Montag, 11.Dezember


Heute haben
Christian Dietrich Grabbe * 1801
Alfred de Musset * 1810
Paul Kornfeld * 1889
Nagib Mahfus * 1911
Alexander Solschenizyn * 1918
Grace Paley * 1922
Geburtstag
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“Let us go forth with fear and courage and rage to save the world.”
Grace Paley
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Wir ziehen wieder ein besonderes Buch aus dem Regal:


Francois Cheng: „Fünf Meditationen über den Tod und über das Leben
C.H.Beck Verlag € 14,00
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Herbei, o ihr Lesenden, fröhlich triumphierend,
O kommet, o kommet nach Jastram hin!

Thomas Dietrich
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Gestern wurde der Friedensnobelpreis an die iranischen Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi verliehen.

Auf tagesschau.de gab es ein Interview:

Der iranischen Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi wurde in Abwesenheit der Friedensnobelpreis verliehen. Im Interview aus dem Gefängnis sprach sie zuvor über „Weiße Folter“ und ihren größten Schmerz. Sie befindet sich im Hungerstreik.

ARD: Sie können den Friedensnobelpreis nicht persönlich entgegennehmen. Was ist Ihre Botschaft zum Tag der Preisverleihung?

Narges Mohammadi: Ich fordere die Welt auf, die Verwirklichung der Menschenrechte im Iran, in Afghanistan und in allen Völkern der Region für einen dauerhaften Frieden zu unterstützen und Menschenrechte als absolut notwendig und als Voraussetzung für jegliche Verhandlungen, Verträge und Kontakte mit diesen Regierungen zu betrachten. Solange in den Ländern des Nahen Ostens keine Demokratie erreicht wird, wird ein dauerhafter Frieden nicht Wirklichkeit werden. Autoritäre Regierungen sind die Quelle extremistischer und terroristischer Bewegungen, die weltweit Unsicherheit, Gewalt und Instabilität verbreiten. Demokratie wird in den Ländern des Nahen Ostens nicht erreicht werden, solange in diesen Ländern Menschenrechte und Zivilgesellschaft nicht geschützt werden.

ARD: Der Friedensnobelpreis ehrt auch all jene iranischen Frauen, die seit dem Tod von Jina Mahsa Amini vor einem Jahr unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ gegen das Regime auf die Straße gegangen sind. Wo steht diese Bewegung jetzt?

Mohammadi: Die religiös-autoritäre Regierung hat die Befreiungsbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ mit aller Macht und mit allen Ressourcen unerbittlich unterdrückt; mit den gewalttätigsten Methoden. Die Regierung ist gezwungen, ihre Unterdrückung in alle gesellschaftlichen Milieus auszuweiten. Repression findet überall statt: In Schulen, sogar in Grundschulen, Universitäten, auf den Straßen, in Krankenhäusern, Konzerten, Stadien und Sporthallen, bei politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veranstaltungen. Die Menschen konfrontieren die Regierung immer mehr, indem sie sich auf kreative und vielfältige Weise in sozialen Bewegungen organisieren. Dass die Regierung ihre Unterdrückung derart ausweitet, zeigt, wie stark die Proteste sind und wie breit sie mittlerweile in der Gesellschaft verankert sind. Auch wenn der Protest nicht mehr auf der Straße ist, sein Geist ist noch da.

ARD: Sie haben in Isolationshaft die sogenannte Weiße Folter selbst vier Mal erleben müssen. Sie berichten, wie Sie und andere Insassen in zwei mal drei Meter kleine, permanent erleuchtete Zellen gesperrt werden, häufig ohne Tageslicht. Welche Wirkung hatte diese Einzelhaft auf Sie selbst?

