Dienstag

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Gestern im Kultur Spiegel.
Jami Attenbergs „Middlesteins“ unter den Lesetipps für das Frühjahr.
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Heute haben
Gudrun Pausewang * 1928
Josef Winkler * 1953
Nicholas Shakespeare * 1957
Isabel Abedi * 1967
und Gesine Cresspahl Geburtstag, die sicherlich als ganz alte Dame am Strand den Wellen zuschaut.
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„März“
Gedichte
Herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
Reclam Verlag € 5,00

Ha! Von wegen ohne Goethe. Hier haben sie einen ins Heft geschmuckelt.

Der Musensohn

Durch Feld und Wald zu schweifen,
Mein Liedchen wegzupfeifen,
So gehts von Ort zu Ort!
Und nach dem Takte reget,
Und nach dem Maß beweget
Sich alles an mir fort.

Ich kann sie kaum erwarten,
Die erste Blum im Garten,
Die erste Blüt am Baum.
Sie grüßen meine Lieder,
Und kommt der Winter wieder,
Sing ich noch jenen Traum.

Ich sing ihn in der Weite,
Auf Eises Läng und Breite,
Da blüht der Winter schön,!
Auch diese Blüte schwindet,
Und neue Freude findet
Sich auf bebauten Höhn.

Denn wie ich bei der Linde
Das junge Völkchen finde,
Sogleich erreg ich sie.
Der stumpfe Bursche bläht sich,
Das steife Mädchen dreht sich
Nach meiner Melodie.

Ihr gebt den Sohlen Flügel
Und treibt durch Tal und Hügel
Den Liebling weit von Haus.
Ihr lieben holden Musen,
Wann ruh ich ihr am Busen
Auch endlich wieder aus?

Wobei der März zwar den Frühling erahnen lässt, man tut jedoch gut daran, die Winterkleidung nicht allzuweit wegzuräumen. Gestern mittag, Sonne, Wind, Regen. Abends dann ein heftiges Gewitter mit Blitz und Donner und einem Schneegstöber, das sich gewaschen hat. Danach wieder herrlicher Sternenhimmel. Und heute morgen minus 3 Grad.
Der Winter hat jedoch verloren und unsere Augen freuen sich über jedes Blümchen, was aus der Erde spitzelt.
So nennen die beiden Herausgeberinnen ihr erstes Kapitel auch gleich
Der Frühling wird kommen.
Danach kommen:
Grossstadtfrühling
Im Märzen
Dunkler Frühling
Frühling manchmal trügerisch
Blumengrüße

Was wollen wir mehr.

Friedrich Rückert
Ich hab‘ in mich gesogen

Ich hab‘ in mich gesogen,
Den Frühling treu und lieb,
Daß er, der Welt entflogen,
Hier in der Brust mir blieb.

Hier sind die blauen Lüfte,
Hier sind die grünen Au’n,
Die Blumen hier, die Düfte,
Der blühende Rosenzaun.

Und hier am Busen lehnet
Mit süßem Liebes-Ach,
Die Liebste, die sich sehnet
Den Frühlingswonnen nach.

Sie lehnt sich an zu lauschen
Und hört in stiller Lust
Die Frühlingsströme rauschen
In ihres Dichters Brust.

Da quellen auf die Lieder
Und strömen über sie
Den vollsten Frühling nieder,
Den mir der Gott verlieh.

Und wie sie, davon trunken,
Umblicket rings im Raum,
Blüht auch von ihren Funken
Die Welt, ein Frühlingstraum.

Theodor Däubler

Der Frühling ist da und am Korso erscheinen
Die lieblichsten Frauen in offenem Wagen,
Es wollte ganz Rom seine Grazien vereinen,
Das Wetter erlaubt, lichte Kleider zu tragen.

