Mittwoch, 8.März

Heute haben
Kenneth Grahame * 1859
Heinar Kipphardt * 1922
Walter Jens * 1923
Juri Rytcheu * 1930
Jeffrey Eugenides * 1960
Geburtstag.
Aber auch Anselm Kiefer und Sascha Waltz.
Heute ist Weltfrauentag.
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Gertrud Kolmar
Aus Westend

Der Morgen war so hell und froh –
Ein Wagen kam von ferne
Und brachte eine Ladung
Stroh Gemächlich zur Kaserne.

Mir schien ein Berg der macht’ge Hauf;
Fast stieß er an den Himmel.
Und ein Soldat saß obenauf
Und lenkte seine Schimmel.

Ich dacht‘: Hätt’st statt des Kriegers du
Dort oben Platz genommen,
So winktest du gewiß mir zu,
Ein wenig mitzukommen.

Dann ließen wir mit langer Lein‘
Die braven Schimmel gehen
Und kröchen tief ins Stroh hinein,
Daß niemand uns könnt‘ sehen.

Ich war‘ im himmelhohen Haus
Dein einz’ger Gast der Erde –
Und schöne Namen dächt‘ ich aus
Für uns’re beiden Pferde.
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Das Bild des Monats
Albert Cüppers: „Kreuzblume“

10.Türchen vom Besten das Beste

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Heute haben
Emily Dickinson * 1830
Nelly Sachs * 1891
Gertraud Kolmar * 1894
Christine Brückner * 1921
Jorge Semprun * 1923
Cornelia Funke * 1958
Geburtstag.

Der 10.Dezember ist der Tag der Menschenrechte (UN) und der internationaler Tag des Chorgesangs
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Gertrud Kolmar
Aus Westend

Der Morgen war so hell und froh –
Ein Wagen kam von ferne
Und brachte eine Ladung
Stroh Gemächlich zur Kaserne.

Mir schien ein Berg der macht’ge Hauf;
Fast stieß er an den Himmel.
Und ein Soldat saß obenauf
Und lenkte seine Schimmel.

Ich dacht‘: Hätt’st statt des Kriegers du
Dort oben Platz genommen,
So winktest du gewiß mir zu,
Ein wenig mitzukommen.

Dann ließen wir mit langer Lein‘
Die braven Schimmel gehen
Und kröchen tief ins Stroh hinein,
Daß niemand uns könnt‘ sehen.

Ich war‘ im himmelhohen Haus
Dein einz’ger Gast der Erde –
Und schöne Namen dächt‘ ich aus
Für uns’re beiden Pferde.

(1917, aus der Sammlung Mann und Weib)

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Im Februar stellten wir unserem Blog diesen Film vor:

14

Still
Regie: Matti Bauer
Deutschland 2013
DVD € 15,99
Mit deutschen (!) und englischen Untertiteln

Ja wirklich. Ein deutscher Film mit deutschen Untertiteln. Denn, wenn die hier ihr richtiges Bayerisch auspacken, dann wird es schwierig.
Über fünf Jahre hinweg hat der Filmemacher Matti Bauer die junge Bäuerin Uschi begleitet. Dabei zeigt er, wie die Frau trotz widriger Umstände an ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben festhält. In beeindruckenden Schwarzweißbildern und mit einer fast meditativen Ruhe (keine Musik im Hintergrund) gibt er seiner sympathischen Protagonistin viel Raum zur Entfaltung – und letztlich lebt der Film auch von ihrem ansteckenden Optimismus. Ein warmherziges Porträt über ein Leben, das unserer Zeit völlig entrückt zu sein scheint und gerade daraus seinen Reiz bezieht.

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(Bildrecht: Matti Bauer)

Eine junge Frau verlässt den Hof der Eltern und geht auf eine Alm in den Bergen. Abgeschieden von der Welt im Tal führt sie ein einfaches, aber freies Leben, gebunden nur an den Rhythmus, den die Tiere ihr vorgeben. Sie hat schon einiges von der Welt gesehen; war in Thailand und mehrfach in Südamerika und hat ein so sympatisches Lachen, dass es einem beim Zuschauen die harte Arbeit vergessen lässt. Nicht nur ist sie für die Kühe rund um die Uhr da, sie nimmt auch noch eine Ziege mit hoch und lernt nebenbei für verschiedene Prüfungen. Uschi melkt, buttert und macht Käse. Sie ist eins mit sich und den Tieren, für die sie Verantwortung übernommen hat. Egal welches Wetter herrscht, sie ist bei ihren Tieren und kann sich vielleicht auch gar nichts anderes vorstellen. Einen Almsommer lang kann die selbstbewusste Sennerin vergessen, dass die Zukunft des Hofes der Eltern ungeklärt ist. Sie ist das einzige Kind und die Eltern sind schon alt und denken an eine Übergabe. Doch im nächsten Winter ist Uschi schwanger, der Freund weg und der Almsommer in weite Ferne gerückt. Auf dem Hof beginnt ein zähes Ringen zwischen Uschi und ihren Eltern um die Übergabe des Betriebs.

