Mittwoch, 10.November

Heute haben
Friedrich Schiller * 1759
Arnold Zweig * 1887
Jiri Grusa * 1938
Geburtstag
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„Deine Weisheit sei die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz –
dein Herz sei das Herz der unschuldigen Kindheit.“
Friedrich Schiller: Die Räuber
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Was für ein Leseerlebnis:


Elizabeth Strout: „Oh William!
Luchterhand Verlag € 20,00
Amerikanische Originalausgabe € 20,00
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth

Liebe Leser*innen,
hallo – und willkommen zu Oh, William! Ich bin so glücklich, das Buch jetzt mit Ihnen teilen zu können. William ist, wie Sie vielleicht schon wissen, Lucy Bartons erster Ehemann, und in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ hat sie nicht viel über ihre Ehe mit ihm gesagt. Aber mir war natürlich klar, dass er seine eigene Geschichte hat. Hier ist sie also. Es geht um vielerlei Dinge, aber im Kern des Ganzen stehen die unerwarteten Kräfte, die uns zusammenhalten, ob nun in einer Ehe oder in einer Freundschaft oder in irgendeiner Beziehung zu jemandem, der uns sehr nahegestanden hat. Es war eine große Freude und eine ganz besondere Erfahrung, dieses Buch zu schreiben – ich hoffe sehr, dass es Ihnen gefällt.
Elizabeth

So stellt die Autorin Elizabeth Strout ihren neuen Roman vor. Dem ist fast nichts mehr hinzuzufügen.
Mit großer Herzenswärme erzählt sie über die Zeit mit ihrem ersten Ehemann William, damals, und auch über ihre Gegenwart mit ihren erwachsenen Töchtern. Erinnerungen an ihre arme Kindheit flicht sie mit ein und wir befinden uns wieder in einer beiden Büchern mit Lucy Barton. Genauso wie bei Lucy tauchen bei mir dann Situationen auf, die ich vor Jahren über sie gelesen habe.
Ein tolles Buch über Freundschaft, Erinnerungen, das Älterwerden, über Leben und Sterben.

MIttwoch 14.April

Heute hat
Peter Esterházy * 1950
Geburtstag
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Friedrich Schiller
An den Frühling

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!

Ei! ei! da bist ja wieder!
Und bist so lieb und schön!
Und freun wir uns so herzlich,
Entgegen dir zu gehn.

Denkst auch noch an mein Mädchen?
Ei, Lieber, denke doch!
Dort liebte mich das Mädchen,
Und ’s Mädchen liebt mich noch!

Fürs Mädchen manches Blümchen
Erbat ich mir von dir –
Ich komm‘ und bitte wieder,
Und du? – du gibst es mir.

Willkommen, schöner Jüngling!
Du Wonne der Natur!
Mit deinem Blumenkörbchen
Willkommen auf der Flur!
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Unser heutiger Tipp:

Sara Pennypacker: „Hier im echten Leben
Kann ein Träumer die Welt verändern?
Aus dem Amerikanischen von Brigitt Krollmann
Mit ein Vignetten von Jon Klassen
Sauerländer Verlag € 17,00
Jugendbuch ab 11 Jahren

