Donnerstag, 26.November

Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
und Charles M.Schulz * 1922
Geburtstag
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„Der Despotismus forderte Automaten – und Priester und Leviten waren fühllos genug, sie ihm aus Menschen zu schnitzen.“

Johann Georg Adam Forster aus:
Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit
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Jetzt als Taschenbuch:

Ian McEwan: „Maschinen wie ich“
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes Verlag € 14,00

Nach dem ich die ersten Seiten gelesen hatte, war mir klar, dass ich dieses Buch zu Ende lesen will. McEwan ist ein großer Meister im Beschreiben von zwischenmenschlichen Zuständen, von Beziehungen und Biografien, die plötzlich aus dem Ruder laufen. So auch hier. Zusätzlich hat er ein Faible, mit der Geschichte zu spielen. In vergangene Zeiten einzutauchen, oder sich vorzustellen, was in naher Zukunft mit uns passieren könnte.
Hier geht er noch einen Schritt weiter. Also: Er geht in der Zeit zurück ins Jahr 1982, in der wissenschaftlichen Entwicklung einen Schritt voraus. Die Menschheit besitzt schon Handys und selbstfahrende Autos. Er dreht an wahren Begebenheiten, lässt die Engländer den Falkland-Krieg verlieren. Er lässt Tony Benn (Blair) einem Attentat zum Opfer fallen. Dafür überlebt John F.Kennedy. Die Beatles bringen zehn Jahre nach ihrer Trennung ein neues Album heraus und es gibt die ersten Androiden. Einen dieser Adams und Eves kauft sich die Hauptperson Charlie für 86.000 englische Pfund, obwohl er sich so einen künstlichen Menschen gar nicht leisten kann. Gleichzeitig entwickelt sich eine Liebesbeziehung mit seiner Mitbewohnerin Miranda. Diese Dreierbeziehung ist eines der Erzählstränge von „Maschinen wie ich“. Parallel dazu gibt es immer wieder Einschübe über den Stand der Wissenschaft, über Philosophie und Moral. McEwan spielt, erstaunt uns, klärt uns auf und benutzt den Androiden Adam, um uns unsere Art zu leben zu erläutern. Dass Adam, als künstliche Intelligenz, uns Menschen in vielen Dingen überlegen ist, dürfte klar sein. Aber wieso bringen sich dann einige seiner Artgenossen nach kürzester Zeit um? Dieses Geheimnis löst McEwan in seinem Roman, genauso, wie das Geheimnis, das Miranda zu verbergen versucht. Im Gegensatz zu uns Menschen kann Adam nicht schwindeln, lügen, vertuschen, oder etwas gerade biegen. Er handelt nach strengen moralischen Vorsätzen und stellt das junge Paar vor viele Belastungsproben, die Charlie am Ende mit dem Hammer löst.
Ein flott geschriebener, kluger, frecher Roman, in den McEwan viel hineingepackt hat und der trotzdem großen Spaß beim Lesen bereitet.

Mittwoch

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Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
Geburtstag.
Und auch Charles M.Schulz und Tina Turner.

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Szilárd Borbély: „Die Mittellosen“
Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Laszlo Kronitzer
Suhrkamp Verlag € 24,95

