Donnerstag, 22.Oktober

Heute haben
Ivan Bunin * 1870
Doris Lessing * 1919
Jacques Berndorf * 1936
Geburtstag
______________________________________________________________________

Karoline von Günderode
Vorzeit, und neue Zeit
 
Ein schmahler rauher Pfad schien sonst die Erde.
Und auf den Bergen glänzt der Himmel über ihr,
Ein Abgrund ihr zur Seite war die Hölle,
Und Pfade führten in den Himmel und zur Hölle.
 
Doch alles ist ganz anders nun geworden,
Der Himmel ist gestürzt, der Abgrund ausgefüllt,
Und mit Vernunft bedeckt, und sehr bequem zum gehen.
 
Des Glaubens Höhen sind nun demolieret.
Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand,
Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuhen.
________________________________________________________________________


Dirk Pope: „Still!“
Hanser Verlag € 15,00
Jugendbuch ab 14 Jahren

Manche sagen, ich rede nicht viel. Allein das ist ein Beleg dafür, dass einige zu viel reden.“, so beginnt der Roman.
Ja, da hat Mariella recht. Es wird zu viel geredet. Ruhe herrscht nirgendwo mehr. (Sprach)Lärm überall. Und somit hat sie sich vom Sprechen verabschiedet. Sie redet mit niemandem mehr. Nicht mit ihren Eltern, nicht mit ihren MitschülerInnen. Dies führt natürlich zu immer größeren Problemen, bis hin zum handgreiflichen Mobbing in der Schule.
Gleichzeitig macht sich Mariella viele Gedanken über Worte und Wörter, über Dauerberieselungen und den Komponisten Arvo Pärt und dessen Thesen zur Stille. Sie lässt in ihrem Kopf verschiedene Menschen zu Wort kommen, die mit ihr über Ruhe, Stille diskutieren.
Als Mariella über den tauben Stan stolpert, ändert sich sehr viel bei ihr. Hier herrscht Ruhe und gleichzeitig eine andere Verständigung per Whatsapp und Zeichensprache. Eine Kommunikation, die beiden liegt und zu mehr wird, als nur ein Smalltalk-Geplänkel.
Wer nicht redet, schadet weder sich noch seiner Umwelt. Im Gegenteil, viele Leute würden ihren Mitmenschen keinen größeren Gefallen tun, als einfach mal den Mund zu halten.“
Dirk Pope hat einen starken, schmalen Roman über eine Jugendliche geschrieben, die mit ihrer Umwelt nicht mehr klarkommt und eine radikale Konsequenz daraus gezogen hat.
Dass dieser Zustand nicht auf Dauer bleiben kann, scheint fast klar und so findet der Autor, in diesem immer spannender werdenden Roman, ein sehr besonderes Ende.
Ein Jugendbuch, das sich mit seinen verschiedenen Ebenen, seinen Einschüben und Gedanken, lohnt zu lesen.

Leseprobe


Dienstag

CIMG9714
Wenn Bücher schlafen
_____________________

Heute haben
Karoline von Günderode * 1780
Else Lasker-Schüler * 1869
Georg Hirschfeld * 1873
Irène Némirovsky * 1903
Maryse Condé * 1937
Frank Schulz * 1957
Geburtstag
und es ist der Todestag von
Sylvia Plath + 1963
_______________________

Karoline von Günderode
Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage
Siegend mit zaghaftem Bangen.
Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachtend,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.


Liebst du das Dunkel

Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte?
Graut dir der Morgen,
Starrst du ins Spätrot,
Seufzest beim Mahle,
Stößest den Becher
Weg von den Lippen?
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
Schlachtgetümmel?
Welken die Blumen
Schneller am Busen,
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen?


Zwei Augen wie Sterne

Zwei Augen wie Sterne
Die sähen so gerne
Das wonnige Licht,
Und dürfen es nicht;
Die hellen Karfunklen
Die könnten verdunklen
Das sonnige Licht,
Und dürfen es nicht.
O Liebesverlangen!
In Kerker gefangen,
Sind die Augen so minniglich,
Die Lippen so wonniglich,
Die Worte die milden,
Die Locken so gülden,
Es bricht mir das Herz
Vor Leidmuth und Schmerz.
Ich sehe bis an den Tod
Die Lippen rosinroth
Und sollt ich nimmer genesen,
Dächt ich doch an ihr minniglich Wesen,
An ihr Blicken so mild,
An das schönste Frauenbild,
Und sollt ich Schmach und Tod erwerben
Das Mägdlein minnt ich und sollt ich sterben.
_______________________

kandel

Eric Kandel: „Das Zeitalter der Erkenntnis
Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute
Aus dem Englischen von Martina Wiese
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Siedler Verlag € 39,99

