Mittwoch, 13.Februar

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Heute haben
Georges Simenon * 1903
Sybil Gräfin Schönfeldt * 1927
F.C.Delius * 1943
Katja Lange-Müller * 1951
Irene Dische * 1952
Geburtstag
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Hans Sachs

Wer allzeit hinterm Ofen sitzt und Grillen fängt und Hölzlein spitzt und fremde Lande nie beschaut, der bleibt ein Narr in seiner Haut.
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Abbas Khider: „Deutsch für alle“
Hanser Verlag € 14,00

„Seit ich die deutsche Sprache kenne, träume ich nicht mehr davon die Welt zu verändern. Ich habe nur noch ein Ziel im Leben: Ich will diese Sprache erneuern.“
Abbas Khider

Drei deutsche Worte kannte Abbas Khider schon, bevor er mit Mitte zwanzig als Flüchtling aus dem Irak kam: Hitler, Scheiße, Lufthansa.
Nicht viel, aber somit beginnt sein neues Buch, in dem er die deutsche Sprache reformieren will. Mit großem Witz und begründeter Ernsthaftigkeit geht er flott an die Sache ran und am Ende des schmalen Buches sind wir schon einen riesigen Schritt weiter, ein Deutsch zu sprechen, das viele Hürden (für Deutschlernende) abgebaut hat.
Ob das klappt, bleibt offen. Es liegt an uns.
Er braucht natürlich Verbündete und findet tatsächlich welche. Allerdings in einem Lager, das wir bei einem Mann wie ihm nicht vermutet hätten. Diese, seine These, spiegelt Khiders Ironie im Ernst.
Herrlich.

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In seinen Kapiteln erzählt er auch immer wieder aus seinem Leben als junger Mann in Bagdad, als Flüchtling in Italien und Asylbewerber in München und damit haben wir Khider wieder als frechen Erzähler, so wie wir ihn bis jetzt gekannt haben.

Abbas Khider kommt am Dienstag, den 26.Februar um 20 Uhr ins Ulmer Roxy.

Freitag, 11.Januar

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Heute haben
Diana Gabaldon * 1952
und Katharina Hacker * 1967
Geburtstag
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Rok
nordlicht 52

es ist stille sie öffnet
die tür
zwischen raum und zeit
und hat mich verraten ich
weiß nicht mehr wo unten
oder noch weiter unten ist
der schwarze vorhang bleibt zu
dein mund scheint rot
und weich wie der
mond in einer nacht wo
die bunten blätter der
herbstbäume fallen
als ob sie den zustand
der bedrohlichen dunkelheit
nicht akzeptieren
du sagst du kannst
die stille zerreißen
wie ein stück papier
und liebst den geruch
der einsamen straßen
wann fährt der erste
zug morgen
richtung osten da wo
die sonne aufgeht

aus: „Die Zärtlichkeit des Schneemanns“ € 10,00
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Claudia Wiltschek empfiehlt:

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Takis Würger:  „Stella“
Hanser Verlag  € 22.00

Friedrich wächst in wohlhabenden Verhältnissen am Genfer See auf, seine Mutter ist Künstlerin, der Vater Großgrundbesitzer. Nach einem Unfall verliert Friedrich seine Fähigkeit Farben zu erkennen, seine Mutter verzweifelt daran, hat sie doch für ihn eine Karriere als Künstler vorbereitet. Friedrich möchte sich von all dem lösen und weit weg, nach Berlin gehen, um dort eine Kunstschule zu besuchen.
Es ist das Jahr 1942, Krieg in Deutschland, in der Schweiz wird über angebliche Judentransporte gesprochen. Für Friedrich ein Grund mehr, in dieses Land zu reisen, um die Wahrheit zu erfahren. In der Kunstschule lernt Friedrich Kirstin kennen, eine rätselhafte , eigenwillige junge Frau, die ihn fasziniert und ihn in das Berliner Nachtleben ausführt. Er wohnt in unfassbaren luxeriösen Verhältnissen, in einer Stadt, die für die Bevölkerung nach und nach Lebensmittel rationiert und Lebensmittelmarken verteilt. Kirstin wird zu einer dauerhaften Besucherin, geniesst diesen unerhörten Luxus mit Friedrich, bis sie eines Tages verwundet, misshandelt bei ihm auftaucht. Nun will Friedrich endlich die Wahrheit wissen : Kirstin ist die Jüdin Stella Goldberg, weigert sich aber mit Friedrich das Land zu verlassen, um ihre Eltern zu retten.
Aber das ist nicht die ganze Wahrheit der Stella Goldberg, die tatsächlich gelebt hat. Ein Roman, den ich atemlos verschlungen habe und mich mit der Frage zurücklässt : Was ist man bereit zu tun, um zu überleben ?

