Mittwoch, 8.April

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Heute haben
Johann Christian Günther * 1695
Emile Cioran * 1911
Christoph Hein * 1944
Eva Heller * 1948
Geburtstag.
Aber auch Jacques Brel, Kofi Annan, Vivienne Westwood.
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Thomas Dietrich
Ostern 2020

Ja, sie kommt, die Osterfeier:
Schokohasen, bunte Eier,
Osternester, Süßigkeiten
Freude Groß und Klein bereiten.

Christ, der Herr, sei auferstanden,
feiern viele in den Landen.
Wohingegen andre meinen,
Hauptsach‘ ist, die Sonn‘ tut scheinen.

Gottesdienste, Onkel, Tanten,
und die Treffen mit Verwandten
machen diese Tage aus.
Diesmal wird wohl nichts daraus!

Ja, wir bleiben brav zu Hause,
Treffen haben weiter Pause,
denn es ist noch nicht vorbei:
Darauf pell‘ ich mir ein Ei.

Ich will Ostern, auch alleine.
Daran kann mich hindern keine
Krise und auch keine Seuche,
der gedanklich ich entfleuche.

Und da kommen darf kein B’such
greife ich zum x-ten Buch.
Lese, wie vom Eis befreit
Frühling flattert blau allzeit.

Sehe Sonne, klaren Himmel,
hör‘ der Vögel munt’res G’wimmel,
freue mich an meinem Leben:
Ostern wird es weiter geben!
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Alex Wheatle: „Home Girl“
Aus dem englischen von Conny Lösch
Kunstmann Verlag € 18,00

„Home Girl“ ist so rasant und lustig, zärtlich, tragisch und voller Courage wie seine Heldin Naomi.
Nach seiner Crongton-Trilogie (einem Brennpunktstadtteil in London) war ich sehr gespannt auf sein neues Buch. Wheatle hat ein Tempo, einen Witz in all dem täglichen Kampf ums (Über)leben in einer schwierigen Zeit für Kinder und Jugendliche. Und: Er liebt seine Figuren. Irre.
„Home Girl“ erzählt von einer Jugend im Fürsorgesystem, von tiefen Verletzungen und enttäuschten Hoffnungen, von gerechter Wut und schlechten Entscheidungen, von Rassismus und verfehlter Politik, von falschen Freunden und davon, wie Fremde zu Familie werden und, trotz allem, nach Heim über Heim, ein Zuhause entstehen könnte.
Naomi ist erst 14, hat aber schon mehr erlebt, als die meisten Erwachsenen aushalten würden. Dies kompensiert sie, in dem sie redet und redet. Sie hüpft von Thema zu Thema, provoziert und fliegt aus jeder Pflegefamilie. Die letzte Rettung sind übergangsweise die Goldings. Sie haben schon zwei Pflegekinder. Colleen und Tony Golding sind schwarz und eigentlich ziemlich cool für Pflegeeltern. Sharyna und Pablo, ihre neuen Geschwister, sind sogar mehr als okay. Nur mit Kim und Nats, ihren Freundinnen, läuft es irgendwie nicht mehr ganz so gut, und langsam muss sich Naomi die Frage stellen, ob sie ihnen noch vertrauen kann.
Ein tolles Jugendbuch.

Alex Wheatle wurde 1963 in Brixton geboren und wuchs größtenteils in einem Kinderheim auf. Mit 16 gründete er ein Reggae Soundsystem und trat unter dem Namen Yardman Irie auf. Während der Brixton Riots wurde er verhaftet und verbrachte einige Zeit im Gefängnis, wo er seine Liebe zur Literatur entdeckte. Er hat mehrere von der Kritik gefeierte Romane veröffentlicht, bevor er sich der Jugendliteratur zuwandte. Er lebt mit seiner Familie in London.

Mittwoch, 12.September

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Heute haben
Han Suyin * 1917
Stanislaw Lem * 1921
Michael Ondaatje * 1943
Geburtstag und
auch Mark Rothko  *1903
Dmitri Schostakowitsch * 1906
Barry White * 1944.
Es ist der Todestag von David Foster Wallace.
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Heute auf dem Gedichtekalender:

Klabund
Enzian II

Wenn ich wüßte warum –
Ich wüßte weniges.
Wenn ich wüßte woher
Ich wüßte viel.

