Mittwoch, 6.April

Heute haben
Erich Mühsam *1878
Leonora Carrington * 1917
Günter Herburger * 1932
Friederike Roth * 1948
Brigitte Schwaiger * 1949
Geburtstag
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Mirko Bonné
Johannisbeeren


Am Ende der Wiese, bei der kleinen Wasserstation,
stehen Männer im Blaumann, frühmorgens schon.
Sie haben einen Auftrag, wie Bauarbeiter immer.

Ein leichter Holzkohlegeruch weht in dein Zimmer.
Du stehst am Fenster, blickst verwundert hinaus.
Vor der Weite der Felder das letzte ist euer Haus …

So kannst du gut sehen, dass dort noch einer steht.
Er ist groß und trägt Schwarz, hat so ein Atemgerät
am Gürtel, aus dem Wasserdampf steigt, hat Flügel,

drei Paar, sechs dunkle Schwingen, fast wie Bügel,
die zittern und kurz schlagen, sobald jemand spricht.
Welches Gesicht er dabei macht, erkennt man nicht.

Da sind in den überall roten Johannisbeerbüschen
Kinder, die Fangen spielen, nur ständig entwischen.
Keiner fängt jemanden, und niemand wird gefangen.

Schon kommen sie gekrochen, die kleinen Schlangen.
Und die Bauarbeiter lachen hell am Ende der Wiese,
weil jede schwierigere Aufgabe sein sollte wie diese. ​

Einer isst von den Beeren. Er wir den anderen zu.
Gleich folgt die Pointe, die gute Moral. Meinst du?
Nichts da. Die am Leben sind – alle Gespenster –,

müssen warten, wie du, versteckt dort am Fenster.
Sie graben die Büsche aus, sie löschen alles Rot.
Und aus dem Gras zu dir hinauf blinzelt der Tod.

(aus: Jahrbuch der Lyrik 2022,
Herausgegeben von Matthias Kniep und Nadja Küchenmeister
Schöffling Verlag, 2022)
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Kat Menschik: „Tomaten
Illustrierte Lieblingsbücher 13
Galiani Verlag € 20,00

Kat Menschik malt sich durch die Weltliteratur. Von Kafka, über Shakespeare. ETA Hoffmann, Poe, bis zu Aitamtows „Djamila“. Zwischendurch geht es um Tiere und ums Essen.
Jetzt aber sieht sie rot.
Im 13. Band ihrer Lieblingsbuchreihe stellt sie nämlich jede Menge verschiedene Tomaten vor, mit den ungewöhnlichsten Namen.
Am 8.März (dem internationalen Frauentag) beginnt sie mit der „Aufzucht“ mithilfe einer Wärmelampe. Dann wird pikiert und umgetopft, was das Zeug hält.
Denn, was gibt es Schöneres, als ein Körble voller unterschiedlicher Formen, Farben und Gerüchen und zwar alles von Tomaten.
Sie stellt die Vorzüge und Eigenarten vor, verrät kleine Tricks und Tipps, wie man sie am besten zur Ernte bringt. Aber vor allem zeigt sie, wie man sie wiedererkennt.

Kat Menschik versteigert, seit Beginn des Krieges in der Ukraine, Originaldrucke über Instagram. Unglaublich, wieviel Sie dadurch für die Ukrainehilfe spenden konnte.
Diese Solidarität, von allen, die dabei mitmachen, tut so gut, in diesen Zeiten.

Donnerstag, 10.Februar

Heute haben
Giuseppe Ungaretti * 1888
Boris Pasternak * 1890
Bertolt Brecht * 1898
Jakov Lind * 1927
Helga Schütz * 1937
Asne Seierstad * 1970
Geburtstag
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„In den finsteren Zeiten
Wird da auch gesungen werden?
Da wird auch gesungen werden.
Von den finsteren Zeiten.“
Bertold Brecht
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Heiko Werning / Ulrike Sterblich: „Von Okapi, Scharnierschildkröte und Schnilch
Ein prekäres Bestiarium
Galiani Verlag Berlin € 22,00