Mohammadi: Als ich 2001 zum ersten Mal in Isolationshaft kam, war ich 29 Jahre alt. In der Zelle spürte ich nur Angst, Schrecken und Unsicherheit. Die Einzelzelle war für mich ein unbekanntes Phänomen, ich war völlig verwirrt und fassungslos. Die Verhöre bestanden nur aus Drohungen, es gab keine normalen Gespräche oder Worte. Die sich ausbreitende Stille war wie ein ständiger Schrei, der meine Gehirnzellen lahmlegte. Auch meine zweite Isolationshaft im Jahr 2010, als meine Kinder, die Zwillinge Ali und Kiana, drei Jahre und fünf Monate alt waren, war quasi tödlich. Es war ein Ort der Qual. Das Leiden dieser Zeit ist unbeschreiblich. Ich weiß nicht, wie ich es ertragen habe.
Diese Zeit ist ein endloser, schrecklicher Albtraum in meinem Inneren. Während dieser Zeit fiel ich in der Zelle mehrmals in Ohnmacht. Mein Körper war übersät mit Prellungen und Wunden. Trotz der Angst, diese Isolationshaft wieder erleben zu müssen, bin ich entschlossen, den Kampf fortzusetzen.

ARD: Sie haben andere Folteropfer interviewt, die der Film „Unbreakable“ nun erstmals im deutschen Fernsehen zeigt. Mit diesen Interviews haben sie zeigen können, wie politische Häftlinge psychisch gebrochen und zu falschen Geständnissen gezwungen wurden, aufgrund derer ihnen die Verurteilung und teilweise auch die Hinrichtung droht. Was hat Sie während Ihrer Interviews am meisten bewegt?

Mohammadi: Was mich schockierte und was für mich schwer zu fassen war, waren die Auswirkungen und Folgen der Einzelhaft. Selbst die Menschen, deren Isolationshaft schon Jahrzehnte her war, sprachen von den immer noch anhaltenden Auswirkungen auf ihren Geist, ihre Seele und sogar ihren Körper. Es ist eine erschreckende Wirklichkeit. Und trotzdem erhalten Menschen, die Einzelhaft durchleben mussten, weiterhin keine Behandlung für diese Traumata. Das liegt daran, dass so wenig über diese Art der Folter bekannt ist. Die Berichte von Menschen, die in Isolationshaft waren und Weißer Folter ausgesetzt waren, sind unerträglich. Ich musste die Gespräche mehrmals unterbrechen, weil Erzählungen wie jene über erzwungene Geständnisse so verstörend waren. Ich denke oft an diejenigen, die in Isolationshaft erzwungene Geständnisse abgelegt haben und hingerichtet wurden. Ihre Geschichten sind mit ihnen begraben.Trennung von den Kindern „wie Sterben“

ARD: Sie waren jahrelang im Gefängnis und kämpfen weiterhin. Gibt es Momente, in denen Sie schwach sind?

Mohammadi: Während die Jahre meines Lebens hinter den Mauern des Evin-Gefängnisses vergingen, war es immer mein Ziel, gegen die Ungerechtigkeit aufzustehen und zu kämpfen. Dreimal nahmen mich Regimekräfte fest, trennten mich von meinen Kindern und brachten mich ins Gefängnis. Da zweifelte ich jedes Mal an meiner Überlebensfähigkeit. Das Wort „schwierig“ ist definitiv nicht laut und deutlich genug.

Die Trennung von Kiana und Ali war fast wie Sterben. In den Momenten, in denen ich über das Fehlen einer Mutter während Alis und Kianas Kindheit und Jugend nachdenke, überkommt mich manchmal eine erdrückende Traurigkeit, die mich denken lässt, dass ich das nicht überlebe – auch wenn ich durch diese lange Trennung nicht besiegt werde. Für meinen Einsatz für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie habe ich als Frau, Mutter und Mensch alles aufgegeben und das bereue ich nicht. Aber das gilt nicht für meine Kinder Ali und Kiana. Ich bedaure, dass ich nicht bei ihnen sein kann.

Das Gespräch führte Katja Deiß, HR

Über das Leben von Narges Mohammadi sendet das Erste um 23:35 Uhr die Dokumentation „Unbreakable – Mein Freiheitskampf im Iran“.


