Mittwoch, 4.September

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Heute haben
Francois Chateaubriand * 1768
Leonard Frank * 1882
Antonin Artaud * 1896
Richard Wright * 1908
Per Olof Sundman * 1922
Joan Aiken * 1924
Thorsten Becker * 1958
Geburtstag
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Heute auf dem Gedichtekalender:

Daniel Czepko von Reigersfeld
(* 23.09.1605, † 08.09.1660)
Angst und Hohn der Liebe Lohn

Nimm die Rose von den Dörnern,
zeige dann den Frühling an;
nimm die Ähren mit den Körnern,
sage, was der Sommer kann.
Nimm der Trauben süßen Preis,
sprich darauf, der Herbst wird kommen,
nimm das Schmelzglas von dem Eis,
auch der Winter wird genommen.
Nimm der Liebe Qual und Pein,
Liebe wird nicht Liebe sein.
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Margit Rittlinger empfiehlt:

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Jörg-Dieter Kogel: „Im Land der Träume“
Mit Sigmund Freud in Italien
Aufbau Verlag € 22,00

Optisch, haptisch, inhaltlich – da passt alles. Ein tolles Buch vom Reisen. Der Journalist Jörg-Dieter Kogel läßt uns Freuds zahlreiche Reisen nach Italien miterleben. Da das Reisetagebuch als verschollen gilt, schöpft Jörg-Dieter Kogel reich aus den zahlreichen Postkarten und Briefen, die Sigmund Freud an die Lieben zu Hause schrieb. Detailgenau zusammengestellt und trotzdem wunderbar zu lesen.
Die schöne Ausstattung des Buches – illustrierter Leinenband, zweifarbiger Druck auf feinem Papier, Lesebändchen und farbiges Vorsatzpapier – machen den Lesegenuß perfekt.
Es war mir eine Freude, Venedig, Verona, Mailand, Ravenna, Pisa, Umbrien, die Toskana, Sizilien und natürlich sein geliebtes Rom mit Sigmund Freud und seinen jeweiligen Reisegefährten zu besuchen.

Leseprobe

Dienstag

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Wenn Bücher schlafen
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Heute haben
Karoline von Günderode * 1780
Else Lasker-Schüler * 1869
Georg Hirschfeld * 1873
Irène Némirovsky * 1903
Maryse Condé * 1937
Frank Schulz * 1957
Geburtstag
und es ist der Todestag von
Sylvia Plath + 1963
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Karoline von Günderode
Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage
Siegend mit zaghaftem Bangen.
Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachtend,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.


Liebst du das Dunkel

Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte?
Graut dir der Morgen,
Starrst du ins Spätrot,
Seufzest beim Mahle,
Stößest den Becher
Weg von den Lippen?
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
Schlachtgetümmel?
Welken die Blumen
Schneller am Busen,
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen?


Zwei Augen wie Sterne

Zwei Augen wie Sterne
Die sähen so gerne
Das wonnige Licht,
Und dürfen es nicht;
Die hellen Karfunklen
Die könnten verdunklen
Das sonnige Licht,
Und dürfen es nicht.
O Liebesverlangen!
In Kerker gefangen,
Sind die Augen so minniglich,
Die Lippen so wonniglich,
Die Worte die milden,
Die Locken so gülden,
Es bricht mir das Herz
Vor Leidmuth und Schmerz.
Ich sehe bis an den Tod
Die Lippen rosinroth
Und sollt ich nimmer genesen,
Dächt ich doch an ihr minniglich Wesen,
An ihr Blicken so mild,
An das schönste Frauenbild,
Und sollt ich Schmach und Tod erwerben
Das Mägdlein minnt ich und sollt ich sterben.
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kandel

Eric Kandel: „Das Zeitalter der Erkenntnis
Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute
Aus dem Englischen von Martina Wiese
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Siedler Verlag € 39,99

