplatz und denkt dabei an die Jahre, in denen die Schüler noch für den Kader gesichtet wurden. Damals war, zumindest für sie, alles besser.
Was ihr bleibt, ist die Leidenschaft zur Biologie und ein Ehemann, der Strauße züchtet und mit dem sie nicht mehr verbindet, als das gemeinsame Dach überm Kopf.
Inge Lohmark sieht wie ihre kleine Stadt immer kleiner wird, entvölkert durch die Stadtflucht und wie sich die Natur durch brüchige Straßen und leerstehende Gemäuer frisst. Sie findet keinen Zugang zu dieser neuen Welt, hält sich fast schon pathologisch fest an den Regelmäßigkeiten und Verlässlichkeiten der Biologie und seziert ihr Umfeld nach den Kriterien eines Biologiebuchs. Aber alle naturwissenschaftliche Analyse hilft ihr nicht über den Schmerz hinweg, den der Verlust ihrer Tochter hinterlässt. Früher ein schüchternes, sozial unfähiges Wesen, zu dem sie nie Zugang bekam und schließlich und erwachsen, ausgewandert nach Amerika. Wo sie blieb und den Kontakt aufs Nötigste beschränkte. Obwohl Inge Lohmark immer darauf gehofft hatte, sie käme zurück und würde bauen auf dem elterlichen Grundstück.
Was Judith Schalansky 2011 in ihrem, damals zum Bestseller avancierten Bildungsroman als schonungsloses Gesellschaftsportrait skizziert hat, liest sich heute noch immer wie ein Tableau zu den aktuellen Debatten über den Osten des Landes.
Gerne würde man wissen, was Inge Lohmark in Frührente jetzt wohl macht?

Leseprobe
_____________________

Nicht vergessen.
Heute abend ab 19:30 in der Stadtbibliothek Ulm.

Das-Buch-der-Schicksale-Spirito

und

wub-logo-2019-1170-x-535-1545999507

9783608962642.jpg.39742  Hager_Elisabeth_R_c_Britta_Burger_2018_300.jpg.39439

Am kommenden Dienstag, den 29.Oktober kommt Elisabeth Hager zu uns in die Buchhandlung liest aus ihrem Buch „Fünf Tage im Mai“.
Beginn: 19 Uhr
Eintritt: € 8,00

Donnerstag, 2.Mai

IMG_3135

Heute haben
Novalis * 1772
Gottfried Benn * 1886
Willi Bredel * 1901
Gisela Elsner * 1937
Franz Innerhofer * 1944
Angela Krauß * 1950
Geburtstag
___________________________

1156

Mai“
Gedichte passend zum Monat herausgegeben von
Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

Oh, schon wieder ein Monat vorbei. Der April endete mit Kälte und Regen. Gut so, den Regen brauchen wir dringend und dennoch warten wir auf die Sonne und die Wärme. Das hatten wir jetzt am gestrigen 1.Mai. Ab morgen wieder Regen und Schnee. Egal.
Alles ist grün, die Bäume explodieren und die Blumengärten werden bunt.

„Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder“
schrieb Rose Ausländer.

Aber nicht zu früh gefreut. Im Mai gibt es auch die Eisheiligen, die mit viel Regen und Frost verbunden sind. Aber insgesamt gesehen, gehen wir stramm in Richtung Frühsommer und lassen den Winter in Vergessenheit geraten.

Willkommen
Maienlob
Maienschelte
Maienglück
Feiern im Mai
Endlich im Freien

heißen die einzelnen Kapitel des Gedichtbandes und zeigen schon die Richtung an, auch wenn in der dritten Abteilung noch gescholten wird über den Wonnemonat. Diese Bezeichnung leitet sich womöglich von Weidemonat ab, so die Herausgeberinnen.
Da ich monatelang behauptet habe, dass diese Anthologie ohne Goethe auskommt, taucht er hier gleich zweimal auf.

Johann Wolfgang Goethe
Mit einem gemalten Band

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute junge Frühlingsgötter
Tändelnd auf ein luftig Band.