Rowohlt Verlag € 14,00

Sonntag, 11.Dezember

Heute haben
Christian Dietrich Grabbe * 1801
Alfred de Musset * 1810
Paul Kornfeld * 1889
Nagib Mahfus * 1911
Alexander Solschenizyn * 1918
Grace Paley * 1922
Geburtstag
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“Let us go forth with fear and courage and rage to save the world.”
Grace Paley
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Frisch ausgepackt:


Jonny Thomson: „Mini Philosophy“
Das kleine Buch der großen Ideen

Mit Piktogrammen des Autors
Aus dem Englischen von Peter Klöss
Diogenes Verlag € 20,00

Jonny Thomson (*1987) unterrichtet Philosophie in Oxford und es ist ihm Anliegen, philosophische Grundbegriffe, wie Strukturalismus, Phänomenologie oder Existenzialismus zu erklären, ohne dass man dazu dicke Bücher wälzen muss. Aus dieser Idee, dem dazugehörenden Internetblog, ist dieses Buch geworden, in dem nicht nur die klassiche Begriffe erläutert werden, sondern auch Themen der Moderne, der Gegenwart. Der Autor möchte, dass Philosophie aus dem Elfenbeinturm in den Alltag kommt. In die Wohnzimmer, Cafés und die Züge auf dem Weg zur Arbeit. In enger Zusammenarbeit mit seinen Studierenden entstanden diese Texte, die uns helfen sollen, die erste Hemmschwelle zu überwinden, damit wir alle (in irgendeiner Form) zu Philosoph:innen werden. Das Sprungbrett dazu legt er hier vor.
Ethik, Existenzialismus, die schönen Künste, Gesellschaft und Beziehungen, Religion und Metaphysik, Literatur und Sprache, Wissenschaft und Psychologie, Alltagsphilosophie, Wesen und Geist, Politik und Wirtschaft heissen die Kapitelüberschriften und decken Erläuterungen zu Texten von PLaton, Aristoteles, Kant, Ghandi, Marx, De Beauvoir, Du Bois, Proust, Kafka, Orwell Huxley, … ab.

Leseprobe

Dienstag

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Heute haben
Angelo Poliziano * 1454
Isaac B.Singer * 1904 (Nobelpreis 1978)
Natalia Ginzburg * 1916
Polina Daschkowa 1960
Geburtstag.
Aber auch Gustav Klimt und Ingmar Bergman.

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Unser heutiger Lesetipp:

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Neue Rundschau 2015/2
Herausgeber: Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexander Roesler, Oliver Vogel
Briefe von Milena Jesenská aus dem Gefängnis
S.Fischer Verlag € 15,00

„Ich glaube, wenn ich einmal frei sein werde, ertrage ich die Freiheit gar nicht.“
Milena Jesenská

Durch einen überraschenden Fund in Prag wurden vierzehn Briefe entdeckt, die Milena Jesenská, die frühere Freundin und Geliebte Franz Kafkas, in der Gefangenschaft geschrieben hat. Gefunden durch eine Forscherin, die am Leben von Hora, der Tochter von Milena Jesenská, interessiert war. In den Akten des Geheimdienstes fanden sich Fotografien der Briefe, die Originale wurden vernichtet. Neben ein paar ganz wenigen Briefen, die schon bekannt waren, geben diese vierzehn Neuentdeckten einen Einblick in das Gefängsnisleben dieser Intellektuellen. Insgesamt wird vermutet, dass es wohl über 50 Briefe gewesen sein müssen. Nach der Zeit mit Kafka, wurde sie Journalistin, veröffentlichte eigene Texte, engagierte sich im Widerstand und bewegte sich in den Bohemekreisen in Prag.
Diese Briefe sind erschütternd, traurig und zeigen die Auswegslosigkeit des Lagerlebens. Wobei Milena Jesenská Freundinnen im Gefängnis hatte, die ihr zur Seiten standen. Aber allein die dauernden Bitten um Seife zeigen, wie es um die Gefangenen bestellt war. Sie schreibt auch, dass Hunger schon schlimm genug ist, aber vier Jahre Hunger sind kaum auszuhalten. Sie wird krank, bekommt schweres Rheuma und ihre Angst beruht darauf, dass sie nicht mehr zur Arbeit gehen kann. Was wohl dem Tod gleichen würde. Am 17.Mai 1944 starb sie in den Armen einer Freundin im Lager Ravensbrück.
Den vierzehn Briefen sind viele Informationen und Fußnoten beigefügt, die sowohl das Leben von Milena Jesenská, als auch ihr Umfeld beleuchten und ihr einen eigenen Namen geben, den wir bisher nur als die Freundin und Briefeschreiberin Milena gekannt haben. Auch steht ihr Verhältnis zu ihrem Vater in einem anderen Licht, als in der Kafka-Biografie von Reiner Stach. Allerdings beschreibt er auch einen viel früheren Lebensabschnitt.