Wade ist ein 11-jähriger pummeliger, verträumter Junge, der von seinen Eltern (der Vater ist Flugzeugeinwinker, die Mutter Managerin in einem Krisenzentrum) überbehütet wird. In diesem Sommer soll er ins Ferienlager, da Vater und Mutter Doppelschichten arbeiten wollen, damit sie ihr Haus abbezahlen können. Schwierig für Wade, der sich gerne in der Welt der Ritter und ihrer Art zu leben und ihrem Ehrencodex lebt. Kontakt zu anderen Gleichaltrigen aufzunehmen, fällt ihm schwer.
Schon nach einem Tag geht er nicht mehr ins Lager, sondern ein eine eingezäunte Gelände mit einer eingefallenen Kirche, auf der Jolene Papayas in kleinen Blechdosen großzieht. Jolene ist eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Isa aus den Romanen von Wolfgang Herrndorf. Sie ist das Gegenteil von verträumt und wirft Wade immer wieder vor, dass er im Wunderland lebe, hier aber das echte Leben sei. Im Gegensatz zu Wade hat sie keine Helikoptereltern. Ganz im Gegenteil.
Wie diese beiden Jugendlichen, die unterschiedlicher wohl kaum sein könnten, an sich wachsen und reifen, erzählt uns Sara Pennypacker mit großer Wärme und Empathie.
Mit dem Auftauchen von Ashley nimmt die Geschichte nochmals Fahrt auf, da sie weiß, was mit dem Gelände geschehen soll und gemeinsam hecken sie diverse Pläne aus, wie sie ihre eigene Welt, die sie in dieser Brache geschaffen haben, retten können.
Es endet dann doch ganz anders, aber mit einem fulminanten Ende, bei dem sich nicht nur bei Wade Veränderungen zeigen, sondern sich auch seine Eltern und Jolene öffnen und merken, dass Vertrauen für den jeweils anderen sehr wichtig ist.
Vielen Dank Sara Pennypacker für dieses Jugendbuch.

Mittwoch, 29.April

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Heute haben
Konstantinos Kavafis * 1863,
(der am gleichen Tag 1933 auch gestorben ist)
Egon Erwin Kisch * 1885
Walter Mehring * 1896
Walter Kempowski * 1929
Lilian Faschinger * 1950
Geburtstag
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Friedrich von Schiller
Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel
von bessern künftigen Tagen;
nach einem glücklichen, goldenen Ziel
sieht man sie rennen und jagen.
Die Welt wird alt und wird wieder jung,
doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
sie umflattert den fröhlichen Knaben,
den Jüngling locket ihr Zauberschein,
sie wird mit dem Greis nicht begraben;
denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,
erzeugt im Gehirne des Toren,
im Herzen kündet es laut sich an:
zu was Besserm sind wir geboren.
Und was die innere Stimme spricht,
das täuscht die hoffende Seele nicht.
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Sarah Wiltschek empfiehlt:

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Harald Welzer: „Alles könnte anders sein“