Eric Kandel, der den Nobelpreis für Medizin erhalten hat, nimmt uns mit diesem Buch mit nach Wien um 1900. Dieses Gemisch von Naturwissenschaft, Medizin und Kunst (Malerei, Musik, Literatur) setzte eine Revolution in Gang, die den Blick auf den menschlichen Geist und seine Beziehung zur Kunst für immer verändern sollte. Siegmund Freud, Gustav Klimt, Arthur Schnitzler sind nur Beispiele dafür, wie vernetzt das damalige Wien mit seiner bedeutendsten Universiät war. Sie kannten sich, haben zum Teil mit einander gearbeitet, sich aneinander gerieben und sich gegenseitig befruchtet. Das war wir vielleicht heute mit dem schnellen Zugang an Informationen im Netz haben, ist dort auf kleinstem Raum geschehen. So setzte Klimt Maßstäbe mit seinen neuen Bildern. Aber auch Mahler, der einen Weg fand weg von Beethoven und Co. Und Arthur Schnitzles „Frl.Else“ zeigt uns sehr eindringlich das Innenleben einer traumatisierten jungen Frau bis zum tragischen Ende.
Eric Kandel musste als Wiener Jude aus der Stadt fliehen, ging in die USA und arbeitet an der Columbia Universität in New York City. Er hat diesen Weg nach Wien nicht nur in seinem Buch gemacht, sondern ging tatsächlich zurück und besuchte die Stätten seiner Jugend. Darüber gibt es einen Film, der mir, genauso wie das Buch, von vielen Seiten empfohlen wird. Leider ist es so, dass immer wenn ich Lust und Zeit zum Schauen hätte, ein Kunde mir den Film wegschnappt. So auch gestern. Also gedulde ich mich noch ein wenig.
Aber zurück zum Buch.
Der erste Teil des Buch ist mit dem Titel: „Eine psychoanalytische Psychologie und Kunst der unbewussten Gefühle“ überschrieben und zeigt, dass das emporstrebende Wien sich zu einem Sammelbecken verschiedenster besonderer Menschen wurde. Es entstand auch ein enorme jüdische Gemeinde, die fast 10 % der Bevölkerung ausmachte. Dennoch war Wien klein mit seinen zwei Millionen Einwohnern. Man traf sich in Salons, in Zirkeln, saß eng aufeinander. Und so war ein Eintausch der Normalfall. Die Medizin war der Vorreiter dieser Revolution, so schreibt Kandel. Die Erforschung des Inneren nahm nun wissenschaftliche Züge an und Klimt und Schiele interessierten sich sehr dafür und nahmen an vielen Obduktionen teil, um mehr über den Körper zu sehen. Es ging also nicht nur um das Äußere in der Kunst, um das Porträt einer bedeutenden Person, seine Darstellung im öffentlichen Leben, sondern gleichzeitig auch um das Inneleben der Person. In der Kunst, war Monents Bild („Frühstück im Grünen“) mit den beiden angezogenen Männern und der nackten Frau, während sie im Park auf einer Decke essen und reden, laut Kandel der erste Schritt in diese Richtung. Die Musik ging weiter den Weg in die Zwölftonmusik und die Literatur fand den Weg zur Beschreibung des Innenlebens. Genauso wie Ibsens Nora oder Hedda, zwei Frauen, der Inneres sich nach aussen stülpt und nur in der Katastrophe enden kann. Nora muss heraus aus dem Puppenhaus, sie erträgt die Enge nicht mehr und wird zur Möderin ihres Ehemanns. Anders Hedda, die sich selbst umbringt.
Die Verknüpfung von Erotik, Aggression und Angst in der Kunst ist ein weiteres Kapitel in Kandels Buch und das sehen wir nicht nur bei Ibsen, sondern auch in vielen Abbildungen und Darstellungen im hier vorgestellten Buch.
Kandel geht dann weiter in der Neurowissenschaft, zeigt uns, wie unser Hirn funktioniert und passiert, wenn wir mit Kunst konfrontiert werden, wenn wir mit Kunst zu tun haben.
Ich habe die ersten 250 Seiten gelesen. Die in einem Rutsch, weil Kandel so flüssig schreibt, dass ich nicht mehr weggekommen bin. Dieser Blick auf das Wien dieser Zeit hat mich animiert, die Romane von Schnitzler nochmals herauszukramen. Das mit den Ibsen-Theaterstücken passte gerade richtig dazu. Den Rest des Buch hebe ich mir für später auf, die die Neuheiten für das Frühjahr sich lauthals zu Wort melden und drängelig auf dem Tisch aufs Gelesenwerden warten.

Leseprobe

Ein halbstündiges Interview mit Eric Kandel