Unsere Welt ist voll von wunderlichsten Kreaturen. Nicht nur bei den Menschen. Auch die Tierwelt hat einiges zu bieten. Stand nicht vor ein paar Tagen in der Zeitung, dass nur 30% der Unterwasserarten bekannt sind?
Heiki Werning und Ulrike Sterblich von Citizen Conservation haben aus ihrem Podcast ein Buch gemacht und listen uns hier sehr humorvoll, frech, witzig Tiere auf, die am Aussterben sind, oder schon fast waren. Tiere, die uns wohl bekannt sind, wie der Biber, der Eisbär und der Blutegel. Aber auch etwas Unbekannteres, wie Milu, Pangolin, Waldrapp, Pátzcuaro-Querzahnmolch.
Was mir völlig unbekannt war, ist der Schnilch. Er soll überall vorkommen, aber keiner kennt ihn. ForscherInnen streiten sich, ob es das Tier überhaupt gibt. Das Autorenpaar meint, wir sollen ihnen, auch nur den kleinsten Fund, zukommenlassen. Tja?
Der tasmanische Beutelteufel, war fast ausgerottet, wurde gerettet und leidet seit Jahren an einem Gesichtskrebs, der wohl von Viren kommt. ForscherInnen meinen, dass es wohl auch mit Menschen zusammenhängt, der den Wohnraum der Tiere einengt und mit seinen Pestiziden nicht gerade förderlich für die Teufel ist.
So steht über diesem Buch das Motto für die Tiere: Ihr Überleben steht auf der Kippe!
Ein gallisches Dorf von engagierten Tierfreunden und –schützern rund um die Organisation Citizen Conservation sorgt durch ihren Einsatz in Zucht- und Auswilderungsprojekten dafür, dass das endgültige Aussterben verhindert werden kann.

Die gesamten Autorenhonorare und zusätzlich 50 Cent je verkauftem Buch fließen zur Unterstützung von erhaltungszuchtprojekten für bedrohte Arten an Citizen Conservation. Auf deren Homepage können Sie die Organisation finanziell unterstützen, oder Sie übernehmen eine Patronage über eine dieser Kreaturen unter: citizen-conservation.org/bestiarium

Leseprobe

Freitag, 23.Oktober

Heute haben
Adalbert Stifter * 1805
Aravind Adiga * 1974
Geburtstag.
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Adalbert Stifter
Müdigkeit

Ich hab‘ geruht an allen Quellen,
Ich fuhr dahin auf allen Wellen,
Und keine Straße ist, kein Pfad,
Den irrend nicht mein Fuß betrat.

Ich hab‘ verjubelt manche Tage,
Und manche hin gebracht in Klage,
Bei Büchern manche lange Nacht,
Und andere beim Wein durchwacht.

Viel mißt‘ ich, viel hab‘ ich errungen,
Auch Lieder hab‘ ich viel gesungen,
Und ausgeschöpft hat dieses Herz
Des Lebens Lust, des Lebens Schmerz.

Nun ist der Becher leer getrunken,
Das Haupt mir auf die Brust gesunken,
Nun legt‘ ich gern mich hin und schlief‘,
Unweckbar, traumlos, still und tief!

Mir ist, mir ist, als hört ich locken
Von fernher schon die Abendglocken,
Und süße, weiche Traurigkeit
Umweht mich: Komm, ’s ist Schlafenszeit.
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Hilmar Klute: „Oberkampf“
Galiani Verlag € 22,00

