Dienstag, 16.Juni

Heute haben
Anna Wimschneider * 1919
Erich Segal * 1937
Joyce Carol Oates * 1938
Robert Schneider * 1961
Geburtstag.
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Karl Kraus
Post festum

Schöner als die Sonne zu sehn
ist es, vor ihr die Augen zu schließen.
Dann erst werden sie übergehn
und du wirst Farbenwunder genießen.
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Hansjörg Ransmayr: „Wild swimming Deutschland“
Entdecke die schönsten Strände, Flüsse, Seen und Wasserfälle Deutschlands
Haffmans und Tolkemitt Verlag € 22,95

Bei der Lektüre kommt einem der Gedanke, dass wir gar nicht ins Ausland müssen, wenn wir so einen gewagten Sprung ins Wasser machen wollen, wie der junge Mann auf dem Buchumschlag.

Na endlich ist Deutschland auch beim Wild Swimming vertreten.
Über 100 Stellen in ganz Deutschland (ganz viele bei uns im Süden) stellt uns der Autor Ransmayr hier vor. In jeden Teich, in jedes Gewässer möchte man sofort reingehen. Na gut. Manche Bergseen scheinen doch so kalt zu sein, dass sich niemand für den Fototermin niemand bereiterklärt hat.
Egal. Viele tolle Ecken, exakte Tipps (bis hin zu Glasscherben beim Rausgehen aus dem Wasser), Anfahrtsangaben und GPS-Daten ergänzen diesen Fotoband.

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Der Spiegel schreibt, dass baden im Becken, wie essen bei McDonald’s ist.
Also rein ins andere Gewässer.

Freitag, 28.April

Heute haben
Kark Kraus * 1874
Bruno Apitz * 1900
Harper Lee * 1926
Terry Pratchett * 1948
Roberto Bolano * 1953
Ian Rankin * 1960
Geburtstag
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Karl Kraus
In diesem Land

In diesem Land wird niemand lächerlich,
als der die Wahrheit sagte. Völig wehrlos
zieht er den grinsend flachen Hohn auf sich.
Nichts macht in diesem Lande ehrlos.

In diesem Land münzt jede Schlechtigkeit,
die anderswo der Haft verfallen wäre,
das purste Gold und wirkt ein Würdenkleid
und scheffelt immer neue Ehre.

In diesem Land gehst du durch ein Spalier
von Beutelschneidern, die dich tief verachten
und mindestens nach deinem Beutel dir,
wenn nicht nach deinem Gruße trachten.

In diesem Land schließt du dich nicht aus,
fliehst du gleich ängstlich die verseuchten Räume.
Es kommt die Pest dir auch per Post ins Haus
und sie erwürgt dir deine Träume.

In diesem Land triffst du in leer Luft,
willst treffen du die ausgefeimte Bande,
und es begrinst gemütlich jeder Schuft
als Landsmann dich in diesem Lande.
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Text & Zeichnung: Marcello Quintanilha: „Tungstênio
Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Lea Hübner
Avant Verlag € 24,95

