Freitag, 29.Oktober


Heute haben
Lena Christ * 1881
Ezra Pound * 1885
Georg Heym * 1887
Geburtstag
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Es gibt Leute, für die es überhaupt keinen Beruf gibt. Ich rechne mich dazu.
Georg Heym
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Gerade erschienen:


Der Herbst ist da und mit ihm zwei neue MaroHefte!

In Heft #5 verteidigt Bettina Fellmann die Traurigkeit in einer Welt, in der diese tabuisiert wird, obwohl sie eine logische Reaktion auf die Zumutungen der Gegenwart ist. Ein illustrierter Essay über Entfremdung, Erfahrung und die Gefahr »zu positiv« zu werden.

Heft #6 widmet sich in 13 Fakten Themen wie Artensterben, Waldvernichtung, Landraub und tödliche Grenzen – im Hinblick auf die letzten 50 Jahren. Was geschah in der Wirkungsspanne der sogenannten 68er? Und wie muss man den programmatisch einflussreichen »Bericht zur Lage der Menschheit« des Club of Rome von 1972 bewerten, der noch heute auf Wirtschaftswachstum und rigide Bevölkerungspolitik setzt? Talking ’bout Your Generation!
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Bettina Fellmann: „Zur Verteidigung der Traurigkeit
Ein erschöpftes Heft · MaroHeft #5 € 16,00

Mit Illustrationen von Rebekka Weihofen
36 Seiten, fadengeheftet mit Schutzumschlag und beiliegendem Plakat

Leseprobe

Traurigkeit wird in unserer Gesellschaft verdrängt und zum Krankheitssymptom erklärt, obwohl sie eine logische Reaktion auf die Zumutungen der Gegenwart ist. Bettina Fellmann formuliert die Paradoxie, dass angesichts der alles durchdringenden Verwertungslogik, nach der gewirtschaftet, gelebt und gestorben wird, kaum adäquate Empfindungen zum Ausdruck kommen. Stattdessen passen sich die Menschen an die verkehrten Gegebenheiten an und wiederholen sie in immer neuen Variationen. Das Erleben von Traurigkeit dagegen stärkt die Kritik an jenen Verhältnissen, an denen Menschen zerbrechen. Ein Aufsatz über Anpassung, Entfremdung und Erfahrung – zur Verteidigung der Traurigkeit.

Bettina Fellmann (*1978) arbeitet seit 1998 als Krankenschwester. Sie beschäftigt sich u. a. mit kritischer Theorie, wundert sich oft über die Praxis und schreibt Gedichte, Politisches und Philosophisches.

Rebekka Weihofen (*1991) arbeitet freischaffend im Bereich Illustration und Graphik. Sie beschäftigt sich u. a. mit der Abbildbarkeit von Absurdität, Traum- und Innenwelten und ist (fast) immer müde.
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Talking ’bout Your Generation
Wie die Welt den Bach runtergeht und dabei das Meer überläuft
Mit Texten von Kolja Burmester, Eileen Jahn, Sarah Käsmayr, Lena Schindler und Scherzad Taleqani
Ein katastrophales Heft · MaroHeft #6 € 16,00

Mit Illustrationen von Riikka Laakso
36 Seiten, fadengeheftet mit Schutzumschlag und beiliegender Postkarte

Leseprobe

1968 dröhnte aus den Lautsprechern: I’M NOT TRYING TO CAUSE A BIG SENSATION. I’M JUST TALKING ’BOUT MY GENERATION. Ihr wolltet also nicht viel Aufsehen erregen, sondern nur ein bisschen reden? Na dann reden wir jetzt mal!

In den letzten 50 Jahren hat sich der Tierbestand auf der Welt halbiert. Urwald auf einer Fläche von fast ganz Europa wurde zerstört. Tödliche Grenzen, Erd­erhitzung, Ausbeutung, Landraub, Trinkwassermangel: Wie konnten sich solche Entwicklungen derart verschärfen – ausgerechnet in der Wirkungsspanne der »68er-­Generation«, die sich als besonders solidarisch und nachhaltig versteht? Zeit für einen Blick in das program­matische Grundsatzprogramm der 68er, den »Bericht zur Lage der Menschheit« des Club of Rome, Zeit für eine Bilanz.

Riikka Laakso lebt und arbeitet als Illustratorin in Berlin. Sie studierte Illustration an der Universität der Künste Berlin, ist Mitglied des deutschen Illustrationskollektivs »Parallel Universe« und veröffentlicht ihre eigenen Zines und Bücher in kleinen Auflagen. riikkalaakso.com
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Nehmen Sie sich bitte eine Stunde Zeit und schauen Sie sich das Interview mit Harald Welzer in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ an.