Donnerstag, 10.Januar

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Heute haben
Karel Capek * 1863
Leonardo Sciascia * 1921
Geburtstag
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Rok
leichter wind

weiße wolkenfetzen auf
blauem nachthimmel
ein großer einsamer mond
leuchtet den weg
jetzt und für
immer
leichter wind weht
schwere träume zum fluss

harpune licht aus

ich träumte von walen die an
meinem frühlingsfenster
vorbeiziehen
mit traurigen augen
die freiheit verteidigen
das war so unerwartet wie dass
dein lächeln mich berührt
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe„
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Hanser Verlag € 21,00

Ein Buch, das man gleich noch einmal von vorn beginnen muss, um das Ende zu verstehen. Oder eben auch nicht. Denn die finnische Autorin Minna Rytisalo lässt viele Lücken in ihrem Roman und wir sind als Leser selbst gefragt, sie zu füllen.
Lempi ist die Hauptfigur. Aber Lempi kommt gar nicht zu Wort. Es erzählen ihr Mann Viljami, ihre Schwester Sisko und die Magd Elli. Zwangsläufig ist das Bild, das von Lempi entsteht, unvollständig. Weil jede dieser Figuren immer das eigene Leben, Leiden und Wünschen miterzählt.
Es ist gut, dass dem Roman ein Nachwort der Übersetzerin hintenangestellt ist, das die geschichtliche Situation, die die Geschehnisse einbettet, und die Auswüchse des zweiten Weltkrieges bis hinauf nach Finnland und Lappland, erklärt. Etwa die Waffenbrüderschaft zwischen den Deutschen und den Finnen, die dazu führte, dass 200.000 deutsche Soldaten im finnischen Lappland stationiert waren, in dem selbst nur 180.000 Finnen lebten.
Diese Ereignisse führen dazu, dass sich das tief verbundene Zwillingsschwesternpaar Sisko und Lempi durch die Heirat der einen und die Ausreise nach Deutschland der anderen für immer entzweit. Beide wachsen allein mit dem Vater auf, der ein florierendes kleines Lebensmittelgeschäft führt. Sie sind anders als die anderen im Dorf. Haben Abitur, teure Kleidung und gehobene Manieren. Lempi ist unerschrocken und fordert das Leben heraus. Sisko ist die Vernünftige, die die Buchhaltung des Vaters übernimmt und sich mit einem Deutschen einlässt, weil es sich eben so fügt. Lempi dagegen lässt eine Wette mit ihrer Schwester darüber entscheiden, wen sie heiratet und wie ihr Leben nach der Schule weitergehen soll. Und so zieht sie mit dem ersten Mann, der am nächsten Tag in den Laden kommt, auf seinen Hof und scheint glücklich. Jedoch nur ein halbes Jahr lang. Dann wird auch Viljami eingezogen und Lempi bleibt allein mit der Magd Elli zurück, schwanger und mit einem Pflegesohn.
Was sich dann zwischen den beiden Frauen entwickelt, bleibt fragmentarisch und nur aus der Sicht von Elli erzählt. Als Viljami endlich wieder nach Hause kommt, gebrochen vom Krieg und Töten, ist Lempi nicht mehr da. Nur Elli mit den zwei Kindern, die hofft, nun endlich das Leben führen zu können, das sie sich immer gewünscht hat: als Frau an der Seite von Viljami.
Doch auch Sisko macht sich von Deutschland aus auf die Suche nach ihrer Schwester.
Alle Figuren sind gezeichnet von den Zerstörungen und Verlusten des Krieges. Sie versuchen sich gegenseitig zu halten, wo zu große Wunden klaffen. Und doch bleiben Bilder und zerstörte Welten, die nicht heilen werden.
Ein unglaublich tief gehender Roman, der mit seiner poetischen Sprache nichts auserzählt und gerade deshalb so lange bewegt.