Durch einen scheinbar unbedeutenden Zwischenfall vor der Küste von Salvador de Bahia kreuzen sich die Wege von vier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Caju, schlitzohriger Kleindealer, Seu Ney, autoritärer Ex-Militär, Richard, abgebrühter Undercover-Polizist. Dazu kommt noch Keira, die an der Beziehung zu ihrem Mann Richard, dem oben erwähnten Polizisten verzweifelt. Während die Männer sich am Strand aufhalten, erzählt sie ihr Leid ihrer Freundin im Bus. Aus dem heraus hat sie ihren Mann auch mit einer kleinen Hübschen im Café sitzen sehen. Und während diese Männer sich prügeln, sich verfolgen und die großen Machos geben, sind die Frauen nach innen gekehrt und machen sich Gedanken.
Diese Männergruppen treffen sich zufälig und hängen plötzlich sehr eng miteinander zusammen. Alles spielt an einem Tag. Es gibt Zeitverschiebungen und Schnitte, wie in einem Krimi. Und ein Krimi ist es auch. Hard boilded. schwarz weiß, noir. Es gibt zwar keine Leichen. Marcello Quintanilha läßt seine Protagonisten am Leben und daran erkennt man auch, daß sich Spannung, Action auch ohne Toten bewerkstelligen läßt.
Die Schrift ist etwas klein und zu Beginn gewöhnungsbedürftig zu lesen. Die Dialoge sind schnell und knallen hin und her. Die architektonischen Zeichungen sind großartig, genau platziert und zeigen das Können des Autoren und Zeichners Marcello Quintanilha.
Ich habe diese Graphic Novel bei den Krimis stehen. Da gehört sie auch hin.
Ein Happy End? Kann es das geben in einem Krimi, wie diesem? Na irgendwie schon. Oder zumindest: Das Leben geht weiter. Das kleine Leben,das wenige Leben.

Leseprobe

Dienstag, 24.Januar

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Heute haben
ETA Hoffmann * 1776
Edith Wharton * 1862
Vicki Baum * 1888
Eugen Roth * 1895
Geburtstag
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Heute im Duden Gedichtekalender

Karl Kraus
Fahrt ins Fextal

Als deine Sonne meinen Schnee beschien,
ein Sonntag war’s im blauen Engadin.

Der Winter glühte und der Frost war heiß,
unendlich sprühten Funken aus dem Eis.

Knirschend ergab sich alle Gegenwart,
Licht tanzte zur Musik der Schlittenfahrt.

Wir fuhren jenseits aller Jahreszeit
irgendwohin in die Vergangenheit.

Was rauh begonnen war, verlief uns hold,
ein Tag von Silber dankt dem Strahl von Gold.

Der Zauber führt in ein versunknes Reich.
Wie bettet Kindertraum das Leben weich!

Voll alter Spiele ist das weiße Tal;
die Berge sammeln wir wie Bergkristall.

Trennt heut die Elemente keine Kluft?
Ein Feuerfluß verbindet Erd und Luft.

Wir leben anders. Wenn’s so weiter geht,
ist dies hier schon der andere Planet!

Ins Helle schwebend schwindet aller Raum.
So schwerlos gleitet nach dem Tod der Traum.

Nicht birgt die Zeit im Vorrat uns ein Weh.
Bleicht sich das Haar, so gibt es guten Schnee.

Uns wärmt der Winter. Leben ist ein Tag,
da Slivaplanas Wind selbst ruhen mag.

Nicht Ziel, nur Rast ist’s, die das Glück sich gab,
hält einmal dieser Schlitten vor dem Grab.
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Martin Luther King:
Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen
Reden
Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow
Aus dem Englischen übersetzt von Heinrich W. Grosse, Maren Hackmann-Mahajan
und Rosemarie Winterberg

„Man beobachtet leider nur allzu häufig, daß Menschen, die zu Zeiten gesellschaftlichen Aufbruchs leben, es versäumen, ihre bisherigen Einstellungen zu überdenken und sich den neuen Ideen zu öffnen. Damit verschlafen sie eine Revolution.“
Martin Luther King

„Wer nun diese Reden […] aufmerksam liest, wird feststellen, daß Martin Luther Kings Vorstellung von Emanzipation weit über das Erkämpfen der Bürgerrechte für eine Minderheit hinausreichte und seine Idee des zivilen Ungehorsams viel mehr war als nur ein Mittel des Protests.“
Ilija Trojanow aus seinem Vorwort, das Sie hier komplett nachlesen können:

Vorwort von Ilija Trojanow

Martin Luther King 1929–1968, Baptistenpastor und Bürgerrechtler, war einer der wichtigsten Vertreter der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und Kämpfer gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. Für sein Engagement erhielt King 1964 den Friedensnobelpreis. Am 4. April 1968 wurde er bei einem Attentat getötet.

