Freitag, 23.Oktober

Heute haben
Adalbert Stifter * 1805
Aravind Adiga * 1974
Geburtstag.
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Adalbert Stifter
Müdigkeit

Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.
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Hilmar Klute: „Oberkampf“
Galiani Verlag € 22,00

Im wirklichen Leben ist Hilmar Klute Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und u.a. zuständig für das tägliche Streiflicht auf Seite eins. Sein erster Roman, der vor ein paar Jahren erschienen ist, wurde hochgelobt und jetzt, in diesem wilden Sommer, erschien sein zweiter „Oberkampf“. Der Name klingt im ersten Moment fremd, bezieht sich jedoch auf ein Viertel, eine Metro-Station in Paris. Dort, wo Klute mit Familie für zwei Jahre gewohnt hat.
Der Roman spielt im Jahr 2015. Jonas ist in den Vierzigern, löst sein Büro in Berlin auf, trennt sich von seiner Partnerin und zieht auf Verlagskosten nach Paris, um dort die Biografie von Richard Stein, einem alten österreichischen Schriftsteller, zuschreiben.
Klute bedient sich aller Klischees, die wir über intellektuelle Männer in der Mitte ihres Lebens kennen. Er nimmt Paul Nizon als Vorbild für Richard Stein. Er breitet jeden Mythos über Pariser Flair, Cafés, Brasserieren, Musik, das französische Lebensgefühl aus. Er lässt Jonas schon in der ersten Nacht über die zwanzig Jahre jüngere Christine stolpern. Er findet aber als Autor ein sehr gelunges Gegengewicht in der Sprache, den Formulierungen und Assoziationen.
Dazu kommt noch, dass kurz nach Jonas‘ Ankunft das Attentat auf Charlie Hebdo verübt wird und vieles nicht mehr so ist, wie kurz zuvor. Jonas erlebt hautnah, was mit seinen Mitmenschen nach diesen Morden passiert. Wie sie denken, reden und reagieren. Gleichzeitig ist Jonas selbst in seinem unaufgeräumten Leben verstrickt und hat auch noch den extrentischen, narzistischen, übergriffigen alten Autoren am Hals.
„Oberkampf“ ist ein leicht zu lesender Roman voller Anspielungen auf unsere brüchigen Existenzen, vermischt mit dem Chaos in der so sicheren westlichen Welt.
Doch das Leben geht weiter und endet damit, dass Jonas sich mit Christine bei einem Punk-Konzert im Pariser Musikclub Bataclan trifft.

Leseprobe

Mittwoch, 15.März

Heute haben
Paul Heyse * 1830
Elisabeth Plessen * 1944
Franz Schuh * 1947
Kurt Drawert * 1956
Geburtstag
und auch Zarah Leander.
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Paul Heyse
Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif–
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?
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9783869711324 9783869711423

Kat Menschik illustriert E.T.A. Hoffmann:Die Bergwerke zu Falun
Galiani Verlag  €18,00

Jetzt ist der dritte Band in dieser extrem schönen Reihe erschienen. Nach Kafka und Shakespeare nun E.T.A.Hoffmann. Nicht nur, daß die Bücher so unglaublich gut gemacht sind, mit ihrem kleineren Format elegant in der Hand liegen und das Papiermaterial wohl vom Feinsten sind, es sind die Illustrationen von Kat Menschik, die diese Reihe zu etwas noch Besonderen macht, als sie eh schon ist. Mario Vargas Llosas: „Sonntag“, das wir ausführlich auf diesem Blog besprochen haben, wurde von ihr einzigartig illustriert und sie ist zur Hofillustratorin von Haruki Murakami ernannt worden. D.h. nicht nur in Deutschland ergänzen ihre Bilder die schmalen Texte, des japanischen Autoren, sondern dies gilt weltweit. Sie hat die Sagen des Alterums illustriert, genauso wie die nordische „Kalevala“. Immer wieder entdecken wir ihre Illustrationen in Zeitungen und Zeitschriften und in verschiedensten Verlagen taucht sie auf. Wenn auch „nur“ mit einem Titelbild.
Kat Menschiks Art der Bildgestaltung ist so einzigartig, daß sie aus der Flut ihrer Mitstreiter heraussticht. Ich freue mich auf jeden Fall immer, wenn es etwas von ihr zu sehen gibt.