Im wirklichen Leben ist Hilmar Klute Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und u.a. zuständig für das tägliche Streiflicht auf Seite eins. Sein erster Roman, der vor ein paar Jahren erschienen ist, wurde hochgelobt und jetzt, in diesem wilden Sommer, erschien sein zweiter „Oberkampf“. Der Name klingt im ersten Moment fremd, bezieht sich jedoch auf ein Viertel, eine Metro-Station in Paris. Dort, wo Klute mit Familie für zwei Jahre gewohnt hat.
Der Roman spielt im Jahr 2015. Jonas ist in den Vierzigern, löst sein Büro in Berlin auf, trennt sich von seiner Partnerin und zieht auf Verlagskosten nach Paris, um dort die Biografie von Richard Stein, einem alten österreichischen Schriftsteller, zuschreiben.
Klute bedient sich aller Klischees, die wir über intellektuelle Männer in der Mitte ihres Lebens kennen. Er nimmt Paul Nizon als Vorbild für Richard Stein. Er breitet jeden Mythos über Pariser Flair, Cafés, Brasserieren, Musik, das französische Lebensgefühl aus. Er lässt Jonas schon in der ersten Nacht über die zwanzig Jahre jüngere Christine stolpern. Er findet aber als Autor ein sehr gelunges Gegengewicht in der Sprache, den Formulierungen und Assoziationen.
Dazu kommt noch, dass kurz nach Jonas‘ Ankunft das Attentat auf Charlie Hebdo verübt wird und vieles nicht mehr so ist, wie kurz zuvor. Jonas erlebt hautnah, was mit seinen Mitmenschen nach diesen Morden passiert. Wie sie denken, reden und reagieren. Gleichzeitig ist Jonas selbst in seinem unaufgeräumten Leben verstrickt und hat auch noch den extrentischen, narzistischen, übergriffigen alten Autoren am Hals.
„Oberkampf“ ist ein leicht zu lesender Roman voller Anspielungen auf unsere brüchigen Existenzen, vermischt mit dem Chaos in der so sicheren westlichen Welt.
Doch das Leben geht weiter und endet damit, dass Jonas sich mit Christine bei einem Punk-Konzert im Pariser Musikclub Bataclan trifft.

Leseprobe

Mittwoch, 15.März

Heute haben
Paul Heyse * 1830
Elisabeth Plessen * 1944
Franz Schuh * 1947
Kurt Drawert * 1956
Geburtstag
und auch Zarah Leander.
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Paul Heyse
Vorfrühling

Stürme brausten über Nacht,
und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif–
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif
oder erste Schlehenblüte?
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9783869711331
9783869711324 9783869711423

Kat Menschik illustriert E.T.A. Hoffmann:Die Bergwerke zu Falun
Galiani Verlag  €18,00

Jetzt ist der dritte Band in dieser extrem schönen Reihe erschienen. Nach Kafka und Shakespeare nun E.T.A.Hoffmann. Nicht nur, daß die Bücher so unglaublich gut gemacht sind, mit ihrem kleineren Format elegant in der Hand liegen und das Papiermaterial wohl vom Feinsten sind, es sind die Illustrationen von Kat Menschik, die diese Reihe zu etwas noch Besonderen macht, als sie eh schon ist. Mario Vargas Llosas: „Sonntag“, das wir ausführlich auf diesem Blog besprochen haben, wurde von ihr einzigartig illustriert und sie ist zur Hofillustratorin von Haruki Murakami ernannt worden. D.h. nicht nur in Deutschland ergänzen ihre Bilder die schmalen Texte, des japanischen Autoren, sondern dies gilt weltweit. Sie hat die Sagen des Alterums illustriert, genauso wie die nordische „Kalevala“. Immer wieder entdecken wir ihre Illustrationen in Zeitungen und Zeitschriften und in verschiedensten Verlagen taucht sie auf. Wenn auch „nur“ mit einem Titelbild.
Kat Menschiks Art der Bildgestaltung ist so einzigartig, daß sie aus der Flut ihrer Mitstreiter heraussticht. Ich freue mich auf jeden Fall immer, wenn es etwas von ihr zu sehen gibt.

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Kat Menschik ist freie Illustratorin. Sie gibt dem Feuilleton der FAZ die optische Prägung, diverse von ihr illustrierte Bände erlangten Kultstatus, u. a. Haruki Murakamis Schlaf. Zahlreiche ihrer Bücher bekamen Auszeichnungen als schönste Bücher des Jahres. Bei Galiani sind erschienen: Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländersagas (2011) sowie Kalevala (2014), Der goldene Grubber. Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr (2014), Shakespeares Romeo und Julia (2016) und Kafkas Ein Landarzt (2016).

Freitag, 26.August

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Heute haben die Geburtstag, die ich gestern schon aufnotiert habe
und gestern hätte u.a. Alberto Saviano seinen feiern können.
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Unser Buchtipp paßt gut zum Frühstück:

9783462316247

Michael Angele:Der letzte Zeitungsleser
Galiani Verlag € 16,00

Wenn ein Buch schon aussieht, wie eine Zeitung, wenn der Satzspiegel gesetzt ist wie eine Spalte in der Tageszeitung, wenn das Buch „Der letzte Zeitungsleser“ heißt und wenn vorne drauf noch ein Zeitungs lesender Thomas Bernhard zu erkennen ist, dann, ja dann muß ich einfach in dieses Buch schauen.
Michael Angele, selber Zeitungsmacher und ehemaliger Chefredakteur einer Internetzeitung, weiß wovon er redet.
Aufhänger ist tatsächlich Thomas Bernhard, der Angele als der Prototyp des Zeitungsleser gilt. Hat Bernhard nicht einmal – und diese Geschichte finden Sie in jeder Besprechung – als er auf der Suche nach der aktuellen Ausgabe der Schweizer NZZ war, 350 Kilometer mit der Bahn verfahren, um am Abend endgültig mit leeren Händen dazustehen. Oder Angele selbst: im Ausland eine FAZ vom Vortag für € 8,00 gefunden und zu geizig für den Kauf. Auf dem Rückweg war sie weg. Mist, so dachte Angele und ärgerte sich, daß er so knickrig war. Aber auch voller Freude, da er einen unbekannten Gleichgesinnten unter den Touristen wußte.
Angele schreibt über das Zeitungslesen in Cafés, über die Unsitte im Urlaub die Onlinevariante des geliebten Blattes auf dem Handy zu lesen, anstatt sich in eine andere Zeitung zu vertiefen. Jetzt, da man doch wirklich mal Zeit und Muße hat. Überhaupt die dicken Zeitungen. Angele genießt sie und zitiert seinen Nachbarn, der nur die SZ vom Wochenende kauft. Zum Lesen kommt er allerdings nicht. Das „Streiflicht“ schafft er. Aber dann?
Angele singt das große Loblied auf dieses (bald verschwundene ?) Medium. Er vergißt allerdings auch nicht, auf die Beliebigkeit der Blätter hinzuweisen, die durch Sparzwänge auf dpa Meldungen angewiesen sind und nur noch wenig selbst schreiben.
Für Angele ist die Zeitung ein magisches Objekt, dem man sich auf verschiedene Arten nähern kann. Wir fühlen sie, wir riechen sie (Englische Butler bügeln Zeitschriften, damit die Druckerschwärze nicht an den Fingern der Lordschaften haften bleibt), wir falten und zerschneiden sie und tragen sie stolz gerollt durch fremde Städte (obwohl wir die rosa farbende italienische Sportzeitung doch gar nicht lesen können). Daß Zeitungsleser auch Sammler und Messies sind, daß wir als Zeitungsleser Dinge entdecken, die gar nicht geplant waren entdeckt zu werden, versteht sich von selbst.
Ach, es gäbe noch so vieles über das Buch und das Zeitungslesen zu schreiben.
Lesen Sie das Buch doch selbst und spazieren dann mit ihrer Zeitung ins nächste Kaffehaus.

Leseprobe

Montag

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Heute haben
Samuel Pepys * 1633
Elisabeth Langgässer * 1899
Erich Kästner * 1899
Geburtstag

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Linus Reichlin: „In einem anderen Leben“
Galiani Verlag € 19,99

