Mittwoch, 28.April

Heute haben
Kark Kraus * 1874
Bruno Apitz * 1900
Harper Lee * 1926
Terry Pratchett * 1948
Roberto Bolano * 1953
Ian Rankin * 1960
Geburtstag
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Friedrich Hölderlin
An die Deutschen


Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch‘ und Sporn
   Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,
      Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid
         Tatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
   Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
      O ihr Lieben, so nimmt mich,
         Daß ich büße die Lästerung.
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Judith Hermann: „Daheim
S.Fischer Verlag € 21,00
als Hörbuch von ihr selbst gelesen im Hörverlag für € 21,00

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021

Lange mussten wir auf den neuen Roman von Judith Hermann warten. Mit ihren Erzählungen war sie schon mehrfach in Ulm, zuletzt im Roxy. Sie hatte ja tatsächlich einen Bezug zu Ulm, da ihr Bruder hier arbeitete und sie sozusagen nach einem Nachmittag im Sandkasten mit ihrem Kind zur Lesung ins Museum kam.
Ja, ihre Figuren werden älter. Sie sind nicht mehr die kellernden jungen Menschen aus „Sommerhaus, später“ und auch nicht mehr die jungen Familien in „Aller Liebe Anfang“.
Dieses Mal lebt die Erzählerin schon seit einem Jahr alleine in einem kleinen Haus am Meer. Sie schreibt liebevolle Briefe an ihren Ex-Mann und weiß ihre erwachsene Tochter irgendwo auf der Welt. Sie beginnt ein neues Leben mit Fahrradtouren, Aushelfen in der Kneipe ihres Bruders, mit der Nachbarin Mimi und deren Bruder. Sie hat schon vieles erlebt und findet hier am Meer, in der Natur zu neuer Kraft. Einfach ist es nicht, aber in der Melancholie liegt auch ein gehöriges Stück Glück, Trost und Geborgenheit.
So ändern sich Biografien. Schon als junge Frau hatte sie kurzfristig ein Engagement bei einem Zauberer, der sie zersägte. Dieses Zweigeteiltsein, das Zerissene, Zersägte verfolgt die Erzählerin ihr Leben lang und Judith Hermann hat dies in ihrer ruhigen Art genial in Form gebracht.

Der Hessische Rundfunk strahlt vom 03. bis zum 20.05 in 13 Folgen das Hörbuch aus.
Jeweils Montag bis Freitag um 09:05 Uhr, Wiederholung um 14:30 Uhr.
Jede Folge nach Ausstrahlung für 7 Tage online auf hr2.de und 14 Tage in der ARD-Audiothek.

Am Mittwoch, 5.Mai ist Buchprämiere im Literaturhaus Frankfurt,
am Freitag, 7.Mai ist sie im Literaturhaus Freiburg.
Zu beiden Online-Veranstaltungen gibt es Karten ab € 5,00.

Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis (Durch Zufall steht heute ein Hölderlin-Gedicht auf dem Blog). Der neue Roman „Daheim“ ist jetzt in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert. Im Wintersemester 2021/22 übernimmt Judith Hermann die Poetikdozentur an der Goethe-Universität Frankfurt.

(Foto: Michael Witte)

Leseprobe

Montag

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Heute haben
Iwan Turgenjew * 1818
Imre Kertész * 1929
Jochen Schmidt * 1970
Geburtstag
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Ausgezeichnet als Hörbuch des Jahres 2008

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Peter Kurzeck:Ein Sommer, der bleibt
Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit
Konzeption und Regie: Klaus Sander
Erzähler: Peter Kurzeck
Aufnahmen: Klaus Sander
Schnitt und Mastering: Michael Schlappa
Produktion: supposé 2007
4 CDs , 290 Minuten und einem kleinen Booklet
Supposé Verlag € 34,80