Ein Mädchen, das alle Bewerber verlachte,
Erschien uns soeben in Lilien gebettet,
Sie will, daß die Männerwelt lechze und schmachte:
Wer weiß, welcher Geck sein Geschlecht doch noch rettet?

Ei, seht das Gespann, alle Pferde und Räder
Sind herrlich mit Rosen geschmückt und umwunden,
Die Damen, die drin sind, besuchen die Bäder
Und haben dort immer Bewunderer gefunden.

Da kommen noch prächtige Wagen mit Damen,
Die Gäste des Hauses mit Sträußen beschenken.
Da sieht man auch Bräute in blühendem Rahmen
Vergnüglich an Bälle und Bräutigam denken.

Norbert C.Kaser
maerz

furche& bauer
der krah auf derlauer
nach samen

die zeiten keimen

Georg Trakl
Ein Frühlingsabend

Ein Strauch voll Larven; Abendföhn im März;
Ein toller Hund läuft durch ein ödes Feld
Durchs braune Dorf des Priesters Glocke schellt;
Ein kahler Baum krümmt sich in schwarzem Schmerz.

Im Schatten alter Dächer blutet Mais;
O Süße, die der Spatzen Hunger stillt.
Durch das vergilbte Rohr bricht scheu ein Wild.
O Einsamstehn vor Wassern still und weiß.

Unsäglich ragt des Nußbaums Traumgestalt.
Den Freund erfreut der Knaben bäurisch Spiel.
Verfallene Hütten, abgelebt‘ Gefühl;
Die Wolken wandern tief und schwarz geballt.

Adelbert von Chamisso
Märzveilchen

Der Himmel wölbt sich rein und blau;
Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.

Am Fenster prangt ein flimmernder Flor,
Ein Jüngling steht ihn betrachtend davor.

Und hinter den Blumen blühet noch gar
Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar.

Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn!
Der Reif wird angehaucht zergehn.

Eisblumen fangen zu schmelzen an –
Und Gott sei gnädig dem jungen Mann!

Ludwig Uhland
Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

So, das muss reichen. Lassen wir uns überraschen, was die nächsten vier Wochen bringen.
Auf jeden Fall gibt es heute abend unser „Shortlistlesen“.
Ab 19 Uhr stellen wir die fünf nominierten Bücher für den Leipziger Buchpreis vor.
Es liest Clemens Grote.

Montag

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Gesten hatten
Tome Wolfe * 1931
John Irving * 192
Tilman Spengler * 1947
Geburtstag
und heute
Charles Seafield * 1793
Gudrun Pausewang * 1928
Josef Winkler * 1953

Gesine Crespahl wird heute 80 Jahre alt und Uwe Johnson erwähnt es seinen „Jahrestagen“ überhaupt nicht. Der Eintrag vom 3.März 1968 ist ein Brief von D.E., der ihr damit indirekt einen Heiratsantrag macht.

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Ob sie als alte Dame noch am Riverside Drive wohnt, ob sie überhaupt noch lebt?

Dabei fällt mir ein, dass wir um den 21.Agust herum (da beginnen die „Jahrestage“) eine Marathonlesung im Buchladen veranstalten wollen und noch Vorleser suchen, damit wir 3:30 Stunden aus dem Buch lesen können.
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Für einen  guten Start in die Woche:

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Ariadne von Schirach:Du sollst nicht funktionieren
Für eine neue Lebenskunst
Tropen Verlag € 17,95