Eric Kandel, der den Nobelpreis für Medizin erhalten hat, nimmt uns mit diesem Buch mit nach Wien um 1900. Dieses Gemisch von Naturwissenschaft, Medizin und Kunst (Malerei, Musik, Literatur) setzte eine Revolution in Gang, die den Blick auf den menschlichen Geist und seine Beziehung zur Kunst für immer verändern sollte. Siegmund Freud, Gustav Klimt, Arthur Schnitzler sind nur Beispiele dafür, wie vernetzt das damalige Wien mit seiner bedeutendsten Universiät war. Sie kannten sich, haben zum Teil mit einander gearbeitet, sich aneinander gerieben und sich gegenseitig befruchtet. Das war wir vielleicht heute mit dem schnellen Zugang an Informationen im Netz haben, ist dort auf kleinstem Raum geschehen. So setzte Klimt Maßstäbe mit seinen neuen Bildern. Aber auch Mahler, der einen Weg fand weg von Beethoven und Co. Und Arthur Schnitzles „Frl.Else“ zeigt uns sehr eindringlich das Innenleben einer traumatisierten jungen Frau bis zum tragischen Ende.
Eric Kandel musste als Wiener Jude aus der Stadt fliehen, ging in die USA und arbeitet an der Columbia Universität in New York City. Er hat diesen Weg nach Wien nicht nur in seinem Buch gemacht, sondern ging tatsächlich zurück und besuchte die Stätten seiner Jugend. Darüber gibt es einen Film, der mir, genauso wie das Buch, von vielen Seiten empfohlen wird. Leider ist es so, dass immer wenn ich Lust und Zeit zum Schauen hätte, ein Kunde mir den Film wegschnappt. So auch gestern. Also gedulde ich mich noch ein wenig.
Aber zurück zum Buch.
Der erste Teil des Buch ist mit dem Titel: „Eine psychoanalytische Psychologie und Kunst der unbewussten Gefühle“ überschrieben und zeigt, dass das emporstrebende Wien sich zu einem Sammelbecken verschiedenster besonderer Menschen wurde. Es entstand auch ein enorme jüdische Gemeinde, die fast 10 % der Bevölkerung ausmachte. Dennoch war Wien klein mit seinen zwei Millionen Einwohnern. Man traf sich in Salons, in Zirkeln, saß eng aufeinander. Und so war ein Eintausch der Normalfall. Die Medizin war der Vorreiter dieser Revolution, so schreibt Kandel. Die Erforschung des Inneren nahm nun wissenschaftliche Züge an und Klimt und Schiele interessierten sich sehr dafür und nahmen an vielen Obduktionen teil, um mehr über den Körper zu sehen. Es ging also nicht nur um das Äußere in der Kunst, um das Porträt einer bedeutenden Person, seine Darstellung im öffentlichen Leben, sondern gleichzeitig auch um das Inneleben der Person. In der Kunst, war Monents Bild („Frühstück im Grünen“) mit den beiden angezogenen Männern und der nackten Frau, während sie im Park auf einer Decke essen und reden, laut Kandel der erste Schritt in diese Richtung. Die Musik ging weiter den Weg in die Zwölftonmusik und die Literatur fand den Weg zur Beschreibung des Innenlebens. Genauso wie Ibsens Nora oder Hedda, zwei Frauen, der Inneres sich nach aussen stülpt und nur in der Katastrophe enden kann. Nora muss heraus aus dem Puppenhaus, sie erträgt die Enge nicht mehr und wird zur Möderin ihres Ehemanns. Anders Hedda, die sich selbst umbringt.
Die Verknüpfung von Erotik, Aggression und Angst in der Kunst ist ein weiteres Kapitel in Kandels Buch und das sehen wir nicht nur bei Ibsen, sondern auch in vielen Abbildungen und Darstellungen im hier vorgestellten Buch.
Kandel geht dann weiter in der Neurowissenschaft, zeigt uns, wie unser Hirn funktioniert und passiert, wenn wir mit Kunst konfrontiert werden, wenn wir mit Kunst zu tun haben.
Ich habe die ersten 250 Seiten gelesen. Die in einem Rutsch, weil Kandel so flüssig schreibt, dass ich nicht mehr weggekommen bin. Dieser Blick auf das Wien dieser Zeit hat mich animiert, die Romane von Schnitzler nochmals herauszukramen. Das mit den Ibsen-Theaterstücken passte gerade richtig dazu. Den Rest des Buch hebe ich mir für später auf, die die Neuheiten für das Frühjahr sich lauthals zu Wort melden und drängelig auf dem Tisch aufs Gelesenwerden warten.

Leseprobe

Ein halbstündiges Interview mit Eric Kandel