Martin Luther King kennen wir als den großen Bürgerrechtler und Verfechter des zivilen Ungehorsams. Keine Gewalt und Pazifismus standen bei ihm ganz oben, obwohl er Gewalt täglich miterlebte und am eigenen Körper zu spüren bekam. In diesen letzten Reden, die die Edition Tiamat in einem großformatigen, illustrierten Buch herausgebracht hat, erkennen wir King auch als großen Visionär und radikalen Utopisten, der unsere Staatsform kräftig hätte ändern wollen. Er analysiert, woher die Unruhen kommen, sieht und benennt die Gründe, warum es in den Brennpunkten der Großstädte zu Unruhen kommt. Er nennt Namen und Institutionen und läßt nicht locker, immer wieder zu betonen, daß ihm sein Leben nicht wichtig ist, daß er aber bis zuletzt für diese Sache kämpfen wird. Er fordert Demonstrierende auf, geschlossen gegen die Staatsgewalt auf die Straße zu gehen. Egal ob Hunde auf sie gehetzt, oder Wasserwerfer eingesetzt werden. Gewalt der Polizei und Gefängnis wollen sie mit „We shall overcome“ erwidern.
Seine letzten Reden haben nichts an Aktualität verloren. Die Welt ist durcheinander, sagt er. Es herrscht große Dunkelheit. Aber nur dadurch können wir die Sterne sehen. Hoffnung auf Veränderung schwingt in allen Texten mit. Und wenn wir diese lesen, merken wir, daß sich nicht viel gändert hat, sondern daß die Themen, die Probleme noch dringlicher und heftiger geworden sind. Der Rechtsruck in vielen Staaten und die dazugehörenden Präsidenten lassen nichts Gutes erwarten.

„We must all learn to live together as brothers, or we will all perish together as fools.“

Wir alle müssen lernen, wie Brüder zusammenzuleben, oder wir werden als Narren gemeinsam untergehen.

Die letzte Rede in dem Band ist auch die letzte Rede in Kings Leben, Titel: „Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen.“ Er hielt sie am 3. April 1968, dem Tag vor seiner Ermordung, vor streikenden Müllmännern in Memphis. Selten habe ich so etwas Bewegendes gelesen.

„Nun, ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. […] Wie jeder andere würde ich gern lang leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden.“

Leseprobe
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Foto: Janina Heinzle

Heute abend bei uns in der Buchhandlung. Ab 19 Uhr ein weiteres brenndendes Thema literarisch verarbeitet.
Carlos Peter Reinelt liest aus seinem Text „Wilkommen und Abschied“.

Carlos Peter Reinelt wagt viel in seinem literarischen Erstling. Sein Erzähler ist ein junger Mann, ein Rabauke, einer, dessen erstes Wort »verdammt« lautet und der im Jargon pausenlos Flüche von sich gibt. Vor allem (und von allem) ist er genervt, und erst recht stört ihn die schlechte Luft, die Enge, das Geschrei der Kinder, der Gesang der Mütter. Von Allah redet er dann und von einer Geschichte, die sich in seinem Heimatdorf zugetragen hat. Nicht schön. Der Autor lässt ihn nicht aussprechen, wo er sich befindet, aber wer im Jahr 2015 Nachrichten gesehen und gehört hat, ahnt es bald: In einem dunklen Kasten auf der Ladefläche eines LKW. Hier redet einer um sein Leben; und wie der Autor das mit sprachlichen und graphischen Mitteln gestaltet, wie er im Rhythmus des Sprechens die Worte ins Schlingern geraten lässt, dass sie ihre Bedeutung gewinnen und verlieren und auf andere Art wiedergewinnen, neu buchstabiert werden müssen, umrahmt von Goethes »Willkommen und Abschied« und in Beziehung dazu gesetzt, hat etwas den Atem Verschlagende