Samstag

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1952 wurde Ulmer Bücherstube Jastram von Erika Jastram gegründet.
1983 kamen wir nach Ulm. Ich begann wieder ganz von vorne und war Lehrling bei Irmi Bürzle, die ihrerseits die Buchhandlung von Erika Jastram übernommen hatte.
Am 1.Juli 1990 übernahmen wir dann von ihr die Buchhandlung.
Jetzt sind 25 Jahre vergangen und wir alle im Laden freuen uns, dass es diese Buchhandlung noch gibt.
Ohne unsere KundInnen allerdings ist dies nicht möglich.
Deshalb gilt mein Dank nicht nur meiner Familie, meinen tollen Angestellten, sondern auch dem so treuen Publikum der Kulturbuchhandlung Jastram, wie wir sie frecherweise umgetaucht haben.

Einer Kunden, hat den Bleistift gespitzt und sich (wie schon so oft) für uns ein Gedicht verfasst.

It´s a kind of magic
oder
25 Jahre „Jastram“

Wer seine Firma bestens führt,
sich selbst und andere motiviert,
bekommt doch meist zum eig´nen Glück,
mehr als nur den Erfolg zurück!

Seit fünfundzwanzig Jahren schon
gibt „Samy“ W. hier an den Ton
und bringt zur Freude seiner Kunden
den Laden glücklich über d´Runden.

Ein freundlich Wort, ein weiser Rat,
und guter Service sind parat,
wenn man als Kunde tritt herein
in diesen Laden, klein und fein.

Hier wird mit Wissen gern geklotzt
und spielend Amazon getrotzt.
Hier gibt es Lesungen und mehr.
Wer einmal kam, kommt wieder her.

Denn „Jastram“ heißt ein Zauberwort
das führt in Ulm an diesen Ort,
an dem das Buch wird hochgeschätzt
und nicht elektrisch wird vergrätzt.

Dort kann man riechen an den Seiten,
von Wissenschaft zu Krimis gleiten,
Musik auch kaufen und genießen;
und draußen vor tun Blumen sprießen.

Hier hat das Buch ´nen sich´ren Hort
und will von dort nur wieder fort,
wenn sich ein liebend Käufer findet,
der lesend sich mit ihm verbindet.
Was ist hier anders denn und so?
Warum grad hier und nicht auch do?
Das lässt sich einfach nicht so sagen,
drum soll man´s auch nicht hinterfragen.

Wer einmal in dem Laden drin,
ist glücklich jetzt und fürderhin.
Zum Buch die Liebe strahlt umher
und fordert fröhlich auf „Kauft mehr!“

So wurde hier mit Team und Kunden
ein richtig guter Weg gefunden,
um besten Service zu bewahren,
zu weit´ren Jubiläumsjahren!

Denn wo Fortuna Zukunft streute,
da gratuliere ich nun heute
und hoffe, dass auch künft´ge Zeiten
erfolgreich dieses Glück ausbreiten!

Herzlichen Glückwunsch zum silbernen Jubiläum mit den allerbesten Wünschen bis zum goldenen Jubeltag!

ThomasD.

Vielen Dank dafür, auch an Peter, der uns die 25 gelbe Rosen mitgebracht hat.

Donnerstag

Heute haben
Sándor Márai * 1900
Marlen Haushofer * 1920
Geburtstag
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Edward Gorey:Ein fragwürdiger Gast
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Alex Stern
Lilienfeld Verlag  € 12,90

Nun gibt es ihn wieder, den seltsamen Gast. Der plötzlich bei einer Familie auftaucht und nicht mehr geht. Seit Jahren waren die Bücher von Gorey vergriffen; einmal ging sogar eine Palette Gorey-Bücher beim Diogenes Verlag im Keller verschütt und tauchte erst Jahre später wieder auf. Mittlerweile wurde genau diese Ausgabe hochgehandelt auf dem Antiquariatsmarkt. Der Lilienfeld Verlag versucht sich nun wieder am Altmeister der schrägen Kunst aus den USA. 1957 erschien dieses Werk zum ersten Mal in den USA und hat seinem Autoren Weltruhm verschafft. Mit seinem feinsinnig-schrägen Spaß und reichlich viktorianischem Flair, der aber auch schnell ins gruselige Dunkel abrutschen kann, seine witzigen Textzeilen, die in anderen Büchern auch so richtig britisch böse werden können, erzählt er hier von einem fremden Gast (ja was ist das eigentlich für ein Wesen?), der plötzlich dasteht und nicht mehr verschwindet. Nicht nur dass er am Tisch alles wegfuttert, incl. des Tellers; er versteckt auch Dinge aus dem Haushalt, oder wirft sie gleich in den nahegelegen, zugefrorenen Teich.
Markenzeichen des Gastes sind seine weißen Leinenschuhe, mit denen Gorey auch herumgelaufen ist.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit dem kleinen, schön gestalteten Büchlein mit seinen feinen schwarzweiss Zeichnungen.