Neben diesen Briefen finden sich in dem aktuellen Heft der Neuen Rundschau ein Kapitel über Moby Dick, im Lyrikradar Gedichte von fünf AutorInnen, ein Text zum Thema: „Liebe“ von Anne Weber, wunderbare Kurznotizen von John Berger, eine Rede von Michael Lentz zum neunzigsten Geburtstagvon Eugen Gomringer. „Die Rede ist vom Schweigen“ hat er sie betitelt und geht auf ein Ideogramm Gomringers ein, das dieser „Schweigen“ benannt hat. Eugen Gomringer hat „Ulmer Wurzeln“, war an der Ulmer Hfg tätig und seine Tochter Nora hat gerade den Ingeborg Bachmann Preis gewonnen. Neben einigen anderen Texten zu unterschiedlichsten Bereichen, findet sich auch noch ein Text über das Leben und Werk der amerikanischen Autorin, Friedensaktivistin und Feministin Grace Paley. Wir haben schon mehrfach ihr Werk gelobt, hier auf dem Blog vorgestellt und auf unserer „Ersten Seite“ im Laden daraus vorgelesen. Manuela Reicharts Text: „Die Kunst ist lang, das Leben kurz“ ist voller Textpassagen aus Paleys Werk und macht so richtig an, die Neuausgeben, die im Schöffling Verlag erschienen sind, in die Hand zu nehmen und darin zu blättern. Paleys Kurzgeschichten spiegeln den Alltag normaler Menschen, sind aber voller Witz, schräger Typen und auch mal schwer politisch unkorrekt. Hier gilt es eine große Autorin ein ums andere Mal neuzuentdecken.