Der Anker auf dem Matrosenarm
Faßt Fleisch.
Dein Gesang aus den Fenstern
Verstummt.

Dorthin segelt die Yacht,
Die Jähe.
Weiße Brust?
Atmet die Salzsee.

Die großen Meere! Aber die kleine Quelle
Sah niemand im Alpendickicht.
Nur ein sterbendes Murmeltier
Netzte die Lefzen.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Donatella di Pietrantonio:Arminuta
Antje Kunstmann Verlag € 20,00

Ein 13jähriges Mädchen wird von ihrem Onkel, bei dem sie aufgewachsen ist, vor der Tür ihrer „echten“ Familie abgesetzt. Das Mädchen versteht nichts, außer, dass sie zurück will. Da wo sie herkommt. Da wo sie geliebt wurde. Da wo die Stadt, das schöne Haus und das Meer ist. Aber es gibt kein Zurück. Es wird in eine Familie voller Kinder und Armut geworfen. Mit einer Mutter, die streng und unbarmherzig ums Überleben kämpft und ihr weder Trost noch Antworten gibt.
Sie findet heraus, dass ihr Onkel und seine Frau sie aufgenommen haben als sie noch ein Säugling war. Weil sie selber keine Kinder bekommen konnten und ihre Mutter schon genug Münder zu stopfen hatte. Mehr weiß sie nicht und so bleibt ihr bloß die eigene krude Vorstellung von der Krankheit und dem Tod ihrer Ziehmutter. Wie sonst ist zu erklären, dass keine Post, keine Anrufe von ihr kommen und sie sich nicht mehr blicken lässt.
Die Armut macht ihre neue Familie zur Zielscheibe für Hänseleien und Ausgrenzung. Arminuta, die Zurückgekommene wird sie von nun an gerufen. Einzig ihre kleine Schwester nimmt sie von Anfang an in Beschlag und in ihren Schutz. Sie fängt die Prügel der Mutter ab und sorgt dafür, dass ihre große Schwester im neuen Leben zu Recht kommt. Auch ihr Bruder Vincenzo zeigt ihr seine Zuneigung, die gleichwohl weit über die geschwisterliche Liebe hinaus geht. Er hat, wie alle Kinder der Familie die Schule früh abgebrochen, verdient sich auf krummen Wegen ein Zubrot und ernährt damit gleichzeitig seine Eltern und Geschwister. Sein Schicksal steht unter keinem guten Stern und die Familie wird schließlich von seinem Verlust schwer gebeutelt.
Die guten schulischen Leistungen retten Arminuta und bringen sie zurück in die Stadt auf die Oberschule und in eine andere Familie. Als sie endlich ihre Ziehmutter wieder sieht, ist die Erkenntnis bitter und der Grund warum sie sie zurückgegeben hat, hinterlässt eine lebenslange Narbe.

Donatella di Pietrantonios kurzen, aber eindringlich Roman habe ich in einem Rutsch gelesen und war von Anfang an eingenommen von seinen so klar und genau gezeichneten Figuren und von seiner Erzählweise, die sich aufs Einfachste beschränkt, aber präzise den richtigen Ton findet, um die Welt im Innen und Außen der Protagonistin zu beschreiben: Das enge Schlafzimmer der Kinder, in dem die Schwestern Kopf an Fuß auf einer vollgepinkelten Matratze schlafen und sich gegenseitig Trost und Wärme geben. Der Küchentisch, an dem es stets ein Handgemenge gibt, um das beste Stück Brot oder Fleisch. Der Schmutz und die fehlenden Hygiene, die das Leben in Armut zeichnen. All das erzählt die Autorin in einer Haltung, die trotz allem die schönen, lichten und liebevollen Momente herausstellt, so, dass es gleichzeitig eine Geschichte von Freundschaft und vom unzerüttbaren Zusammenhalt der beiden Schwestern ist.