Ich kannte den Autor Borbély nicht, hatte noch nie seinen Namen gehört. In Ungarn hat er einige Gedichtbände veröffentlicht, galt als bedeutendster Lyriker des Landes und hat viele deutsche Autoren ins Ungarische übersetzt. Dieser Roman erschien 2013 in Ungarn und war dort eine Sensation. Im Frühjahr diesen Jahres hat er sich das Leben genommen.
Borbélys Grossvater war Jude und kam in Auschwitz um und dieses Anderssein steht auch im Mittelpunkt dieses Buches. Die Mittellosen sind nicht nur ohne Geld, sondern auch ohne Ansehen und Ehre.
Erzählt wird aus der Sicht eines Jungen, der eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hat. Der Vater verdient sein Geld als Hilfarbeiter. Viel vom Gehalt kommt nicht nach Hause, da er es in der Kneipe in Alkohol umsetzt. Die Mutter ist schwer depressiv und versucht ihre Kinder und sich am Leben zu halten, in dem sie eine kleine Landwirtschaft betreibt und im Wald nach Nahrung sucht. Damit beginnt auch dieser Roman, wie der Junge frierend und schlotternd an der warmen Hand der Mutter durch den winterlichen Wald stapft. Er träumt sich weg, wird aber immer wieder in die Wirklichkeit gezerrt. Seine Mutter redet nicht viel und er weiss oft nicht, wie sie auf seine Fragen reagieren wird. Verwunderlich auch: Dass der Junge die Eltern mit „Sie“ ansprechen muss, obwohl die Handlung ab 1970 spielt.
Der Roman ist sprachlich unglaublich stark. Die beiden Übersetzer fügen immer wieder neue Wortschöpfungen ein, die dem Jungen durch den Kopf gehen. „Pfützig, Flatschen, Zundel, testieren“ sind ein paar davon. Der Junge erträgt die häusliche Gewalt kam, er ekelt sich vor der Arbeit, die zu tun hat. Wie zum Beispiel den Hühnerstall zu säuber. Er bekommt hautnah mit, wie Tiere geschlachtet und ausgenommen werden. Er erträgt die Gerüche des Hauses, des Stalles und der Menschen kaum noch.
Im Dorf ist die Familie an den Rand gedrängt. Von einer Dorfgemeinschaft kann man kaum reden. Jeder lebt für sich und arbeitet gegen den anderen. Da der Junge einen jüdischen Grossvater hat, ist das oft geflüsterte Schímpfwort Jude natürlich auch auf ihn gemünzt. Immer wieder gibt es Anklänge an die Vertreibung der Juden durch die Nazis. So haben die Dorfbewohner das Ladengeschäft des jüdischen Händlers nach seiner Deportation geplündert ohne sich in die Augen zu sehen. Gleichzeitig sind sowohl die Familie, als auch die anderen Dorfbewohner Hinzugezogene, Umgesiedelte, und ehemalige Flüchtlinge.
Borbély erzählt nicht chronologisch. Toten sind lebendig und die Lebenden sind tot, so scheint es mir fast. Und wenn dies tatsächlich ein stark gefärberter Roman ist, wie es auch in den biografischen Texten im Anhang zu lesen ist, dann kann ich sehr gut verstehen, warum der Autor unter posttraumatischen Depressionsschüben litt, wie er selber sagte. Er meinte, er sei soweit, darüber schreiben zu können. Was wohl nicht der Fall war.
Ich denke, dass dieser Roman auch in anderen Flecken Europas spielen könnte. In den armen Ecken von irland oder Portugal, oder auch irgendwo im Niemandsland in Deutschland. Er hat viel mit der ungarischen Geschichte zu tun, aber zeigt auch die Zeit der frühen siebziger Jahre, dort wo es engstirnig, ärmlich zuging und dort wo jemand sofort zum Aussenseiter gestempelt wird, wenn er nicht in die Dorfstruktur passt.
Aussenseiter sind auch die Zigeuner. Sogar der Hund der Familie heisst so. Das Geigenspiel eines Zigeuners bestärkt den Jungen in seinem Wunsch, auch Geigespielen lernen zu dürfen. Dies ist natürlich jenseits des Vorstellbaren. So ist ihm die einzige Hilfe, sich der täglichen Hölle zu entziehen, sein Rechnen mit Primzahlen. Diese Zahlen, die sich nicht teilen lassen, die ein Ganzes sind, beruhigen ihn ungemein. So eine Einheit wünscht er sich herbei, kann sie aber nirgends finden.
Ich könnte noch ewig weiterschreiben, Zitate einfügen und würde vielleicht genau das Gegenteil bewirken. Denn aus dem Zusammenhang gerissen lesen sie sich deutlich brutaler, als sie im Roman vom Jungen erzählt werden.
„Ich sehe die Sterne und den Rücken meines Vaters, wie er sich nach vorne beugt. Vom Bett aus sehe ich, wenn er sich würgend krümmt, die Venus. Der kühle Abendwind trägt den Geruch von Erbrochenem herein.“, soll hier genügen, um die verschiedenen Ebenen des Romanes zu zeigen. Die Brutalität, die Gerüche, das Derbe, aber auch die Natur, die Sehnsucht lesen sich in einem Satz und zeigen das unglaubliche Können dieses Autoren, dem ich in dieser deutschen Übersetzung viele LeserInnen wünsche.

Leseprobe

Dienstag

Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
Geburtstag
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Franz Jung: „Das Trottelbuch“
(Leseprobe aus: Das Trottelbuch, 2013, Edition Nautilus).

Um einen Tisch des Café du Dôme saßen mehrere Herren. Eine Frau schritt draußen am Fenster vorbei. Sie hatten sie alle gekannt, und einige kannten sie noch. Einer las vor: Zwei junge Burschen stolpern aus einer Vorstadtkneipe in die Nacht. Blutjunge Burschen und sehr betrunken. Sie schlagen das Pflaster mit ihren Stöcken, sie johlen, krümmen sich vor Lachen, und sie schleppen die schwer gewordenen Füße hinter sich her, dass sie von fern wie hinkende Greise erscheinen. Eine Katze huscht über den Weg.
Die Betrunkenen bleiben stehen, die Lässigkeit ist aus ihren Gliedern gewichen, ein Rausch ballt sich zusammen. Sie jagen dem Tier nach, verstellen den Weg, sie schlagen mit ihren Stöcken – als ob das Tier schuld wäre an ihrer Jugend und ihrer Betrunkenheit, so schlagen sie.
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frerk

Finn-Ole Heinrich:Frerk, du Zwerg!
Illustrationen von Rán Flygenring
dtv € 8,95
Deutscher Jugendliteraturpreis 2012.
Jetzt als Taschenbuch.