Jetzt als Fischer Taschenbuch € 12,00

Bitte lest und lesen Sie dieses Buch! Die bessere Welt, der wir alle nachtrauern, der wir misstrauen und an die wir nicht mehr glauben, steht nämlich genau vor unserer Tür. Wir müssen nur erkennen, wo die Ressourcen und die Errungenschaften unserer demokratischen Gesellschaft sind, die wir auf Teufel komm raus verteidigen sollten (sei es in Form von Gemeinplätze wie das öffentliche Schwimmbad, die Bibliothek oder die Parkanlagen), sei es das Rechtssystem, das keiner Korruption unterworfen ist oder das Gesundheitssystem, zu dem bisher noch jeder gleichermaßen Zugang hat (jedenfalls im Vergleich zu sehr vielen anderen Ländern dieser Erde). Oder auch in Sachen Umwelt- und Klimakatstrophe: Wie viel ist in den letzten Jahren schon viel besser geworden, wie viele Flüsse sind renaturiert, wie viele Wälder wieder aufgeforstet, wie viele Tierarten wieder angesiedelt worden? Der Soziologe Harald Welzer beschönigt nichts. Er fordert uns bloß dazu auf, an das gute Leben zu glauben und auch danach zu handeln. Weg von der destruktiven Untergangshysterie, die bloß denen, die auf Kosten von Mensch und Natur ihren Erfolg gründen, in die Hände spielt.
Es geht ihm um Gerechtigkeit, um Solidarität, ja ganz vereinfacht gesprochen, um Freundlichkeit und damit um mehr Autonomie und die Befreiung aus einem Ego-Shooter-Kapitalismus, der in seiner jetzigen Form keinerlei sozial- und umweltverträgliche Zukunft mehr hat, und aus einer digitalen Diktatur, der wir uns willenlos hingeben.
Was wir brauchen ist v.a. mehr Zeit, um neue, völlig andere Ideen zu entwerfen. Von uns und einer Gesellschaft, einer ganzen Welt, in der wir gerne leben und in die wir guten Gewissens unsere Kinder und Enkelkinder entlassen. Zeit, die wir außerdem mit Tätigkeiten füllen, die wir als sinnvoll erleben und nicht als Bullshitjobs.
Welzer skizziert ganz konkrete Arbeitsmodelle, die er 80/20 nennt. Also 80%, die der Lohnarbeit nachgegangen und 20%, die einer ehrenamtlichen Tätigkeit gewidmet wird. Alles subventioniert vom Staat, der ja auch heute schon darauf angewiesen ist, dass ganze Branchen zum großen Teil in ehrenamtlicher Hand sind. Allein die Flüchtlingshilfe im Sommer 2015 ist so ein Beispiel. Die Arbeitsgeber werden also nicht mehr belastet, haben vielmehr leistungsfähigere, weil nicht chronisch überarbeitete, Angestellte.
Das Grundeinkommen ist eine weitere, sehr konkrete Lösung, um ein Gleichgewicht in der Gesellschaft herzustellen, das wirklich gleiche Zugangschancen für alle eröffnet, egal aus welchem Elternhaus man kommt. Bewiesen ist, wer aus armen Verhältnisse kommt, kämpft lebenslang mit Existenzängsten, die keine akademischen Höhenflüge zulassen. Dem Argument, dass mit dieser bedingungslosen Grundsicherung keiner mehr arbeiten würde, gibt er wenig Chance, weil doch die meisten arbeiten, einen strukturierten Tag oder einfach auch mehr Geld haben wollen.
Zitat: „Und schließlich gibt es noch die, die tatsächlich nie arbeiten wollen. Na und? Was ist dabei? Wo wäre denn das normative Kriterium, diese Wahl als schlechter anzusehen als die des „Entscheiders“ bei Monsanto, der Bauern vorschreibt, welches Saatgut sie zu kaufen haben? Wer entscheidet denn, wer eine für das Gemeinwohl bessere Rolle spielt – jemand, der sein Leben lang schwimmen geht, Bücher liest, Netflixserien schaut, mit den Kindern spielt oder auch nur: sich besäuft oder ein Automanager, der die Gesellschaft brutal geschädigt hat?“
Auch das Finanzierungskonzept dazu klingt realistisch. So wie Welzer all seine Ideen mit real umsetzbaren Methoden und Herangehensweisen erklärt. Demnach geht es nicht mehr um das, was tatsächlich machbar, sondern um das, was gewollt ist.
Eine andere Idee, die, wenn man Welzer zuhört, ganz und gar machbar und ganz sicher keine spinnerte Utopie mehr ist, ist die autofreie Stadt. Spätestens nach dieser Lektüre versteht man nicht mehr, warum es tatsächlich noch Autos in modernen Städten gibt. Zu gut sind die Bilder vom Stadtraum, der den Menschen, den Fußgängern, Fahrradfahrern, den spielenden Kindern gehört! Straßen werden zu Gemeinplätzen, Parkplätze zu Baupflächen für dringend benötigten Wohnraum. Kopenhagen macht es vor, wir können es nach und noch besser machen. Mit einem kostenlosen und perfekt geregelten öffentlichen Nahverkehr, Gemeinschaftsgärten usw.
Welzer legt das nötige Zündholz, um optimistisch das zu tun, was jeder und jede in seinem kleinen oder größeren Dunstkreis tun kann. Wir müssen raus aus der lähmenden Denkstruktur: nur die ganz Großen in Politik und Wirtschaft könnten etwas ändern, wenn sie denn wollten. Dass jede und jeder die Macht hat, etwas zu ändern, das zeigt Welzer in vielen realen Beispielen. Sei es der Privatmann Lutz Beisel, der die Schreckensnachrichten aus dem Vietnamkrieg nicht mehr ertragen konnte, bei der Bundeswehr anrief und sie dazu brachte, schwerverwundete vietnamesische Kinder in deutschen Krankenhäuser zu behandeln (und schließlich „terre des hommes“ gründete) oder die gerade zu explosive Urban-Gardening-Bewegung, die wie die grüne Hoffnung einmal rund um die Welt exponierte und nach wie vor Menschen zusammen- und die Natur in die Stadt zurück bringt. Es sind oft kleine Ideen, die Großes bewirken.
Fangen wir an, jetzt und heute!