Samstag, 17.September

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Heute haben
Kurt Wolfskehl * 1869
Hugo Hartung * 1902
Frank O’Connor * 1903
Horst Krüger * 1919
Karin Reschke * 1940
Geburtstag
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titel

Michael Beyer:Papa Dictator – Weltherrschaft
Hardcover mit Goldprägung
Jaja Verlag € 15,00

9

Der Jaja Verlag feiert sein Fünfjähriges und dazu erscheint der fünste Band von Papa Dictator. Dieses Mal nicht im etwas größeren Pixi-Format, sondern festgebunden mit Goldprägung. Na, wer hat der hat.

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Papa Dictator hat es ganz dick hinter den Ohren. Oder ist er nur ein großes Kind?
Was er will? Nichts weniger als die Weltherrschaft. Und das erinnert uns schwer an Vorgehensweisen von großen Politikern und Konzernen. Mit großes Lust und Laune über Leichen gehen und verbrannte Erde hinter sich lassen.
So geht es in diesem neuen Band um Umweltkatastrophen, Ballerspiele für das reale Leben, Meinungsfreiheit, oder vielmehr die Zerschlagung derselben. Er überzieht seine Nachbarn mit Krieg, tritt Menschenrechte mit Füßen und seine finsteren Schergen knechten das Volk. Aber wir lernen den Despoten auch ganz privat kennen. Als empathischen Tierfreund, als Hobbygärtner im protzigen Palastpark oder als fürsorglichen Familienmenschen, der den arbeitslosen Vetter zum Propagandaminister macht. Manchmal muss man Papa Dictator einfach lieb haben.
Aber Achtung: Michael Beyer fährt ganz schwarze Geschütze auf. Humor von der dunkelsten Sorte. Daß uns dabei Papa Dictator manchmal ein klein wenig sympatisch vorkommt (im Gegensatz zu seinem Sohn), verschweigen wir lieber.
Ein Bilderbuch für Erwachsene, die mal so richtig schön politisch unkorrekt sein wollen.

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Die Veranstaltung mit Fee Katrin Kanzler und der Vortrag aus ihrem neuen Romen „Sterben lernen“ war großartig.

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Freitag, 16.September

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Heute haben
Hans Arp * 1887
Werner Bergengruen * 1892
Friedrich Torberg * 1908
Esther Vilar * 1935
Breyten Breytenbach * 1939
Geburtstag

Hans Arp
Die Herzen sind Sterne

.
Die Herzen sind Sterne,
die im Menschen blühen.
Alle Blumen sind Himmel.
Alle Himmel sind Blumen.
Alle Blumen glühen.
Alle Himmel blühen.
.
Ich spreche kleine, alltägliche Sätze
leise für mich hin.
Um mir Mut zu machen,
um mich zu verwirren,
um das große Leid, die Hilflosigkeit,
in der wir leben, zu vergessen,
spreche ich kleine, einfältige Sätze.
.
Die Meere sind Blumen.
Die Wolken sind Blumen.
Die Sterne sind Blumen,
die im Himmel blühen.
der Mond ist eine Blume.
Der Mond ist aber auch eine große Träne.
.
Alle Blumen blühen für dich.
Alle Herzen glühen für dich.
.
Ich spreche kleine, einfältige Sätze
leise für mich hin,
immerfort für mich hin.
Ich spreche kleine, alltägliche, geringe Sätze.
Ich spreche wie die geringen Glocken,
die sich wiederholen und wiederholen.
.
Sophie ist ein Himmel.
Sophie ist ein Stern.
Sophie ist eine Blume.

Alle Blumen blühen,
blühen für dich.
Alle Herzen glühen,
glühen für dich.

Nun bist du fortgegangen.
Was soll ich hier gehen und stehen.
Ich habe nur ein Verlangen.
Ich will dich wiedersehen.
.
Wir zogen hell
durch Glanz und Duft.
Nun tut das Licht mir weh
und niemand ruft
und zeigt mir eine Blume
oder einen Stern.
.
Es blüht im Himmelsgrund
zwischen Dunkelheit und Licht
strahlend wie ein Stern
dein gütiges Gesicht.
.
Du bist ein Stern
und träumst in Gottes lichter Blume.
Ich mag nicht weitergehen.
Ich will auch schlafen.
So wie du schläfst
in Gold und tiefer Ferne
in einem reinen Wiegen.
.
Verloren wie der alte Mond,
der schon viel tausend Jahre stirbt,
ist dieser arme Tränenmensch,
der um die tote Rose wirbt.
.
Wie schnell vergeht ein Leben
in Gottes lichtem Dunkel.
Kaum ist heute gesagt,
ist morgen schon vergangen.
Und so vergehen die Jahre
mit Spielen, Träumen, Säumen.
Und so vergeht die Zeit,
in der die Blumen schweben.
.
Wann blühen wir wieder
vereint an Gottes lichtem Strauch?
Wann ruhe ich für immer
in deinem reinen Hauch?
.
Du lächelst,
um nicht zu weinen.
Du lächelst,
als würden lange noch
die guten Tage scheinen.
Deine Flügel glänzten
wie junge Blätter.
Dein Gesicht
war ein weißer Stern.
.
Seitdem du gestorben bist,
danke ich jedem vergehenden Tag.
Jeder vergangene Tag
bringt mich dir näher.
_________________________

Heute gibt es zum letzten Mal eine Leseprobe aus Fee Katrin Kanzlers Buch
Sterben lernen„.

Sie liest heute aus diesem Buch bei uns in der Buchhandlung .
Beginn ist 19 Uhr.

