Donnerstag, 30.April

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Heute haben
Fritz von Herzmanovsky-Orlando * 1877
Jaroslav Hasek * 1883
Luise Rinser * 1911
Ulla Hahn * 1946
Geburtstag
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Thomas Dietrich
Maskenball

„Masken kommen vors Gesicht!“,
heißt die neue Bürgerpflicht.
Schützen so vor bösen Viren,
weshalb wir uns auch nicht zieren.

„Das ist neu und ungewohnt.“,
manch ein Bürger flugs betont.
„Und mit Brille macht´s Beschwerden,
wenn die Gläser neblig werden.“

Leute, hört jetzt auf zu stöhnen,
und tut einfach Euch gewöhnen.
Doch nur drinnen, rät der Richter.
Draußen zeigen wir Gesichter.

Klinisch grün muss es nicht sein.
Farbe bringt mehr Freude rein.
Bunt und lustig, schrill und laut,
sowas traget auf der Haut.

Phantasie und tolle Muster
machen auch das Hirn robuster.
Nehmt dem Trübsinn seine Kraft,
Heiterkeit mehr Mut uns schafft.

Darum greift zum schönen Tuch,
lest auch wieder mal ein Buch,
und trotz alldem bleibet heiter:
So nur geht das Leben weiter!

© Thomas Dietrich
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Dorthe Nors: „Die Sonne hat Gesellschaft“
Aus dem Dänischen von Frank Zuber
Kein & Aber Verlag € 20,00

„I would love people to be entertained, to love and to cry with these stories!“
Dorthe Nors

Dieses Zitat setzte ich 2015 (Jastram Blog Januar 2015) vor die Besprechung ihres letzten Erzählbandes. Fünf Jahre sind ins Land gezogen, im Moment ist so vieles anders – die Erzählungen von Dorthe Nors sind immer noch unglaublich gut.

„Es ist immer möglich, sich ein Stück weiter zurückzuziehen“,
steht diese Mal als Motto vor den Texten.
Gerade in den letzten Wochen haben wir im Buchladen gemerkt, wie wichtig vielen Menschen Bücher sind. Unsere Zeit wurde entschleunigt. Nicht freiwillig. Unsere abendlichen Aktivitäten wurde auf null heruntergefahren. Dieser oben erwähnte Rückzug traf voll unseren Alltag.
Dorthe Nors schreibt diesen Alltag, die Besonderheiten bestimmter Situationen auf. Wie ein „Handkantenschlag“ (so der Titel ihres letzten Buches) treffen uns diese kurzen Erzählungen, in der, in „Auf einem Hochstand“, ein Mann vor seiner Frau flieht, da er jeden Streit mit ihr verliert. Nass, verfroren und mit einem verletzten Fußgelenk sitzt er auf einem Hochstand, denk die ganze Zeit darüber nach, wie seine Frau sich Sorgen um ihn macht und wie Wölfe unter ihm lauern.
Mit „Es war nur eine Frage der Zeit“ beginnt die Erzählung und endet mit „Nebel ist aufgezogen, es wird eine kalte Nacht, und jemand hat Wölfe gesehen.“
Kleinste Episoden aus verschiedenen Biografien verpackt die Autorin zu messerscharfen Betrachtungen und komprimiert sie zu extrem guten Short Stories. In den USA erntet sie seit Jahren höchstes Lob, ihre Texte werden im New Yorker abgedruckt. Hier im deutschsprachigen Raum tut sie sich deutlich schwerer. Schade.

Dienstag, 30.Mai

Heute hat
Georg K.Glaser * 1910
Colm Toibin * 1955
Geburtstag
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Gottfried Keller
Wanderlied

Wie meine Seele jubelt
Ob dieser schönen Welt!
Wie eine Lerche schwebt sie
Hoch über Wald und Feld.

Bald wiegt sie sich auf Lilien,
Die still in Gärten stehn,
Dann wieder plötzlich stürzt sie
Sich in die fernsten Seen.

Nun ruht sie auf des letzten
Und blausten Berges Rand
Und schaut mit trunknen Augen
Hinüber ins fremde Land.

