Donnerstag, 14.September

Heute haben
Theodor Storm * 1817
Michel Butor * 1926
Ivan Klima * 1931
Eckhard Henscheid * 1941
Uli Becker * 1953
Geburtstag
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Theodor Storm
Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.
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9783608981063

Pierre Lemaitre:Drei Tage und ein Leben
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Klett-Cotta Verlag € 20,00

Im Jahr 1999 verschwindet ein Junge aus einem Dorf spurlos. Eine große Suchaktion wird gestartet, aber nachdem ein Jahrhundertsturm über die Gegend jagt, sind alle Spuren ausgelöscht. Rémi heisst der sechsjährige Junge, der sich mit der Hauptperson Antoine im Wald bei ihrem Baumhaus getroffen hat. Was dann geschieht, verändert alles innerhalb ein paar Sekunden.

„Rémi, der ihn nie in einem solchen Zustand gesehen hatte, war verängstigt. Er wandte sich um, machte einen Schritt. Da nahm Antoine den Stock in beide Hände und schlug voller Wut auf das Kind ein. Der Stock traf die rechte Schläfe. Rémi brach zusammen, Antoine ging näher, streckte die Hand aus, schüttelte ihn an der Schulter: Rémi?“

Für seinen letzten Roman, „Wir sehen uns dort oben“, hat Pierre Lemaitre den wichtigsten französischen Literaturpreis erhalten, den „Prix Goncourt“ und ich war gespannt, was nach diesem dicken, unglaublich guten Buch noch folgen kann. Lemaitre hat sich ein ganz anderes Thema herausgesucht und hat gewonnen. Herausgekommen ist ein psychologiches Kammerspiel, in dem ein zwölfjähriger zum Mörder wird. Kann das überhaupt sein? Antoine versteckt den toten Freund und kommt selber fast um vor Sorgen, ob er erwischt wird und ob seiner Tat überhaupt.
Wie geht Antoine mit dieser Schuld um? Durch den Sturm könnte er auf der sicheren Seite sein. Aber so richtig daran glauben mag Antoine nicht.

„Die rasch unter Wasser gesetzten Straßen verwandelten sich erst in Bäche, dann in Flüsse, und trugen alles davon, was die Windböen wenige Stunden zuvor losgerissen hatten: Mülleimer, Briefkästen, Kleidungsstücke, Kisten, Bretter; man sah sogar einen kleinen weißen Hund, der versuchte, sich über Wasser zu halten, und den man am nächsten Morgen tot an einer Mauer finden würde.“

Antoine wird größer, er studiert Medizin, heiratet – aber seine Schuld lässt ihn nicht los. Und wie ein Mediziner seziert er sein Familien-, das Dorfleben in einem wirtschaftlichen Umbruch. Nach seiner Flucht aus der Enge ist er wieder heimgekehrt, wie magisch angezogen. Er hängt fest im engmaschigen Spinnenetz. Wie in der griechischen Tragödie kann er seinem Schicksal nicht entkommen.

Das Ende ist im Anfang enthalten. In dem Moment, in dem er das Verbrechen begeht, ist klar, dass er dem nicht entrinnen kann, dass, was immer auch passieren wird, er am Ende letztlich zum Anfang zurückgeführt wird„, so Lemaitre.

Ein Buch, das mich nicht mehr losgelassen, das mich gefessselt hat, wie Antoine in seiner engen Dorfgemeinschaft.

Leseprobe

Mittwoch, 10.Mai

Heute haben
Johann Peter Hebel * 1760
Friedrich Gerstäcker * 1816
Fritz von Unruh * 1885
Petra Hammesfahr * 19561
Ralf Rothmann * 1953
Geburtstag
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Johann Peter Hebel
Abendlied wenn man aus dem Wirtshaus geht