Montag, 11.Oktober

Heute haben
Conrad Ferdinand Meyer * 1825
Gertrud von Le Fort * 1876
Francois Mauriac * 1885
Boris Pilnjak * 1894
Geburtstag
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Conrad Ferdinand Meyer
Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.
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Harald Welzer: „Nachruf auf mich selbst
Die Kultur des Aufhörens
S.Fischer Verlag € 22,00

Harald Welzer, Zukunftsforscher, Autor, Direktor von Futurzwei, streitbarer Intellektueller, der sich u.a. mit Nachhaltigkeit und Klimawandel beschäftigt, stellt fest, dass unsere Kultur kein Konzept vom Aufhören hat. Deshalb baut sie Autobahnen und Flughäfen für Zukünfte, in denen es keine Autos und Flughäfen mehr geben wird. Harald Welzer hatte einen Herzinfarkt und macht sich deshalb Gedanken über die Endlichkeit des eigenen Leben und die Endlichkeit vieler unserer Ideen. Warum arbeitet unsere Industrie immer noch so, als gäbe es keine Endlichkeit von Rohstoffen? Warum leben wir weiter so, obwohl die Erde unseren Wohlstand nicht mehr verarbeiten kann? Unser Leben könnte durch Weglassen und Aufhören besser werden. Unsere Kultur hat den Tod genauso zur Privatangelegenheit gemacht, wie sie die Begrenztheit der Erde verbissen ignoriert.
Welzer zieht alle Register seines Wissen, zitiert Marx und Arendt, redet u.a. mit Reinhold Messner und einer Sterbebegleiterin und bringt sich selbst immer wieder mit seiner Infarkterfahrung ins Spiel.
Ich habe das Buch fasziniert gelesen und die große Bandbreite der Argumente, vom Urmensch bis in die Gegenwart, von der Philsosophie bis zur Hirnforschung, sehr genossen.
Für mich ein wichtiges Buch über unsere Zeit, warum wir so sind, wie wir sind und woran es liegt, dass wir uns mit Veränderungen so schwer tun.

Leseprobe

Mittwoch, 29.April

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Heute haben
Konstantinos Kavafis * 1863,
(der am gleichen Tag 1933 auch gestorben ist)
Egon Erwin Kisch * 1885
Walter Mehring * 1896
Walter Kempowski * 1929
Lilian Faschinger * 1950
Geburtstag
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Friedrich von Schiller
Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
von bessern künftigen Tagen;
nach einem glücklichen, goldenen Ziel
sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
sie umflattert den fröhlichen Knaben,
den Jüngling locket ihr Zauberschein,
sie wird mit dem Greis nicht begraben;
denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
erzeugt im Gehirne des Toren,
im Herzen kündet es laut sich an:
zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
das täuscht die hoffende Seele nicht.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Harald Welzer: „Alles könnte anders sein“

Jetzt als Fischer Taschenbuch € 12,00

Bitte lest und lesen Sie dieses Buch! Die bessere Welt, der wir alle nachtrauern, der wir misstrauen und an die wir nicht mehr glauben, steht nämlich genau vor unserer Tür. Wir müssen nur erkennen, wo die Ressourcen und die Errungenschaften unserer demokratischen Gesellschaft sind, die wir auf Teufel komm raus verteidigen sollten (sei es in Form von Gemeinplätze wie das öffentliche Schwimmbad, die Bibliothek oder die Parkanlagen), sei es das Rechtssystem, das keiner Korruption unterworfen ist oder das Gesundheitssystem, zu dem bisher noch jeder gleichermaßen Zugang hat (jedenfalls im Vergleich zu sehr vielen anderen Ländern dieser Erde). Oder auch in Sachen Umwelt- und Klimakatstrophe: Wie viel ist in den letzten Jahren schon viel besser geworden, wie viele Flüsse sind renaturiert, wie viele Wälder wieder aufgeforstet, wie viele Tierarten wieder angesiedelt worden? Der Soziologe Harald Welzer beschönigt nichts. Er fordert uns bloß dazu auf, an das gute Leben zu glauben und auch danach zu handeln. Weg von der destruktiven Untergangshysterie, die bloß denen, die auf Kosten von Mensch und Natur ihren Erfolg gründen, in die Hände spielt.
Es geht ihm um Gerechtigkeit, um Solidarität, ja ganz vereinfacht gesprochen, um Freundlichkeit und damit um mehr Autonomie und die Befreiung aus einem Ego-Shooter-Kapitalismus, der in seiner jetzigen Form keinerlei sozial- und umweltverträgliche Zukunft mehr hat, und aus einer digitalen Diktatur, der wir uns willenlos hingeben.
Was wir brauchen ist v.a. mehr Zeit, um neue, völlig andere Ideen zu entwerfen. Von uns und einer Gesellschaft, einer ganzen Welt, in der wir gerne leben und in die wir guten Gewissens unsere Kinder und Enkelkinder entlassen. Zeit, die wir außerdem mit Tätigkeiten füllen, die wir als sinnvoll erleben und nicht als Bullshitjobs.
Welzer skizziert ganz konkrete Arbeitsmodelle, die er 80/20 nennt. Also 80%, die der Lohnarbeit nachgegangen und 20%, die einer ehrenamtlichen Tätigkeit gewidmet wird. Alles subventioniert vom Staat, der ja auch heute schon darauf angewiesen ist, dass ganze Branchen zum großen Teil in ehrenamtlicher Hand sind. Allein die Flüchtlingshilfe im Sommer 2015 ist so ein Beispiel. Die Arbeitsgeber werden also nicht mehr belastet, haben vielmehr leistungsfähigere, weil nicht chronisch überarbeitete, Angestellte.
Das Grundeinkommen ist eine weitere, sehr konkrete Lösung, um ein Gleichgewicht in der Gesellschaft herzustellen, das wirklich gleiche Zugangschancen für alle eröffnet, egal aus welchem Elternhaus man kommt. Bewiesen ist, wer aus armen Verhältnisse kommt, kämpft lebenslang mit Existenzängsten, die keine akademischen Höhenflüge zulassen. Dem Argument, dass mit dieser bedingungslosen Grundsicherung keiner mehr arbeiten würde, gibt er wenig Chance, weil doch die meisten arbeiten, einen strukturierten Tag oder einfach auch mehr Geld haben wollen.
Zitat: „Und schließlich gibt es noch die, die tatsächlich nie arbeiten wollen. Na und? Was ist dabei? Wo wäre denn das normative Kriterium, diese Wahl als schlechter anzusehen als die des „Entscheiders“ bei Monsanto, der Bauern vorschreibt, welches Saatgut sie zu kaufen haben? Wer entscheidet denn, wer eine für das Gemeinwohl bessere Rolle spielt – jemand, der sein Leben lang schwimmen geht, Bücher liest, Netflixserien schaut, mit den Kindern spielt oder auch nur: sich besäuft oder ein Automanager, der die Gesellschaft brutal geschädigt hat?“
Auch das Finanzierungskonzept dazu klingt realistisch. So wie Welzer all seine Ideen mit real umsetzbaren Methoden und Herangehensweisen erklärt. Demnach geht es nicht mehr um das, was tatsächlich machbar, sondern um das, was gewollt ist.
Eine andere Idee, die, wenn man Welzer zuhört, ganz und gar machbar und ganz sicher keine spinnerte Utopie mehr ist, ist die autofreie Stadt. Spätestens nach dieser Lektüre versteht man nicht mehr, warum es tatsächlich noch Autos in modernen Städten gibt. Zu gut sind die Bilder vom Stadtraum, der den Menschen, den Fußgängern, Fahrradfahrern, den spielenden Kindern gehört! Straßen werden zu Gemeinplätzen, Parkplätze zu Baupflächen für dringend benötigten Wohnraum. Kopenhagen macht es vor, wir können es nach und noch besser machen. Mit einem kostenlosen und perfekt geregelten öffentlichen Nahverkehr, Gemeinschaftsgärten usw.
Welzer legt das nötige Zündholz, um optimistisch das zu tun, was jeder und jede in seinem kleinen oder größeren Dunstkreis tun kann. Wir müssen raus aus der lähmenden Denkstruktur: nur die ganz Großen in Politik und Wirtschaft könnten etwas ändern, wenn sie denn wollten. Dass jede und jeder die Macht hat, etwas zu ändern, das zeigt Welzer in vielen realen Beispielen. Sei es der Privatmann Lutz Beisel, der die Schreckensnachrichten aus dem Vietnamkrieg nicht mehr ertragen konnte, bei der Bundeswehr anrief und sie dazu brachte, schwerverwundete vietnamesische Kinder in deutschen Krankenhäuser zu behandeln (und schließlich „terre des hommes“ gründete) oder die gerade zu explosive Urban-Gardening-Bewegung, die wie die grüne Hoffnung einmal rund um die Welt exponierte und nach wie vor Menschen zusammen- und die Natur in die Stadt zurück bringt. Es sind oft kleine Ideen, die Großes bewirken.
Fangen wir an, jetzt und heute!