Doch kann sie nicht entrinnen,
Wie sie auch flieht allwärts,
Denn sie ist festgebunden,
Fest an ein schweres Herz!
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Unsere Praktikantin Sophie Janjanin empfiehlt:

Shawn Vestal: „Loretta
Aus dem Amerikanischen von Verena Kilchling
Kein & Aber Verlag  € 24,00

Sie trägt Jeans, das einzige Paar, das ihr Vater ihr für die Hausarbeit gestattet, und dazu Clogs. Ihre Heidenkleidung. Die Berge, die tagsüber rot sind, heben sich schwarz und zerklüftet vom satten Tintenblau der Nacht ab. Ihr Zuhause ist dort draußen am Rand, am Rand der Gemeinde Short Creek, genauso, wie Loretta und ihre Familie am Rand stehen – halbe Außenseiter, noch nicht ganz angekommen in den Armen des Propheten. Das macht es leichter, sich davonzuschleichen, ohne von den Männern des Propheten erspäht zu werden.
Shawn Vestal (*1966, Idaho) entfloh, wie auch seine Romanfigur „Loretta“, dem strengen genügsamen Mormonenleben. Beschrieb er seinem ersten Buch „Godforsaken Idaho“ noch die Anfänge des Mormonentums, steigt er mit „Loretta“ tief in die Welt der polygamistisch lebenden Gruppe von Gläubigen in Short Creek in Arizona ein. Es geht um Aufbruch und Ausbruch aus strengen Mustern: Die 16-jährige Loretta wird mit Dean verheiratet, der bereits Frau und Kinder hat. Sie lehnt sich gegen das System auf, stellt ihren Glauben in Frage, packt ihre Sachen und verschwindet. Im Gepäck hat sie außerdem noch eine handvoll Verehrer, die ihr den Traum vom ausschweifenden Single-Tussi-Leben verbauen wollen. Vestals Beschreibungen der Religionsauffassung der Mormonen erinnert stark an ein mittelalterliches Verständnis: Um ins Himmelsreich zu kommen muss das irdische Leben von Verzicht und Leiden geprägt sein. Doch auch bei den angeblich so Rechtschaffenen menschelt es deutlich: Scheinheilig sucht Familienpatriarch Dean nach Bestätigung, seines immer gierigeren Lebensstils.
Gibt es keinen Punkt, an dem ich meinen Anteil geleistet habe, mehr als meinen Anteil, viel mehr sogar, und den Rest behalten darf, ohne gleich mangelnder Rechtschaffenheit bezichtigt zu werden?
Man kann gar nicht anders, als mit den Menschen mitzufühlen, die versuchen, den Sinn ihres Daseins und ihres Tuns in einem größeren Ganzen zu suchen. Besonders Deans Neffe Jason, der Loretta mit Haut und Haaren verfallen ist, hadert mit seinem Weltbild:
Was es in einer gottlosen Welt tatschlich nicht geben würde, wäre ein Sinn für Recht und Unrecht.
Ob Gott für ihn tatsächlich existiert, ist bei den Jugendlichen im Buch aber nicht das Problem. Vielmehr geht es um die Frage: In welche Welt gehöre ich eigentlich?
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Nicht vergessen:

Dienstag, 6.Juni um 19 Uhr
„Die erste Seite“

Wir stellen vier neue Bücher vor
Eintritt frei

Donnerstag, 8.Juni um 19:30
Konstantin Richter: „Die Kanzlerin“

Lesung
Eintritt € 5,00

Freitag, 26.Mai

Heute haben
Edmond Huot de Goncourt* 1822
Vitezslav Nerval * 1900
Erich Hackl * 1931
Geburtstag
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Heute im Gedichtekalender:

Matthias Claudius
Die Mutter bei der Wiege

Schlaf, süßer Knabe, süß und mild,
Du deines Vaters Ebenbild!
Das bist du; zwar dein Vater spricht,
Du habest seine Nase nicht.

Nur eben itzo war er hier
Und sah dir ins Gesicht,
Und sprach: Viel hat er zwar von mir,
Doch meine Nase nicht.

Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein,
Doch muß es seine Nase sein;
Denn wenn’s nicht seine Nase wär,
Wo hätt’st du denn die Nase her?