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Samstag

Heute haben
ETA Hoffmann * 1776
Edith Wharton * 1862
Vicki Baum * 1888
Eugen Roth * 1895
Geburtstag
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“… dann die wunderbare Gabe, durch das einzige Wörtchen “Miau” Freude, Schmerz, Wonne und Entzücken, Angst und Verzweiflung, kurz alle Empfindungen und Leidenschaften auszudrücken. Was ist die Sprache der Menschen gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich verständlich zu machen!”
ETA Hoffmann
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Manchmal bin ich wirklich sprachlos. Da fällt mir die Klappe runter und ich denke, dass das alles gar nicht wahr sein kann. Ist es aber doch. Und genau das macht das Lesen von Romanen so spannend. Aber wie jetzt mit Erzählen anfangen.
Seit ein paar Tagen ordne ich die Buchregale im Laden, ziehe alte Bücher raus, sortiere um, stelle Bücher von hier nach dort. Das übliche Ritual nach dem Weihnachtstrubel. Dabei fiel mir der Erzählband „Ungeheure Veränderungen in letzter Minute“ von Grace Paley in die Hände. Da ich die Entstehungsgeschichte der „Middlesteins“ von Jami Attenberg im Schöffling Verlag miterleben durfte, da das Buch vorgestern im Laden eingetroffen ist, schaute ich kurz in den Erzählband, da Grace Paley eine der Lieblingsautorinnen von Jami Attenberg ist und beide in Deutschland bei Schöffling erscheinen. Einen anderen Erzählband der Autorin hatte ich auf dem Blog schon vorgestellt, mit samt Interview und Rede der Autorin, die schon ein paar Jahre tot ist. Hier nun fällt mir im Inhaltsverzeichnis gleich der Titel einer Erzählung auf. „Die Langstreckenläuferin“ heisst sie und nachdem es noch eine Erzählung mit Namen „Samuel“ gibt, die mir ins Auge fällt, war es klar, dass ich das Buch mitnehmen und reinlesen werde. Paleys Erzählungen, die Mitte der 70er Jahre in den USA herauskamen, sind meist kurz und knackig. Mit großem Witz und irren Wendungen macht sie dem deutschen Titel des Buches alle Ehre. Die Langstreckenläuferin ist überhaupt nicht drahtig, sondern moppelig und noch blutige Anfängerin. Und doch macht sie sich auf, läuft Strecke um Strecke, bis sie in die Gegend ihrer Kindheit anlangt und dort von schwarzen Jugendlichen in die ehemalige Wohnung ihrer Familie geführt wird. Dass sie allerdings dort einige Wochen verbringt und deutlich später als erwartet daheim ankommt, macht den Ehemann stutzig, der von dem alles nichts mitbekommen hat und an der großen Phantasie seiner Frau verzweifelt. In „Samuel“ geht es um ein paar Jungs, die zwischen den Wagons der U-Bahn stehen und während der Fahrt Blödsinn treiben. Bis ein Fahrgast die Norbremse zieht und es zum großen Unheil kommt. Paley schreibt über einen Café-Besitzer, der sein Zimmer einem Freund überlässt und danach mit der Polzei in Konflikt kommt. Es geht um Einwanderer und große Hoffnungen und es geht in der ersten Geschichte um eine Frau, die nach Jahren zwei Bücher in der Bibliothek abgibt, über 30 Dollar Gebühren bezahlt und sie dann gleich wieder mitnimmt, da sie schon so lange nicht mehr darin gelesen hat. Es sind Bücher von Edith Wharton, die heute Geburtstag hat.
Bevor ich mich allerdings in Paleys Geschichte vertiefte, schaute ich in das neue Buch von Arno Geiger, das heute vom Hanser Verlag als Leseexemplar, inkl. eines Interviews mit dem Autor im Buchladen ankam. Auf eine Frage von Zita Bereuter was ihn daran reizt, aus der Sicht eines jungen Mannes mit 22 Jahren zuschreiben, sagt er u.a.: „Von Grace Paley, einer amerikanischen Shortstory-Autorin, gibt es eine schöne Erzählung über einen alten Schauspieler. Der alte Schauspieler sagt sinngemäß: Man muss so alt werden wie ich, um den jugendlichen Liebhaber gut spielen zu können. – Der Satz hat nicht aufgehört, mich zu beschäftigen.“ Und das alles lese ich genau an dem Tag, an dem ich beide Bücher mitgenommen habe.

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Dass ich gestern das schöne Montaigne-Buch vorgestellt habe, das von Hans Stilett vor Jahren neu übersetzt worden ist, und dass gestern Hans Stilett gestorben ist, wusste ich beim Schreiben nicht, macht aber meine Verwunderung nicht kleiner.
Sie merken, ich bin mitten im literarischen Strudel, freue mich über die Verknüpfungen und bin gespannt, welche weiteren Vernetzungen auf mich warten. Jetzt erst mal Arno Geiger. Ich halte Sie auf dem Laufenden und berichte spätestens nach Erscheinen des Romanes.

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Grace Paley: „Ungeheure Veränderungen in letzter Minute“
Übersetzt von Sigrid Ruschmeier
Schöffling Verlag € 19,95

Arno Geiger: „Selbstporträt mit Flusspferd“
Hanser Verlag € 19,90
Das Buch erscheint am 2.Februar
und Arno Geiger ist am 9.2. im Literaturhaus Stuttgart.

Donnerstag

Heute haben
Christian Dietrich Grabbe * 1801
Alfred de Musset * 1810
Paul Kornfeld *1889
Nagib Machfus * 1911
Alexander Solschenizyn * 1918
Grace Paley * 1922
Geburtstag.
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Alle

Anja Tuckermann: „Alle da!“
Ein kunterbuntes Leben
Illustrationen von Tine Schulz
Klett Kinderbuch  € 13,95

