Mittwoch, 29.April

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Heute haben
Konstantinos Kavafis * 1863,
(der am gleichen Tag 1933 auch gestorben ist)
Egon Erwin Kisch * 1885
Walter Mehring * 1896
Walter Kempowski * 1929
Lilian Faschinger * 1950
Geburtstag
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Friedrich von Schiller
Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
von bessern künftigen Tagen;
nach einem glücklichen, goldenen Ziel
sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
sie umflattert den fröhlichen Knaben,
den Jüngling locket ihr Zauberschein,
sie wird mit dem Greis nicht begraben;
denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
erzeugt im Gehirne des Toren,
im Herzen kündet es laut sich an:
zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
das täuscht die hoffende Seele nicht.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Harald Welzer: „Alles könnte anders sein“

Jetzt als Fischer Taschenbuch € 12,00

Bitte lest und lesen Sie dieses Buch! Die bessere Welt, der wir alle nachtrauern, der wir misstrauen und an die wir nicht mehr glauben, steht nämlich genau vor unserer Tür. Wir müssen nur erkennen, wo die Ressourcen und die Errungenschaften unserer demokratischen Gesellschaft sind, die wir auf Teufel komm raus verteidigen sollten (sei es in Form von Gemeinplätze wie das öffentliche Schwimmbad, die Bibliothek oder die Parkanlagen), sei es das Rechtssystem, das keiner Korruption unterworfen ist oder das Gesundheitssystem, zu dem bisher noch jeder gleichermaßen Zugang hat (jedenfalls im Vergleich zu sehr vielen anderen Ländern dieser Erde). Oder auch in Sachen Umwelt- und Klimakatstrophe: Wie viel ist in den letzten Jahren schon viel besser geworden, wie viele Flüsse sind renaturiert, wie viele Wälder wieder aufgeforstet, wie viele Tierarten wieder angesiedelt worden? Der Soziologe Harald Welzer beschönigt nichts. Er fordert uns bloß dazu auf, an das gute Leben zu glauben und auch danach zu handeln. Weg von der destruktiven Untergangshysterie, die bloß denen, die auf Kosten von Mensch und Natur ihren Erfolg gründen, in die Hände spielt.
Es geht ihm um Gerechtigkeit, um Solidarität, ja ganz vereinfacht gesprochen, um Freundlichkeit und damit um mehr Autonomie und die Befreiung aus einem Ego-Shooter-Kapitalismus, der in seiner jetzigen Form keinerlei sozial- und umweltverträgliche Zukunft mehr hat, und aus einer digitalen Diktatur, der wir uns willenlos hingeben.
Was wir brauchen ist v.a. mehr Zeit, um neue, völlig andere Ideen zu entwerfen. Von uns und einer Gesellschaft, einer ganzen Welt, in der wir gerne leben und in die wir guten Gewissens unsere Kinder und Enkelkinder entlassen. Zeit, die wir außerdem mit Tätigkeiten füllen, die wir als sinnvoll erleben und nicht als Bullshitjobs.
Welzer skizziert ganz konkrete Arbeitsmodelle, die er 80/20 nennt. Also 80%, die der Lohnarbeit nachgegangen und 20%, die einer ehrenamtlichen Tätigkeit gewidmet wird. Alles subventioniert vom Staat, der ja auch heute schon darauf angewiesen ist, dass ganze Branchen zum großen Teil in ehrenamtlicher Hand sind. Allein die Flüchtlingshilfe im Sommer 2015 ist so ein Beispiel. Die Arbeitsgeber werden also nicht mehr belastet, haben vielmehr leistungsfähigere, weil nicht chronisch überarbeitete, Angestellte.
Das Grundeinkommen ist eine weitere, sehr konkrete Lösung, um ein Gleichgewicht in der Gesellschaft herzustellen, das wirklich gleiche Zugangschancen für alle eröffnet, egal aus welchem Elternhaus man kommt. Bewiesen ist, wer aus armen Verhältnisse kommt, kämpft lebenslang mit Existenzängsten, die keine akademischen Höhenflüge zulassen. Dem Argument, dass mit dieser bedingungslosen Grundsicherung keiner mehr arbeiten würde, gibt er wenig Chance, weil doch die meisten arbeiten, einen strukturierten Tag oder einfach auch mehr Geld haben wollen.
Zitat: „Und schließlich gibt es noch die, die tatsächlich nie arbeiten wollen. Na und? Was ist dabei? Wo wäre denn das normative Kriterium, diese Wahl als schlechter anzusehen als die des „Entscheiders“ bei Monsanto, der Bauern vorschreibt, welches Saatgut sie zu kaufen haben? Wer entscheidet denn, wer eine für das Gemeinwohl bessere Rolle spielt – jemand, der sein Leben lang schwimmen geht, Bücher liest, Netflixserien schaut, mit den Kindern spielt oder auch nur: sich besäuft oder ein Automanager, der die Gesellschaft brutal geschädigt hat?“
Auch das Finanzierungskonzept dazu klingt realistisch. So wie Welzer all seine Ideen mit real umsetzbaren Methoden und Herangehensweisen erklärt. Demnach geht es nicht mehr um das, was tatsächlich machbar, sondern um das, was gewollt ist.
Eine andere Idee, die, wenn man Welzer zuhört, ganz und gar machbar und ganz sicher keine spinnerte Utopie mehr ist, ist die autofreie Stadt. Spätestens nach dieser Lektüre versteht man nicht mehr, warum es tatsächlich noch Autos in modernen Städten gibt. Zu gut sind die Bilder vom Stadtraum, der den Menschen, den Fußgängern, Fahrradfahrern, den spielenden Kindern gehört! Straßen werden zu Gemeinplätzen, Parkplätze zu Baupflächen für dringend benötigten Wohnraum. Kopenhagen macht es vor, wir können es nach und noch besser machen. Mit einem kostenlosen und perfekt geregelten öffentlichen Nahverkehr, Gemeinschaftsgärten usw.
Welzer legt das nötige Zündholz, um optimistisch das zu tun, was jeder und jede in seinem kleinen oder größeren Dunstkreis tun kann. Wir müssen raus aus der lähmenden Denkstruktur: nur die ganz Großen in Politik und Wirtschaft könnten etwas ändern, wenn sie denn wollten. Dass jede und jeder die Macht hat, etwas zu ändern, das zeigt Welzer in vielen realen Beispielen. Sei es der Privatmann Lutz Beisel, der die Schreckensnachrichten aus dem Vietnamkrieg nicht mehr ertragen konnte, bei der Bundeswehr anrief und sie dazu brachte, schwerverwundete vietnamesische Kinder in deutschen Krankenhäuser zu behandeln (und schließlich „terre des hommes“ gründete) oder die gerade zu explosive Urban-Gardening-Bewegung, die wie die grüne Hoffnung einmal rund um die Welt exponierte und nach wie vor Menschen zusammen- und die Natur in die Stadt zurück bringt. Es sind oft kleine Ideen, die Großes bewirken.
Fangen wir an, jetzt und heute!