Im Buch blättern
Edward Gorey Website
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Neues aus der New York Underground Public Library:

“The Great Gatsby,” by F. Scott Fitzgerald
„The Great Gatsby“ by F.Scott Fitzgerald

“The Hum and the Shiver,” by Alex Bledsoe
„The Hum and the Shiver“ by Ales Bledsoe
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Mittwoch

Heute haben
Alfred Kubin * 1877
Claudi Magris * 1939
Geburtstag
und Stefan Heym wird heute 100 Jahre alt.
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Gestern habe ich meinen Reisebegleiter kurz erwähnt; konnte ihn aber nicht länger besprechen. Das soll jetzt kommen.

Scherben

Ismet Prcic: „Scherben
Suhrkamp Verlag  € 21,95

Gestern schrieb ich schon, dass der Autor und sein gleichnamiger Protagonist im Roman vor einem Scherbenhaufen seines Lebens sitzt. Durch den miterlebten Bosnienkrieg ist er schwer traumatisiert. Er sitzt mitlerweile in den USA, lehrt Theaterpädagogik und sein Therapeut rät ihm, sich alles von der Seele zu schreiben. So weiss ich nicht, was ist Realität und was ist Fiktion. Das ist jedoch auch bei keinem Roman, bei keiner Biografie klar zu erkennen.
„Jeder ist der Held seiner eigenen Märchen. … Ich habe kein Heimweh, mati. Ich bin die ganze Zeit daheim. In der Vergangenheit. In der Fiktion.“
Schulabenteuer, erste Liebe, der verzweifelte Ruf an seine Mutter, der Krieg, die Spielchen; all dies wird in einzelnen Episoden erzählt. Ohne eine fortlaufende Chronologie. Der größte Teil des Buches sind die Jugendjahre von Ismet Prcic in Tuzla. „Chaos war die Normalität. Und die Normalität war unnatürlich, brüchig.“ Dieses Chaos überträgt sich auf den Schreibstil. Ismets Jahre dort sind auch noch kindlich naiv. Mit Abenteuerspielchen durchsetzt und über allem schwebt schon eine Vorahnung eines Krieges. Er ist 15, als 1992 der Krieg nach Tuzla und die bosnischen Serben die Stadt zu beschießen beginnen. Und er ist 18, als er 1995 auswandern kann, ehe er noch zum Kriegsdienst eingezogen wird.
„Zivilisten fällten Bäume im Park, wurden auf Fußballplätzen beerdigt, verfeuerten Bücher und Möbel, hielten Hühner auf dem Balkon, reparierten Schuhe mit Klebeband, jagten und aßen Tauben, bauten Öfen aus alten Waschmaschinen, züchteten Pilze im Keller, ersetzten kaputte Fensterscheiben durch schmutziges Plastik, drehten durch und sprangen von Hochhäusern, verdünnten Brennspiritus mit Kamillentee, damit er nicht mehr feuergefährlich war, und tranken ihn, drehten sich Kräuterzigaretten aus Klopapier, litten, hofften, warteten, fickten.“
Er erfindet sich eine weitere Figur, Mustafa, der vielleicht ein zweites Ich sein kann. Mustafa erlebt den Krieg, er kann nicht fliehen. Er bleibt zurück. „Mustafa geht mir nicht aus dem Kopf. Stundenlang träume ich im Wachzustand sein Leben, während ich darauf warte, dass meines einen Sinn ergibt“, notiert Ismet in seinem Tagebuch. „Ich wollte eine Figur, die weggeht und den Krieg von außen sieht; und eine andere Figur, die kämpft und den Krieg am eigenen Leib erfährt. Irgendwann kollabieren die beiden Figuren ineinander, ohne dass man wissen kann, welche wirklich ist.“
Zusammen mit seinen Kumpels versucht er in eine andere, heile Welt abzutauchen.
„Ich blendete einiges aus, wenn ich mit meinen Freunden zusammen war. Wir vermieden es, über Politik und Religion zu sprechen. Stattdessen zogen wir, allesamt geil und verliebt, durch die Straßen. Wir schrammelten auf verstimmten Gitarren, erzählten einander Lügengeschichten über sexuelle Erfahrungen, tauschten italienische Comics und deutsche Pornos, rissen eklige Witze und schimpften über die Schule.“
Das Leben erträglich macht Ismet eine Laientheatergruppe, der er sich anschließt. Durch diese Arbeit vergißt er die Greuel des Alltags. „Das Theater war Labor, Religion, Geheimkult. Es war alles. Es geht darum, der Welt zu zeigen, dass es in Bosnien Schönheit gab, und wir nicht nur die Opfer von Geisteskranken waren, Experten im Leiden, verzweifelt um Hilfe Bettelnde, die in ihren Städten vor sich hin vegetierten und darauf warteten, gerettet zu werden, während die Welt auf CNN zusah.“
Was sich nun als sehr sehr und grausam darstellt, ist im Buch witzig, frech auch rotzig aufgeschrieben. Voller Liebe zu bestimmten Personen und kindlich naiv. Ich habe das Buch atemlos gelesen und immer wieder geschmunzelt, mich gewundert und finde es großartig.

Leseprobe
Website des Autors, auf der ganz groß das Wort Izzy steht. So wird Ismet in den USA genannt.


Interview mit dem Autor


Lesung bei First Novel Fete 2011
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Neues aus der Underground New York Public Library:

NY

„Notes from the Underground“ by Fyodor Dostoyevsky

NY2

„In Praise of Messy Lives“ Essays by Katie Roiphe