Donnerstag, 10.Juni

Heute haben
Saul Bellow * 1915
Maurice Sendak * 1928
und
Peter Kurzeck * 1943
Geburtstag
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„Was tun? Wer bin ich? Was habe ich getan? Erst war ich der liebe Gott, dann haben sie mich in die Schule geschickt und von da an konnte ich mich nicht mehr um alles kümmern. So sind mir die Dinge entglitten. Wir fahren, wir fahren. … Träum nicht rum, zähl dein Geld nach! The writer has nothing to trade with, but his life. Der Zug rast der Nacht zu, wir fahren.”
Peter Kurzeck aus: „Das schwarze Buch“
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John Green: „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen
Notizen zum Leben auf der Erde
Hanser Verlag € 22,00

John Green kennen wir in Deutschland von seinen Jugendbüchern. In den USA ist er genauso bekannt durch seine Podcast und Shows, die er mit seinem Bruder Hank zusammen moderiert. Jetzt also sein erstes Fachbuch. Und gleich ein ganz großes Thema: Der Anthropozän. Sprich, das Zeitalter, in dem wir Menschen das Schicksal des Planeten Erde bestimmen und nicht irgendwelche Naturgewalten.
John Green wäre nicht John Green, wenn nicht auch mit Humor an die Dinge ranginge und sich schräge Ansichten auf bekannte Phänomene erlaubt. Hinzu kommt, dass er, wie es mittlerweile üblich im Internet ist, Sterne von 1 bis 5 vergibt. Green schreibt, dass es ja keinen Film, keine Musik, kein Buch, keinen Turnschuh ohne diese Bewertungsskale mehr zu sehen gibt. Also bekommt das Lied „You never walk alone“ 4,5 Sterne, ein Sonnenuntergang wird bewertet und alle Dinge über die er schreibt.
Das erste Kapitel beginnt mit dem Mai 2020. Das Jahr, in dem uns Covid 19 fest im Griff hatte und wir im Kopf noch nicht so weit waren. Green erzählt von sich, seinen Eltern, von Krankheiten, mäandert von hier nach dort, hält uns in seinen kurzen Kapiteln immer bei Laune und, zack, werden wieder ein paar Sterne vergeben. Klug, eloquent und auf der Höhe der Zeit, versteht er es bestens zu unterhalten, ohne den Zeigerfinger zu erheben und oberlehrerhaft zu wirken, aber die wichtigen Themen unserer Zeit, wie die Klimakatastrophe, zu bearbeiten.
„Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, in der wir die Macht haben, Arten zu Tausenden auszurotten, in der aber auch ein einzelner RNA-Strang uns in die Knie zwingen oder sogar vernichten kann?“, so endet dieses Buch. Mit einer Frage und keiner endgültigen Antwort.
Das gibt Sternchen, Herr Green.

5 Fragen an John Green (entdeckt auf der Hanser Verlag Seite):

Lieber John Green, Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? ist Ihr erstes Sachbuch für Erwachsene. Wo lag für Sie der größte Unterschied dazu, Romane zu schreiben?
Für mich geht es beim Schreiben von Fiktion darum, mir das Leben anderer Menschen vorzustellen. In diesem Buch wollte ich versuchen, mein eigenes Leben besser zu verstehen. Ich wollte einige der großen Kräfte abbilden, die das Leben der Menschen heute prägen – und als ich mitten im Schreiben steckte, erschien die größte Kraft unserer Zeit in der Form eines neuen Coronavirus auf der Bildfläche.

In der Einführung schreiben Sie, dieses Buch sei für Sie der Versuch, Ihr Leben zu leben. Was meinen Sie damit?
Ich habe lange Zeit versucht, mich durch Ironie und sogar Zynismus zu schützen. In diesem Buch wollte ich so schreiben, wie ich gerne leben möchte – enthusiastisch und mit offenem Herzen. Aber vor allem will ich dem Leben aufmerksam begegnen, denn unsere Aufmerksamkeit ist letztendlich unsere einzige Ressource. Dieses Buch ist mein Versuch, der Außenwelt achtsam und stetig meine Aufmerksamkeit zu schenken. Aber auch der Welt in meinem Inneren.

In Wie hat Ihnen das Anthropozän bisher gefallen? stellen Sie verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens auf der Erde in den größeren Kontext unserer Zeit und ihrer Widersprüchlichkeiten – zum Beispiel der Frage, wie wir gleichzeitig so mächtig und so machtlos sein können. Wie unsere Spezies andere Spezies zu Dutzenden ausrotten kann, es aber nicht schafft, sich selbst zu retten. In welcher Hinsicht haben die Pandemie und der Klimawandel Ihr Buch beeinflusst?
Es ist schwierig, sich bewusst zu machen, welches Ausmaß unsere Dominanz über diesen Planeten angenommen hat. Wir greifen radikal in die Biodiversität und das Klima der Erde ein, bleiben aber gleichzeitig zerbrechlich und verletzbar. Wir können nicht verhindern, dass die Menschen leiden, die wir lieben. Ein einziger Strang RNA kann uns zerstören. Und deshalb müssen wir uns meiner Meinung nach im Angesicht der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen – von Covid bis zum Klimawandel –, sowohl unsere Macht als auch unsere Machtlosigkeit eingestehen. Vor allem der Klimawandel verlangt die Art von kollektivem globalem Einsatz von uns, an dem wir bisher ziemlich krachend gescheitert sind. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben. Grund zur Hoffnung gibt es meiner Ansicht nach immer. Aber ich habe dieses Buch auch geschrieben, weil ich untersuchen wollte, warum wir die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, immer wieder unterschätzen.