Schlaf, Knabe, was dein Vater spricht,
Spricht er wohl nur im Scherz;
Hab immer seine Nase nicht,
Und habe nur sein Herz!
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Heute auf dem Blog und am Donnerstag, den 8.Juni bei uns in der Buchhandlung:

Konstantin Richter:Die Kanzlerin
Eine Fiktion
Kein & Aber Verlag € 18,00

Die Kanzlerin hatte sich vorgenommen, die ruhigeren Passagen von Tristan und Isolde zu nutzen, um über ein paar Dinge nachzudenken. Im Ersten Aufzug wollte sie das Griechenland-Hilfspaket behandeln. Im Zweiten Aufzug würde sie sich den hohen Asylbewerberzahlen widmen. Und im Dritten Aufzug hätte sie vor dem Liebestod bestimmt noch ein paar Minuten, um ein weiteres Mal die Minsker Vereinbarung durchzugehen, die den Frieden in der Ostukraine sichern sollte.

Der 1971 geborene Konstatnin Richter hat im Kein & Aber Verlag schon zwei Romane veröffentlicht. Jetzt kommt dieses kleine Sommerbuch hinzu. Im Sommer 2015 kam es zur ersten goßen Flüchtlingswelle, die Europa und Deutschland zu spüren bekam. Es waren diese Monate, in denen Angela Merkel ihr „Ja, wir schaffen das“ sagte und damit für viel Aufsehen sorgte.
Der Journalist, der für in- und ausländische Zeitungen über diese Zeit recherchierte und veröffentlichte, nahm diese Wochen und Monate zum Anlass über das sehr private Leben, die Gedanken der Kanzlerin zu schreiben. Nicht wie er es sonst in der WELT und der ZEIT macht, sondern in einer luftig heiteren, ironisch witzigen Art. Der Roman fließt einem beim Lesen unter den Fingern weg. Immer wieder huschte mir ein Lächeln über die Lippen. Richters Beschreibungen aus dem Kanzleramt, die morgendlichen Treffen, die verschiedenen Personen, die die Kanzlerin umgeben, Horst Seehofer und unser Innenminister sind so fein skizziert, daß ich nicht wußte, oder bemerkte, was ist real und was ist Fiktion.

Zuhören wollte die Kanzlerin auch ein bisschen. Sie mochte klassische Musik, besonders Opern. So stand es zumindest auf ihrer Homepage. Nur hatte sie Tristan und Isolde schon oft gesehen. Sie war mit Handlung und Rezeptionsgeschichte hinreichend vertraut. Außerdem hatte sie die Mappe gelesen, die ihre Mitarbeiter zusammengestellt hatten. Etwaige Fachfragen, mit denen ja immer zu rechnen war, würde sie mühelos beantworten. Kurz: Sie konnte es sich leisten, einen Teil der Zeit, die ihr in Tristan und Isolde zur Verfügung stand, für die Arbeit abzuzweigen.

Mit Bayreuth geht es los. Mit Wagner und dem Tristan, mit der Lieblingsmusik des Ehemanns der Kanzlerin. Dort erleidet sie zwar auch einen hitzebedingten Schwächeanfal, hat aber die ersten Ideen zum neu entstandenen Flüchtlingsthema. Nein, der Tristan ist nichts für sie. Jedes Jahr, immer dieser Wagner. Bei Mozarts Klavierkonzerten und einer Flasche Wein, die die Kanzlerin vom dänischen Ministerpräsidenten bekommen hat, schreibt sie das nieder, was später unter „Wir schaffen das“ bekannt wurde.
Konstantin Richter beschreibt liebevoll, frech, wie Frau Merkel zum Einkaufen geht, wie sie kocht und in der Uckermark gärtelt, wie sie Mensch ist und am Liebsten im alten DDR-Nachthemd nachts am Fenster steht. Er schreibt über die Wut, die ihr plötzlich entgegenknallt und ihre Reaktionen darauf.
Der Roman fand in den Beschrechungen nicht immer vollen Anklang. Ich habe ihn genossen, mich gefreut über die Art und Weise wie Konstantin Richter sich dem Thema und der Person Merkel nähert. Genug hat er als Kenner darüber geschrieben, aber nicht in dieser lockeren, feinen, ironisch, witzigen Art. Und daß die Kanzlerin gut austeilen kann und dem Seehofer mal eben ne forsche SMS mit Emoticon schickt, paßt gut zu diesem Buch.

Konstantin Richter kommt zu uns in die Buchhandlung.
Donnerstag, 8.Juni um 19:30

Lassen Sie sich den Termin nicht entgehen. Sie werden es genauso genießen wie ich.