Letzte Woche habe ich das Hörbuch „Da fährt mein Zug“ von Peter Kurzeck vorgestellt und schwer gelobt. Mittlerweile liegen Exemplare dieser CD neben der Kasse. In der Zwischenzeit hörte ich die vier CDs von „Ein Sommer, der bleibt“ und die Fahrten im Auto waren oft voller Schnunzeln und Lachen.
Wie in der „Zug“-CD erzählt Peter Kurzeck hier ohne Manuskript. Die Produktion entstand aus Gesprächen zwischen dem Autoren und seinem Verleger. In einer Art Klausur wurde gefragt, geredet, aufgenommen und später dann nur die Erzählungen von Kurzeck auf CD gebrannt. Und dass diese Kindheitserinnungen, in der Art wie Peter Kurzeck erzählt, den Preis für das beste Hörbuch des Jahres 2008 bekommen, ist mehr als berechtigt. Selten habe ich so etwas Gutes gehört. Irgendwie beseelt stieg ich aus dem Auto und war fast traurig, etwas wehmütig, dass ich zur Arbet musste und nicht noch eine Stunde durch die Gegend kurven konnte.
Kurzeck kam als Flüchtlingskind mit seiner älteren Schwester und seiner Mutter 1946 ins hessische Staufenberg in der Nähe von Gießen. Der Autor war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Diese Zeit in diesem Dorf, in dem Kurzeck aufgewachsen ist und das er erst als Jugendlicher, als junger Erwachsener, verließ hat ihn geprägt und nie verlassen. Und so wie er im Plauderton die Situation beschreibt, dass ihm in Strassburg der Zug mit seinen Koffern vor der Nase wegfährt („Da fährt mein Zug“), so erzählt er hier eine Geschichte nach der anderen über seine Kindheit in diesem Dorf, in dem die Straßen noch nicht geteert waren, in dem man zwei Kilometer mit dem Schlitten vom Berg ins Tal rodeln konnte. Allerdings nur wenn die Dorfkreuzung frei war. („Bahn frei, Kartoffelbrei! A Stück Worschd dabei!“. Das mit der Wurst kam aber erst nach der Währungsreform. Bewegend auch die Geschichte mit dem Bücherbus des Amerikahauses, der eines Tages auf dem Schulhof auftauchte und noch eine Schleife drehte, von der Kurzeck nicht wusste warum er dies machte. Wahrscheinlich nur als Lust am Busfahren. Er lässt sich wieder einen Ausweis ausstellen, staunt, liest, leiht aus und taucht ein in eine neue Art der Kinderliteratur. Da gibt es Bücher, in denen Kinder die Helden sind. Ungewohnt für ihn, der bisher nur Bücher kannte, in denen das Lob des edlen deutschen Helden gesungen wurde. Kurzeck erzählt dies so intensiv, dass mir als Büchermensch fast die Tränen gekommen sind. Schön auch, dass ich immer die Möglichkeit habe in den Ulmer Bücherbus zu schauen. Ein Traum, das kann ich Ihnen flüstern. Ein riesiger Bus, voll mit Büchern. In Kurzecks Bücherbus sitzt eine Dame in einer grauen Strickjacke, die ganz speziell duftet. Dieser Duft der Bücher und der Dame haben ihn nie wieder losgelassen. Und so, wie der Sommer, der dann doch vergeht, bekommen die Kinder irgendwann mitgeteilt, dass der Bücherbus jetzt nur noch einmal kommt und sie alle Bücher abgeben müssen. Der Bus fährt nun andere Dörfer an und lässt den Leser Peter verwirrt zurück, der sich nicht hat träumen lassen, dass es zu so einem Abschied kommen wird.
Kurzeck erzählt, dass er für seinen Hund keine Hundesteuer bezahlte, er aber im gleichen Haus wie der Bürgermeister wohnte und der Bürgermeister ihn und den Hund täglich grüßte und nie etwas sagte. Er erzählt, wie er versuchte den kleinen Hund „wild“ zu machen. Mit frischem Blut vom Metzger. Dabei galt es immer 30 Pfennige in der Hosentasche zu haben. Vom Metzger bekam er das frische Blut umsonst. War aber die Metzgersfrau im Laden, dann kostete es diese obengenannten 30 Pfennige. Dieser Betrag war genau das, was man grundsätzlich für etwas bezahlen musste, das eigentlich nichts kostete. So ist das immer, sagt Kurzeck. Wenn Frauen hinter der Theke stehen, kosteten viele Dinge 30 Pfennige, die man vom Meister umsonst bekam.
Sie merken, ich könnte noch seitenlang weiterschreiben. Kurzeck erzählt in seinem warmen, leicht hessichen Ton, leichtfüssig und melancholisch über seine Kindheit, umklammert dies mit einem Sommer, der eigentlich nie vergehen darf und dann doch endet, als die Dreschmaschinen auf den Äckern stehen.
Er lässt uns besselt zurück, erzählt von vergangenen Dingen, von einer verschwundenen Zeit. Und obwohl er 15 Jahre älter ist als ich, habe ich mich in vielen Episoden wiedergefunden.

