Mittwoch, 17.Februar

Heute haben
Friedrich Maximilian von Klinger * 1792
Georg Weerth * 1822
Chaim Potok * 1929
Ruth Rendell / Barbara Vine * 1930
Frederik Hetman * 1934
Geburtstag

Georg Weerth
Ein Jahr

An X..

Ich sah dich zuerst im Januar
Und grüßte zuerst dich im Februar;
Doch um die Mitte des Märzen,
Da fühlte ich Lieb im Herzen.

Und schlich vor deine Türe still
Wohl in den Nächten des April;
Erst in der Blüte des Maien,
Da täte ich um dich freien.

Und gab dir, ach, so manchen Kuß
Im holden Monat Junius;
Und beide fühlten wir heiß Verlangen,
Als drauf der Juli kam gegangen.

Der Juli kam; und im August
Schwelgten wir selig Brust an Brust;
Im September tät ich dich entführen;
Im Oktober ließen wir kopulieren

Und wälzten uns im Novembrium
Als Eheleute im Bett herum –
Jetzt ist es Dezember, die Wolken schneien,
Die Raben krächzen, die Kater schreien.
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„Wild Tales – Jeder dreht mal durch“
Originaltitel: Relatos salvajes
Buch und Regie: Damián Szifrón
Argentinien 2015, 122 Minuten
FSK ab 16 Jahren
DVD € 13,99

Der argentinische Episodenfilm „Wild Tales“ zeigt Menschen, die sich nichts mehr gefallen lassen wollen. Irgendwann ist Schluss. Irgendwann dreht jeder mal durch.
Der Film war einer der meistgeschauten in Argentinien, wurde mit Preisen überhäuft und steht auf der Shortlist für den diesjährigen Auslands-Oscar.
Die einzelnen Episoden sind nicht miteinander verknüpft und doch zeigen sie ein aktuelles Bild der argentinischen Gesellschaft. Korrupt, egozentrisch, durchgeknallt, überdreht und nach alten Stereotypen handelnd. Wer aus dieser Schablone ausbricht, kommt auf eine andere Umlaufbahn und es gibt kein Halten mehr. Somit könnte der Film auch in fast jeder Ecke der Erde spielen.
Gespickt voll mit den bekanntesten Filmstars des Landes erzählt der Filmemacher Damián Szifrón seine bitterbösen Geschichten, die voll sind mit schwärzestem Humor. Das erinnert ein klein wenig an die Werke von Pedro Almodóvar, der ein großes Vorbild des Regisseurs ist und auch für die Produktion zuständig ist.
Irgendwann ist genug. Und das merken wir schon im ersten Filmchen, einem Art Trailer zum Rest des Filmes.
Wir sind im Innern eines Flugzeuges, das spärlich besetzt ist. Ein smarter Tp spricht eine hübsche Frau an. Sie flirten und stellen fest, dass die einen gemeinsamen Bekannten haben, den sie nicht mehr mögen. Innerhalb kurzer Zeit stellt sich heraus, dass alle Mitreisenden eine Verbindung zu dieser Person haben. Und er, der große Unbekannte möchte sich an ihnen rächen. Was er auch macht und das Flugzeug in den Sinkflug mitten in eine Gartenidylle bringt.
Film zwei: Schönste Landschaft. Tolle Berge, einsame Straße. Ein George Clooney Typ am Steuer eines nagelneuen Audis. Dezente Musik, schnelle Fahrt. Bis auf dieser einsamen Straße eine Schrottmühle den Weg nicht frei gibt. Daraus ergibt sich ein makabres Duell der beiden Männer, das unsere Nerven ordentlich strapaziert, in dem es um Leben und Tod geht und das ein unglaubliches Ende findet.
Nächster Film: Ein Mann, ein Sprengmeister, der nach getaner Arbeit, schnell heim sollte, da seine Tochter Geburtstag hat, bekommt einen Strafzettel. Was dann folgt ist eine Anhäufung von kafkaesken Szenen. Lebensläufe kommen ins Kippen, Karrieren und die Ehe zerbrechen. Es folgt der große Absturz, bis es auch da ein unglaublches Happy End gibt.
Oder der Film, in dem in ein einsames Restaurant ein Mann kommt, der die Familie der Kellnerin aufs Schwerste gedemütigt hat. Die abgebrühte alte Köchin knallt ihr daraufhin eine Büchse mit Rattengift auf den Tisch und meint, wie es denn wäre, wenn sie ihm mal eben … Der Gast überlebt zwar den Abend nicht, aber die Tötungsursache ist dann doch eine ganz andere.
Sie merken schon, der Film geht nicht gerade zimperlich mit seinen Figuren um. Auch nicht in der letzten Episode, die auf weitere Sequenzen folgt, in der wir uns inmitten einer großen jüdische Hochzeit befinden. Alles scheint bestens. „Scheint“ ist wohl wirklich das richtige Wort, denn die Braut entdeckt, dass ihr frischer Ehemann ein Verhältnis mit einer hübschen Dame hat, die sich unter den Gästen befindet. Wenn Sie das Titelbild der DVD anschauen, bemerken Sie, dass die Braut am Ende der Episode nicht mehr ganz taufrisch aussieht. Selten so gelacht, wie hier.
Sehr makaber, sehr deftig und doch voller Empathie.