Orangenmarmelade

Familienporträt, imaginär, alle drei stehen auf Plastikfolie, seine Frau, seine dreizehnjährige Tochter und Henry. Falls jemandem schlecht wird. Falls einer den anderen aufschlitzt. Darunter der Nepalteppich, den seine Frau sorgfältig und passend zum Parkettfarbton ausgewählt hat. Julia bohrt ihren dreizehnjährigen Blick in diesen Teppich, Bettina hält ihre Hand und sieht vorwurfsvoll in die Kamera. Zwischen Henry und den beiden Frauen, zwischen seinem Arm und der Schulter seiner Tochter, klaffen zwanzig Zentimeter. Läppische zwanzig Zentimeter, und doch eine unüberwindliche Distanz. Statt in die Kamera, schaut Einstein aus dem Fenster, sucht den Morgenstern, wünscht sich einen Aste roiden herbei, der auf die Erde zurast. Die Hoffnung, ihm würde schlagartig klar, worin sein Superheldentum bestehen könnte, steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Jetzt, unglaubliche Intensität der Wahrnehmung, messerscharf, Henry sieht wie mit hundert Augen, hört glasklar, ohne Ohren zu haben, saugt Luft in riesige Lungen, körperlose, und fühlt sich, als könnte er an zehn oder
zwanzig Orten zugleich sein. Keine Dunkelheit, keine Stille. Nicht die süße Selbstvergessenheit des Bewusstlosen. Was da tobt, ist eine neue Art von Leben, mehr als Leben, eine gewaltige ealitätssteigerungsmaschine. Allein das Sonnenlicht sprengt ihm alle optischen Kanäle. Ein Himmel im Fenster, ein Faustschlag Blau, zwei Quadratmeter Küchenfliesen, ein Tango verschiedener Grüntöne. Henry wundert sich über die Zuckerkristalle auf den Lippen, über den Duft warmgeschlafenen Haars, das Gewahrwerden, wie es sich anfühlt, Zehntausende von Haaren zu haben. Dass er jetzt zu solch verschärfter Empfindlichkeit der Sinne fähig sein soll, kommt ihm wie ein schlechter Witz vor. Er lacht, bis er merkt, dass er nicht lachen kann, da ist kein Kehlkopf, durch den Luft strömen, keine Brust, in der sein grimmiger Spott widerhallen könnte. Stattdessen das Flattern von Wimpern. Schweiß, der von der Haut verdunstet.
Ein Körper von innen. Nur ganz langsam wird Henry klar, dass es nicht sein Körper ist. Nicht sein Dreitagebart, nicht sein Hackklotz von einem Kinn. Sondern eine schmale Frauengestalt, die auf einem Holzstuhl sitzt, die Beine angezogen bis zum Bauch. Hervorstehende Wangenknochen, das Haar in wirren Dreads, ein Mädchen, lebendig, unversehrt. Er schmeckt den Kaffee auf Joes Zunge, den Nachgeschmack, die Überreste seiner Bitterkeit. Er weiß minutiöse Kleinigkeiten über das Mädchen. Wie oft sie in ihrem Leben in einem Flugzeug saß. Wovon sie nachts träumt. Dass das Gefühl von Nieselregen auf der Haut sie an portugiesischen Weißwein erinnert und um-
gekehrt. Eine fremde Zunge wandert in den Mädchenmund. Schmeckt nach Zigarettenrauch und herber englischer Orangenmarmelade. Verschwindet wieder. Joe zieht an einer Zigarette, knisternde Glut, atmet ein, atmet aus. Als die fremden Lippen wiederkommen, setzt das Mädchen ihnen nichts entgegen, fühlt die einzelnen Knospen
auf dieser Männerzunge, den Pelz dieses ungewaschenen Gutenmorgenkusses. Joe denkt nicht an den Stierschädel, nicht an die blutige Szene der Nacht. Aggression
quillt in Henry hoch. Nicht nur, weil er, in Joe verfangen, die Intimitäten dieses anderen Mannes mitfühlen muss. Sondern weil alles nur Show, nur Geste ist, das Rauchen,
das Küssen.
»Hohler Fotzgockel«, sagt sie.
Das macht den Kerl nur noch dreister. Henry wünscht sich, dass sie dem Raubauz eine scheuert, dass sie ihm in die Eier tritt. Aber sie macht brav weiter, wischt eine Filzlocke aus ihrem Gesicht, legt zur Seite schielend ihre Zigarette in den Aschenbecher. Aus dem Augenwinkel sieht sie eine Graugans, die am Küchenfenster vorbeifliegt und den Hals verrenkt, nur für sie. Plötzlich wird es dunkler. Der Kreis von Henrys Wahr-
nehmungen verengt sich wie der Lichtkegel einer heruntergedrehten Petroleumlampe. Gleich ist es vorbei. Die ganze Zigarettenkussgeschichte nur ein kurzes Aufflackern, denkt er, ein letztes Neuronenfeuer. Verzweifelt sucht er einen Gedanken, der imstande ist, ihn wachzurütteln, aufzustacheln, zurück ins Licht zu schocken. Nach Sekunden lautloser Panik findet er ihn. Julia ist dieser Gedanke oder zumindest der Schreck,
nicht früher an sie gedacht zu haben. Sie ist wie abgedämpft, wie ausgegraut in seinem Gedächtnis, die eigene Tochter. Er erinnert sich kaum an die Farbe ihrer Augen, obwohl er gestern Morgen auf ihrem Bett saß, auf der zitronenfalterfarbenen Decke. Zitronenfalter farben, ein Wort, das ihm unter gewöhnlichen Umständen nicht
über die Lippen gekommen wäre, für das er keine Zeit gehabt hätte. Der flüchtige Abschiedskuss, die Origamikraniche an Julias Zimmertür, es war zu dunkel für das