Obwohl in Ihrem Buch menschliche Widersprüche und menschliches Scheitern eine große Rolle spielen, gibt es auch viele Momente voller Hoffnung und Schönheit darin – atemberaubende Sonnenuntergänge, Ihr Lieblingslied, Flüstern. Welches Kapitel mögen Sie am liebsten, und warum?
Für mich ist das ganze Buch um den Essay über Sonnenuntergänge herum aufgebaut. Sonnenuntergänge sind nicht nur einfach schön; ihre Schönheit ist allumfassend. Obwohl unsere fernen Vorfahren ganz anders lebten als wir, hat mit Sicherheit jeder, der jemals mehr als ein paar Jahre auf diesem Planeten gelebt hat, schon mal innegehalten, um die Schönheit eines Sonnenuntergangs zu bewundern. Gleichzeitig ist diese Schönheit aber auch zu einem kitschigen Klischee verkommen, also wollte ich einen Weg finden, Sonnenuntergänge mit neuen Augen zu betrachten und sie auf eine Art zu lieben, die weder sentimental noch kitschig ist.

Sie erzählen die Geschichte der Menschheit in persönlichen und tief bewegenden Worten. Was hat Sie dazu bewogen, ein so autobiographisches Buch zu schreiben?
Als ich begann, diese Essays zu schreiben, wollte ich zuerst sehr neutral und unpersönlich bleiben und als unbeteiligter Beobachter der menschlichen Geschichte auftreten. Aber als ich die Essays meiner Frau zeigte, sagte sie: »Im Anthropozän gibt es keine unbeteiligten Beobachter, sondern nur Teilnehmer.« Sie half mir dabei, zu verstehen, dass ich mich selbst in dieses Buch einbringen musste, weil meine Perspektive und meine Erfahrungen mein Verständnis von der Welt prägen, die mich umgibt. Es ist mit Abstand mein bisher persönlichstes Buch, und mein erster Versuch, wirklich über mich als Person zu schreiben.

Leseprobe


Samstag

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Heute haben
Harriet Beecher-Stowe * 1811
Ernst Penzoldt * 1892
Yasunari Kawabata * 1899
René Char * 1907
Hermann Kant * 1926
P.O.Chotjewitz
Ernesto „Che“ Guevara * 1928
Dieter Forte * 1935
Kathrin Rögla * 1971
Geburtstag
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Vorgestern ging es in unserem Buchtipp über den Tod quer durch die Philosophiegeschichte. Einen Tag davor hatten wir den alten Mann, der sich freiwilig ins Pflegeheim begibt und dort sein Leben beendet und gestern war ich nun im Kino. Ein Saal für fast 500 Personen war mit knapp 25 Menschen gefüllt. So konnte ich ohne Popcorngeraschel meinen Tränen freien Lauf lassen.

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„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“

Wir kennen (hoffentlich) alle den Roman von John Green, der als Vorlage diente. Deshalb werde ich auch gar nicht auf den Inhalt eingehen. Und nach dem riesigen Erfolg, war es naheliegend diese Geschichte auch auf die Leinwand zu bringen. Es hat sich gelohnt. Es fehlte mir zwar die vielen frechen, witzigen, überdrehten Szenen aus dem Buch; die Stimmung kam im Film jedoch sehr gut rüber, wenn es auch viele traurige Passagen gab. Wir wissen aus der Lektüre, dass es für die jungen Erwachsenen nicht gut ausgeht und doch rührt es einen zu Herzen. Ein Film ist ein Film ist eine Verfilmung. Und so ist es auch hier. Es fehlt natürlich Einiges, was im Buch steht, manches haben wir uns anders vorgestellt und vieles ist so, wie es sein soll.
Die jungen Schauspieler spielen großartig, sind nicht die üblichen Hollywood-Schönheiten, machen sich jedoch unvergesslich in ihrer Intensität mit ihren Rollen. Unglaublich, wie Shailene Woodley / Hazel Grace ihre Trauer zeigt. Das ist schon überwältigend. Vielleicht hat das Drehbuch den beiden Hauptdarstellern zu viel Pathos in den Mund gelegt, aber insgesamt umschiffen sie gekonnt alle Kitsch-Sentimental-Plattidüden.
Dem Film ist ein großartiger Soundtrack hinterlegt mit Musik, die ich alle nicht kannte, die aber dem Alter der Personen entspricht. Alles Musik von jungen amerikanischen Musikern und nicht Musik, wie im Film erwähnt, die Emotionsszenen mit einem Peter Gabriel-Lied auffüllt.
Während ich diesen Text schreibe, habe ich diese Lieder auf den Ohren und es fühlt sich gut an mit dem heller werdenden Tag und dem immer mehr leuchtenden Feld vor meinen Fenstern.

