Dienstag, 27.Oktober

Heute haben
Dylan Thomas * 1914
Sylvia Plath * 1932
Gerd Brantenberg * 1941
Margaret Mazzantini * 1961
Zadie Smith * 1975
Geburtstag
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Dylan Thomas
Do Not Go Gentle Into That Good Night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night. 
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Bernward Gesang: „Mit kühlem Kopf“
Über den Nutzen der Philosophie für die Klimadebatte
Hanser Verlag € 24,00

Bernward Gesang ist Professor für Philosophie und Wirtschaftsethik in Mannheim und befasst sich in diesem Buch mit den vielen Facetten des Klimawandels, oder vielmehr, wie gehen wir mit dieser kommenden Katastrophe um. Dass sie kommen wird, davon ist er felsenfest überzeugt. Aber wie dagegen vorgehen? Wie können wir sie noch abwenden? Was müssen wir bewegen? Was können wir noch tun und lassen und was muss sofort in die Hand genommen werden?
Das Besondere ist Gesangs Art und Weise, wie an die Problematik rangeht. Er analysiert ein Argument und setzt ein Gegenargument daneben. Vergleicht, wägt ab und schließt die Kapitel mit den jeweiligen „Transformationsfallen“ ab. Er hält nichts von plakativen Sprüchen, sondern geht den Dingen auf den Grund.
Wie er das allerdings macht, ist besonders. Er vergleicht unsere aktuelle Situation mit einem Science Fiction, mit einem Heldenepos wie „Herr der Ringe“. Wie können wir gegen das Unglaubliche, das Unvorstellbare vorgehen. Das klingt komisch, gibt diesem Fachbuch jedoch auch eine humorvolle Note.
Er stellt am Ende Lösungen vor, die mehr als plausibel sind.
Aber: Viel Zeit bleibt uns nicht, wenn wir unseren Kindern und Enkelkindern eine lebenswerte Erde hinterlassen wollen.

Bernward Gesang, Jahrgang 1968, studierte in Bonn und Münster Philosophie und habilitierte sich 2000 in Düsseldorf, wohin er 2006 als Professor berufen wurde. Seit 2009 unterrichtet er an der Universität Mannheim auf dem Lehrstuhl für Philosophie mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik. Letzte Veröffentlichungen: Wirtschaftsethik und Menschenrechte (UTB 2016), Darf ich das oder muss ich sogar? (Piper 2017).


Mittwoch, 13.Mai

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Heute haben
Alphonse Daudet * 1840
Reinhold Schneider * 1903
Daphne du Maurier * 1907
Gregor von Rezzori * 1914
Adolf Muschg * 1934
Bruce Chatwin * 1940
Amistead Maupin * 1944
Christoper Reid * 1949
Alma * 2015
Geburtstag
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Reinhold Schneider
Allein den Betern kann es noch gelingen

Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug’ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

(1936)
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Alan Gratz: „Amy und die geheime Bibliothek“
aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel

Kinderbuch ab 9 Jahren
Hanser Verlag € 15,00

Vor fast genau einem Jahr hat Susanne Link diese Buch hier auf dem Blog empfohlen. Jetzt habe ich es wieder in die Finger bekommen und an einem Tag verschlungen. Ein großartiges Buch. So witzig, frech und auch ernst und engagiert, wie der us-amerikanische Autor das Leseleben der kleinen Amy erzählt. In der Bibliothek ist nämlich das Lieblingsbuch der kleinen Leseratte aus dem Regal verschwunden. „Gilly Hopkins“, ein geniales Kinderbuch. Auf Nachfrage bei der tollen Bibliothekarin, erfährt sie, dass der Schulausschuss es entfernt hat, da es noch nichts für diese Grundschule sei. So etwas geht gar nicht, denkt Amy. Als noch mehr Bücher der Zensur unterliegen, nimmt die Geschichte ihren rasanten Lauf.
Dazu kommt noch, dass Amy als älteste von drei Geschwistern immer die Vernüftige sein soll und nicht mal ein eigenes Zimmer hat.
Die vielen Wendungen in der Handlung, die witzigen Dialoge, die neuen Freundschaften machen einfach Spaß zum Lesen.
Aber Achtung: Dies ist kein Zukunftsroman. In einem Nachwort schreibt der Autor, dass genau diese im Buch erwähnten Bücher in den USA aus vielen Schulbibliotheken enfernt worden sind.