Blau der Tochteraugen und Henry zu sehr in Eile. Unter einiger Anstrengung ruft er sich die Umrisse unter Julias Bettdecke in Erinnerung. Sie sollte diejenige sein, zu der seine verlöschenden Gedanken eilen. Ihr Herzschlag sollte es sein, den er besorgt verfolgt, ihre Stimme, die durch den letzten Rest seines Bewusstseins dringt, ihr Fragen, ihr sanftes Unverständnis für die Welt. Aber die Seufzer, die ihn wach halten, entfahren
den Lungen eines anderen Mädchens. Der Herzschlag, der ihn mitreißt, ist ein forderndes Pochen, wilder als der Julias, und die Stimme, die er hört, sagt Worte,
die die Tochter im Traum nicht in den Mund nehmen würde. Unter Joes Schlüsselbein sind Buchstaben tätowiert, ein Schriftzug, den Henry irgendwann lesen wird. Falls es
noch einmal hell wird. Falls sich sein Blick noch einmal klärt. Wippende Dreadlocks, graue Augen und die Glasperlen um ihren Oberarm sind alles, was er sieht. Immer eine weiße Anthurie im Schlafzimmer, immer. Henry will Bettina sehen, am Telefon, den dunklen Blazer übergeworfen, den sie beim Tod ihrer Mutter gekauft, den Platinschmuck an den Ohren, den er ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hat. Will hören, wie sie in Julias Schule anruft, wie sie bei seinem Chef durchklingelt, alles erklärt. Den Fall ruhig und mit fester Stimme vorträgt. Erst wenn der Hörer wieder auf der Ladestation steht, würde sie sich einen Moment der Ruhe gönnen und weinen. Sich auf die Wohnzimmercouch setzen, auf dieses drei Meter lange Rindslederschiff mit der Unterkonstruktion aus Kernbuche, das wie die anderen Massivholzmöbel Henrys und Bettinas Beziehung Festigkeit gab. Die Möbel waren etwas, in das sie investieren, worüber sie sich einig sein konnten.
Seine Frau, die Spange im Haar gelockert, ihre Wimperntusche verwischt. Nur eine Vorstellung, eine Fantasie, die nicht die Penetranz, nicht die stechende Realität der
Joewelt hat. Henry weiß nicht, ob Bettina gerade weint, ob sie in Julias Schule angerufen hat oder bei seinem Chef oder ob sie es im Schock einfach vergisst. Ob der
bärtige Jablonski es für sie übernimmt. Über Joe hingegen weiß er viel zu viel. Dass sie kritische Mengen an Restalkohol im Blut hat. Dass ihr der Kerl, der gerade seinen Finger in ihren Mund steckt, letzte Nacht einen Cuba Libre nach dem anderen hinstellte.
Dass sie angesichts nur dreier Stunden Schlaf eigentlich müde und überempfi
ndlich sein müsste. Aber das junge Ding fühlt sich aufgeräumt. Leichtfüßig geradezu. Der Duft der Orangenmarmelade und eine Tasse Kaffee genügen, um sie in den Tag hineinzuretten. Neunzehnhundertsechsundachtzig, der Garten von Caspars Eltern. Dort ist der Kaulquappenteich, dort das Mauerloch, in dem Henry und sein  Grundschul- freund ihre Schätze versteckten, dort die Stelle, wo Caspars Nymphensittiche begraben liegen. Aus der Außenvoliere dringt das Trällern und Schnattern derjenigen Vögel,
die noch am Leben sind. Gelbe Federhauben leuchten in der tiefstehenden Sonne, Hirsegeruch. Ein junger Mann spielt ein Rennspiel, mitreißender Beat, eine futuristische Stadt zerreißt vor Geschwindigkeit in bunte Schlieren. Andere Antigravitationsgleiter donnern an ihm vorbei. Er feuert Raketen, sie lassen Minen fallen. Neonfarbene Explosionen. Er umklammert die Steuerung fester.  Joe riecht nach Chrysanthemen, Astern und Thuja. Unter ihren Fingernägeln klebt eingetrockneter Pflanzensaft. Die Haut auf ihren Schultern ist sonnenverbrannt und schält sich. Ihre flatternden Wimpern, ihr zittern des Zwerchfell, der fast vergessene Schmerz in ihrer Magen grube.
Gegen elf Uhr verschwindet die Männerzunge aus Joes Wohnung, zurück in ihre eigenen vier Wände oder in den Roten Pf lug, eine alternative Kneipe am Mark-
heimer Marktplatz. Die Bar gehört dem Kerl und die Longdrinks, die er Joe verabreichte, hat er selbst und extra stark gemixt. Endlich, ein Poltern die Holztreppe
hinunter, Henry verspürt eine lähmende Erleichterung. Er kann nicht sagen, ob es seine oder Joes Erleichterung ist. Das Mädchen zündet die erloschene Zigarette wieder
an, klemmt sie sich zwischen die Lippen und bindet ihre Dreads hinterm Kopf zusammen. Sie geht aus der Küche zur Grünlilie, von der Grünlilie zur Schlafecke.
Legt die Zigarette ungeraucht in einen anderen Aschenbecher. Gegen elf Uhr, denkt Einstein, und fragt sich, ob solche Zeitangaben noch Bedeutung haben. Er ist ans Ende der Zeit gelangt. Wenn er sich anstrengen würde, könnte er sie überblicken, diese Zeit, wie einen soliden Block Holz, wie ein geädertes Ganzes, äonenschichtig, Anbeginn
und Weltende und alles dazwischen. Aber er hat keine Kraft für Anstrengungen, ist müde. Joe lässt sich aufs Bett fallen und starrt die Dachschräge an, während aus
dem Aschenbecher eine dünne weiße Linie steigt, zu schlingern beginnt und sich verliert, bevor sie den Schlitz des gekippten Fensters erreichen könnte.