Zephyr, nimm’s auf deine Flügel,
Schling’s um meiner Liebsten Kleid!
Und so tritt sie vor den Spiegel
All in ihrer Munterkeit,

Sieht mit Rosen sich umgeben,
Selbst wie eine Rose jung.
Einen Blick, geliebtes Leben!
Und ich bin belohnt genung.

Fühle, was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband!

Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud‘ und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd‘, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb‘, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb‘ ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud‘ und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Und dieses Gedicht darf natürlich nicht fehlen:

Eduard Mörike
Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton
Frühling, ja du bist`s!
Dich hab ich vernommen!

Neben all den alten Autoren, finden Sie natürlich auch LyrikerInnen des 20.Jahrhunderts, deren Texte ich jedoch hier nicht veröffentlichen darf.
Robert Gernhardt, Friederike Mayröcker, Rose Ausländer, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Ernst Jandl, Karl Krolow und viele mehr.
______________________________

Jastrams 1.Seite

Am kommenden Dienstag stellen wir ab 19 Uhr wieder neue Bücher vor.
Als Gast Uli Deurer, der uns aus seinen Verlagen etwas zeigen wird.
Es liest Clemens Grote.

Mittwoch, 6.März

IMG_2135

Heute haben
Cyrano de Bergerac * 1619
Elizabeth Barrett Browning * 1806
Stanislaw Jerzy Lec * 1909
Gabriel Garcia Marquez * 1927
Günter Kunert * 1929
Geburtstag
_________________________

Mörike Eduard
Zur Warnung

Einmal nach einer lustigen Nacht
War ich am Morgen seltsam aufgewacht:
Durst, Wasserscheu, ungleich Geblüt;
Dabei gerührt und weichlich im Gemüt,
Beinah poetisch, ja, ich bat die Muse um ein Lied.
Sie, mit verstelltem Pathos, spottet‘ mein,
Gab mir den schnöden Bafel ein:
„Es schlagt eine Nachtigall
am Wasserfall;
und ein Vogel ebenfalls,
der schreibt sich Wendehals,
Johann Jakob Wendehals;
der tut tanzen
bei den Pflanzen
obbemeld’ten Wasserfalls.“
So ging es fort; mir wurde immer bänger.
Jetzt sprang ich auf: zum Wein!
Der war denn auch mein Retter.
Merkt’s euch, ihr tränenreichen Sänger,
Im Katzenjammer ruft man keine Götter!
________________________

Claudia Wiltschek empfiehlt:

9783608962642

Elisabeth R. Hager: „Fünf Tage im Mai“
Klett-Cotta Verlag  € 20,00

„Weiß in allen Schattierungen standen wir vor der gelben Kirchenrakete.Zwei Dutzend Friedenstauben, zum Abflug bereit, bange Blicke in die Menschenmenge werfend, in der unsere Eltern eben erst verschwunden waren. Hier und da zupfte noch eine angespannte Mutter an einem Kleidchen oder rammte eine Haarnadel in die Sturmfrisur ihrer Tochter. Wir waren in dünne Jäckchen gehüllt, trugen Wollstrumpfhosen unter Spitzenkleidern. Es war Mai, aber wissen tut man schließlich nie. Die Buben in ihren dunklen Anzügen standen abseits. Die Sonne wärmte mir den Rücken, doch meine Füße in den Lackschuhen blieben eiskalt.“
So beginnt die Geschichte von Illy, aufgeweckt und neugierig, am Tag ihrer Kommunion. Illy steht ihrem Grossvater , dem ältesten Bürger des Dorfes sehr nahe und sie verbringen viele Nachmittage in dessen Werkstatt zusammen.
Korbian, von Illy Tat’ka, Väterchen genannt, beherrscht noch die Kunst des Fassbindens und ist ein gefragter Mann in diesem aussterbenden Handwerk.
Wir begleiten Illy 20 Jahre an fünf Tagen im Mai und rauschen mit ihr durch Kindheit, Pubertät, Verliebtheit, Erwachsenwerden, Verlust, Abschiednehmen und Wiederkommen.
Eine warmherzige Geschichte, unaufgeregt und doch spannend, die ich sehr gerne gelesen habe.

Leseprobe