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(Bildrecht: Matti Bauer)

Matti Bauer schafft es mit seiner diskreten Kamera und seiner Stimme aus dem Off ein sehr nahes, persönliches Bild dieser jungen Frau zu zeigen, die ungebunden bleiben will. Trotz des Kindes (es kommen noch ein paar dazu, sagt der Nachspann) will sie selbst entscheiden, wohin ihr Weg gehen soll. Sie möchte sich nichts aufdrängen lassen und lieber spontan auf veränderte Situationen reagieren.
Ich hoffe, Uschi geht es immer noch gut mit dem Weg, den sie eingeschlagen hat.
In den 80 Minuten ist sie mir richtig ans Herz gewachsen.

Dienstag

CIMG9288.Dezember

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Das zehnte Kalenderblatt von Christel Müller und Ursula Selbmann
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Heute haben
Emily Dickinson * 1830
Nelly Sachs * 1891
Gertrud Kolmar * 1894
Jorge Semprun * 1923
Clarice Lispector * 1925 (die gestern ihren Todestag hatte)
Geburtstag
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Emily Dikinson
You left me

You left me, sweet, two legacies,—
A legacy of love
A Heavenly Father would content,
Had He the offer of;

You left me boundaries of pain
Capacious as the sea,
Between eternity and time,
Your consciousness and me.

That I did always love

That I did always love,
I bring thee proof:
That till I loved
I did not love enough.

That I shall love alway,
I offer thee
That love is life,
And life hath immortality.

This, dost thou doubt, sweet?
Then have I
Nothing to show
But Calvary.


Gertrud Kolmar
Nächte

Deine Hände keimen in Finsternissen,
Und ich seh nicht, wie sie blühn,
Atmend aus dem Schnee der Kissen.
Meeresgrün,

Wogengrau verglitzern deine Augen;
Meine Wange leckt ihr Schaum.
Nelkenrote Quallen saugen . . .
Süßes Harz von weißem Birkenbaum

Tropft die Stille goldbraun nieder . . .
O breiter Flügel, zuckender Schulter entstiegen !
O bleicher Schwanenflügel, der mich beschattet!
O Nacken, flaumige Brust, o Leib, den ein Wiegen
Verschilfter Bucht umschläfert, zärtlich ermattet !

Libellensirrendes Wispern . . .
Komm.

Du hast meinem Munde die reife Granatfrucht geschenkt,
Des Apfels starken Saft, erzeugende Kerne,
Hast in die Himmelsgründe kristallen wachsender Sterne
Wurzeln des Rebstocks versenkt.

Blau schwellen Trauben: koste.

Siehe, ich bin ein Garten, den du gen Abend erreicht,
Fiebrige Arme an schlanker silberner Pforte zu kühlen,
Im verstummten Geäst Aprikose zu fühlen,
Bin unterm südlichen Hauch, der die Ruhende streicht,

Eine schmale, blasse Wiese.

Erschauerndes Gräsergefilde, lieg ich bereit und bloß;
Mitternachtsglut schloß mir Lippen bebender Winde zu,
Doch die verborgenste Blüte öffnet den purpurnen Schoß:
Du.

Du…komm…

Spüre, ich bin die Frau; meine klugen Finger erfüllen
Milchiges Porzellan mit Gewürzen der Lust,
Gießen zaubrisches Naß. Du spreitest aus Hüllen
Schlagenden Fittich, taumelst an meine Brust,

Sinkst, ein großes, lastendes Glück, in Tiefen.

Sanfter nun trägt dich die Flut, streichelt lässig die Flanken
Wuchtendem Schiffe, das drüben im Hafen war
Mit ragenden Schornsteintürmen, Masten hoher Gedanken;
Fühlst du die Möwe wehn dir durch rauchig wirbelndes
Haar?

>>Manhattan<< . . . >>New York<< . . . >>City of Baltimore< . .
bleibe!

Aus Morgen ballt sich mählich graue Nebelhelle,
Nieselt dich schleichend fort
Meinem Schimmerspiegel, meiner armen Welle –
Letzter Blick o letztes Wort!

O, ich ahne euch, da ferne Scharen
Wilder Enten klagend schrein…
Meine Muschelkrone stürzt aus dunklen Haaren –
Schlummre du … ach, schlummre ein.
Und laß mich weinen…
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Michael Kumpfmüller bekommt einen Literaturpreis und zwar einen Europäischen. In Cognac wird er überreicht. Dass der Autor von seinem Preis über seine Agentin und über die Presse erfahren hat, machte ihm schon zu denken. Aber: Die Namen der Preisträger ist illuster. Jorge Semprun, der heute Geburtstag hat und auch Enzensberger gehören dazu, der ihn 2010 bekommen hat. Über seine Reise dorthin, über die Veranstaltung und über den nicht einlösbaren Scheck schreibt er in einem Artikel in der FAZ.