„Ein literaturhistorisches Ereignis hat stattgefunden: ein kunstreicher, verblüffender Akt, die Geburt einer neuen Gattung in Form einer CD-Box“ (Hubert Winkels, DIE ZEIT)

„Das beste Buch des Monats ist überhaupt kein Buch, sondern ist eine CD: Ein unkonventionelles Hörbuch aus Deutschlands unkonventionellstem Hörbuchverlag. Diese CD enthält nicht einfach die Lesung eines Buchs, sie ist selbst der Roman. Peter Kurzeck entwickelt und erzählt seinen Roman vor dem Mikrofon ­ Papier und Tinte braucht er dazu nicht. Ein Literaturerlebenis nur für die Ohren! Toller Erzähler, tolle CD!“ (Denis Scheck, ARD druckfrisch)

Wolfgang Werth hielt im Staatstheater Wiesbaden, 25. Januar 2009 eine Laudatio auf Peter Kurzeck und Klaus Sander, die für diese Produktion den Preis für das beste Hörbuch des Jahres 2008 erhielten.
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Nicht vergessen:
Heute abend in der vh Ulm.
Karl-Heinz Ott leist auss einem neuen Roman „Auferstehung“
Beginn ist 20 Uhr

Donnerstag

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Heute haben
HP Lovecraft * 1890
Salvatore Quasimodo * 1901 (Nobelpreis 1959)
Robert Merle * 1908
Luciano De Crescenzo * 1928
Arno Surminski * 1934

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Salvatore Quasimodo
Poesia d’amore

Il vento vacilla esaltato e porta
foglie sugli alberi del Parco,
l’erba è già intorno
alle mura del Castello, i barconi
di sabbia filano sul Naviglio Grande.
Irritante, scardinato, è un giorno
che torna dal gelo come un altro,
procede, vuole. Ma ci sei tu e non hai limiti:
violenta allora l’immobile morte
e prepara il nostro letto di vivi.

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015 wurde gestern bekanntgegeben.
Die meisten Bücher dieser Auswahl finden Sie auf unserem Neuerscheinungstisch, einen Teil haben wir hier auf dem Blog beschrieben. Es ist schön zu wissen, dass es zwischen unserer Auswahl und der Auswahl der Jury eine so große Schnittmenge gibt.
Unser heutiger Buchtipp befindet sich auch auf der Liste und zwar gleich auf Platz 1. Allerdings nur, weil Bronsky im Alphabet ganz vorne ist.
Hier kommen Sie zur Auflistung, zu den Leseproben und vielen anderen Informationen.

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Alina Bronsky: „Baba Dunjas letzte Liebe“
Kiepenheuer&Witsch € 16,00
als eBook € 13,99
Bei Roof Music als Hörbuch auf CD, gelesen von Sophie Rois € 19,99

„Wenn ich mich in meinem Alter noch über Menschen wundern würde, käme ich nicht mehr zum Zähneputzen.“

