Mittwoch, 7.April

April, April, der tut , was er will.

Heute haben
William Wordsworth * 1770
Victoria Ocampo * 1890
Johannes Mario Simmel * 1924
Cora Stephan / Anne Chaplet * 1951
Geburtstag
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Clemens Brentano
Palmkätzchen

Flachs von fauler Dirnen Rocken,
Flaum von zarter Knaben Kinn
Stehl ich, streue weiche Flocken
Unter eure Füße hin.

Weit her schlepp ich euch den Teppich,
Daß ihr nicht zerreißt die Socken
An dem Eppich – Wolle stepp ich
Ins Geläut der Blumenglocken.
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Unser Tipp:

Helga Schubert: „Vom Aufstehen
Ein Leben in Geschichten
dtv € 22,00

Helga Schubert, 1940 in Berlin geboren, erzählt uns in einzelnen Episoden ihr Leben. Vom Vater, den sie nie kennengelernt hat, da er mit 28 Jahren im Krieg gestorben ist, von der Flucht vor den Russen und dem Aufwachsen mit einer traumatisierten Mutter, die diese Erlebnisse wohl nie richtig verarbeiten konnte. Die erste Episode schildert ihre Sommer bei der Großmutter, wo sie in der Hängematte im Garten liegt und es nach Obst und Gebäck riecht. Dort findet sie als Kind zur Ruhe, während sie in Berlin oft die Schule wechselt und von den Mitschülern gehänselt wird.
So öffnen sich immer mehr alte Schachteln mit Geschichten, Erinnerungen, Anektoden. Manchmal die gleichen Begebenheiten aus verschiedenen Perspektiven.
In der DDR arbeitet sie als Psychoanalytikerin und Schiftstellerin, darf aber nicht zu Preisverleihungen in den Westen fahren und kann mit über 50, nach der Wende, an den ersten freien Wahlen ihres Lebens teilnehmen. Was sie immer noch beschäftigt, ist das Verhältnis zu ihrer Mutter, denn sie habe drei Heldentaten in ihrem Leben vollbracht: Sie habe sie nicht abgetrieben, sie im Zweiten Weltkrieg auf die Flucht mitgenommen und sie vor dem Einmarsch der Russen nicht erschossen. Erst viele Jahre später hat sie ein Gespräch mit einer jungen Pastorin, die ihr zuhört und ihr in wenigen Sätzen die Last dieser Sätze abnimmt. Eine wunderbare Passage.
Helga Schubert hat aber trotz allem nie ihren Lebensmut, ihren Humor und das positive Denken verloren und so ist die letzte Geschichte „Vom Aufstehen“ eine kleine Zusammenfassung, wie sie als alte Dame morgens aus dem Bett steigt, sich um Mann und Frühstück kümmert. Dafür hat sie auch letztes Jahr den Ingeborg Bachmann Preis erhalten.

Sowohl dieses Buch, als auch das von Gabriele von Arnim: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ (das wir hier vor ein paar Tagen vorgestellt haben) sind für mich zwei Entdeckungen, die mich sehr bewegt, berührt und zum Nachdenken angeregt haben, da ich merke, wie klug und mit einem großen Wissen diese beiden Damen über ihr Leben schreiben.

Für mich jetzt schon zwei Höhepunkte in diesem Lesejahr.

Leseprobe

Donnerstag, 1.April

Heute haben
Nikolai Gogol * 1809
A.Kollontai * 1872
Edgar Wallace * 1875
Carl Sternheim * 1878
Milan Kundera * 1929
Rolf Hochhuth * 1931
Geburtstag
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Theodor Storm
April

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
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Claudia Wiltschek empfiehlt:


Gabriele von Arnim:
Das Leben ist ein vorübergehender Zustand

Rowohlt Verlag € 22,00

Ein Paar, beide erfolgreich, großer Freundeskreis, finanziell und gesellschaftlich bestens situiert. Sie denkt an Trennung. An dem Tag, als Sie ihn damit konfrontiert, wird er abends mit einem Schlaganfall in die Klinik eingeliefert. Alles kommt anders. Es gibt einen zweiten Infarkt und viele Komplikationen. 10 Jahre dauert dieses gemeinsame ganz andere Leben, mit einem Mann der sich nicht mehr artikulieren, aber nach wie vor ganz klar denken kann. Freunde werden weniger. Schwer zu ertragen und zu verstehen für Menschen, denen Gesellschaft und Kommunikation immer sehr wichtig und notwendig war. Plötzlich sind sie zu zweit, angebunden ans Haus und Reisen geht auch nicht mehr. Er ist der Kranke und sie ist die Frau des Kranken. Das neue Leben erscheint düster und farblos, doch es sind zehn Jahre mit neuen erstaunlichen Farbnuancen, von der Autorin so ehrlich und überzeugend erzählt. Das Miteinander, das vor der Krankheit keines mehr war, ist nun wahrhaftig und trotz allem meistens gut.
Es ist schwierig, die richtigen Worte für dieses wunderbare Buch zu finden. Selten habe ich so ein kluges, feinfühliges Buch gelesen. Es ist in keinster Weise deprimierend. Es ist so positiv, trotz aller Katastrophen, Zusammenbrüchen, Ängsten und Zerissenheiten zwischen Aufopferung,  Würde und Selbstfürsorge.