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Die Augsburger Allgemeine schreibt über „Sterben lernen“

Donnerstag, 15.September

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Heute haben
Karl Philipp Moritz * 1756
James Fenimore Cooper * 1789
Ina Seidel * 1885
Agatha Christie * 1890
Liselotte Welskopf-Henrich *1901
Gerd Gaiser * 1908
Adolfo Bioy Cesares * 1914
Max Goldt * 1958
Andreas Eschbach * 1959
Geburtstag
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Ina Seidel
Unsterblicher Lindenduft

Unsterblich duften die Linden
Was bangst du nur?
Du wirst vergehn,
und deiner Füße Spur
wird bald kein Auge mehr
im Staube finden.

Doch blau und leuchtend
wird der Sommer stehn
und wird mit seinem süßen Atemwehn
gelind die arme Menschenbrust entbinden.

Wo kommst du her?
Wie lang bist du noch hier?
Was liegt an dir?
Unsterblich duften die Linden.
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Fotorechte: Rainer Ziller

„Leben lernen“
Die Langenauer Autorin Fee Katrin Kanzler über ihren zweiten Roman.
Ein Gespräch mit Lena Grundhuber von der Südwestpresse Ulm.

Nach Ihrem Debüt „Die Schüchternheit der Pflaume“ ist Ihr zweiter Roman erschienen – jetzt sind Sie so richtig Schriftstellerin, oder?FEE KATRIN KANZLER: Ja, langsam glaube ich selber, dass ich das kann! Nach meinem ersten Buch dachte ich noch, das war vielleicht ein Glückstreffer, jetzt fühle ich mich sicherer mit der Bezeichnung.Wie war das denn damals nach Ihrer ersten Veröffentlichung im Jahr 2012?KANZLER: Es war aufregend, das erste Mal in einem großen Feuilleton aufzutauchen und zu sehen: Hey, mein Buch ist in der FAZ! Und dann natürlich die Erfahrung, auf der Buchmesse in Frankfurt zu sein, wo Sibylle Berg an einem vorbeiläuft und man feststellt, dass sie wirklich existiert. Dort ergeben sich natürlich Kontakte. Die Resonanz auf das Buch damals war großteils positiv, ich habe nur einen wirklichen Verriss bekommen – im Satiremagazin „Titanic“, insofern fand ich das eher spannend. Meine Lektorin und ich waren beim neuen Buch extrem sorgfältig, weil dieses Mal vielleicht doch genauer aufs Handwerk geschaut wird als beim Erstling. Ich habe ungefähr drei Jahre lang daran gearbeitet und dann nochmal drei Monate mit meiner Lektorin gefeilt.In Ihrem Debüt war die Protagonistin eine junge Frau, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, jetzt ist der Held ein Mann. Wieso der Perspektivwechsel?

KANZLER: In „Die Schüchternheit der Pflaume“ ging es um die Selbstbeobachtung der jungen Frau, der Roman war ja auch in der Ich-Perspektive geschrieben. Die Figur des Henry in „Sterben lernen“ basiert viel mehr auf der Beobachtung anderer Menschen, bei denen ich mich frage, ob sie glücklich sind, was sie eigentlich wollen im Leben. Henry ist ein Mann, der bald 40 wird und in der klassischen Midlife-Crisis steckt. Er hat so vor sich hin gelebt, obwohl er ursprünglich etwas anderes wollte. Die Figur ist doppelt gewagt für mich: Er ist ein Mann, der ein paar Jahre älter ist als ich und Erfahrungen hat, die ich selbst nicht habe – zum Beispiel mit Familie, mit einer heranwachsenden Tochter, zu der er keinen Draht hat. Da musste ich mich also sehr auf Beobachtung verlassen. Ich frage deshalb oft ganz bewusst Leute nach ihrem Leben und stelle fest, dass sie gerne erzählen. Viele finden es schmeichelhaft, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.

In seiner Krise lernt Henry die 16-jährige Joe kennen, ein Outcast. Sie ist von der Schule abgegangen, um als Grabpflegerin zu arbeiten, trägt Dreadlocks, schläft mit dem Kneipier. Zwischen Henry und Joe entspinnt sich eine Art Beziehung.

KANZLER: Henry trifft auf dieses viel zu junge Mädchen, und sie bringt ihn darauf, dass er nicht glücklich ist. Er wird für sie in die Bresche springen und sich dabei selbst in Gefahr bringen . . . Mir ging es darum, einen Dialog zwischen den Figuren in Gang zu bringen, weil ich beim ersten Buch gespürt habe, dass sich die Protagonistin in ihrer Selbstbeobachtung stark einkapselt – da wollte ich rauskommen. Auch die Sprache ist eine leicht andere. Der erste Roman war wie ein schwerer Rotwein, jetzt ist der Ton leichter, humorvoller, sarkastischer. Ich hatte ein bisschen Angst, dass ich von der Grenze zum Schwulst, an der ich mich entlangbewegt habe, nicht mehr wegkomme. Jetzt bin ich sehr froh, dass mir das gelungen ist, ohne meine eigene Sprache aufzugeben.

Das Buch heißt „Sterben lernen“ – wieso?

KANZLER: Immer wenn es um den Tod geht, geht es ja eigentlich um das Leben. Sterben lernen heißt also leben lernen für Henry. In meiner Vorstellung fängt sein Leben nach dem gefährlichen Vorfall mit Joe gerade erst an.

Und was gilt es zu lernen?

KANZLER: Offen zu bleiben für Veränderung, denn wir leben in einer Welt, die uns ständig mit Neuem konfrontiert, in der Dinge nicht mehr sicher sind, die wir für sicher gehalten haben, Ich habe den Eindruck, dass unsere Generation sehr viel Veränderung mitbekommt und dass sich dieser Prozess beschleunigt. Auch in Beziehungen tut sich ja ganz viel. Die Lösung dafür können wir nicht mehr in vorgefertigten Formen suchen – dafür steht die Beziehung meiner zwei Protagonisten, die sich in jeweils fremde Leben hineinbegeben. Und so ist auch das Zitat von Tom Waits gemeint, das ich dem Roman vorangestellt habe: „Never drive a car when you’re dead“, also: wach bleiben.

 

Die Autorin Fee Katrin Kanzler, 35, studierte Philosophie und Anglistik in Tübingen und Stockholm, war Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses und erhielt den Förderpreis für Literatur der Stadt Ulm sowie das Jahresstipendium vom Land Baden-Württemberg. Sie lebt in Langenau und arbeitet auch als Lehrerin für Englisch und Philosophie. „Sterben lernen“ ist wie ihr erster Roman bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. (221 Seiten, 19.90 Euro). Die Zeichnungen auf dem Buch-Cover stammen von ihrer eigenen Hand.

Lesung in der Ulmer Buchhandlung Jastram am Freitag um 19 Uhr.

Alle Rechte bei der Südwestpresse Ulm

Eine dritte Leseprobe:

Windstärke zehn
Eine Schwalbenkolonie unter der Dachrinne, die schlanken Vögel sausen ungebremst in ihre Nester und im Sturzflug wieder hinaus. Ein Kommen und Gehen, ein Steigen und Fallen, ein wimmelnder Flor aus spitzenFlügeln und Schwanzfedern vor Henrys Bürofenster. Die Schwalbenrufe vereinen sich zu einem hohen, mehrstimmigen Ton, der von den umgebenden Gebäuden widerhallt. Superheld wollte Henry werden. Schlaflose Nächte, morgens viel Kaffee und das gute Gefühl, die Welt gerettetzu haben. Aber wie andere Leute ein wichtiges Telefonatverschieben, indem sie erst das Bett frisch beziehen,dann den Boden wischen und den Müll rausbringen,dann schmutzige Pfannen auskratzen und die Toiletteputzen, so verschob er es, Superheld zu werden. Jahre lang, er schlief bis elf, drehte den Bass lauter, immer dieangenehme Illusion im Rücken, das Wichtigste im Leben komme noch. Auch als er seine Comichefte und
Actionfiguren verkauft, die Ausbildung zum Vertriebs-wirt abgeschlossen hatte, längst wusste, dass man nichtSuperheld werden kann, erwartete er noch Weltbewegendes. Dass seine wahre Bestimmung unter den Schichtendes Alltags hervorbrechen würde. Wie Frühlingspflanzendurch verrottendes Vorjahreslaub. Wie Sonnenstrahlen durch Londonsmog. Wie eine Flamme durch Transparentpapier. Mit sechzehn schor er sein Haar auf drei Millimeter, hörte Ministry, Rage Against the Machine, Method Man und übte vorm Spiegel Danksagungen. LiebeFreunde, verehrte Gäste, hob er an. Es waren Reden zumRelease seines ersten Kinofilms, Worte zur Eröffnung seiner eigenen Bar, Ansprachen zur Rettung der Welt. Er machte Ferienjobs, hatte Freundinnen und Computerspiele, später dann ein Auto. Wenn er mit hundertachtzig durch den Sommerregen preschte, subwooferhigh, und schillernde Heckfontänen hinter sich herzog, fiel es ihm leicht, an Unsterblichkeit zu glauben. Mit fünfundzwanzig tauschte Einstein seine Hiphopperklamotten gegen Anzug und Krawatte ein, wurde Ver-
kaufsleiter bei einer Biolimonadenfirma. Sein Haar ließ er fingerlang wachsen und kämmte es locker nach links. Er schickte seine untreue Freundin zum Teufel, zog
stattdessen mit Bettina zusammen, die schon seit der siebten Klasse auf ihn scharf war. Ein paar Monate später wurde sie schwanger und die beiden heirateten. Er überzeugte Bettina, ihre gemeinsame Tochter Julia zu nennen, weil das Kind damit weniger gehänselt werden würde als mit Bernadette oder Lucille. Mit der Tochter kam auch die erste Gehaltserhöhung und Henrys Tinnitus. Ein tiefes, ununterbrochenes Rauschen, wie fernes Meeresdröhnen. Ein Atlantik bei Windstärke zehn. Ein Männerchor sang. Der Maibaum stand schief. Er,  der Junge im Sonntagsanzug, schnippte einer Viert-
klässlerin Papierkügelchen an den Hinterkopf. Sanna mit den langen Zöpfen. Sie rührte sich nicht. Nur die Härchen auf ihrem schönen Nacken stellten sich auf. Ihre Verachtung jagte dem Jungen glückliche Schauer über den Körper.

Mittwoch, 14.September

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Heute haben
Theodor Storm * 1817
Michel Butor * 1926
Ivan Klima * 1931
Eckhard Henscheid * 1941
Uli Becker * 1953
Geburtstag
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Theodor Storm
Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut –
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.
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Jetzt als Taschenbuch:

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Adelle Waldman:Das Liebesleben des Nathaniel P.
Aus dem Amerikanischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel
Piper Verlag € 10,00

Adelle Waldman hat mit ihrem Buch in den USA, in New York, in Brooklyn für Aufsehen gesorgt. Es wurde als das beste Debut des Sommers 2013 ausgezeichnet. Naja, Auszeichnungen gibt es. Ich bin über diesen schmalen Roman über diverse Blogs gestolpert und dachte, dass mir dieses Buch gefallen könnte. Und das hat es auch. Adelle Waldmans Protagonist Nathaniel, genannt Nate, ist einer dieser vielen Mitdreißiger, die durch die Großstädte tigern. Er hat vor Jahren ein erfolgreiches und schwer beachtetes Buch geschrieben und hält sich in den letzten Jahren mit Buchbesprechungen über Wasser. Seine Wohnung könnte eine Aufräumaktion gut vertragen, doch bekommt er für vieles sein Hinterteil nicht hoch. So läuft er auf dem Weg zu einer Party seiner Ex über den Weg und der Roman nimmt seinen Lauf. Nate verliebt sich schnell. Leider nicht immer in die Richtige. Und so entsteht eine kleine Ansammlung von Frauen, wie wir sie auf dem Umschlag sehen. Na, so viele sind es nun auch wieder nicht, da Adelle Waldman ihren Focus auf ein Jahr legt. Es wird viel geredet, viel getrunken. Große Diskussionen über Nichtigkeiten. Große Hoffnungen auf neue Buchprojekte. Neid und Getratsche gehören hier genauso zum Alltag dieser Jungdynamischen, wie schon bei den Romanen von Charlotte Bronte. Es wird viel über Schuld geredet, aber unser Nate versucht nicht gerade aktiv an seiner Situation etwas änden. Adelle Waldman erzählt mit großer Nähe über diesen kleinen Freundeskreis, wie er auch in Paris, Berin und Ulm sein könnte. Und trotzdem behält sie genau die richtige Distanz und überlässt uns als Leser die einzelnen Typen zu bewerten. Mit ihrem Witz, der sich hinter dem Text versteckt, gibt sie der Handlung Schwung und lässt uns die vorgestellten Menschen mit einer guten Portion Ironie betrachten.

Leseprobe

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Am Freitag liest Fee Katrin Kanzler bei uns in der Buchhandlung aus ihrem neuen Roman.

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2.Teil der Leseprobe

Noch bevor seine Fußspitze die erste Treppenstufe berührte, zuckte er zusammen, erstarrte mitten in der Bewegung und ein erstickter Laut drang aus seiner Kehle.
Ein knotiger Schatten, ein vielbeiniges Tier regte sich neben ihm, schmiegte sich in der Dunkelheit an den Putz. Der Schemen sog Henrys blauäugigen Blick in sich hinein und ließ ihn nicht mehr los. In der Fensternische saß ein Mädchen mit wild ab stehenden Dreadlocks. Ihre Umrisse weckten in Henry ein Gefühl von Sturz und Festhaltenwollen, als sei er ausgeglitten und fiele in einen tiefen Brunnen. Von draußen kroch etwas Nachtlicht auf ihre Lippen, die von Gänsefett glänzten. Die Schweigende betrachtete den Gebannten, erst teilnahmslos, dann amüsiert. Ein Biss in die Geflügelkeule, um deren Schaft sie eine Serviette gewickelt hatte, ein Kauen, Schlucken, Lippenlecken.
Henry versuchte, seine angeknackste Contenance mit einem Räuspern zu kitten, mit einem flotten Spruch, mit Smalltalk. Hätte er gewusst, dass dieses Mädchen ihm bald übel mitspielen würde, um kein einziges Wort hätte er gerungen, hätte all seine Neugier und Brunnensturzgefühle an den Mast gebunden, wäre schleunigst weitergesegelt. Aber er wusste nichts, wollte nichts außer dem Arbeiten seines Herzens und diesem schwarzen Gänseblümchen, das vor ihm saß. Er wollte es beeindrucken.
»Gestatten, Henry Jean-Toussaint Einstein«, stellte er sich vor.
»Joe«, sagte das Mädchen.