 

Dienstag, 18.Februar

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Petra Elsner
(16.Februar 2020)

Abgenutzt von kalten Kriegen
stiehlt mein Herz sich leis davon.
Watet durch die dichten Nebel
zu der eigenen Mission.
Ohne Halt und Anker
schifft es durch die Zeit.
Schlägt in aller Stille
eine Ewigkeit.

www.schorfheidewald.de
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Kübra Gümüsay: „Sprache und Sein“
Hanser Verlag 18,00

 „Ein beeindruckendes Buch, poetisch und politisch zugleich.“ Margarete Stokowski

Kübra Gümüsay schreibt in ihrem ersten Buch über Sprache, über Wörter, die es nur in den bestimmten Sprachen gibt und unübersetztbar sind. Sie schreibt, wie sie deutsch schreibt und türkisch denkt. Und andersherum.
Danach wird ihr Buch aktuell politisch. Sie schreibt über Rassismus in der Gesellschaft und in der Sprache. Was es mit uns macht, wenn wir rassistische Formulierungen übernehmen. Wie sich unsere Gesellschaft sich verändert, wenn wir Sätze der AfD  in die Alltagssprache einfließen lassen. Sie schreibt über das Phänom, dass einzelne Menschen nicht mehr sichtbar sind, wenn sie unter einem Sammelbegriff verschwinden: die Türken, die Flüchtlinge, die Asylanten. Sprache sollte Menschen nicht auf Kategorien reduzieren, schreibt Kübra Gümüsay. Sie plädiert für eine Gleichberechtigung auf Augenhöhe. Doch dies scheint immer schwieriger zu werden in einer Zeit der hasserfüllten Reden und Diskussionen.

Leseprobe

Von der Hanser Website:
5 Fragen an Kübra Gümüsay

Liebe Kübra Gümüsay, Sie schreiben in Ihrem Buch von der Macht der Sprache und davon, wie diese unsere Wahrnehmung prägt. Wie hat die Tatsache, dass Sie verschiedene Sprachen sprechen, Ihre eigene Wahrnehmung beeinflusst?
Wie viele andere, die mehrsprachig aufwachsen, erkannte ich irgendwann, wie ich mich in den unterschiedlichen Sprachen jeweils anders fühlte – und für Gefühle einen Ausdruck fand, für die ich in anderen Sprachen um Worte rang. Jede dieser Sprachen – in meinem Fall sind es Deutsch, Türkisch und Englisch – erfasste für mich eine andere Facette der Realität. So wurde für mich nahezu physisch spürbar, wie sehr Sprache uns die Welt eröffnen kann – aber auch wie begrenzt und einengend sie sein kann.

Mit Sprache und Sein legen Sie ein sehr persönliches Buch vor. Als Individuum sprechen zu können und gehört zu werden, ist ein Privileg, wie Sie schreiben. Was genau bedeutet das?
Zum Menschsein gehört es dazu, Fehler zu machen, Makel zu haben, komplex zu sein, wechselhaft, veränderlich, wachsend, im ständigen Prozess, im Werden. Dieser Facettenreichtum macht uns zu Individuen. Wem aber werden diese Eigenschaften, dieser Facettenreichtum zugestanden? Wem nicht? Die individuellen Fehltritte oder Makel welcher Menschen erheben wir zu einem kollektiven Fehltritt? Wer darf als Individuum, für sich, sprechen, wer muss als Vertretende eines Kollektivs, für seinesgleichen, sprechen? Das zeigt uns: Individualität ist gegenwärtig ein Privileg, das nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft genießen. Daran müssen wir langfristig arbeiten.