Donatella Di Pietrantonio wurde in den Abruzzen geboren und lebt heute in der Nähe von Pescara. Ihre Romane Meine Mutter ist ein Fluss (Kunstmann 2013) und Bella mia (Kunstmann 2015) wurden mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Mit ihrem neuen, in zahlreiche Länder verkauften Buch ist ihr der internationale Durchbruch gelungen.
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Heute abend in unserer Buchhandlung:

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Almut Pfriem: „Perlen der Demenz“

Die aus Ulm stammende Almut Pfriem hat die Demenz ihrer Mutter in einem Buch verarbeitet. Es trägt den Titel „Perlen der Demenz – Eine Familie findet ihren Weg“.
Sie liest daraus heute abend am, 12. September, 19 Uhr.
Der Eintritt ist frei.

Die 53-Jährige schreibt in ihrem Erstlingswerk die Geschichte der letzten Lebensjahre ihrer Mutter, die 2014 starb, aus zwei Perspektiven: Einmal die der Betroffenen, der es schmerzlich bewusst ist, dass sie immer mehr und immer öfter vergisst; und zum anderen aus der der Tochter, die gemeinsam mit ihren Geschwistern versucht, mit den Veränderungen umzugehen und einen für alle gangbaren Weg zu finden. In der Handlung mischen sich Realität mit Fiktion.
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Die Jury des Deutschen Buchpreises hat in Frankfurt am Main ihre Shortlist bekannt gegeben.:

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Maxim Biller: Sechs Koffer
Nino Haratischwili: Die Katze und der General
Inger-Maria Mahlke: Archipel
Susanne Röckel: Der Vogelgott
Stephan Thome: Gott der Barbaren

Am Dienstag, den 18.September veranstalten wir ab 19 Uhr wieder unser Shortlistlesen.

Dienstag, 9.Februar

Heute haben
Felix Dahn * 1834

Amy Lowell * 1874
Brendan Behan * 1923
Thomas Bernhard * 1931
John Maxwell Coetzee * 1940
Alice Walker * 1944
Geburtstag.

Ganz neu als Taschenbuch liegt Rafael Chirbes Roman bei uns auf dem Büchertisch.
Die deutsche Originalausgabe erschien im Münchener Antje Kunstmann Verlag.

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Rafael Chirbes: „Am Ufer
Aus dem Spanischen: Dagmar Ploetz
btb € 10,99

Der spanische Autor Rafael Chirbes, der letzten Sommer gestorben ist, hat mit seinem letzten Roman ein unglaubliches Vermächtnis hinterlassen. Ernüchtert sieht er schwarz für die spanische Zukunft. Dazu gräbt er ganz tief in den Sümpfen der Vergangenheit, holt wie Dante die Leichen der alten Zeiten hervor und lässt tief in die Seelen sehr MitbürgerInnen blicken.

„Wegen der Krise werden meine Bücher jetzt in Spanien mehr gelesen. Die Leute sind sich bewusst, dass der soziale Aufstieg bei Weitem nicht für alle ist. Der Klassenkampf geht weiter, es gibt ein Oben und ein Unten, und der soziale Aufstieg ist nur in einigen wenigen Ausnahmefällen möglich. Der Nukleus der Macht reproduziert sich. Die Macht der großen und einflussreichen Familien Spaniens ist ungebrochen. Ein Großteil konsolidierte sich im 19. Jahrhundert. Es folgten die Franco-Zeit, die Demokratie, doch der Klassenkampf prägt nach wie vor die Welt. Ursprünglich wollte ich den Roman „Ein Held unserer Zeit“ nennen, weil er von einem Mann handelt, der nichts riskierte, dem die übliche Skrupellosigkeit abging.“

Im Mittelpunkt steht der 70jährige Esteban, der die Schreinerei seines Vaters übernommen hat. Er hat sich verspekuliert und alles verloren, Angestellte antlassen und sogar die Pflegerin seines dementen Vaters kann er nicht bezahlen. Er sieht für sich und seine Familie keine Zukunft mehr, obwohl er mit seinen 70 Jahrennoch sehr rüstig im Leben steht.
Chirbes lässt unterschiedliche Menschen zu Wort kommen, die den Ich-Erzähler ablösen. Überall in diesen Stimmen finden wir den Untergang, die große Ernüchterung nach dem Wirtschaftsboom. Immer größer wird die Schere zwischen arm und reich und von den jeweiligen Regierungen ist nicht viel zu erwarten. Einzig die Stimme der kolumbianischen Pflegerin Liliana bringt mit ihren leuchtenden Erzählungen aus ihrer Heimat einen anderen Ton in den Roman, obwohl sie jeden Grund hätte über ihren arbeitslosen, alkoholsüchtigen Ehemann zu jammern. Durch ihre Entlassung, geht es auch mit Estebans Vater rapiden bergab.
Chirbes gibt den Unterdrückten, den Hoffnungslosen, den zu kurz Gekommenen, den Einwanderern, den Arbeitern und Arbeitslosen eine Stimme. Menschen, die schuldlos in tiefe Krisen gestürzt wurden und die keine Hilfe erwarten können. Chirbes legt uns eine andere Geschichte Spaniens des 20.Jahrhunderts vor und wir erfahren durch ihn, wie es nach Bürgerkrieg, Francodiktatur und Demokratie zu dieser Krise kommen konnte.