Dienstag, 13.September

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Grüße von Jürgen aus dem Engadin

Heute haben
Marie von Ebner-Eschenbach * 1830
Sherwood Anderson * 1876
Roald Dahl * 1916
Geburtstag
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Marie von Ebner-Eschenbach

Der Ruhm der kleinen Leute heißt Erfolg.

Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.
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Tipp der Woche:

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Fee Katrin Kanzler: „Sterben lernen

Gänsefett
Ein Luftzug kroch in ein Ohr, wie ein Tropfen Gift, wie ein kalter Wurm. Von der Decke hingen weißer Floristenkrepp und Weinreben aus Polyurethan, bewegten sich in der Brise, die ein paar Regentropfen mitbrachte. Stimmengeklirr und Gläserkreischen, Stühle knackten,auf dem Grund eines Planschbeckens trudelten versunkene Papierschiffe.Jemand hatte das große Holztor geöffnet. Die zum Gastraum umgebaute Scheune leuchtete innen gelb und rot, Lichterketten, Ochsenjochlampen, der Wind blies
ein paar Kerzen aus. Draußen grollte ein Gewitter, draußen war Nacht und Frühsommer.Henry saß im Bauch der Feierstube, lachte und betrank sich. Eine Frau im weißen Kleid fiel in das Plansch becken. Ihr Schuh wurde versteigert, ein Mann im schwarzen Anzug gefesselt, verbundene Augen, den Mund schaumkuss verschmiert. Reime wurden deklamiert, Nägel eingeschlagen, leere Schneckenhäuser, Klosteine und
Wurstbrote verlost. Die Braut war eine Freundin von Henrys Frau, der Bräutigam Kollege Frank aus derBuchhaltung.
Hätte es nicht geregnet, wäre die Hochzeitsgesellschaft im Biergarten untergebracht gewesen und Henry hättedas Toilettenhäuschen auf der Wiese benutzt, diese
Holzkabine mit dem ausgesägten Herzchen. So aber war der Rasen voller Schlamm, und er ging durch den Flur,der die Scheune mit dem alten Gutshaus verband, wei-
ßer, unebener Putz, dann eine Treppe nach oben. Als er die Hände gewaschen, sein Gesicht im Spiegel betrachtet, erst das eine Auge, dann das andere mit Daumen
und Zeigefinger weit aufgezogen hatte, machte er sich auf den Rückweg.
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Fee Katrin Kanzler liest am kommenden Freitag ab 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung aus ihrem gerade erschienenen Buch „Sterben lernen“.

Der Eintritt ist kostenlos. Bücher der Autorin dürfen/sollen natürlich gekauft werden.
In den nächsten Tagen werden ich noch weitere Leseproben hier veröffentlichen.

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Werner Färbers Ungereimtheit der Woche
Kleine Verwechslung CCCXXIII

Wenn eine Schlange hüpft durchs Gras,
während ein Frosch kriecht an sie ran,
beschleicht mich das Gefühl, dass das,
was hier passiert, nicht stimmen kann.

Dienstag

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Guten Morgen

Heute haben
Samuel Taylor Coleridge * 1772
Alphonse de Lamartine * 1790
Edmondo De Amicis * 1846
Patrick Kavanagh * 1904
Sabine Deitmer * 1947
Geburtstag.
Und auch Claire Waldoff * 1844.
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[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=1H3T3KwD2DI]
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Martina Jung, Fee Katrin Kanzler, Silke Knäpper, Christiane Wachsmann lasen bei uns in der Buchhandlung und die Südwestpresse widmete diesem Abend eine 2/3-Seite.

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Foto: Martina Dach / SWP

Ein großes Bericht in der Südwestpresse Ulm
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Nils Mönkemeyer: Barroco Espanol
Sony CD  € 19,99

Künstler: Nils Mönkemeyer Viola), Sabine Erdmann (Cembalo), Andreas Arend (Gitarre, Theorbe), Klaus-Dieter Brandt (Cello), Anja Hermann (Percussion), Thomas Zscherpe (Kontrabass)

Murcia: Canarios; Xacara; Grabe
Soler: Sonaten g-moll & G-Dur; Fandango d-moll
Boccherini: Menuett; Musica Notturna delle Strade di Madrid
Brunetti: Sonate D-Dur für Viola & Bc
Scarlatti: Sonate A-Dur K. 208
Sanz: Passacalles por quarto tono punto alto
Nebra: Seguidilla „Ya se fue“
Spanische Barockmusik für Bratsche? Wo gibt es denn so etwas. Bei Mönkemeyer muss die Reaktion ähnlich gewesen sein. 2006 hatte der mehrfache Echopreisträger eine Gastprofessur an der Madrider Musikhochschule, der Escuela Superior de Musica Reina Sofia. Zum Abschluss wurde er um ein Bratschenkonzert gebeten. Große Fragezeichen in seinem Kopf. Er forschte dort direkt nach und fand tatsächlich Noten und Kompositionen aus dem 17. und 18.Jahrhundert und elf unbekannten Sonaten für Viola von Gaetano Brunetti, dem damaligen Mozart Spaniens. Diese spanische Musik ist durchzogen mit traditionellen Passagen, Tänzen, Folklore, gemischt mit Schellenring und Kastagnetten. Also nicht nur Getragenes, sondern das pralle südländische Leben. Nun kennen wir Mönkemeyer auch als den großen Meister der Transkription. Wie schon auf seinen älteren Einspielungen, schreibt er auch hier Musik für seine Bratsche um und dieses Mal sind es keine Lieder, sondern Musik für Cembalo und Gitarre. Und damit zeigt sich sein ganzes Können. Praktisch: Mönkemeyer an der Gitarre. Unglaublich fetzig, tänzerisch und mitreissend.  Dazu hat er noch Kompositionen von Scarlatti und Boccherini, die als Italiener in Spanien arbeiteten.
Mönkemeyer ist hier ein weiteres Meisterstück gelungen. Gut, wir wissen, dass junge Musiker und Sänger immer nach neuen Ideen suchen, damit sich ihre CDs verkaufen (Bartoli hat gerade die Russen entdeckt), aber diese spanische CD könnte im Sommer doch glatt als Unplugged-Konzert unter freiem Himmel durchgehen.
[vimeo http://vimeo.com/105162743]
[vimeo http://vimeo.com/105162600]
[vimeo http://vimeo.com/105161963]
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Am Dienstag, den 28.Oktober liest Silvia Trummer bei uns in der Buchhandlung.
Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

