Dienstag, 23.März

Heute haben
C.F.D.Schubart * 1739
William Morris * 1834
Dario Fo * 1926
Martin Walser  wird 90. * 1927
Peter Bichsel * 1935
Geburtstag
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Fred Endrikat
Frühling ist’s

Frühling ist’s! Die Hennen glucksen
Veilchen raus – und weiße Buxen.
Frauen schnüren sich geringer,
und der Bauer schiebt den Dünger.
Fliegen klettern unverdrossen
auf den Nasensommersprossen.
Ringsum blüht’s an allen Hecken –
und es riecht aus den Ap’theken.
Ich steck mir voll Übermut
’nen Sonnenstrahl an meinen Hut.
Freudig jubeln und frohlocken
Kirchen-, Kuh- und Käseglocken.
Frühling wird’s mit Vehemenz.
Auf grünen Filzpantoffeln naht der Lenz!
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Claudia Wiltschek empfiehlt:


Iain Lawrence : „Skeleton Tree
Verlag Freies Geistesleben  € 19,00
Jugendbuch ab 12 Jahren


Chris lebt nach dem tödlichen Unfall seines Vaters allein mit seiner Mutter. Um ihn ein bisschen aus der Trauer zu locken, lädt ihn sein Onkel Jack zu einer Segeltour an der Küste Alaskas ein. Seine Mutter willigt nur zögerlich ein, ist doch Onkel Jack als risikofreudiger Draufgänger bekannt. Aufgeregt und voller Freude besteigt Chris das Boot, wird aber etwas enttäuscht, befindet sich doch noch ein Junge dort, etwas älter als er. Frank ist mürrisch, überheblich und wechselt mit Chris eigentlich kein Wort. Chris wird zu alledem noch seekrank. In einem Sturm erleiden sie Schiffbruch und mit letzter Kraft können sich nur Frank und Chris ans Ufer retten. Menschenleere und völliger Wildnis sind die beiden nun ausgesetzt und für beide beginnt ein Leben, das von Nahrungssuche und Kämpfen gegen Bären und Wölfen bestimmt ist. Zudem hat sich Franks Verhalten gegenüber Chris nicht geändert und so muss Chris auch noch täglich Demütigungen ertragen. Die Situation ändert sich, als ein großer Rabe Zutrauen zu Chris findet und eine rührende Beziehung zwischen den beiden entsteht. Die Klugheit dieses Tieres rettet sie aus vielen gefährlichen Situationen und auch Frank wird zugänglicher und erzählt endlich Chris, warum er so abweisend war.
Ich wollte eigentlich nur kurz in das Buch reinlesen: Es hat mich aber so gefesselt und daraus sind einige aufregende Lesestunden geworden. Ein tolles Buch für für alle, die Abenteuer und ein bisschen Grusel mögen und es sich leisten können einige Stunden auf dem Sofa oder sonstwo vor Spannung festgeklebt zu sein. Bestens geeignet für lesemüde Jungs, die sich sicher auch durch das tolle gelungene Cover angesprochen fühlen.
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Heute ab 19.30 Uhr online im Literaturhaus Köln
Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“
Ein Roman über Hannah Arendt
https://literaturhaus-koeln.de/programm/hildegard-e-keller-was-wir-scheinen/23-03-2021/

Donnerstag, 25.Februar

Heute haben
Carlo Goldoni * 1707
Karl May * 1842
Anthony Burgess * 1917
Erice Pedretti * 1930
George Harrison * 1943
Franz Xaver Kroetz * 1946
Geburtstag
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Theodor Storm
Februar

Im Winde wehn die Lindenzweige,
von roten Knospen übersäumt;
Die Wiegen sind’s, worin der Frühling
die schlimme Winterzeit verträumt.

O wär im Februar doch auch
wie’s andrer Orten ist es Brauch,
bei uns die Narrheit zünftig!