Letzte Woche haben wir im Laden noch darüber geredet, dass wir von us-amerikanischen Romanen überschüttet werden, ohne dabei kaum noch auf deutschsprachige Bücher aufmerksam zu werden.
An diesem Wochenende steckten wir unsere Nasen jedoch nur in deutsche Bücher und waren hellauf begeistert. Rasmus Schöll entdeckte Kai Weyands Buch: „Applaus für Bronikowski“, das wir auch sehr sehr gut fanden. Ich bin gerade noch in den letzten Zügen von „Das alte Land“ von Dörte Hansen und muss dauernd vorlesen, so treffend lustig sind viele Teile des Buches.
Lange lag Linus Reichlins Buch im Laden. Es kam vor Wochen schon als Leseexemplar, wurde von mir aber nicht beachtet. Jetzt, nachdem es auf dem Neuerscheinungstisch liegt, habe ich es mitgenommen und am Samstagabend in einem Rutsch durchgelesen.
Grossartig!
Am Ende dieser Buchvorstellung können Sie einen Trailer zum Buch anschauen, in dem der Autor Bilder seiner Eltern zeigt. Diese Aufnahmen sind von zentraler Wichtigkeit für den Beginn des Romanes und fast mag man denken, dass dies alles gar nicht wahr sein kann und alles nur Fiktion ist.
Leider ist die Musik dazu viel dramatischer, als die Schreibweise des Buches, die nämlich sehr locker daherkommt. In einem unbedarften, kindlichen, jugendlichen Ton schreibt Reichlin die Zeit mit seinen Eltern auf, bis er auszieht in die weite Welt und von der Schweiz bis nach Berlin kommt.
Linus wächst also in der Schweiz auf. Seine Mutter kommt aus dem Tessin und verliebt sich junge Frau beim Baden in einen Schönling. Es wird bald geheiratet und kurz darauf ist auch schon Luis auf der Welt. Alles könnte so gut laufen, wenn Luis‘ Vater nicht trinken (saufen) würde. Schon im ersten Kapitel schreibt der Autor, dass dies das Unglück der Ehefrau sein würde.
Reichlin stellt seine Schreibweise hier schon vor. Er verflechtet Ereignisse, Musiktitel, Modebegriffe und Gebrauchsartikel in den Text, die zur damaligen Zeit (es beginnt in den 50er Jahren) in Gebrauch waren. So sind es die Atombombenabwürfe auf dem Bikini-Atoll, der noch unbekannte Elvis, mit denen wir auf den ersten Seiten in Kontakt kommen. Es folgen natürlich die Beatles, später Marc Bolans T-Rex und Led Zeppelin, bestimmte Getränke und Ausdrücke, Automarken und politische Ereignisse. Und damit gekommen wir diese Zeit sehr plastisch vor Augen geführt.
Luis merkt, dass hinter der Fassade seiner Eltern, die einmal mit Elizabeth Taylor und Richard Burton verglichen worden sind, einiges nicht stimmt. Sein Vater ist Zahnarzt, versäuft aber nicht nur seinen guten Ruf, sondern nach und nach auch sein ganzes Vermögen. Es herrscht Ehekrieg im Elternhaus. Es fliegen Türen und Gläser, bis seine Mutter mit dem Auto verunglückt und seitdem als Pflegefall im Rollstuhl sitzt.
Mittend drin Linus, der sich seine Träume selbst erfüllen muss und sei es nur mit geklautem Geld von seinem Vater, sich eine E-Gitarre zukaufen und mit einem Kumpel ein Marc Bolan Coverband zu gründen. Dass er bei der Musik nie den Takt halten kann, und immer ein wenig zu schnell ist, zieht sich durch das ganze Buch und ist sicherlich symptomatisch für das Leben von Luis, der noch nicht seinen eigenen Rhythmus gefunden hat. Als seinem Vater das Geld immer mehr durch die Finger rinnt, möchte er ein wertvolles Bild verkaufen. Seine Ehefrau bekommt dadurch eine starke, lebensbedrohliche körperliche Krise, so dass der junge Luis auf die Idee kommt, dieses Bild nachzumalen, damit sich seine Mutter wieder erholt.
Diese beiden Bilder spielen im zweiten Teil des Buch noch eine wichtige Rolle und verändern das Leben von Linus noch einmal grundlegend.
Linus erlebt die erste Liebe, zieht von daheim aus und lebt in einer kleiner Studentenbude in einer größeren Stadt in der Schweiz. Als diese Beziehung in die Brüche geht, kommt der große Schritt nach Berlin.
Es gäbe noch so viel über Luis und seine Eltern zu erzählen. Auch darüber, ob es wirklich Linus Reichlins Eltern und sein Leben ist, das er hier beschreibt. Auch, ob Luis sich von seinem Whisky trinkenden Vater lösen kann, der von großer Löwenjagd träumte, oder ob er ins gleiche Fahrwasser gerät. Ob solche Veranlagungen erblich sind und ein Fluch auf ihm und seiner Familie liegt, oder ob er ein neues, eigenes Leben gestalten kann.
Linus Reichlin schriebt dies, wie schon erwähnt, sehr locker und frech auf, so dass wir das Leben dieses Taugenichtes nicht mehr aus der Hand legen wollen und können und mit ihm leiden und hoffen und ihm die Daumen drücken, dass es noch irgendwie hinhaut.
Für mich lohnende. mitreissende Entdeckung, eine Lektüre über die engen Bande der Familie und die vielen versteckten Fallen, die wir erst im Rückblick entdecken.

https://www.youtube.com/watch?v=6Z5CjnPNEB0
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Werner Färber Ungereimtheiten sind Oscar aktuell:

UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (aus der Tierwelt …):
SCHICKSAL EINES FROSCHES (2. Versuch)
 
Es hockt auf einem großen Blatt
der Seerose ein Frosch und hat
noch nicht bemerkt, dass ihn die Schlange
im Visier hat schon recht lange.
 