Wir stammen alle von den ersten Menschen aus Afrika ab. Wir haben alle dieselben Vorfahren. Unsere Ururururururururururur …. Großeltern haben dort vor sieben Millionen Jahren gelebt und deshalb gleichen sich alle Menschen überall auf der Welt.
So beginnt das Sachbilderbuch von Anja Tuckermann und Tine Schulz und nimmt uns mit auf eine Reise um die Welt. Es bringt uns die ganze Welt ins Wohnzimmer. Es erklärt uns, wie die Kinder im Sitzkreis in verschiedenen Sprachen „Guten Morgen“ sagen, zeigt uns die wichtigsten Gesten und dass Kopfnicken nicht immer „ja“ heisst. Es erzählt uns von Samira, die aus Syrien nach Deutschland geflohen ist und froh ist, wieder in eine Schule gehen zu können. Aber zuerst muss aus dem Stammbaum auf der ersten Seite der Hund raus, der sich eingeschlichen hat. „Der doch nicht“, sagt ein Mädchen und zeigt auf ihn. Da merken wir schon, dass die Autorinnen mit viel Witz an die Sache herangehen. So auch auf der nächsten Doppelseite, die sich natürlich in Ruhe in der Leseprobe anschauen können, auf der gezeigt wird, dass das Wichtigste, was wir Menschen heute tun, schon immer gemacht worden ist. Trinken, essen, teilen, streiten, spielen,tanzen, lachen, schlafen, reden, …. es wird uns erzählt, warum immer wieder Menschen ihre Heimat verlassen (müssen) und wie lange Samiras Flucht aus Syrien gedauert hat. Wir lesen, wer wo überall Verwandte hat, dass es überall die gleichen Sorgen und Nöte, aber Freuden gibt. Dass wir alle auf einer Erde leben und versuchen sollten, friedlich miteinander auszukommen. Sei es mit Spielen, die in vielen Länder gleich gemacht werden, oder Lieder, die oft die gleichen Melodien haben. Es geht um Vorurteile und woher sie kommen. Wir sehen eine Stadtteil, in dem die unterschiedlichesten Menschen zu sehen sind. Auch hier wird nicht immer nur gelacht und gespielt. Im wahren Leben wird auch geschimpft. So kurz vor Weihnachten, ist es auch schön zu erfahren, welche wichtigen Feste in den unterschiedlichen Ländern gefeiert werden.
Ein buntes Buch über ein buntes Leben mit verschiedenen Menschen von überallher.

Leseprobe
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Das Beste vom Besten von 2014

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Passend dazu unser Tipp vom März diesen Jahres:

Wadjda

Das Mädchen Wadjda
Regie: Haifaa Al-Masour
DVD € 12,99

Dass dieser Film überhaupt entstehen konnte, ist ein kleines Wunder. Und wie er enstanden ist, grenzt schon fast an Unwahrscheinlichkeit. Die Filmemacherin Haifaa Al Mansour bekam tatsächlich eine Drehgenehmigung von der Saudi-Arabischen Regierung. In einem Land, in dem es keine Kinos gibt, in dem Frauen nicht zu sehen und nicht zu hören sein sollen. In einem Land, in dem sich Frauen in der Öffentlichkeit oft komplett verhüllt bewegen. Und da schwebt ein grünes (!) Fahrrad durch die Luft und das Mädchen Wadjda kann an nichts mehr anderes denken. Nein, das Fahrrad fliegt natürlich nicht. Es ist auf ein Auto montiert und Wadjda sieht nur den oberen Teil. Der Traum vom eigenen Rad, der Traum vor Radeln setzt sich so sehr in ihr fest, dass sie mit allen Mitteln versucht, an Geld zu kommen. Sie arbeitet, sie nimmt am Koran-Vortrag-Wettbewerb teil und sie versucht immer wieder die Erwachsenen, ihre Eltern zu überzeugen, das sie dieses Fahrrad bekommt. Somit sind wir mitten in der Gesellschaft Saudi-Arabiens. Wir hören, was die Lehrerin ihren Schülerinnen immer wieder erzählt, vorträgt, befiehlt. Seid unsichtbar; Mädchen, die ihre Tage haben, nehmen den Koran nur mit einem Taschentuch in die Hand; fahrradfahrende Mädchen bekommen keine Kinder. Die Regisseurin Haifaa Al Mansour, die auch das Drehbuch geschrieben hat, bewegte sich wahrscheinlich auf einem sehr schmalen Grat. Einerseits hat sie Genehmigung des Staates bekommen. Anderseits musste sie wahnsinnig aufpassen, sich an die alltäglichen Gebote zu halten. Ihre Schauspieler hat Haifaa Al Mansour zwar in Saudi-Arabien gefunden, produziert wurde der Film aber von den Deutschen Gerhard Meixner und Roman Paul, die zuvor schon “Paradise Now” von Hany Abu-Assad und Ari Folmans “Waltz with Bashir” herausbrachten. Auch das technische Team sowie der größte Teil des Geldes kamen aus Deutschland.
Entstanden ist ein eindrucksvoller Film, der sogar ein Happy End hat. Ein Film, in dem die Filmemacherin wohl das eine oder andere Zugeständnis an die Regierung machte (Koranzitate), aber tief in das Innere dieser Menschen schaut und uns zeigt, dass wir doch alle gleich sind und dass Kinderträume, die in anderen Ländern ganz leicht erfüllt werden können (Osterzeit – Kinderradzeit), in anderen ein großes Tabu sind.
Der Film hat keine Altersbeschränkung und ist ein wunderbarer Familienfilm für alle.