Denn wer, solang das Jahr sich misst,
nicht einmal herzlich närrisch ist,
wie wäre der zu andrer Frist
wohl jemals ganz vernünftig!
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Diese Motive (und mehr) von Julia Hanisch haben wir als Postkarten im Laden.

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Sarah Wiltschek empfiehlt:


Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen
Eichborn Verlag € 24,00

„Freedom is just another word for nothing left to lose“.

Hildegard E. Kellers Roman taucht ein in das Leben einer Frau, deren höchstes Gut das freie und unabhängige Denken war und deren Stimme gerade jetzt wieder lauter wird und gehört werden will: Hannah Arendt. Auf eine leichte Weise nimmt die Autorin uns mit ins vergangene Jahrhundert und zum Ausgangspunkt vieler politisch philosophischer Auseinandersetzungen ihrer Protagonistin: das Judentum und der Nationalsozialismus. In Rückblenden erleben wir Arendts wichtige Lebensstationen, während sie ein letztes Mal Urlaub macht an ihrem Tessiner Rückzugsort: Ihre Kindheit in Königsberg, das Leben im Pariser Exil, die Internierung, die Flucht gemeinsam mit ihrer Mutter, das Ankommen in Amerika und ihr rascher Aufstieg als Journalistin und wichtige Stimme im „jüdischen Diskurs“. Dabei wird der miterlebte und in Reportagen und einem Buch verarbeitete Eichmann-Prozess in Jerusalem zu einem zentralen, tief in ihr Leben eingreifenden Ereignis. Durch ihre damalige Positionierung sah sie sich einer völlig ungewollten Öffentlichkeit ausgesetzt, die auch vor dem Privaten nicht Halt machte. Freundschaften zerbrachen und es blieben von den wenigen überlebenden, noch weniger an ihrer Seite. Gleichzeitig war es das, was Arendt als ihre Lebensaufgabe sah: Integer und in vollkommener Verantwortung für sich selbst einzustehen, sich nicht verbiegen zu lassen, sich so unabhängig als irgend möglich zu äußern und zu handeln.
Und doch sind es gerade die tiefen und langen Freundschaften, die sie trugen und ihr Leben auszeichneten, von denen Briefe zeugen und regelmäßige Besuche in die Schweiz und nach Jerusalem. Zentrale Figuren sind ihr Doktorvater Karl Jaspers und Kurt Blumenfeld, die sie in aufrichtiger Freundschaft ein Leben lang begleiteten und unterstützen und Martin Heidegger, von dem sie nie die Anerkennung bekam, die sie sich wünschte. Arendts Ehe mit Heinrich Blücher und ihr gemeinsames Leben in New York war hingegen Begegnungs- und Rückzugsort zugleich, war Austausch auf Augenhöhe, tiefe Verbundenheit und vielleicht so etwas wie Heimat, für die Arendt ansonsten keinen geografischen Ort mehr finden konnte.
Die Autorin nimmt sich außerdem die Freiheit, gerade in den letzten Jahren, als Arendt verwitwet und allein zurückblieb, ihr neue Freundschaften an die Seite zu stellen. So dass uns Leser*innen noch einmal deutlich vor Augen steht, was diese Frau, neben ihrem scharfen Verstand und ihrem klugen Humor antrieb: Eine unersättliche Neugierde am Menschen und an der Welt, die sie bis an ihr Lebensende selbstständig denkend arbeiten ließ. Das Komplexe ihrer Werke zeigt sich in diesem Roman in und durch die Figur Hannah Arendt und macht augenblicklich Lust, sich tiefer in das Werk dieser großen Denkerin zu stürzen.

Donnerstag, 21.Juli

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Heute haben
Hans Fallada * 1893
Ernest Hemingway * 1899
Mohammed Dib * 1920
Brigitte Reimann * 1933
Geburtstag.

