Freitag, 13.Januar

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Heute haben
Michael Bond * 1926
Daniel Kehlmann * 1975
Geburtstag
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Heute im Gedichtekalender

Annette von Droste-Hülshoff
Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle,
Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle;
Der See verschimmerte mit leisem Dehnen,
Zerfloßne Perlen oder Wolkentränen?
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen,
Und Blüten taumelten wie halb entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.

Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein –
Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein?
Sie drangen ein, wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu schwanken,
Verzittert war der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne auf den Grund gesunken,
Nur Bergeshäupter standen hart und nah,
ein düstrer Richterkreis, im Düster da.

Und Zweige zischelten an meinem Fuß
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;
Ein Summen stieg im weiten Wassertale
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse etwas Rechnung geben,
Als stehe zagend ein verlornes Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein.

Da auf die Wellen sank ein Silberflor,
Und langsam stiegst du, frommes Licht, empor;
Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte Greise,
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimaltlampe Schein.

O Mond, du bist mir wie ein später Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Des Lebens zarten Widerschein geschlungen,
Bist keine Sonne, die entzückt und blendet,
In Feuerströmen lebt, im Blute endet –
Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht,
Ein fremdes, aber o! ein mildes Licht.
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Unser heutiger Buchtip:

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Niki Glattauer:Flucht
Illustriert von Verena Hochleitner
Tyrolia Verlag € 14,95
ab 5 Jahre

Katzen haben sieben Leben, heißt es, darum haben sie mich mitgenommen. Vater hat gesagt: Das wären dann elf. Die können wir auf dem Meer gut brauchen.

Die Katze erzählt die Geschichte der Familie, die übers Mittelmeer flüchtet. Dahin, wo es eine bessere Zukunft geben soll. Wir kennen die Bilder, die Szenen, die Bücher und auch die wirklichen Menschen dazu, die sich in den letzten Jahren auf solche Reisen gemacht haben.
Was passiert, wenn das Unheil im Inneren einer Familie angekommen ist, und sie keinen Ausweg, als die Flucht hat? Was ist, wenn es keine Zukunft mehr in der eigenen Heimat gibt und Eltern und Kindern alles verlassen und sich aufmachen, mit einem kleinen Boot das große Wasser zu überqueren?
Muß das schon als Bilderbuch für den Kindergarten sein?
Ja. Niki Glattauer und die Illustratorin Verena Hochleitner haben viel gewagt und ganz klar gewonnen. Der feine, poetische Text, die stimmigen Bilder fügen sich zu einem schönen Ganzen zusammen, das auch schon Kindergartenkinder gut verstehen können. Der dunkle Meeresgrund, die furchterregenden Wellen(monster) gehören genauso dazu, wie die hoffnungsvollen Stellen in Text und Bild. Daß die Katze die Geschichte erzählt, ist natürlich ein toller Trick. Erstens hat der Vater damit noch ein paar Leben mehr für seine Familie und, wie wir wissen, sind Katzen sehr selbstständig und distanziert. Dadurch sind wir zwar bei der Familie, aber doch nicht so eng emotional, daß es nicht zum Aushalten wäre.
Der zweite Trick besteht darin, daß es eine Flucht nicht von Süd nach Nord ist, sondern genau in die andere Richtung. Im reichen Norden gibt es keinen Strom, kein Wasser mehr, kein Internet und keine Schule. Und damit haben wir die kleinen Zuhörer genau dort, wo sie verstehen können, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen. Wenn wir uns im Eigenen gut auskennen, ist es anderes, als wenn von fremden Städten in Syrien oder Ghana die Rede ist. Und so erzählt dieses Bilderbuch von einem Schicksal, das uns alle erreichen kann. Überall auf der Welt.
Trotz des Themas macht das Buch keine Angst. Man spürt das Nebeneinander von Verlust, Angst, Spannung, Verlorenheit und Verletzlichkeit, aber auch Hoffnung, Erleichterung und Zuversicht.
„Refugees welcome“ sehen wir auf einem Transparent, als die Familie endlich landet.