Mittwoch

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11.Blatt des Adventskalenders von Christel Müller und Ursula Selbmann
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Heute haben
Grabbe * 1801
Musset * 1810
Paul Kornfeld * 1889
Nagib Machfus * 1911
Alexander Solschenizyn * 1918
Grace Paley * 192
Geburtstag.
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Grace Paley trägt zwei Gedichte vor.
Der erste Band ihrer hervorragender Erzählungen sind im Schöffling Verlag erschienen. Ihr Gesamtwerk erscheint nach und nach auch dort.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=V7yjRYXFmxU]
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Was passiert, wenn eine englische Musikantengruppe seit 50 Jahren auf der Bühne steht?
Na klar, sie geben in ihrer Heimatstadt ein Konzert.
Das haben die Rolling Stones 2013 im Londoner Hyde Park gemacht und jetzt ist der Mitschnitt in allen möglichen Varianten auf den Markt gekommen.
Ich habe mir gestern die DVD angeschaut.

stones

Es herrscht schönstes Sommerwetter in London und der Film beginnt mit einer Luftaufnahme einer Wiese auf der die Jagger-Lippen hineingemäht worden sind. Idylle pur mit Stimmen der alten Männer aus dem Off. Rückblicke zum Konzert von 1969 an gleicher Stelle. Der Park füllt sich, bis 100.000 Menschen vor der riesigen Bühne stehen, die einem Sommernachtstraum gleicht, mit den großen Bäumen aus Umrahmung und den gigantischen Videoinstallationen im Hintergrund. Die Buben legen mit „Start Me Up“ los und legen mit „It’s Only Rock ‘n’ Roll“ (but I like it) nach. Alles sehr sehr locker und entspann, wie die über 70jährigen das Programm abspulen. Gekonnt, routiniert und mit viel Humor scheint das zu gehen. „Street Fighting Man“ kommt als nächsten und man kann glauben glauben, dass sie das wirklich ernst meinen. Aber sie lassen sich mit ihren Liedern Zeit, sie spielen fast wie in einer Session, genehmigen sich Soli und ziehen die Stücke angenehm in die Länge, statt nach jeweils drei Minuten zum anderen Hit zu hecheln. Mick Jagger stellt die Band vor, Charlie Watts darf auch etwas sagen („Hello“) und Keith Richards bekommt seinen eigenen Part mit „You Got The Silver“, während sich der Dauerläufer und Obertucke Jagger im Hintergrund wahrscheinlich massieren lässt. „Midnight Rambler“ wird zum Gelage. Der alte Mitspieler Mick Taylor kommt für dieses Stück auf die Bühne und darf seine Bluesqualitäten ausspielen. Und geht es weiter. Hit auf Hit. Es wird dunkel, die Lichteffekte werden immer gigantischer. Der Vortänzer Jagger streift sich ein Jäckchen nach dem andern um und ab, wackelt mit dem Hintern und fragt gefühlte 200 Mal „Do you feel alright?“. Bei „Sympathy For The Devil“ trägt Mick eine ziehen sie nochmals alle Register, lassen später noch einen Chor auftreten und spielen zu allerletzt natürlich „Satisfaction“.
Und am Ende: Viele glückliche Gesichter, viel Müll und die Erfahrung, dass man die alten Gassenhauer noch anhören kann, wenn man will. Übrigens die glücklichen Gesichter. So viele schöne Frauen (und Männer) in bester Kinoqualität habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Grossartig allein schon die anzuschauen. So sehe ich mich nach dem nächsten Sommer.
Auf der website der Rolling Stone habe ich gelesen, dass sie am am 12.12. in Abu Dhabi spielen. Na denn.
Hier gibt es einen kurzen Trailer zum Spektakel