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Unser heutiger Buchtipp:

978-3-15-019398-3

Hannah Arendt: „Wir Flüchtlinge“
Was bedeutet das alles?
Mit einem Essay von Thomas Meyer
Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel
Reclam Verlag € 6,00

„Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unsere Gefühle.“

Hannah Arendt, die Mitte der 30er Jahre selbst flüchten musste, in Frankreich interniert war und über Portugal in die USA kam, schrieb diesen Text 1943 auf englisch. Er wurde von vielen Stellen totgeschwiegen und als 1963 Hannah Arendt mit ihrem Eichmann-Text für einen großen Skandal sorgte, verschwand der Essay in den Schubladen der Geschichte. 1986 wurde er erstmals ins Deutsche übersetzt und erschien aktuell in der Philosophie-Reihe des Reclam Verlags. Der beigefügte Text Es bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt von Thomas Meyer erschien Ende 2015 beim Deutschlandfunk. Darin analysiert Meyer diesen kurzen Text und legt seine wahre Sprengkraft offen.

„Daß es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben – und dies ist gleichbedeutend damit, in einem Beziehungssystem zu leben, in dem man aufgrund von Handlungen und Meinungen beurteilt wird -, wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen aufgetaucht sind, die dieses Recht verloren haben und zufolge der neuen globalen Organisation der Welt nicht imstande sind, es wiederzugewinnen.“

Aus unmittelbarem eigenem Erleben bezweifelte Arendt, dass Staaten überhaupt noch in der Lage sind, Flüchtlings-Probleme zu bewältigen, da die Nationalsozialisten die Idee des schützenden Nationalstaats unmöglich gemacht haben. Deshalb kritisiert sie auch die Entstehung eines eigenen Staates für Juden. Das Konstrukt Nationalstaat hat sich, so Arendt, überlebt.

„Die Lebensunfähigkeit gerade dieser Staatsform – und die Form scheitert an Fragen des Lebens, denn das sind alle wirtschaftlichen Fragen, wenn Sie sie recht betrachten – in der modernen Welt ist längst erwiesen, und je länger man an ihr festhält, umso böser und rücksichtsloser werden sich die Pervertierungen nicht nur des Nationalstaats, sondern auch des Nationalismus durchsetzen. Man sollte nicht vergessen, dass die totale Herrschaft vor allem auch in der Form des Hitler-Regimes, nicht zuletzt dem Zusammenbruch des Nationalstaats und der Auflösung der nationalen Klassengesellschaft geschuldet war. Es war im Grunde ein Zersetzungsprodukt, wenn man es rein objektiv betrachten will. Der Souveränitätsbegriff des Nationalstaats, der ohnehin aus dem Absolutismus stammt, ist unter heutigen Machtverhältnissen ein gefährlicher Größenwahn. Die für den Nationalstaat typische Fremdenfeindlichkeit ist unter heutigen Verkehrs- und Bevölkerungsbedingungen so provinziell, dass eine bewusst national orientierte Kultur sehr schnell auf den Stand der Folklore und der Heimatkunst herabsinken dürfte. Wirkliche Demokratie aber, und das ist vielleicht in diesem Zusammenhang das Entscheidende, kann es nur geben, wo die Machtzentralisierung des Nationalstaats gebrochen ist und an ihre Stelle die dem föderativen System eigene Diffusion der Macht in viele Machtzentren gesichert ist.

In ihrer flotten Art zu schreiben, vermischt sie ihr eigenes Erleben mit Analysen, Gedankenketten , die nicht immer sofort nachvollziehbar sind. Auch ist dieser Text nicht direkt auf die jetzige Flüchtlingsdebatte anwendbar, zeigt aber, wie klug und genau Arendt hingeschaut und in ihren prägnanten Worten diesen kurzen Text konstruierte.
Irgendwie prophetisch klingen dann solche Sätze:

„Und die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als – und weil – sie den Ausschluss und die Verfolgung seines schwächsten Mitglieds zuließ.“