Mittwoch, 25. Mai


Heute haben
Ralph Waldo Emerson * 1803
Max von der Grün * 1926
Raymond Carver * 1938
Jamaica Kincaid * 1949
Geburtstag
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Ernst Lissauer (1882-1937)
Balkons in de Vorstadt

Stuben an Stuben, langhin aneinandergestaut,
Stockwerk auf Stockwerk getürmt, Wolken und Sterne verbaut,
Weithin Stein und Asphalt —
Wächst irgendwo Weizen und Wald?
Dunst, Rauch, Staub —
Rauscht irgendwo Welle und Laub?

Nie von starkem Leuchten besonnt,
Wie gemauerter Nebel starrt die unendliche Front.

Doch an jedem Haus, jedem Geschoß, immer zu zweit,
Balköne, schwebende Zimmer, hangen
ln langen
Fluchten zur Rechten und Linken die Straße hinuntergereiht;
Aus Wein und aus Efeu geflochten Wände aus Grün,
Irdene Töpfe, drin rote Geranien und Fuchsien blühn,
Stücke Wiese und Wuchs, verwehte, verstreute, —
Land der landlosen Leute.
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Unser Buchtipp:


Adania Shibli: Eine Nebensache
Aus dem Arabischen von Günther Orth
Berenberg Verlag € 22,00

Was für ein starker Roman. So schmal und unscheinbar, so einfach in der Sprache, fast wie ein Bericht, eine Tagebuchaufzeichnung. Und ist die Geschichte packend und sehr erhellend, da wir viel über das Palästina Ende der 40er Jahre und den Zustand im heute und jetzt erfahren.
Im Sommer 1949 wird ein palästinensisches ­Beduinenmädchen von israelischen Soldaten missbraucht und ermordet. Jahrzehnte später versucht eine junge Frau aus Ramallah, mehr über diesen Vorfall herauszufinden. Sie ist ­fasziniert, ja besessen davon, vor allem, weil er sich auf den Tag genau fünfundzwanzig Jahre vor ihrer Geburt zugetragen hat.
Unvorstellbar ist schon die Situation, während israelische Soldaten ein Camp aufbauen und der Hauptmann das Beduinenmädchen mitbringt. Einerseits hat er wahnsinnige Schmerzen durch einen Stich im Oberschenkel, andererseits kommt es zu dieser Gewalt, die nicht geschildert wird, an dem Mädchen.
Angst und mögliche Gewalt spielen auch im zweiten Teil, in der Gegenwart ein große Rolle, da die junge Frau, die auf der Suche nach dem Ort des damaligen Geschehens ist, mit nicht ganz legalen Papieren auf israelischem Gebiet unterwegs ist.

Der Roman wird am Freitag im Literarischen Quartett besprechen. Ich bin gespannt.

Adania Shibli, geboren 1974 in Palästina, schreibt Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten und Essays und ist zudem in der akademischen Forschung und Lehre tätig. »Eine Nebensache« ist ihre erste Buchveröffentlichung auf Deutsch, die englische Übersetzung war für den ­National Book Award (2020) sowie für den ­International Booker Prize (2021) nominiert. Adania Shibli lebt in Palästina und Deutschland.

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