Nach angewandter Blick-Hypnose
schnellt die Schlange Richtung Rose,
macht ihr Maul auf und zu –
und der Frosch hat seine Ruh.
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE (… fies bis böse – anlässlich der Oscar Verleihung)
 
EISVERKÄUFER VS. CINEAST

Erleichtert ist das Publikum,
nachdem die Werbung endlich um.
Doch jeder Kinogänger weiß:
dreht sich der letzte Spot um Eis,
wird’s Licht noch einmal angemacht
und Eiscreme in den Saal gebracht.
Das kalte Naschwerk soll sodann
verkauft werden an Frau und Mann.

Heut‘ ruft jedoch ein Cineast,
der derlei Unterbrechung hasst:
„Wer ein Eis kauft, wird erschossen!“
Wie ein Pudel steht begossen,
der Eisverkäufer blass und still,
merkt äußerst schnell, dass niemand will
– da alle haben Angst vorm Sterben -,
käuflich von ihm was erwerben.

Er hat das rettende Gespür,
flink zu verschwinden durch die Tür.
Der Rufer (welcher waffenlos)
ist höchst erfreut – der Film geht los.

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Übermorgen ist es so weit.
Am Mittwoch ab 19 Uhr stellt Herr Lauinger den Manesse Verlag vor.
Schauen Sie vorbei. Es würde mich und den Verlagsleiter sehr freuen.
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Montag

Heute haben
Miguel de Cervantes * 1547
Miguel de Unamuno * 1864
Nikolai Ostrowski * 1904
Ingrid Noll * 1935
Gaston Salvatore * 1941
Geburtstag.
Aber auch Silvio Berlusconi und Lech Walesa.
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Rainer Maria Rilke
Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
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duve

Karen Duve: „Warum die Sache schiefgeht“
Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen
Velag Galiani Berlin € 12,00
als ebook € 9,99
als Hörbuch € 14,99
(von der Autorin gelesen)

Karen Duve nimmt kein Blatt vor den Mund und schreibt in ihrem furiosen Essay, dass es 5 vor 12 ist. Eigentlich schon nach 12 Uhr, wenn wir das Buch gelesen haben. Höchste Zeit etwas daran zu ändern, bevor wir uns selber abschaffen. Der globale Kollaps steht bevor und unsere Kinder sind nicht zu beneiden. Auch wir haben schon die Anhäufung von Katastrophen mitbekommen, leben aber auf Kosten vieler Menschen auf einem unglaublichen Niveau. Die täglichen Tageschauen bringen zwar mehrfach die Woche Meldungen von Naturkatastrophen, diese werden jedoch meist wie in einer Hitparade präsentiert. Der höchste, der größte, das gewaltigste …. seit … Es wird nicht auf die Hintergründe eingegangen.
Karen Duve ärgert sich maßlos, dass immer noch die Egoisten, Hohlköpfe und Psyhopathen das Sagen haben und nicht die Besonneren, die Ruhigeren, die Gemäßigten, die nicht nur auf ihr eigenes Wohl schauen.
Einsatzbereitschaft
Risikobereitschaft
Selbstvertrauen
Durchsetzungsvermögen
Frauen?
Sintflut!