„Ich gehe in all meinen Romanen von mir aus und meiner Projektion nach außen. Aus meiner Sicht ist die Welt ein Schrank mit vielen Anzügen. Wir alle tragen eine Vielzahl von Personen in uns, die sich je nach Umständen, Bestrebungen und Wünschen entwickeln. Im Grunde genommen bin ich all meine Romanfiguren. Im dem Roman „Der Fall von Madrid“ gibt es einen böswilligen Polizisten. Auf die Frage, wer mich zu dieser Figur inspiriert hätte, antwortete ich, der böswillige Teil in mir. Und bei der Frau, die vergewaltigt wurde, ging ich von meiner Fragilität aus.“

Chirbes Roman hat mich während und nach der Lektüre nicht mehr losgelassen. Seine Bilder, seine Symbole sind so plastisch, dass sie nicht leicht wegzuschieben sind. Ein sehr intensives, prallvolles Buch, in dem es um Leben und Tod geht, um ausgegrabene Erinnerungen, verlorengegangene Illusionen und Hoffnungen.

„Es ist ein Roman über das Ende des Lebens, über das Alter und den Tod. Wie einem das Alter, wenn es sich tatsächlich bemerkbar macht, viele Dinge lehrt, uns unsere Grenzen aufzeigt, etwa die Schwierigkeit, Liebesbeziehungen einzugehen.“

Eines dieser Symbole ist ein reales Sumpfgebiet in der Gegend der Kleinstadt Olba, dort wo der Roman spielt und auch dort wo Chirbes geboren wurde und gestorben ist. Hier liegen wirkliche Leichen und welche, die aus unseren Erinnerungen hochkommen und angeschwemmt werden.

„Ich erwähne diesen Sumpf schon in der ersten Zeile von „Krematorium“ neben den Baukränen und Maurerarbeiten. Ich hatte mir zuerst gesagt, er kommt ans Ende. Der Sumpf ist unberührt. Doch dann wurde mir klar, dass er sich ja gar nicht außerhalb der Geschichte befindet, sondern ein Teil von ihr ist. Der Sumpf enthält viele Elemente der spanischen Geschichte: Der Müll, der früher dort hineingeworfen wurde, die Toten des Bürgerkriegs, die Asphaltblöcke der Entwicklungsjahre, den Schutt des Baubooms, die Waffen der Mafia, das alles steckt im Sumpf.“

Trotz all dieser Düsternis, die meine Besprechung ausdrückt, war ich sehr fasziniert von Chirbes Roman, da er auch literarisch auf höchstem Niveau spielt, zwischen tiefer Depression und bitterbösem Sarkasmus angesiedelt ist und deutlich mehr als eine Analyse der spanischen Gesellschaft ist.

„Ich erahne eine finstere Zukunft. In dieser Schlacht zwischen Oben und Unten haben sie den Respekt vor uns verloren. Vor zehn Jahren verdiente jedweder Spanier mehr als heute. Dabei ist heute alles drei Mal so teuer wie damals. Es gibt keine Gegenbewegung von unten, und die da oben machen, was sie wollen. Sie kürzen die Gehälter, verschlechtern die Arbeitsbedingungen. Auf internationaler Ebene Interventionen nach Gutdünken. Sie machen einfach, was sie wollen.“

Leseprobe
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Stadthaus Ulm
17. Dezember 2015 bis 13. März 2016
Nadja Wollinsky: Am Rand
Fotografien aus Ulm, Neu-Ulm und Umgebung

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