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Kat Menschik ist freie Illustratorin. Sie gibt dem Feuilleton der FAZ die optische Prägung, diverse von ihr illustrierte Bände erlangten Kultstatus, u. a. Haruki Murakamis Schlaf. Zahlreiche ihrer Bücher bekamen Auszeichnungen als schönste Bücher des Jahres. Bei Galiani sind erschienen: Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländersagas (2011) sowie Kalevala (2014), Der goldene Grubber. Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr (2014), Shakespeares Romeo und Julia (2016) und Kafkas Ein Landarzt (2016).

Freitag, 26.August

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Heute haben die Geburtstag, die ich gestern schon aufnotiert habe
und gestern hätte u.a. Alberto Saviano seinen feiern können.
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Unser Buchtipp paßt gut zum Frühstück:

9783462316247

Michael Angele:Der letzte Zeitungsleser
Galiani Verlag € 16,00

Wenn ein Buch schon aussieht, wie eine Zeitung, wenn der Satzspiegel gesetzt ist wie eine Spalte in der Tageszeitung, wenn das Buch „Der letzte Zeitungsleser“ heißt und wenn vorne drauf noch ein Zeitungs lesender Thomas Bernhard zu erkennen ist, dann, ja dann muß ich einfach in dieses Buch schauen.
Michael Angele, selber Zeitungsmacher und ehemaliger Chefredakteur einer Internetzeitung, weiß wovon er redet.
Aufhänger ist tatsächlich Thomas Bernhard, der Angele als der Prototyp des Zeitungsleser gilt. Hat Bernhard nicht einmal – und diese Geschichte finden Sie in jeder Besprechung – als er auf der Suche nach der aktuellen Ausgabe der Schweizer NZZ war, 350 Kilometer mit der Bahn verfahren, um am Abend endgültig mit leeren Händen dazustehen. Oder Angele selbst: im Ausland eine FAZ vom Vortag für € 8,00 gefunden und zu geizig für den Kauf. Auf dem Rückweg war sie weg. Mist, so dachte Angele und ärgerte sich, daß er so knickrig war. Aber auch voller Freude, da er einen unbekannten Gleichgesinnten unter den Touristen wußte.
Angele schreibt über das Zeitungslesen in Cafés, über die Unsitte im Urlaub die Onlinevariante des geliebten Blattes auf dem Handy zu lesen, anstatt sich in eine andere Zeitung zu vertiefen. Jetzt, da man doch wirklich mal Zeit und Muße hat. Überhaupt die dicken Zeitungen. Angele genießt sie und zitiert seinen Nachbarn, der nur die SZ vom Wochenende kauft. Zum Lesen kommt er allerdings nicht. Das „Streiflicht“ schafft er. Aber dann?
Angele singt das große Loblied auf dieses (bald verschwundene ?) Medium. Er vergißt allerdings auch nicht, auf die Beliebigkeit der Blätter hinzuweisen, die durch Sparzwänge auf dpa Meldungen angewiesen sind und nur noch wenig selbst schreiben.
Für Angele ist die Zeitung ein magisches Objekt, dem man sich auf verschiedene Arten nähern kann. Wir fühlen sie, wir riechen sie (Englische Butler bügeln Zeitschriften, damit die Druckerschwärze nicht an den Fingern der Lordschaften haften bleibt), wir falten und zerschneiden sie und tragen sie stolz gerollt durch fremde Städte (obwohl wir die rosa farbende italienische Sportzeitung doch gar nicht lesen können). Daß Zeitungsleser auch Sammler und Messies sind, daß wir als Zeitungsleser Dinge entdecken, die gar nicht geplant waren entdeckt zu werden, versteht sich von selbst.
Ach, es gäbe noch so vieles über das Buch und das Zeitungslesen zu schreiben.
Lesen Sie das Buch doch selbst und spazieren dann mit ihrer Zeitung ins nächste Kaffehaus.

Leseprobe