Donnerstag, 24.Oktober

img_6349

Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag
______________________

Dorothea von Schlegel
Draußen so heller Sonnenschein…

Draußen so heller Sonnenschein,
Alter Mann, laß mich hinaus!
Ich kann jetzt nicht geduldig sein,
Lernen und bleiben zu Haus.

Mit lustigem Trompetenklang
Ziehet die Reuterschar dort,
Mir ist im Zimmer hier so bang,
Alter Mann, laß mich doch fort!

Er bleibt ungerührt,
Er hört mich nicht:
»Erlaubt wird, was dir gebührt,
Tust du erst deine Pflicht!«

Pflicht ist des Alten streng Gebot;
Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,
Du fühlst nur ungerechte Not,
Und Tränen netzen dein Gesicht.

Wenn es dann längst vorüber ist,
Wonach du trugst Verlangen,
Dann gönnt man dir zu spät die Frist,
Wenn Klang und Schein vergangen!

Was du gewähnt,
Wonach dich gesehnt,
Das findest du nicht:
Doch bleibt betränt
Noch lang dein Gesicht.
____________________

Sarah Wiltschek empfiehlt:

9783608963403.jpg.40619

Whitney Scharer: „Die Zeit des Lichts“
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
Klett-Cotta Verlag € 22,00

Paris, 1929. Die erst 23jährige Lee Miller kehrt ihrem Modelljob in den USA den Rücken, um selbst hinter der Kamera zu stehen. So ihre Vorstellung von einem Künstlerleben in Paris. Doch die Stadt nimmt sie nicht, wie erhofft, mit offenen Armen in Empfang. Irgendwann spielt ihr dann doch der Zufall die Karte von Man Ray in der Tasche und sie wird seine Assistentin. Aus dem Arbeits- wird ein Liebeverhältnis und sie beflügeln sich gegenseitig und werden am Ende vor allem wegen ihrer experimentellen Fotoarbeiten bekannt. Bis Miller beginnt sich zu emanzipieren aus dem Korsett, das Ray ihr auferlegt und das sie immer nur als Teil von ihm selbst interpretiert. Als sie schließlich mitbekommt, dass er ihre Fotoarbeiten unter seinem Namen für eine Ausstellung eingereicht hat, trennt sie sich von ihm und geht ihren eigenen Weg, der sie vor allem mit einem Foto in Hitlers Badewanne berühmt machen wird.
Whitney Scharers Buch erzählt in drei Zeitebenen: Die Autorin schreibt über das Leben der alten und alkoholsüchtigen Lee Miller, springt in die Zeit als Miller Mitglied der Alliierten Truppen war, mit der sie die Befreiung Buchenwalds und Dachaus dokumentierte und eben in deren Pariser Zeit, als unglaublich junge, umwerfend schöne Frau. Das ist auch der längste Plot und das wichtigste Thema im Roman: ihre Beziehung zu Man Ray und die Pariser Künstlerszene um Picasso und Cocteau.
Es macht Spaß in dieses Künstlerleben vor bald hundert Jahren einzutauchen und einer Figur zu folgen, die trotz ihrer Errungenschaften in der Fotografie und der historischen Dokumentation, keine solche Bekanntheit erreicht hat wie etwa Man Ray oder andere ihrer männlichen Kollegen. Vielleicht auch, weil sie nach den Kriegseinsätzen seelisch gebrochen, die Fotografie als solches und die vielen Abzüge als Konkretes auf den Dachboden verbannte, wo die Kisten mit ihren Arbeiten erst nach Millers Tod von ihrem Sohn entdeckt, archiviert und der Öffentlichkeit (wieder) zugänglich gemacht wurden.

Leseprobe
_________________________

Am kommenden Freitag in der Stadtbibliothek Ulm
Buchpräsentation:

Das-Buch-der-Schicksale-Spirito

Lorenzo Spirito: „Das Buch der Schicksale“
Ein Würfellosbuch
Aus dem Altitalienischen gereimt übersetzt von Werner Menapace unter Mitarbeit von Donatella Capaldi
Mit einer Einleitung von Alexander Rosenstock
Gebunden, mit Faksimiles und drei Würfeln
Folio Verlag € 30,00
Beginn: 19:30
Eintritt: frei

Donnerstag, 29.August

IMG_5429

Heute haben
Maurice Maeterlinck * 1862 (Nobelpreis 1911)
Herman Löns * 1866
Ernst Kreuder * 1903
Lukas Hartmann * 1944
Geburtstag
und Ingrid Bergmann.
____________________________

Detlev von Liliencron
Sommernacht

An ferne Berge schlug die Donnerkeulen
Ein rasch verrauschtes Nachmittaggewitter.
Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,
Und singend kehrten Winzervolk und Schnitter.
Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen
Genügsam himmelan, ein luftig Gitter.
Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,
Einsam aus einer Laube klingt die Zither.
________________________

978-3-85256-769-3

Gianrico Carofiglio: „Drei Uhr morgens“
Originaltitel: „Le tre del mattino“

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Folio Verlag € 20,00
Auf Italienisch im Mondadori Verlag € 19,90

Gianrico Carofiglio kennen wir als Autoren der Bari-Krimis. Das ist lange her. Krimis veröffentlicht er immer noch, aber auch Romane, wie diesen. Eine sehr intensive Vater-Sohn-Geschichte mit der Stadt Marseille als Fundament. Vielleicht ist Marseille auch die heimliche Hauptperson, um die sich die beiden Männer drängeln.

Antonio lebt mit seiner Mutter, sein Vater wohnt schon sehr lange nicht mehr mit den beiden zusammen. Bei Antonio wird eine bestiummte Art von Epilepsie festgestellt. Als Therapie schlagen die Ärzte vor: laute Orte meiden, kein Sport, früh ins Bett und zahlreiche Medikamente. Dieses hat natürlich auch Nebenwirkungen auf den jugendlichen Antonio und so verfällt er öfter in Depressionen. Als sein Vater einen Spezialisten für Epilepsie in Marseille auftut, treten die beiden, sich entfremdeten Männer, eine Reise dorthin an. In Marseille angekommen einigen sie sich zu dritt auf ein Experiment. Vater und Sohn dürfen 48 Stunden nicht schlafen. Danach gibt es wieder ein Treffen mit dem Arzt. Ab diesem Moment tauchen wir in Marseille ein. Dort unterhalten sich die beiden, erzählen aus ihrem Alltag. Der Vater versucht zu erklären, wie er seine Mutter getroffen hat und warum er nicht mehr bei Antonio wohnt. Dadurch kommen sie sich näher. Ihr Erzählen ist rückwärts gewandt, die Stadt nimmt sie jedoch mit in die intensive Gegenwart.

Carofiglios Roman hätte noch 200 Seiten mehr haben können und wäre nicht langweilig geworden. Er hat ein Zweipersonenstück geschrieben, bei dem wir gerne wissen wollen, ob es Vater und Sohn nach dem Zuschlagen des Buches heiterhin gut miteinander geht.

Vielleicht der passende Soundtrack zum Buch:

8426


__________________________

Am kommenden Dienstag stellen wir wieder vier Bücher vor.
Clemens Grote liest aus:

Simone Lapper: Der Sprung
Angela Lehner: Vater unser
Kristin Höller: Schöner als überall
Alice Nelson: Das Kinderhaus

Wir beginnen pünktlich um 19 Uhr und freuen uns auf Ihr/Euer Kommen.