Donnerstag

Heute hat Sophie Scholl Geburtstag (* 1921) und Friedrich Schiller ist heute im Jahre 1805 gestorben.
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Zu Max Goldt, seinen Büchern, seinen CDs, seinen Auftritten muss ich nichts mehr erzählen. das er ein Sprach- und Vortragskünstler ist, brauche ich nicht mehr zu betonen.
Deshalb zeige ich Ihnen nur, dass es eine neue Doppel-CD von ihm gelesen gibt.

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Max Goldt: „Chloroformierte Vierzehnjährige im Tweed-Kostüm
Gelesen von Max Goldt
HörbuchHamburg 2 CDs € 19,99

»Wozu Max Goldt lesen, wenn man ihn hören kann?« NDR Kultur

In diesem Sinne hören Sie auf dem aktuellen Max-Goldt-Hörbuch die folgenden zwölf Texte aus den Jahren 1992 bis 2012.

CD 1
1. Die Chefin verzichtet auf demonstratives Frieren
2. Diverse Texte aus »Sind wir denn nur in Cordbettwäsche etwas wert?«
3. Oma Lüneburg trinkt keinen Sprudel (frühe Version)
4. Doppelmayr halbiert die Mulmigkeit
5. Die Ministerialdirigentin Martinek
6. Schulisches

CD 2
1. Finanztantenhappen in Freiheit heißen Hering
2. Blumenkübel vor dem Eingang böser Krankenkassen
3. Die Lampen leiden am meisten darunter
4. Otto und Ute genießen die Lebensfreude
5. Drei bettlägerige ukrainische Tingeltangeltänzerinnen – Variationen eines Möbelpackerwitzes
6. Man ist ein bißchen aufgeregt und langweilt sich trotzdem


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Mal

Wie beim ersten Mal
Mit Meyrl Streep und Tommy Lee Jones
Regie: David Frankel, USA 2012,
FSK ab 6, dt/engl, UT: dt
DVD € 14,99

Arnold Soames (Tommy Lee Jones) und seine Frau Kay (Mery Streep) sind seit 31 Jahren verheiratet und nach einer Hochzeitsfeier mit ihren Kinder, möchte Kay ihre gemeinsame Beziehung grundlegend ändern. Sie will nicht jede Nacht ihrem Mann die Fernsehfernbedienung wegnehmen, da er traditionell vor seiner Golfsendung eingeschlafen ist. Auch das sprachlose Morgenritual mit Spiegelei, Tageszeitung und TV passt ihr nicht mehr. Gut, dass es Bücher gibt und Kay findet das passende in einem Werk des Beziehungsspezialisten Dr.Bernie Feld. Sie ist so begeistert von den Tipps, dass sie beschließt, gemeinsam mit Arnold für eine Woche an einer Paar-Therapie bei dem Beziehungs-Doktor teilzunehmen. Sie hat die mehrere tausend Dollar teure Therapie im kleinen, verschlafenen Städtchen Hope Springs von ihrem Ersparten gebucht und bezahlt. Erst dann verkündigt sie ihrem Mann von ihrem gemeinsamen Unternehmen. Der ist natürlich überhaupt nicht angetan, meckert rum, taucht dann aber doch noch im letzten Augenblick im Flugzeug dorthin auf. Die teilweise unorthodoxen Methoden schrecken Arnold anfangs ab; beiden kämpfen sich durch die einzelnen Hausaufgaben, die ihnen Dr.Feld aufgibt. Immer mehr scheint das auch zu klappen. Aber ob es wirklich auch funktioniert? Das will ich nicht verraten.
Ein sehr humorvoller, feinsinnger Film, dem junge ZuschauerInnen sicherlich irritiert zuschauen werden. Aber für uns alte Hasen ein Genuss, da wir uns so oft wiederfinden.
Ein gekonnt ausgedachtes Konzept mit zwei hervorragenden Schauspielern, genau auf ein zahlungsfreundiges Publikum abgestimmt. Trotzdem, oder gerade deshalb lohnend anzuschauen.