Gönnen Sie sich zwei Stunden bester Unterhalten, nehmen Sie aber gute Nerven mit und lachen Sie trotz des ganzen Schreckens.

Die Website zum Film
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Morgen ist es soweit.
Zora del Buono kommt zu uns in den Laden.
Um 19 Uhr geht es los.
Eintritt € 10,00.
Haben Sie sich schon Plätze reserviert? Nicht dass Sie nachher jammern.

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Zora del Buono: „Hundert Tage Amerika“
Begegnungen zwischen Neufundland und Key West
mare Verlag € 19,90

Eine Frau, ein Hund, eine Reise – hundert Tage Amerika

Sie ist ein Querschnitt durch die nordamerikanische Gesellschaft: die Atlantikküste – mit Puritanern und Quäkern im Norden, jüdischem Leben in den Großstädten, Chinatown und Little Havanna in Miami. Von Juli bis Oktober hat sich Zora del Buono mit ihrem Hund Lino im Gepäck auf eine Reise entlang der Küste begeben, vom kühlen, weiten Neufundland bis in den schwülen, überdrehten Irrsinn Floridas.

Sie lässt die Menschen ihre von der Einwanderung geprägten Lebensgeschichten erzählen: Krabbenfischer, moderne Wikinger, Immigrationsforscher, Leute, die per Green-Card-Los ins Land kamen und solche, die vor Kriegen flüchteten. Mit dem Blick der Europäerin erschließt die Autorin sich und den Lesern die ungeheure Vielfalt der Ostküste und fragt: Ab wann ist man eigentlich Amerikaner? Was bedeuten historische Erfahrungen von Walfang bis Woodstock für das heutige Zusammenleben? Die Antworten, die ihr unterwegs begegnen, setzt del Buono in Bezug zu Europa und verwebt Porträts, Skizzen, historische Zitate und aktuelle Notizen zu einer atmosphärisch dichten, literarischen Reisereportage.
(Verlagstext)

Leseprobe

Dienstag

Heute haben
Friedrich Maximilian von Klinger * 1752
Georg Weerth * 1822
Chaim Potok * 1929
Ruth Rendell / Barbara Vine * 1930
Frederik Hetmann * 1934
Geburtstag
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Georg Weerth
Der Wein

Und dem Weisen ist zu gonnen,
Wenn am Abend sinkt die Sonnen,
Daß er in sich geht und denkt,
Wo man einen Guten schenkt.

I

Der Gott, der uns die Rebe gab,
Der hat uns auch geheißen:
Zu trinken bis ans kühle Grab
Den Roten wie den Weißen.

II

Es liegt die Welt voll Sonnenschein,
Die grünen Wälder winken.
Wir wolln in einem guten Wein
All unser Leid vertrinken.

Der Wein erfrischt das alte Mark,
Trink nun den Wunderkühlen!
Du wirst dich wie ein Simson stark
In deinen Knochen fühlen.

III

Du blondgelockter Kleiner,
Geh, sage deinem Herrn:
Ein Fläschlein Nierensteiner,
Den tränk ich gar zu gern.

Du bist ein schönes Kind,
Du blondgelockter Kleiner –
Geh, hole mir geschwind
Ein Fläschlein Nierensteiner!