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Niki Glattauer, geb. 1959, ist Buchautor, Kolumnist und Lehrer. Seine Kinderbücher wurden mehrfach ausgezeichnet, seine Sachbücher zum Thema Schule stehen regelmäßig monatelang auf den Bestsellerlisten.

Verena Hochleitner, studierte Grafik Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Seit 2009 konzentriert sie sich auf das Illustrieren und Schreiben von Büchern, seit jüngerer Zeit auf das Bewegen ihrer Figuren (Stop-Motion-Animationsfilme). 2013 wurde sie mit dem Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

Montag

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Mit diesem aktuellen Blick in die Natur wünsche ich ihnen einen guten Start in die neue Woche.
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Heute haben
Rahel Varnhagen von Ense * 1771
André Kaminski * 1923
Otto Jägersberg * 1942
Daniel Glattauer * 1960
Jodi Picoult * 1966
Geburtstag
und gestern feierte
W.G.Sebald seinen Jahrestag im Elysium.
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Rahel Varnhagen von Ense
Alles, was wir wissen, beizieht sich auf etwas, was wir nicht wissen
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Espedal

Tomas Espedal: „Wider die Natur
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz Verlag € 19,90

Plötzlich bekommen Bücher Rückenwind aus der Presse und es tut dann so gut, wenn wir im Buchhandel das auch spüren und Bücher verkaufen dürfen, die etwas Besonderes sind und nicht nur Ware von der Stange. Diesmal war es u.a. Iris Radisch von der ZEIT, die dem neuen Buch des norwegischen Autoren Toms Espedal ihre Aufmerksamkeit schenkte. Sie meinte sogar, dass es ein Liebesroman sei, wie es noch keinen gegeben hätte. Naja, wollen wir mal nicht übertreiben, aber ein großartiges Buch ist es allemal. Es beginnt sehr wild auf einen Party, besser im Nebenzimmer bei einer Party. Ein „alter“ Mann verliebt sich in einen halb so alte Frau. Alt heißt hier 48 Jahre. Bei durchleben eine heiße Zeit der Liebe mit viel Sex und Glückgefühlen der verschiedensten Art. Doch es kommt zur Trennung. Sie möchte mehr erleben. Sie ist noch jung, so sagt sie selbst und will noch raus in ihr eigenes Leben. Dies bricht dem Mann das Genick und er findet nicht mehr in den Trott des Alltages zurück. Wir erinnern uns mit ihm an seine Jugend, sie Arbeit bei seinem Vater, das Zusammenleben mit einer Schauspielerin, zu er er nach Rom zieht. Sie bekommen ein Kind, sie versucht sich weiterhin in ihrem Bereich, er versucht zu schreiben, was ihm aber nicht gelingt. Es folgen verschiedene Orte, an denen sie leben und ein längerer Aufenthalt in Nicaragua, wo sie in kultureller Mission hingeschickt werden. Dieser Versucht misslingt, sie bekommt eine weitere Tochter von einem anderen Mann und stirbt, als ihr zweites Kind gerade mal drei Jahre alt ist. Er, wie auch schon die Jahre davor, zieht die Kinder auf und fällt in ein großes Loch, als seine Tochter mit 19 Jahren aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Was dann folgt ist ist ein ganz tiefer Griff in das Innenleben dieses Mann. Dostojewski würde sich freuen und ich mich noch mehr, dass Espedal die ganze Verzweiflung des Mannes aufzeigt, aber ganz im Hier und Jetzt bleibt. Wir können uns alles so gut vorstellen und nachvollziehen. Alle, die wir schon mal Liebeskummern hatten. Und: Das Schlimme sei nicht der Liebeskummer, sondern der Punkt, wenn er dann nicht mehr da sei, sagt einer seiner Freunde.
Die norwegische Presse spricht von einer Offenbarung und mit seinen anderen Büchern, die er dort veröffentlicht hat, gilt er als der ganz große Autor. Einen Geschmack von seinem Können bekamen wir mit seinem Vorgängerbuch: „Gehen. oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen

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