Gabriele von Arnim wurde 1946 in Hamburg geboren. Sie hat studiert, promoviert und zehn Jahre als freie Journalistin in New York gelebt. Danach schrieb sie u.a. für die DIE ZEIT und DIE SÜDDEUTSCHE, BR und WDR und arbeitete als Moderatorin für ARTE, den SDR/SWR und den SF. Sie schreibt Rezensionen für Zeitungen und Hörfunk, moderiert Lesungen, hat mehrere Bücher veröffentlicht und lebt in Berlin.

Donnerstag, 11.März


Heute haben
Karl Krolow * 1915
Janosch * 1931
Douglas Adams * 1952
Marion Brasch * 1961
Leena Lehtolainen * 1964
Geburtstag
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Mara-Daria Cojocaru
Notiz zu Cyprinidae XX
01.09.19 – 7:45
Breite: 48.09 Länge: 11.67
München, Grünsink

Das Quetschwerk in meinem Herzen
Treibt mich alten Backfisch in Hungerform
An stillgelegte Orte. Hier ist noch was
Von Jugend: mehrsömmerig die Erinnerung
In der Kiesgrube zum Beispiel
Die Nachfahren der Enten
Die wir damals nur gestört haben
Putzen sich im Schilfschatten wach
Heute kenn’ ich ihre Namen, ihre Wunder

Es ist ein Schmatzen in dem ganzen Teich
Zwischen den Tausendblättern
Die wir unbeschrieben lassen werden
Ährige Erklärungslosigkeit
Ich gehe in die Knie ​
Ein heller Fisch kommt aus dem Dunkel
Des Grundwassers geschwommen
Als ob er mir was sagen
Wir haben den Moment, erkannt
Ich werde diesen Lichtkarpfen nicht verraten

Jetzt breitet sich schon wieder
Hoffnung in mir aus, wie ein Neozoon
Und ich lauf ’ vorbei
An der Stelle, wo wir jung und schleierhaft
Gezeltet haben. Dort stehen Goldruten nun
Hohe Wache, auf dass nie wieder hier
Ein Mädchen sich derart verliere

aus Jahrbuch der Lyrik 2021
Schöffling Verlag € 22,00
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages
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Claudia Wiltschek empfiehlt:


Jenny Jägerfeld: „Mein geniales Leben
Aus dem Schwedischen von Brigitta Kirchner
Verlag Urachhaus € 16,00
Jugendbuch ab 12 Jahren

Der 12 jährige Sigge möchte nochmal ganz von vorn anfangen. In seiner bisherigen Schule lief alles nicht so gut. Keine Freunde, und immer wieder ein beliebtes Mobbingopfer durch sein schielendes Auge und der dicken Brille. Deswegen kommt ihm der Umzug mit seiner Mutter und den zwei Halbgeschwistern zur Großmutter in die Kleinstadt gerade Recht. Seine Großmutter entpuppt sich als coole, energiegeladene, unkonventionelle alte Dame, die gern Glitzer trägt und sich wenig um die Meinung anderer Leute schert. Schon allein das Einkaufen wird mit ihr immer zu einem spaßigen Erlebnis. Werden doch gewisse Ernährungsregeln großzügig übersehen. Ihr Haus, ein ehemaliges Hotel, ist schräg und bunt eingerichtet. Regelmäßige Flohmarktbesuche haben ihre Spuren hinterlassen. Sigge ist im Glück und will nun an seiner Beliebtheit arbeiten. Leider purzelt er höchst peinlich mit seinen Inlinern in einen fremden Garten und wird von Juno, einer Möchtegern-Journalistin gefilmt. Erstmal kein so guter Start. Lauter wilde Dinge geschehen und für Sigge ist eine schöne Freundschaft mit Juno unerwartet ganz nah, wenn da nicht die Geschichte mit dem gestohlenen Gartenzwerg von ihr wäre und Sigge sich immer mehr in Unwahrheiten verheddert.
Ein tolles, witziges und tiefgründiges Jugendbuch mit so liebenswerten Menschen: Sigge mit seinem tapsigen Charme, seine laute Schwester und sein kleiner Bruder, bei dem jedes Wort, das er sagt, ein kleines Wunder ist. Und Juno, hinter deren cooler Maske ein empfindsames Wesen steckt und natürlich die schräge Großmama und seine willensstarke  Mutter.
Für Mädels und Jungs und auch für uns Große ein erfrischender Lesespaß.