Das geht noch ewig so weiter!
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Barnes

Julian Barnes: Lebensstufen“

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch Verlag € 16,99
auch als Originalausgabe in englisch und als eBook

Julian Barnes ist wahrlich großer Meister. Er packt besondere Themen an, oder vermischt in seinen Büchern Dinge, die auf den ersten Blick nicht kombinierbar sind. Vor ein paar Wochen habe ich einen alten, neuaufgelegten Roman von ihm vorgestellt, der aus verschiedenen Erzählungen zusammengesetzt ist. Es kommen Holzwürmer, Richter und das Floß der Medusa darin vor. Und trotzdem schafft es Barnes die Fäden in der Hand zu halten und ein Ganzes daraus zu weben.
Hier erzählt er uns drei Geschichte, die vordergründigt fremd nebeneinander stehen. Die Entwicklung der Heiss- und Gasluft-Ballonfahrt, eine der Liebesgeschichte der Diva Sarah Bernhardt und seine eigene Trauer nach dem Tod seiner Frau Pat Kavanagh. Um von hinten her zu erzählen: Julian Barnes und seine Frau waren 30 Jahre verheiratet. Bei ihr wird ein Tumor entdeckt und es bleiben exakt noch 27 Tage bis zu ihrem Tod. Dies ist sicherlich das beindruckenste Kapitel in diesem Buch. So persönlich, wie Barnes hier auftritt, haben wir ihn in keinem seiner Bücher erlebt. Er zitiert aus Trauerbriefen seiner Freunde, wiederholt Sätze, die zu ihm als Trost gesagt worden sind und wir begreifen, dass diese Trauer kein Vergessen kennt. Dass es zum Verrücktwerden ist, dass es keinem Vergleich mit einer anderen Situation geben kann. Zumindest nicht für Julian Barnes.
Und nun kommen wir zu den beiden anderen Kapiteln. Auch hier geht es um Liebe, um Euphorie, um den Verlust. Träume zerplatzen, Menschen verschwinden und doch dreht sich Welt weiter. Aber: ein Trost ist dies auch nicht. Essayhaft schreibt er das Ballonkapitel, bald wie ein Sachbuch. Im Bernhardt-Kapitel sind wird mitten drin in der Scheinwelt des Theaters, in der Welt dieser Exzentrikerin Bernhardt, der Barnes eine Liebschaft mit einem englischen Offizier andichtet.
Barnes spielt, er komponiert und dies so locker und leicht, wie wir es selten lesen. Er schreibt über den Orpheus und Eruridike-Mythos, schimpft über Orpheus, versteht ihn dann doch, ist verärgert über die Götter und verwirft auch das wieder. Auch hier ein Verlust, der allerdings von den Göttern gelenkt wird. Im wahren Leben hat der Tod seiner Frau nichts mit Gott zu tun und der Trost eines christlichen Freundes verpufft sehr sehr schnell.
Selten habe ich ein so intensives, persönliches Kapitel über Tod, Verlust und Trauer gelesen.

Leseprobe
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Die erste Ausgabe von „Literalotto“ ging gestern über die Bühne.
Vielen Dank an all diejenigen, die mitgemacht haben und diejenigen,
die gekommen sind.
Wir haben Musen zu Dichtern zugeordnet, den Schluss der „Jahrestage“ von Uwe Johnson erst mit großer Hilfe herausbekommen und bekamen dafür von Florian Arnold, zwei von Gewinnern herausgesuchte Buchstellen, vorgelesen. Zum einen aus Robert Seethalers: „Der Trafikant“ und dann noch von Verena Rossbacher: „Schwätzen und Schlachten“. Den ersten Roman kannten alle, den zweiten niemand. Auch das war bemerkenswert. Zumal die vorgelesene Passage sehr interessant klang.
Ehrengast Tommi Brem, der gerade in der Griesbadgalerie ausstellt, brachte Bücher seines Lieblingsautoren Philip K.Dick mit und Florian Arnold hielt seinen Lieblingsautoren W.G.Sebald in die Höhe und pries dessen Buch: „Die Ausgewanderten“.
Zum Schluß waren dann wieder alle gefragt und aus Zeitungsüberschriften sollte das „Spontane Gedicht“ entstehen, das nach Beendigung von Florian Arnold gekonnt vorgetragen wurde.

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Wir hatten die Zeit von einer Stunde kaum überschritten, danach verzweifelt einen neuen Termin für die zweite Folge „Literalotto“ gesucht und erst im Juni etwas gefunden.