Jargs Blog hat mich drauf gebracht, dieses tolle Buch auch hier vorzustellen. Sein Grund ist allerdings die Hör-CD von Finn-Ole Heinrich selbst gesprochen. Und diese Aufnahme lobt er sehr.
Nachdem wir sein letztes Buch (Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich“) auch schon auf unserem Blog vorgestellt haben, jetzt also die Taschenbuch-Ausgabe des prämierten „Frerk, du Zwerg!„.
Frerk hat es nicht leicht. In der Schule wird er gehänselt. Den Spruch kennen Sie jetzt ja schon: „Frerk, du Zwerg“, obwohl er doch nur der Zweitkleinste in der Klasse ist. Es reimt sich halt so schön. Und eigentlich hätte Frerk gerne einen Hund. Aber keinen kleinen, schnuckeligen, sondern einen großen, einen Wolfshund, der brüllen und heulen kann. Der ihm treu ergeben ist und der sooo groß sein soll, dass Frerk gerne so klein wie ein Zwerg neben im aussähe. „Ein wilder Hund riecht nämlich wie Waldboden, Sauerkirschen und Baumrinde, wie Abenteuer und Apfelblüten und Heu, wie Erde und Salzwasser, das auf der Haut getrocknet ist.“ Aber: Hund is nich, da Frerks Mutter allergisch ist. Allergisch gegen ganz vieles und wennn es ihr zuviel wird, dann bekommt sie Migräne und Migräne ist wie Kopfweh, nur viel schlimmer und das kann sich niemand vorstellen, der sie nicht selbst hat. Sprich: Keine Chance für Frerk einen Hund zu bekommen. Zusätzlich wird Frerk auch noch sehr gesund ernährt und fragt sich jeden Morgen beim Müsliessen, warum seine Mutter das Obst so klein schnippelt, wo er doch eh alles in der Milch schwimmend bekommt und auch locker größere Brocken wegessen könnte. Sie merken schon, Frerk hat es nicht leicht. Dazu noch der große Junge, der ein paar Klassen über ihm ist und ihn ordentlich trietzt. So auch an diesem Tag. Er steckt Frerks Nase mit dem Spruch: „Friss Mist, du Wurst!“ ganz tief in den Sand. Frerk denkt, warum Mist und warum Wurst und merkt, dass der große Junge nicht alle Tassen im Schrank hat. Doch diesmal entdeckt Frerk ein kleines Ei im Sand. Größer als ein Hühnerei, aber deutlich kleiner als ein Straußenei. Irgendetwas scheint sich darin zu bewegen. Er nimmt es mit nach Hause, legt es in die Schublade seines Tisches. Aus dem Ei schlüpfen 5 Zwerge, die schnell wachsen und nur Blödsinn im Sinn haben. Sie werfen mit Spielzeug, sie schneiden Frerk die Haare ab und bringen ihm viele Wörter bei, die er daheim nicht sagen soll. Aber wie soll er seinen Eltern das mit den Zwergen erklären? Wer wird ihm glauben? Also: Er sagt gar nix, lässt die Zwerge toben und lernt nebenbei, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Nach ein paar Tagen sind die Zwerge plötzlich verschwunden. Sie haben ihm einen Brief hinterlassen. Zwergenklein, in Zwergenschrift.
Was darauf steht, sei nicht verraten.
Jedoch: Dieses Buch ist so frech, so witzig, so politisch unkorrekt, voller Wortwitz und Worterfindungen, dass es kaum zu glauben ist. Diesen wilden Text hat die Isländische Malerin Rán Flygenring genial umgesetzt und weiter entwickelt.
Ein klasse Vorlesebuch, ein tolles Buch zum Selberlesen ab acht Jahren.
Und wenn die Hör-CD wirklich so toll gelesen ist, wie Jarg schreibt, dann kann ich die ungehört empfehlen.
Erschienen bei der Hörcompanie für € 12,95

p.s. und aufgepasst. Die kleinen Körner im Müsli sehen zwar aus wie Körner, sind in echt aber Zwergenka… .

p.p.s Vielen Dank nochmals an Jarg.
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