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=XkR3Ed3H-1Q]
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Freitag

Heute haben
Jules Vernes * 1828
Theodor Lessing * 1872
Siegfried Kracauer * 1889
Eva Strittmatter * 1930
und
James Dean * 1931
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Wieder eine neue Autorin entdeckt.
Paley

Grace Paley: „Die kleinen Widrigkeiten des Lebens“
Storys übersetzt aus dem Amerikanischen von Sigrid Ruschmeier
Schöffling Verlag € 19,95

Ich kannte den Namen der Autorin nicht, geschweige denn eines ihrer Werke.
Nun plant der Schöffling Verlag eine Gesamtausgabe und hat den ersten Band mit Erzählungen veröffentlicht. Für mich also ein Grund hineinzulesen. Das war ein Fehler, da „hineinlesen“ hier gar nicht geht. Naja, schon, aber Sie finden den Weg nicht mehr hinaus. So ging es bei mir weiter unter dem Motto: „Noch eine, noch eine, …“
Grace Paley hat einen so lakonischen Ton, der mich für diese Zeit verwundert. Die Liebe einer unbedeutenden, dicken Frau zu einem großen Schauspieler, der Nachmittag eines geschiedenen Ehepaares, der ganz anders verläuft als geplant. Es sind die kleinen Widrigkeiten des ganz normalen Lebens, die sie hier erzählt. Und doch blitzt immer wieder das Besondere, das Eigene, das Eigenwillige heraus.
Leider haben keiner meiner Buchgroßhändler eines ihrer Bücher im Programm. Somit bekommen wir ihre Erzählungen nur als Importware. Wie sich das schon anhört.
Ich schreibe an meinen Grossisten, ob er sich etwas auf’s Lager legen will.
Sie merken, es hat mich mal wieder gepackt. Und das ist ja gerade das Schöne am Lesen, dass so etwas immer wieder passiert.

Hier können Sie die erste Erzählung komplett lesen.

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Hier ein weiterer Textschnipsel von Eduardo Galeanos Buch: „Kinder der Zeit“:

September
15
Adoptieren Sie einen kleinen Banker!

Im Jahre 2008 brach die New Yorker Börse zusammen.
Hysterische Tage, historische Tage: Die Banker, die gefährlichsten Bankräuber, hatten ihre eigenen Unternehmen ausgeraubt, obwohl sie nie von den Überwachungskameras gefilmt wurden und keine Alarmglocke schrillte. Und es gab keine Möglichkeit mehr, den allgemeinen Zusammenbruch aufzuhalten. Die ganze Welt stürzte ein, und sogar noch der Mond bekam Angst, seinen Job zu verlieren und sich einen neuen Himmel suchen zu müssen.
Die Magier der Wall Street, Experten im Verkauf von Luftschlössern, raubten Millionen Häuser und Arbeitsplätze, doch nur ein einziger Banker ging dafür ins Gefängnis. Die anderen bettelten lauthals um ein milde Gabe, um der Liebe Gottes Willen, und erhielten als Belohnung für so viel Mühe die größte Belohnung, die jemals in der Menschheitsgeschichte gegeben wurde.
Diese riesige Summe hätte ausgereicht, allen Hungernden dieser Welt zu essen zu geben, einschließlich Nachtisch und das in alle Ewigkeit. Niemand kam auf die Idee.
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Einstein
Guter alter Einstein in Washington
(gefunden bei jamiatt.tumblr.com)