Eigentlich

Eigentlich kehre ich nicht nur im März an den See zurück. etwas zieht mich in die Landschaft meiner Kindheit, in jeder Jahreszeit, bei jeder Wetterlage. Zunehmend. Die Feststellung, dass sich so vieles geändert hat, tut nichts zur Sache.
Eigentlich hat sich nur der See nicht verändert mit seinen Hügelzügen am Horizont. Und die Berge, die sich bei Föhnwetter zeiegen.
Und das zerfallene haus mit seinen Bäumen.
Eigentlich.

aus: Silvia Trummer: „Vierhändig“ – Ein Mosaik

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Für die Lesung mit Karen Köhler am Freitag, 14.November um 19 Uhr sind schon die ersten Reservierungen eingegangen.

Samstag

Heute haben
Heinrich von Kleist  * 1777
Henri Bergson * 1859
Tibor Déry * 1894
Klaus Kinski * 1926
Geburtstag
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Gestern hatten wir einen vollen Tag und einen vollen und tollen Abend im Buchladen.

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500 verkaufte Exemplare von Robert Seethalers: „Trafikant“ ist schon ein Wort in unserer kleinen Buchhandlung. Es sind, genaugenommen, sogar mehr als die gefeierten Bücher. Rechnen wir die gebundene Ausgabe dazu und die Exemplare, die wir über die Grosshändler bezogen haben, wird die Anzahl noch um ein kleine Summe höher. Egal. Hier also das offizielle, amtliche Ergebnis. Wir freuen uns und wissen natürlich, dass dieser verkaufte Stapel nur daher kommen kann, dass Sie als KundInnen von diesem Buch begeistert sind, und es all Ihren FreundInnen weiterverschenken.
Danke.
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Dann hört das mit den Neuerscheinungen gar nicht auf. Täglich trudeln neue Bücher herein. Dazu kommen noch die grossformatigen Wandkalender, die wir gestern aufgehängt haben.

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Abends dann ein volles Haus mit Martina Jung, Fee Katrin Kanzler, Silke Knäpper und Christiane Wachsmann, den vier Ulmer Frauen, die selbst schreiben und bei uns vorlasen. Drei Romananfänge von noch nicht veröffentlichten Werken und eine Erzählung bekamen wir zu hören. Alle vier Texte waren unterschiedlich im Ton und in der Intention und machten die Lesezeit von über einer Stunde zu einem kurzweiligen Zuhören. Danach entwickelte sich die Buchhandlung zu einem Diskussionsforum, das von mir kaum zu stoppen war. Herrlich laut und lustig ging es zu und nach einer geraumen Zeit fanden wir tatsächlich nochmals zurück auf unsere Stühle und es gab die Möglichkeit, die Autorinnen das eine oder andere zu fragen. Was tatsächlich auch kräftig getan wurde.
Ein herrlicher Abend, der so wahrscheinlich nicht mehr zu wiederholen sein wird.
Danke an die vier Damen und an das tolle Publikum.

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Es wurde reichlich spät und ich kam spät ins Bett, deshalb heute und hier kein Buchtipp, sondern dieser kleine Rückblick auf den gestrigen Freitag.

Ich wünsche Ihnen ein gutes, erholsames Wochenende.

Mittwoch

Passend zu dem Sommerkochbuch, das ich heute vorstelle, ging gestern am späten Nachmittag ein Gewitter mit Hagel über uns herunter.

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Heute haben
Oskar Loerke * 1884
Hugh S.Walpole * 1884
Janet Flanner * 1892
Erhart Kästner * 1904
und
J.Andruchowytsch * 1960
Geburtstag.
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Irgendwie nicht vorstellbar, dass der Frühling vor der Tür steht. Hier in Ulm ist es noch ganz prächtig. Aus anderen Städten kommen richtig Winternotstandsmeldungen.
So warte ich ab, was auf uns zurollt.
Aber wenn wir schon vom Frühling reden, müssen wir auch an den Sommer denken.
Wer tut das nicht.
Und wenn jetzt solche Bücher, wie das, dass ich heute vorstelle, Mitte März im Buchladen auftauchen, dann überfällt mich schon das Sommer-Heimweh.

Voven

Yvette van Boven: „Home Made. Sommer
DuMont Verlag € 29,95

Das und noch viel mehr, finden Sie in dem wunderbaren „Home Made Sommer„-Buch.
Ein Kochbuch, wie wir es von Jamie Oliver kennen, ein Kochbuch, wie viele andere auch (irgendwann gibt es auch keine neuen Rezepte mehr), aber doch hat es eine ganz besondere eigene Note. Rezepte mit Pfiff und Witz und irgendwie hat macht es denEindruck, als wäre das wirklich auch home made zu machen.

Wem der Sommer noch zu fern ist, der kann Yvettes Bücher „Home Made“ und
Home Made Winter“ anschauen, kaufen und benutzen.