nennt sie ihre Kapitel und haut uns jede Menge Fakten um die Ohren, dass es einem beim Lesen ganz schwindelig wird. Sie schreibt über diese Bewerbungsmarathone, die mittlerweile normal sind, wenn sich junge Menschen für einen Job in der Führungsetage bewerben. Dies hat zur Folge, dass sich nur der durchsetzt, der bereit ist 16 Stunden am Tag zu arbeiten und mit seiner Familie um die Welt zuziehen. Es setzen sich dann die durch, die dies aufsichnehmen und volles Risiko fahren. Was hätten wir aus der Bankenkrise (eher Kollaps) alles lernen können? Was hätte nicht alles geändert werden können. Während jedoch die einzelnen Staaten ihre Banken mit Milliarden wieder retten, zahlen sich die Bankenchefs weiterhin fette Boni aus und lachen sich wahrscheinlich eins. Geändert hat sich wohl aber nichts. Ah doch! Frau Merkel hat die Bonuszahlungen auf ein zweifaches eines Jahresgehalts beschränkt. Kein Problem, erhöhen wir halt das Jahresgehalt. Diese skrupellosen Menschen sind meist Männer und Karen Duve kommt zu Beginn des Buches auf Psychopathen zu sprechen. Wieviel Prozent unserer Bevölkerung zu dieser Kategorie gehören und dass es meist Männer sind. Sie schreibt über die Vorzüge von Autisten in der IT-Branche und dass männliche Gehirne denen der Autisten doch sehr ähnlich seinen. Sie merken schon, von der Spezies Mann, die in Führungsriegen sitzen, hält Frau Duve nichts.
Egal, ob es um Atombombentest geht und die eventuelle Möglichkeit, dass sich die Menschheit damit gleich ganz auslöscht, oder um den massenhaften Einsatz von Medikamenten in der Massentierhaltung, es sind immer Männer, die skrupelos in ihre eigene Tasche wirtschaften und Fakten so hindrehen, dass sie als einzig plausible Möglichkeit dastehen. Risiken werden minimiert, aber rechne ich  von der anderen Seite her, ergeben sich oft ganz andere Phänomene. Die Möglichkeit, dass es zu einem Supergau kommen kann, wurde auf Millionen von Jahren gerechnet. Dass wir jedoch schon einige dieser Kernschmelzen miterlebt haben, müsste uns doch zu denken geben.
Was tun? Frau Duve hat dafür auch die perfekte Lösung, prangert aber unser Führungssytem massiv an und fordert zum Widerstand auf.
Wenn es nämlich mit der Erdaufwärmung so weitergeht, wir die Erde auf Null gefahren. Das grauenhafte Leiden für ein paar Millionen Jahre pausiert und die Erde saust als Todesplanet mit kochenenden Ozeanen durch das Weltall, bis sich eines Tages mit dern ersten Eizellern wiedervöllig Neues entwickelt, die Evolution einen ganz anderen Weg einschlägt. Diesmal eine Schöpfung ohne Intelligenz. Oder Intelligenz gepaart mit Sanftmut. Großäugige, intelligente Weidetiere. Es kann doch eigentlich nur besser werden.

Freitag

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Heute haben
Maurice Maeterlinck * 1862
Hermann Löns * 1866
Ernst Keuder * 1903
Robert Merle * 1908
Emil Habibi * 1921
Herbert Meier * 1928
Lukas Hartmann * 1944
Geburtstag.
Aber auch Ingrid Bergmann, Richard Attenborough, der gerade gestorben ist und Michael Jackson.
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Mitarbeiter Rasmus Schöll stellt heute vor:

kettu

Katja Kettu: „Wildauge“
Aus dem Finnischen von Angela Plöger
Verlag Galiani Berlin € 19,99

Als ich dieses Buch zu Ende gelesen hatte, dachte ich: genial!
Aber wer, wer nur wird das kaufen?
Der Inhalt?
Eine Liebesgeschichte, wie es sie schon immer gab: Eine Frau und ein Mann.
Die Frau: beinah schon ein Fabelwesen, der Mann: SS-Offizier. Das ganze
hineinversetzt in eine Zeit, in der der Mensch in einer bestialischen Art seine
tierhaften Instinkte auslebt und das radikal Böse sich überall, wie ein
verwesendes Aas, bis in die letzen Poren ausbreitet.
Welch eine Geschichte, welch krasse Sprache!
Da haut es einem alle normal justierten Sicherungen raus.
Katja Kettu benutzt eine Sprache die poetisiert in schönster Lautmalerei und
zugleich an obszöner Härte nichts zu wünschen übrig lässt.
Diese Geschichte, ist eine finnische Geschichte, zur Zeit der deutschen
Besatzung, beeindruckende Charaktere wie sie wohl nur im mystischen Norden zu
finden sind, mit denkwürdigen, archetypischen Ritualen aus einer Urzeit, wie die
Welt der Sagen und doch authentisch bis in die kleinste Haarspitze hinein.
Hervorragend erzählt, intensiv, fesselnd und schockierend zu lesen.
Ich wünsche diesem Buch viele Leser!

Leseprobe

Katja Kettu stellt ihr Buch selbst vor: