Donnerstag, 10.Januar

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Heute haben
Karel Capek * 1863
Leonardo Sciascia * 1921
Geburtstag
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Rok
leichter wind

weiße wolkenfetzen auf
blauem nachthimmel
ein großer einsamer mond
leuchtet den weg
jetzt und für
immer
leichter wind weht
schwere träume zum fluss

harpune licht aus

ich träumte von walen die an
meinem frühlingsfenster
vorbeiziehen
mit traurigen augen
die freiheit verteidigen
das war so unerwartet wie dass
dein lächeln mich berührt
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe„
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Hanser Verlag € 21,00

Ein Buch, das man gleich noch einmal von vorn beginnen muss, um das Ende zu verstehen. Oder eben auch nicht. Denn die finnische Autorin Minna Rytisalo lässt viele Lücken in ihrem Roman und wir sind als Leser selbst gefragt, sie zu füllen.
Lempi ist die Hauptfigur. Aber Lempi kommt gar nicht zu Wort. Es erzählen ihr Mann Viljami, ihre Schwester Sisko und die Magd Elli. Zwangsläufig ist das Bild, das von Lempi entsteht, unvollständig. Weil jede dieser Figuren immer das eigene Leben, Leiden und Wünschen miterzählt.
Es ist gut, dass dem Roman ein Nachwort der Übersetzerin hintenangestellt ist, das die geschichtliche Situation, die die Geschehnisse einbettet, und die Auswüchse des zweiten Weltkrieges bis hinauf nach Finnland und Lappland, erklärt. Etwa die Waffenbrüderschaft zwischen den Deutschen und den Finnen, die dazu führte, dass 200.000 deutsche Soldaten im finnischen Lappland stationiert waren, in dem selbst nur 180.000 Finnen lebten.
Diese Ereignisse führen dazu, dass sich das tief verbundene Zwillingsschwesternpaar Sisko und Lempi durch die Heirat der einen und die Ausreise nach Deutschland der anderen für immer entzweit. Beide wachsen allein mit dem Vater auf, der ein florierendes kleines Lebensmittelgeschäft führt. Sie sind anders als die anderen im Dorf. Haben Abitur, teure Kleidung und gehobene Manieren. Lempi ist unerschrocken und fordert das Leben heraus. Sisko ist die Vernünftige, die die Buchhaltung des Vaters übernimmt und sich mit einem Deutschen einlässt, weil es sich eben so fügt. Lempi dagegen lässt eine Wette mit ihrer Schwester darüber entscheiden, wen sie heiratet und wie ihr Leben nach der Schule weitergehen soll. Und so zieht sie mit dem ersten Mann, der am nächsten Tag in den Laden kommt, auf seinen Hof und scheint glücklich. Jedoch nur ein halbes Jahr lang. Dann wird auch Viljami eingezogen und Lempi bleibt allein mit der Magd Elli zurück, schwanger und mit einem Pflegesohn.
Was sich dann zwischen den beiden Frauen entwickelt, bleibt fragmentarisch und nur aus der Sicht von Elli erzählt. Als Viljami endlich wieder nach Hause kommt, gebrochen vom Krieg und Töten, ist Lempi nicht mehr da. Nur Elli mit den zwei Kindern, die hofft, nun endlich das Leben führen zu können, das sie sich immer gewünscht hat: als Frau an der Seite von Viljami.
Doch auch Sisko macht sich von Deutschland aus auf die Suche nach ihrer Schwester.
Alle Figuren sind gezeichnet von den Zerstörungen und Verlusten des Krieges. Sie versuchen sich gegenseitig zu halten, wo zu große Wunden klaffen. Und doch bleiben Bilder und zerstörte Welten, die nicht heilen werden.
Ein unglaublich tief gehender Roman, der mit seiner poetischen Sprache nichts auserzählt und gerade deshalb so lange bewegt.

Dienstag, 13.November

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Heute haben
Robert Louis Stevenson * 1850
Peter Härtling * 1933
Geburtstag
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Heinrich Lersch (1889-1936)
November

Es weint ein schmerzlich
Lied sich durch den Wald,
ist’s Vogel- oder Menschenton?
Ist es der Wind, der Äste geigt?

Der Nordwind hat sich aufgemacht,
er fegte erst die Felder kahl;
dann ging er durch den Sommerwald
und nahm die bunten Stimmen mit
und trank der Blätter grünes Blut.

Nun deckt ein Schleier, grau und dicht,
das welke Antlitz der Natur,
dass niemand ihren Kummer sieht.
Es weint ein schmerzlich Lied
sich durch den Wald.
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Margit Rittlinger empfiehlt:

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H. M. van den Brink:Ein Leben nach Maß
Aus dem Niederländischen von Helga Beuningen
Hanser Verlag € 19,00

„Das also taten Dinge, das konnten sie tun: Sich mit Erinnerungen füllen, so wie ein Füllfederhalter Tinte einsog, die ihm danach in Form von Buchstaben wieder entfloß“

Nacht für Nacht erscheint dem Ich-Erzähler im Traum ein Mann. Er erkennt in ihm einen ehemaligen Kollegen – Karl Dijk. Und mit ihm kommen die Erinnerungen.
Beide haben im Amsterdam der 60iger Jahre eine Ausbildung am Eichamt begonnen.
Maße und Gewichte waren klar nach dem Urmeter und Urkilo definiert. Das Wappen des Königreichs der Niederlanden zierte den Eingang. Tag für Tag erscheinen im Eichamt Händler mit Waagen und Gewichten, die es zu überprüfen gilt.
Alles scheint „Ein Leben nach Maß“ zu werden. Abwechslung bringen die Fahrten über das Land, wenn die Kontrollen der Waagen und Gewichte bei kleinen Lebensmittelhändlern oder in der Landwirtschaft anstehen. Nicht immer sind die Herren vom Eichamt gern gesehene Besucher. Aber mit der Zeit ändern sich die Aufgaben, das Amt wird umstrukturiert, privatisiert, Supermärkte lösen die kleinen Geschäfte ab. Die Waren sind abgepackt.

„Das Problem waren die abgepackten Lebensmittel. Das Problem war die Privatisierung der Ehrlichkeit.“

Van den Brink schafft es, 40 Jahre eines Berufsstandes passieren zu lassen, eingebettet in den Wandel der Zeit, mit all den Neuerungen, die der Fortschritt brachte. Karl Dijk findet sich darin nicht zurecht. „Denn nach Dijks Auffassung bedeutete die Entscheidung, Fieberthermometer für den Hausgebrauch nicht mehr zu eichen, den Anfang vom Ende.“

Ein Buch in ruhiger, feiner Sprache geschrieben, und trotzdem wirkt es nach. Beim nächsten Einkauf auf dem Wochenmarkt werden Sie sicher mit einem Schmunzeln an Karl Dijk und seine Kollegen vom Eichamt denken. Und so ganz nebenbei wird dem Leser auch mit leichter Hand die Entwicklung des metrischen Systems erzählt.

Auf der Verlagsseite gefunden:
5 Fragen an Hans Maarten van den Brink

Die Hauptfigur in Ihrem neuen Roman Ein Leben nach Maß ist ein Eichbeamter. Wie sind Sie ausgerechnet auf das Thema des Eichwesens gekommen?

Eine Geschichte beginnt bei mir immer mit einem Bild und etwas Abstraktem, einer Idee. Als Kind habe ich oft im Laden gestanden, gewartet, bis wir bedient wurden, und dann fasziniert die Waage beobachtet, auf der die Bestellungen abgewogen wurden, das Spiel mit den Gewichten und dem Zeiger, bis man den Preis festlegen konnte. Einen Supermarkt gab es damals noch nicht in unserem Dorf. Unerhört die Idee, dass man die Ware selbst anfassen dürfte! Als ich dann etwas älter war und lesen konnte, sah ich, dass auf jeder Waage ein Schildchen mit dem Eichzeichen klebte – und seitdem habe ich mich gefragt, wer diese geheimnisvollen Männer denn sind, wie sie aussehen und wie sie ihre Kontrolle durchführen. Dazu kam sehr viel später eine ziemlich abstrakte, eigentlich politische Vorstellung von der Ethik der Beamten, von der gesellschaftlichen Stabilität, die sie gewährleisten als Gegengewicht zum Opportunismus der Politik. Es stellte sich heraus, dass die Geschichte von Kilo und Meter und vom Eichwesen eine richtige Fundgrube war, wunderbar zum Recherchieren. Aber eine gute Recherche macht noch keinen guten Roman, das Sammeln von Fakten ist ja oft eher eine Ausrede, um nicht zu schreiben, jedenfalls bei mir. Die Geschichte konnte erst entstehen, als ich die zwei Hauptfiguren vor mir sah – und dann haben diese zwei das Ganze übernommen und es entstand etwas, das nicht geplant war, etwas Rätselhaftes und sehr Menschliches, das eher einen Gegensatz bildet zu all dem Eindeutigen und Klaren, wofür das Eichwesen steht. Also: ein Roman.

Der Eichbeamte Karl Dijk, der zu seiner eigenen Verabschiedung nicht erscheint, ist ein sehr eigensinniger Charakter. In seiner Prinzipientreue bewundernswert, aber auch erschreckend. Wie sehen Sie ihn?
Ich glaube, ich bewundere seine Haltung. Er scheint mir eine tragische Figur zu sein. Wie Don Quijote, den ich ja gleichfalls bewundere. Prinzipien sind ja auch nur Verabredungen. Ein Kilo ist nicht immer ein Kilo, und ein Meter misst manchmal etwas weniger oder etwas mehr. Als Dijk seine Karriere anfing, 1961, war Stabilität ein Verdienst; heute gilt umgekehrt Flexibilität als etwas sehr Erstrebenswertes. Ob Dijk sich selbst auch als tragisch empfindet, wissen wir nicht. Wir sehen ihn ja nur durch die Augen seines langjährigen Kollegen, des Erzählers. Und je länger dieser Erzähler über Karl Dijk nachdenkt, desto unsicherer wird er hinsichtlich seiner Beobachtungen, seiner eigenen vernünftigen Anpassungsbereitschaft, seiner Identität. Um etwas genau zu vermessen, braucht man immer etwas Stabiles, etwas, das sich nie ändert – einen Maßstab, an dem gemessen wird. So was gibt es aber nicht, wenn man zwei Menschen vergleicht.

Der Erzähler ist eine Art Gegenpol zu Karl Dijk. Steht er Ihnen persönlich näher als der Mann mit dem deutschen Vornamen?

Ich kenne Dijk genauso wenig wie er. Ich staune immer über Leute, die korrekt und stabil erscheinen, so voller Selbstvertrauen. So bin ich nicht. Zweifel ist der Grundton meiner Existenz. Ich habe in meinem Leben schon so oft meine Meinung geändert – und habe gesehen, wie schnell und wie oft sich die Stimmung und die Meinungen in unserer Gesellschaft ändern und wie schnell man dann vergisst, was man gestern noch für selbstverständlich und wahr hielt. Wüsste ich ganz genau und für immer, wie die Welt funktioniert, dann wüsste ich auch von jeder Geschichte, wie sie endet. Und dann bräuchte ich sie nicht mehr zu schreiben.

Die Welt der 60er-Jahre, als es noch den Milchmann, den Schlachter und den Tante-Emma-Laden gab, wird im Roman so liebevoll beschrieben, dass man fast nostalgisch werden kann. Glauben Sie, die Zeiten waren damals besser?
Nostalgie empfinde ich fast als eine Krankheit, und zwar nicht immer als eine unschuldige. Besser war es damals höchstens in der Hinsicht, dass ich selbst zu dieser Zeit viel jünger war. Dass ich das alles noch einmal beschreiben wollte, hat einfach damit zu tun, dass es diese Dinge gab und dass sie so viel bedeutet haben für den Milchmann und den Ladenbesitzer, der vielleicht sein ganzes Leben mit ihnen verbracht hat – und auch für den Eichbeamten, den die beiden wahrscheinlich als ihren Feind ansahen. Jetzt sind alle diese Leute, ihre Umgebung, ihre Arbeit nicht mehr da. Die kleinen Läden geschlossen, das Eichwesen privatisiert. Also ist alles umsonst gewesen? Das glaube ich nicht. Aber dass heute alles besser ist, glaube ich genauso wenig. Der Schnee vom vergangenen Jahr war kein besserer Schnee, aber er war nun einmal da, als ich jung war, ich hab ihn gesehen, er gehört zu mir, zu meinen Erinnerungen, und im Schreiben halte ich ihn noch einmal fest.

Uhren spielen eine große Rolle in diesem Roman. Meistens gehen sie falsch. Ist Ein Leben nach Maß auch ein Buch über das Vergehen der Zeit?
Alle Romane handeln vom Vergehen der Zeit. In diesem Fall geht es insbesondere um ein Spiel mit Zeit und Raum. Wir kennen das Gefühl, wenn man zum Beispiel einen altmodischen Laden betritt und sagt: „Es scheint, als wäre die Zeit hier stehen geblieben.“ Das scheint nicht nur so, das ist auch so. In Holland spricht man noch immer über die revolutionären 60er-Jahre, als sich so vieles veränderte, als man freier und toleranter wurde. Aber in großen Teilen der Niederlande fingen diese legendären 60er-Jahre erst 1978, 1998 oder sogar erst 2010 an. Ebenso sind gewisse Umgebungen, die sich längst verändert haben, für mich noch immer sehr konkret; ich sehe Häuser, die es nicht mehr gibt; ich weiß, wie sie von innen aussehen, und von den Häusern, die jetzt da stehen, weiß ich es nicht. Die letzteren sind also die Chimären, nicht die verschwundenen. Und so geht es mir auch mit Personen, von denen ich weiß, dass sie gestorben sind, die für mich aber noch immer viel realer anwesend sind als Leute, denen ich tatsächlich auf der Straße begegnen kann – weil ich ihre Stimmen noch höre und in manchen Fällen noch weiß, wie sie gerochen haben. Ein faszinierendes Buch von Karl Schlögel heißt Im Raume lesen wir die Zeit. Das Umgekehrte ist auch wahr.

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