Jetzt schwingen wir den Hut.
Der Wein, der war so gut.
Der Kaiser trinkt Burgunder Wein,
Sein schönster Junker schenkt ihm ein,
Und schmeckt ihm doch nicht besser,
Nicht besser.
Der Wirt, der ist bezahlt,
Und keine Kreide malt
Den Namen an die Kammertür
Und hintendran die Schuldgebühr.
Der Gast darf wiederkommen,
Ja kommen.
Und wer sein Gläslein trinkt,
Ein lustig Liedlein singt
Im Frieden und mit Sittsamkeit
Und geht nach Haus zu rechter Zeit,
Der Gast darf wiederkehren,
Mit Ehren.
Des Wirts sein Töchterlein
Ist züchtig, schlank und fein,
Die Mutter hält’s in treuer Hut,
Und hat sie keins, das ist nicht gut,
Musst’ eins in Strassburg kaufen,
Ja kaufen.
Jetzt, Brüder, gute Nacht!
Der Mond am Himmel wacht;
Und wacht er nicht, so schläft er noch.
Wir finden Weg und Haustür doch
Und schlafen aus im Frieden,
Ja Frieden.
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Pierre Lemaitre:Wir sehen uns dort oben
btb € 12,00

Ein wirkliches Leseereignis ist dieser Roman, den es jetzt als Taschenbuch gibt.
Er bekommt 2013 den bedeutendsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, und mit dieser Auszeichnung war sehr oft ein gut lesbarer Stoff verbunden. So auch hier. Denn obwohl es inhaltlich keine leichte Kost ist, liest sich das Buch, wie in einem Fluss. Pierre Lemaitre hat vor diesem Roman Krimis geschrieben und das merkt man seiner Schreibe an. Mit dieser lockeren Art an so ein gruseliges Thema (traumatisierte Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg) heranzugehen, verlangt schon großes Können. Zusätzlich streut er immer wieder eine Prise (schwarzen) Humor ein, der in seiner dosierten Form nie respektlos wirkt.
Aber nun zum Inhalt, damit Sie ein wenig erahnen können, worum es dabei geht.
Albert und Edouard werden kurz vor Endes des Ersten Weltkrieges in eine sinnlose Schlacht gegen die Deutschen geschickt. Alle sitzen in ihren Gräben und warten auf das Ende dieses Grauen. Diese letzte Schlacht dient nur dazu, damit der befehlende Offizier noch ein paar Orden mehr bekommt. Beide überleben diesen letzten Kampf. Albert schwer gedemütigt, da er in einem Kraterloch sitzend das Gemetzel abwartet und dabei verschüttet wird. Dieses Warten im Loch wird ihm vor dem Kriegsgericht schwer angelastet und er entgeht knapp einer Erschießung. Edouard kommt, im Gesicht, schwer missgestaltet, in die Freiheit. Wenn wir nun meinen, dass diese Männer von ihren Familien, von ihren Frauen und Freunden, der Gesellschaft mit offenen Armen empfangen werden, dann werden wir schwer entäuscht. Alberts Freundin hat ihn schon verlassen und Edouard hält sich von seiner reichen Familie fern, da er ihnen mit seinem Aussehen (es fehlt ihm wirklich der komplette Unterkiefer) nicht begegnen will. Sie sind somit Außenseiter, Verstoßene. Helden sind die toten Soldaten und die Offiziere. Dass Edouard Schwestern sich auch noch mit dem ehemaligen Offizier, der die beiden in die Schlacht geschickt hat, einlässt, pervertiert diese Situation noch mehr.
Lemaitre genügt dies jedoch nicht. Zu seiner Sprache passen nämlich auch die Gaunereien, mit denen sich diese drei Männer über Wasser halten. Der entstellte Edouard nimmt die Identität eines anderen Soldaten an, lässt sich für tot erklären. Der Offizier bekommt dies mit und als Edouards Schwester den Leichnam ihres Bruders ausgräben lässt, damit er im Familiengrab beerdigt werden kann, spielt er mit und entwickelt daraus ein riesiges Geschäft mit Umbettungen dieser Toten in ganz Frankreich. Albert und Edouard wollen sich vorrangig an ihrem ehemaligen Befehlshaber rächen, denken sich jedoch auch eine freche Gaunerei aus, der die ganze französische Nation erschüttert. Dabei entwickeln beide wieder Lebensfreude in dieser sehr grauen und tristen Zeit, in der sie von der Hand in den Mund leben, während die Herren Offiziere sich in der Gesellschaft sonnen.
Am Ende dreht Lemaitre nochmals richtig auf, wie er es als Krimiautor gelernt hat.
„Wir sehen uns dort oben“ ist eine prallvolle Lektüre, die Sie in Atem hält und auf unterschiedliche Arten unterhält.
Diesen Sommer erscheint der aktuelle Gouncourt-Preist-Roman, der ganz anders und doch auch sehr lesenswert ist. Lassen Sie sich überraschen. Er taucht hier auf dem Blog auf.

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