Donnerstag, 16.Januar

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Heute haben
Aleksandar Tisma *1924
Susan Sontag * 1933
Inger Christensen * 1935
Reinhard Jirgl * 1953
Geburtstag
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Rainer Maria Rilke
Wintermorgen

Der Wasserfall ist eingefroren,
die Dohlen hocken hart am Teich.
Mein schönes Lieb hat rote Ohren
und sinnt auf einen Schelmenstreich.

Die Sonne küßt uns. Traumverloren
schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
und wir gehn fürder, alle Poren
vom Kraftarom des Morgens voll.
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Fuchs 8 von George Saunders

George Saunders: „Fuchs 8“
Aus dem amerikanischen Englisch genial von Frank Heibert
Mit Illustrationen von Chelsea Cardinal
Luchterhand Verlag € 12,00

Solche Dinge passieren.
Da erscheint im Herbst ein kleines, buntes Buch von George Saunders, einem der wichtigsten Stimmen der USA und nennt sich „Fuchs 8“. So richtig beachtet wird es allerdings nicht, bis im Literarischen Quartett, kurz vor Weihnachten, Thea Dorn dieses Buch hochhält und meint, dass es das lustigste Buch aller Zeiten sei. Oder so ähnlich. Plötzlich wollen alle „Fuchs 8“ lesen und der Verlag kann nicht liefern. Mal hat das Barsortiment Exemplare, dann sind auch die wieder weg. Irgendwann sind alle Vormerkungen bei uns im Abholfach und einige Kund*Innen haben mittlerweile Ihre Bestellung vergessen und vielleicht auch Fuks 8.
Das ist der Lauf der Literatur.
Aber wer ist Fuks 8?
In seiner Großfamilie bekommen die Kinder keine Namen, sondern Nummern. Und er hat die acht. Was ihn zu einem Romanhelden werden lässt, ist seine Gabe „mänschisch“ zu verstehen und reden zu können. Dies hat er am Fenster zu einem Kinderzimmer gelauscht und gelernt. Dort wurde all abendlich vorgelesen. „Libe Leserinen und Leser: Zuers möchte ich sagen, Entschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe.“ Was nützt ihm aber, die Menschen zu verstehen? Ganz einfach: In einem Brief an die Menschen (das ist dieser Roman) erzählt er seine abenteuerliche Geschichte, die er gerade erlebt hat und die sein Leben komplett aus der Bahn geworfen hat. Und wenn wir Menschen nicht achtgeben, geschieht mit uns noch Schlimmeres.
In seinem Revier wird ein Einkaufszentrum gebaut, eine Mall, oder wie er sagt „Moll„.
Der Boden ist wi Glas. Oder Eis. Und was wir da geseen haben, Froinde!“ Nämlich: „Zobedaf, mit gefangenen Kazzen!“, „ein klein Flus, der flos zwar, aber roch nich richtig“, dazu noch „falsche Fälsen“, „Boime“ und natürlich eine lange „Fressmaile„.
Hier beginnt die Vertreibung aus dem Paradies und George Saunders wirft sich wieder auf die Seite der Schwachen, der Aussenseiter, in dem er die Reise dorthin von Fuks 8 und seinem Freund Fuks 7 in dieser Form erzählt. Dies geht nicht gut aus. Fuks 8 findet jedoch nach langem Suchen ein neues Zuhause.
Ja, das Buch ist lustig, das stimmt schon. Aber es ist vielmehr ein Buch, wie Fuks 8 diese Tragödie überlebt und verarbeitet und wie wir Menschen mitten in eine Umwelttragödie schlittern, in dem es überall glitzern und klingeln muss und wir nicht daran denken, was wir durch unser Leben alles zerstören. Für mich ist es ein trauriges, sentimentales, hoffnungsvolles Buch, das man mindestens zweimal lesen und unendlich oft vorlesen sollte.