Sprache vermag vieles auszudrücken und doch birgt sie besonders im öffentlichen Diskurs die Gefahr, komplexe Sachverhalte und Zugehörigkeiten zu reduzieren und zu vereinfachen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, dass Sprache gesellschaftliche Vielfalt und unterschiedliche Lebensrealitäten nicht nur mitdenkt, sondern auch mitspricht?
Sprache ist ständig im Wandel. Sie wird stets von den gesellschaftlichen Verhältnissen, den Hierarchien und Hegemonien geprägt und beeinflusst. Wer ist die dominante Gruppe, die in einer Gesellschaft die sprachliche Hegemonie besitzt – also schreibt, publiziert, und damit Sprache nachhaltig verändert? Durch wessen Augen schauen wir auf die Welt, wenn wir sprechen? Wenn wir anfangen, uns Fragen dieser Art zu stellen, wird uns bewusst, wie begrenzt und einseitig der öffentliche Diskurs ist. Und wie wichtig und elementar unsere Pluralität ist, um der Beschreibung der Realität näher zu kommen. Ich denke deshalb: Ein Schlüssel, um unterschiedliche Lebensrealitäten zur Sprache kommen zu lassen, ist die eigene Lebensrealität und Sicht auf die Welt nicht zur universellen zu erklären und anderen überzustülpen. Es braucht also etwas mehr Demut in denjenigen hegemonialen Systemen und Strukturen, die uns die Welt erklären – beispielsweise im Journalismus, in Film und Fernsehen.

In Zeiten sprachlicher Entgrenzung, rechter Gewalt und offenen Hasses fällt es schwer, an die verändernde und befreiende Kraft der Sprache zu glauben. Welche Begegnungen und Erfahrungen machen Ihnen Hoffnung, dass ein anderes Sprechen und Miteinander möglich ist?
Sich nicht an die gegenwärtigen Umstände zu gewöhnen, ist die Voraussetzung für Hoffnung. Ich weigere mich, mich an Gewalt, Unterdrückung, Hass, Hetze oder Häme zu gewöhnen – um dagegen hoffen zu können, wie es der Rabbi Abraham Joshua Heschel einst beschrieb. Ich habe erlebt, wie ein Mann, der mir eine Morddrohung schickte, sich wenige Monate später dafür bei mir entschuldigte. Weil er einen Text von mir gelesen hatte und sich darin wiederfand. Menschen sind veränderlich. Ich halte unsere Gesellschaft für absolut imstande, kritische und konstruktive Diskurse zu führen, die uns voranbringen. Dafür müssen wir das aber vorleben. Doch genau daran – an öffentlichen Räumen für kritisches Denken und konstruktiven Diskurs – mangelt es eklatant.

Sie engagieren sich seit Jahren auf unterschiedliche Weise für ein offenes und tolerantes Miteinander – angesichts der gegenwärtigen Zustände eine ermüdende Tätigkeit. Woher haben Sie die Energie für Ihr Buch genommen?
Interessanterweise war es genau diese Ermüdung, aus der ich Energie schöpfte. Das Gefühl der Sprachlosigkeit, der Enge und das Bewusstsein, dass es so nicht weitergehen kann. Ich wollte mit meinem Engagement nicht mehr nur Löcher eines destruktiven Systems stopfen, sondern so weit graben, bis ich auf eine Architektur stoßen würde, an der es sich lohnen könnte zu arbeiten. Sodass ich an einer der vielen Ursachen dieser destruktiven Diskurskultur arbeiten kann, statt mit meinem Engagement diese Destruktivität aufrecht zu erhalten. Für mich war eine dieser Architekturen unsere Sprache.