Vor ein paar Tagen haben wir hier das Buch „Ein Leben mehr“ von Jocelyne Saucier vorgestellt, in dem alte Menschen sich für Einsamkeit in den kanadischen Wäldern und somit für ein selbstbestimmtes Leben und Sterben entscheiden. Gestern war das Buch „Zimmer frei in Nagasaki“ auf dem Blog, in dem es um Einsamkeit und Lebensplanung geht und heute nun das neue Buch von Alina Bronsky „Baba Dunjas letzte Liebe“, das sich ausgezeichnet in diese Reihe der schmalen, intensiven Romane einfügt.
Alina Bronsky kam als Kind mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland, ihr Vater war Kernphysiker und sie lernte erst hier die deutsche Sprache und landete gleich einen großen Erfolg mit „Scherbenpark“. „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ war in allen New Yorker Buchhandlungen als englischen Übersetzung zu finden und jetzt sind wir bei der alten Baba Dunja, die sich entschließt in die Todeszone von Tschernobyl zurückzukehren. Gegen alle Warnungen, gegen den Willen ihrer Tochter zieht sie wieder in ihr altes Haus ein, das mittlerweile von Spinnen bewohnt ist. Sie ist sich der Gefahren bewusst, hat sie doch als Krankenschwester nach dem Reaktorunglück von 1986 missgebildete und tote Kinder zur Welt gebracht. Ihr Mann ist gestorben, das Leben ihrer Tochter nicht in geregelten Bahnen und ein Leben mit ihr kann sich Baba Dunja nicht vorstellen. Sie wird ihre Enkelin wohl nie sehen und kann deren Briefe, die sporadisch ankommen, nicht lesen, da sie nicht auf russisch geschrieben sind.
Im Dorf herrscht Stille. Ausser den Vogelstimmen und dem morgendlichen Krähen des Hahnes gibt es keine Geräusche. Ein paar Nachbarn von früher wohnen (wieder) hier und es existiert ein altes Telefon mit Wählscheibe, das manchmal funktioniert. Ihr verstorbener Mann ist immer bei ihr und ihr innigster Gesprächspartner.

„Jegor hat meine Füße geliebt. Er hat mir verboten, barfuß zu laufen, weil Männern schon beim Anblick meiner Zehen heiß wurde. Wenn er jetzt vorbeischaut, dann zeige ich auf die Wülste in den Trekkingsandalen und sage: Siehst du, was von der Pracht übrig geblieben ist? Und er lacht und sagt, sie seien immer noch hübsch. Seit er tot ist, ist er sehr höflich, der Lügner.“

Diese Lebensgemeinschaft der alten Menschen hat sich ganz bewusst für diese Lebensweise entschieden, wohl wissend, dass sie alle selbst strahlen wie Atomkraftwerke. Doch ein abgeschobenes Leben in der normalen Gesellschaft ist für sie nicht mehr denkbar. Ihr Leben ist einfach, der Weg zum Einkaufen, auf die Post ist eine kleine Reise, Medikamente sehr wertvoll. Doch sie haben ihre Gärten und auch sonst alles, was sie für’s (Über)leben und Sterben brauchen. Es ist ein Leben, wie aus der Welt gefallen. Doch die Wirklichkeit holt auch sie in der Todeszone ein. Ein Mann taucht mit seiner kleinen Tochter auf und behauptet, hier leben zu wollen, da seine Tochter todkrank sei. Das stellt sich allerdings als Lüge und Racheakt an seiner Ehefrau heraus. Daraus entwickelt sich eine eigene Dynamik, die mit der Inhaftierung von Baba Dunja endet. Aber nicht mit dem Buch, denn die alte Dame erlangt dadurch überregionale Bekanntheit, von der sie gar nichts erahnt.
Alina Bronsky hat ein intensives, schönes, auch freches Buch geschrieben, das trotz der Tragik der Geschichte viele positive Eindrücke hinterlässt.

Sophie hat auf ihrem tollen Literatourismus-Blog ein Interview mit Alina Bronsky zu diesem Buch gemacht.

Leseprobe
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Dank unserer „Sozialen Cent-Tasse“ die früher „Soziales Cent-Schwein“ hieß, bis sie verschwand und die wir wegen der 99-Cent-Preise bei Büchern installiert haben) konnten wir wieder Spendengelder unserer Kunden weitergeben.
Diesmal waren es drei Kisten Hygieneartikel, die gestern vom Laster des Ulmer Tafelladens abgeholt worden sind.
Vielen Dank für die vielen kleinen und oft sehr großzügigen Spenden.

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