It’s a new dawn. It’s a new day. It’s a new dawn.

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„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ heißt im Original „The Fault in Our Stars“. Der Titel ist eine Abwandlung von einem Zitat aus Shakespeares „Julius Caesar“: „The fault, dear Brutus, is not in our stars, but in ourselves“

Die Romanvorlage ist im Hanser Verlag erschienen und seit zwei Monaten als Taschenbuch bei dtv.
Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ € 9,95

Freitag

Heute haben
Alexander Kluge * 1932
und Robert Shea * 1933
Geburtstag
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Gestern war ich Gast beim „Chaos Lesen“ im Theater Neu-Ulm. Dieses Programm veranstalten sie dort monatlich einmal und das nächste Mal wieder am 13.3. sein, das allerdings mitten während der Leipziger Buchmesse ist. Somit fehlt einer der Frontmänner und Heinz Koch, der Theatermacher, steht dann alleine auf der Bühne. Aber auch wieder mit einem „Lebendigen Gästebuch“. Es wird Hanna Münch sein. Ein Teil des Duos Münch und Sauer. Das wird sicherlich lustig und Hanna Münch ist mehr als bühnenerfahren. Ach ja, der andere Teil des Duos auf der Bühne ist der kulturelle Hansdampfinallengassen Florian L.Arnold. Die beiden spielen sich dort oben den Bälle zu und unterhalten bestens mit Literatur. Geht das? Klar, es funktioniert.
Auf der Bühne sind sieben Regale, Kisten, Schränkchen, … aufgebaut, in denen sich Bücher befinden. Die Sparten heissen dann „Heimspiel“, „Flohmarkt“, „Unterste Schublade“, oder auch „Schmuddelecke“. Auf einem der Regale sind sieben Drehorgeln aufgereiht. So, nun kann es los gehen. Florion Arnold geht mit einem Sektkübel und sieben Nummern durch das Publikum und lässt jemanden eine Nummer ziehen. Diese Nummer ist mit einer Drehorgel verknüpft, Heinz Koch dreht die passende Orgel und wer die Melodie errät, darf sich ein Literaturthema wünsche. Aber nicht nur das. Die Person darf sich aus dem gewünschten Bücherstapel ein Buch heraussuchen. Sprich: Das dritte von links und da bitte die Seite 67. Heinz Koch hat nun die Aufgabe, mit einem passenden Hut ausstaffiert, diese Seite vorzutragen. Ob das klappt? Na, wenn es ein guter Text ist, prima. Wenn nicht, verstehen es die Beiden auf der Bühne hervorragend so viel um den heissen Brei herumzureden, dass auch wieder gut wird. Gestern haben wir so unter anderem auch eine Seite aus der Verfassung der Sowjetischen Union vorgelesen bekommen. Aber auch aus Hitlers „Mein Kampf“ gab es eine Seite, die sich allerdings als unverständliches Geschwafel herausgestellt hat.
In der Mitte der Veranstaltung durfte ich, als „Lebendiges Gästebuch“, auf die Bühne, wurde ausgefragt, hatte meine große Tasche dabei und habe ausgepackt, wie ein Bananenverkäufer auf dem Ulmer Wochenmarkt. Einsteins Relativitätstheorie als Streifenplakat kam da genauso zum Vorschau, wie der Jastram Rotwein und unsere Jastram T-Shirts. Bücher, Kleber, Postkarten und viele Geschichten waren dabei. Als Lesetipps gab es Arno Schmidts: „Seelandschaft mit Pocahontas“, William Faulkners: „Während ich schlief“ und Joachim Meyerhoffs: „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“.
Die kompletten „Jahrestage“ von Uwe Johnson hatte ich zu unterst in der Tasche und verkündet, dass wir eine Marathonlesung zum Beginn der Jahrestag am 20.8. planen und gleichzeitig um MitleserInnen geworben.
Insgesamt ein sehr lustiger, launischer Abend, den wir alle vergnügt genossen haben.

Nächster Termin der Reihe ist Donnerstag, der 13.03.2014 um 20 Uhr
Hier die website des Theaters Neu-Ulm.
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Jetzt, wo ich den Roman „Als ich Sterben lag“, der im Original „As I Lay Dying“ heisst, erwähnt habe, möchte ich Ihnen auch gleich den Trailer zu einem neuen Kinofilm vorstellen, den es (so viel ich weiss) noch nicht in den deutschen Kinos gibt.

Und vor ein paar Tagen bin ich über den Trailer zur Verfilmung des John Green Romans: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (im Original „The Fault In Our Stars“) gestolpert, der im Frühsommer in die Kinos kommen soll.

John Green liest das erste Kapitel aus de Roman, im Rahmen seiner täglichen vierminütlichen Internet Lifeshow.