Leseprobe

Mittwoch, 28.August

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Heute haben
Johann Wolfgang von Goethe * 1749
Ernst Weiß * 1884
Liam O´Flaherty * 1896
Janet Frame * 1924
Jurij Trifonow * 1925
Arkadi Strugatzki * 1925
Mian Mian * 1970
Geburtstag
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Johann Wolfgang von Goethe
Sommer

Der Sommer folgt. Es wachsen Tag und Hitze,
und von den Auen dränget uns die Glut;
doch dort am Wasserfall, am Felsensitze
erquickt ein Trunk, erfrischt ein Wort das Blut.
Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;
doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

HERKUNFT von Saa Stanii

Saša Stanišić: „Herkunft“
Luchterhand Verlag  € 22,00

Saša Stanišićs Roman über seine Herkunft, über ein Land, das es nicht mehr gibt und eine Familie, die seither verstreut über den Erdball lebt, ist ein sehr privates, aber kein sentimentales Buch, das erzählt, was der Balkankonflikt für seine Familien bedeutete und welche Löcher er hinterlassen hat. Das zu verstehen hilft, was es heißt, fremd zu sein in einem Land und doch die Chance für einen Neuanfang zu bekommen, als 14-jähriger in Heidelberg. Erst viel später begreift der Autor, wie hart das deutsche Leben für seine Eltern gewesen war, wie sie sich kaputtgearbeitet haben, mit schlechten Jobs und schlimmen Gehältern. Zwei gut ausgebildete Menschen in ihren besten Jahren. Die Mutter Lehrerin in Jugoslawien, dann Arbeitskraft in einer Großwäscherei, der Vater in Deutschland auf Baustellen, wo er sich den Rücken kaputtmacht.
Saša hat Glück, wird unterstützt, in der Schule, unter Freunden. Fängt an zu schreiben, studiert, darf bleiben. Während die Eltern abgeschoben werden und in die USA auswandern. Seine Mutter lebt heute wieder in Kroatien, der Autor in Hamburg. Nur seine Großmutter war bis zu ihrem Tod die einzige Verbindung zur gemeinsamen geographischen Herkunft Višegrad.
Stanišić erzählt aus Erinnerungen, die er zum Teil selbst nicht verifizieren kann. Nicht weiß, ob es bloß Kindheitsbilder oder reale Ereignisse waren. So wie Erinnerung eben ist, lückenhaft, von Emotionen geleitet. Und während er versucht zu erinnern, vergisst seine Oma immer mehr, ist schließlich ganz in ihrer Demenz gefangen, sieht die Vergangenheit im Jetzt, während sie das Heute nicht mehr versteht.
Stanišić fragt seine Eltern nach ihren Erinnerungen und erzählt gleichzeitig sein eigenes Heute, als Schriftsteller und Vater mit. Verbindet seine Geschichte mit den Geschichten der vielen Flüchtenden, die er auf seinen Besuchen auf dem Balkan erlebt. Menschen, die wie er ihre Heimat verlassen müssen, die aber vor verschlossenen EU-Außengrenzen stehen. Er und seine Mutter hatten Glück damals. Das Buch erzählt eine persönliche Geschichte von Flucht und Ankunft und von gelungener Integration, wenn man so will. Ein Roman, von dem wir lernen können und hoffen, dass auch unter den heutigen Geflüchteten viele dabei sind, die ganz ankommen dürfen und unser Land und unsere Sprachen mit ihren Geschichten bereichern.

Herkunft“ steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2019.

Dienstag, 4.Juni

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Heute haben
Karl Valentin * 1882
Val McDermid * 1955
Marie NDiaye * 1967
Geburtstag.
Aber auch Cecilia Bartoli.
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Karl Valentin

„Als ich das Licht der Welt und sodann die Hebamme erblickte, war ich sprachlos. Ich hatte diese Frau ja noch nie in meinem Leben gesehen.“

„Mögen hätt ich schon wollen,
aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“
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Susanne Link empfiehlt:

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Leila Slimani: „All das zu verlieren“
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Luchterhand Verlag € 22,00

Die Journalistin Adele führt ein Doppelleben: einerseits lebt sie
eine abgesicherte, bürgerliche Existenz mit Ehemann und Kind und
andererseits lebt sie sexuelle Sehnsüchte und Obsessionen aus. Leila
Slimani beobachtet Adeles Tanz auf dem Vulkan und beschreibt großartig
dieses Leben nahe des Abgrunds.

Leseprobe
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Heute abend wieder Jastrams 1.Seite mit vier neuen Büchern und Clemens Grote.
Wir beginnen pünktlich um 19 Uhr.