Attraktiv, jung, dynamisch, erfolgreich sollen wir sein. Die 50jährigen sind die früheren 30jährigen, die Industrie hat den Begriff dafür „Bestager“erfunden. Die Suche nach Glück, Gesundheit und Erfolg schreiben wir uns ganz oben auf die Fahne. Dabei verlieren wir die Lust in vielen Bereichen. Also die wirkliche Lust und nicht den Konsum. Die Lust auf essen, trinken, rauchen, Sex und einiges mehr. Diese Dinge werden verpöhnt, rauchen verboten und wer heute noch Fleisch isst, dem soll man nicht mehr trauen. Dabei vergessen wir, dass unser aller Leben endlich ist, auch wenn sich Mörtel Luger auf dem Wiener Opernball noch 8 Botox-Spritzen gegeben hat. Der Abend war für ein trotzdem ein Desaster. Genau wie das Leben vieler Menschen, die von Termin zu Termin hetzen und die wirklichen wichtigen Dinge des Lebens vergessen haben. Ariadne von Schirach, Publizistin und Philosophin an der Berliner Universität der Künste, hat ihr zweites Buch veröffentlicht und greift dabei weit zurück in die Philsophenkiste. Sie erfindet uns ein Personal aus Stereotypen, die wir auf den Straßen, auf Stehempfängen und hinter den Schreibtischen finden können. Sie gibt ihnen eine Kurzbiografie und versucht uns damit ihr Anliegen näher zu bringen: Wir sollen das Leben wagen, anstatt es zu verwalten. Das Leben an sich ist schon schwer genug und wenn wir nun auch noch den Tod (den sie öfter auf dem Sofa sitzend vorkommenlässt) verdrängen, wir es ganz schwierig. Dazu zitiert sie nicht nur die aktuellen Philosphen und Publizisten wie Byung-Chul Han (der übrigens auch der gleichen Universität unterrichtet) und Rober Pfaller mit seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“. Michael Sandel („Was man für Geld nicht kaufen kann“) und Slavoj Zizek sind genauso mit dabei wie Seneca, Epikur, Epitekt, Kant und Adorno. Gut, das ist nun nix besonderes, um die Namen kommt man wohl drumherum, wenn man sich auf dieses Gebiet begibt. Und vieles in dem Buch haben wir auch schon hundert mal gehört, genauso wie die Plattituden, die auf den Parties fallen. Aber erstens ist es gut, sich ein weiteres Mal mit dem Leben auseinanderzusetzen und wenn auch nur ein paar Ansätze neu sind, lohnt sich so eine Lektüre.
Ariadne von Schirach schreibt über „Ein Unbehagen, oder von der Allgegenwart der Märkte und der Frage, was passiert, wenn (das) Leben selbst zur Ware sird“. Wenn wir unser Leben in facebook posten, nichts mehr an unserem Körper schön finden, wenn wir Modemagazine durchblättern, oder wenn uns Stilikonen zeigen, wie es sein soll. Sie geht weiter zu den Hungermädchen, die sich um keinen Preis der Schwere des Leben stellen. Und sie endet im 5.Kapitel mit dem Verschwinden. Es verschwindet die Traurigkeit, die Melancholie und das Bangen und die Angst. Der Tod verschwindet und aus Angst vor ihm, sterben immer mehr Menchen schon zu Lebzeiten und wandeln einbalsamiert durch die Tage. Das Denken verschwindet, weil des die Dinge ordnet, bevor es sie erfasst, Denken ist aktiv, nicht reaktiv. Es verschwindet auch die Spontanität und der Zufall. Das Innehalten und die Stille verschwindet. Die Treue und Loyalität verschwindet. Es bleibt jedoch der Konsum, die Pornografie, das zur Schaustellen, der Markt, der Wettbewerb bleibt. Die gute Laune bleibt, genauso wie Wellness und Gesundheit. Sehnsucht, Hoffnung und Sorge bleibt, die Ausbetung bleibt und die Erschöpfung bleibt.
„In einer lebenswerten Welt leben zu wollen heißt, selbst dafür geradezustehen. Es heißt, wach zu sein, Mitfühlend zu sein und anwesend an hellen und dunklen Tagen. Die Zukunft geht uns was an. Wir sind doch keibe bloßen Zuschauer. Wir sind nicht blöd und wir sind nicht selbstsüchtig. Und vor allem sind wir nicht machtlos.“

Interview im WDR
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