HomeWinter

Home Made € 34,00
Home Made Winter € 29,95

Wer jetzt immer noch nicht genug hat (und auch allen anderen)
empfehle ich die Website von Yvette.
Eine Seite voller spritziger Ideen und wunderbaren Links.
Yvette van Boven
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Um 19 Uhr las Fee Katrin Kanzler bei uns in der Buchhandlung.
Es war eine sehr schöne, intensive Lesung, in der das Lyrische, die feine Wortfindungen des Romanes noch viel besser herauskamen, als beim Selberlesen. Mucksmäuslestill war es; auch noch danach, da wir wohl alle sehr beseelt waren.
Danach jedoch gemütliches Ratschen, Sitzen und Trinken.
Liebe Fee, vielen Dank für den besonderen Abend.

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Dienstag

Heute haben
Paul Gerhardt * 1607
G.D’Annunzio * 1863
Jack Kerouac * 1922
und Edward Albee * 1928
Geburtstag
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Heute abend um 19 Uhr ist es endlich soweit.
Fee Katrin Kanzler liest bei uns in der Buchhandlung.
Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen.

Letzte Leseprobe vor der Lesung:

„Die Dämmerung nimmt ein tiefes Violett an. Meine Geschichte, denke ich, spielt in einem Land, wo Dämmerungen genauso lang wie Tag und Nacht dauern. Der Himmel dieser Geschichte ist rosa und ihr Horizont schwarz. Nach Zwielicht riecht sie, nach dem Moos auf Stadtdächern, nach Mandelseife und ein wenig nach Benzin. Nach den Stahlsaiten meiner Gitarren und nach Männerhemd. Was sie zusammenhält, ist letztlich nur ein Fädchen, das durch die Hände einer numinosen Spinnerin läuft. Wahrscheinlich hat sie blaue Finger wie ich, Sudelpfoten, und schmiert meinen Faden schon beim Spinnen voll. Die Götter sitzen in der Tinte.“
(Alle Rechte bei der Frankfurter Verlagsanstalt und der Autorin)
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Gestern abend habe ich eine weiter Filmrunde eingelegt und somit endlich die DVD angeschaut, die seit Wochen hier liegt.

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Das Konzert
Ein Film von Radu Mihaileanu, der auch das Drehbuch geschrieben hat.
DVD € 9,99

Als der Film 2010 in Frankreich herausgekommen ist, entwickelte er sich zu einem großen Publikumserfolg, in den mehr als 2 Millionen Zuschauer gingen.
Die Geschichte ist vielleicht ganz kurz erzählt:
Ein in Russland zur Putzhilfe im Bolschoitheater degradierter Stardirigent fängt im Büro seines Chefs ein Fax aus Paris ab, in dem das Bolschoiorchester für ein kurzfristig geplantes Konzert eingalden wird. Er sinnt auf Rache, steckt das Fax ein und mobilisiert seine Ex-Kollegen, sich als Originalorchester auszugeben, nach Paris zu reisen und endlich das Tschaikowski-Konzert zuendezuspielen, das ihm vor 30 Jahren verweigert worden ist.
Alles geht gut aus. Viel Slapstik, viel Durcheinander, viel russische und französische Seele.
Aber: die Musik rettet den Film.
Wenn das Theater in Paris voll ist und endlich das Konzert beginnt, zuerst mit schwerem Geschrammel, als die Sologeige einsetzt und die Musiker sich dazu einfinden, dann bewirkt diese Musik doch ein sehr schönes Gefühl.
Schön auch zusehen, wie sich der Gesichtsausdruck von Mélanie Laurent endlich aus der Starre löst, als sie mit der Sologeige ins Konzert einsteigt.
Radu Mihaileanus Vater hat sich diesen rumänischen Namen gegeben, nachdem er aus einem KZ geflüchtet ist. Radu flüchtete nach Frankreich und hat dort noch zwei Filme mit den Themen: Flucht, Unterdrückung durch Regime gedreht.
Mein Urteil: 3,5 Geigen und 5.
Zwei Stunden Unterhalten mit Witz und Kritik am russischen System (damals und heute), viel Musik und Gefühl.
Irgendwie hat dann doch etwas Schmackes gefehlt.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=W0xip33IsGk]
Trailer zum Film
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Neues aus der Öffentlichen New Yorker U-Bahn Bibliothek

Kerouac

„On the Road“ von Jack Kerouac, der doch heute Geburtstag hat.
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Und noch ein kleiner literarischer Nachschlag.
Patti Smith liest aus Virigina Woolfs „Waves / Wellen“

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=0UzS0dwuuHg]

Montag

Karl Krolow  * 1915
und
Douglas Adams  * 1952
haben heute Geburtstag
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Heute gibt es einen kurzen Blog, da ich morgens früh los muss.
Dafür gibt es einen Film der Sonderklasse.

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Aki Kaurismäki: „La Havre
DVD € 16,95

Wie aus der Welt gefallen. So kam ich mir vor, als ich gestern abend endlich diesen Film angeschaut habe.
Kaurismäki schafft es immer wieder eine Märchenhandlung auf die Leinwand zu bringen. Eine Mischung aus Studio und Realität, ein Mix der Zeiten erzeugen eine ganz bestimmte Mischung, die durch das Minenspiel der Schauspieler (wie gewohnt bei Kaurismäki) noch verstärkt werden. Wir befinden uns in Kneipen der 50er Jahre, die Polizei erscheint mit richtigen Oldtimer und die Klamotten erinnern schwer an alte schwarzweiss Filme. Gleichzeitig bezahlen sie aber mit Euro und das Flüchtingsdrama ist der Hauptstrang der Geschichte.
Alte Musik wabert durch die Szenen, ein Konzert mit einem alten Rock’n’Roller mit Musik wie vor 50 Jahren.
Dieses ganze Konzept auf. Und wie. Die harten Menschen zeigen ihre weiche Seele. Sogar der Polizist stellt sein Innerstes nach Außen und rettet die verzwickte Situation. Ein kleines Wunder geschieht noch ganz am Ende des Filmes.
Nehmen Sie sich die Zeit, die Ruhe und genießen diesen menschenfreundlichen Film inmitten dieser Action-, Animations- und Fantasyblockbuster.

Und eines kann ich Ihnen versprechen: Es gab noch nie einen so traurigen Polizisten mit einer so grünen Ananas.

Hier geht es zur Website des Filmes, mit vielen Informationen, einem Trailer und der passenden Weinmarke zum Film.
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Morgen ist es soweit.
Fee Katrin Kanzler liest um 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung.

Schwarze Butter
Sie vergöttern mich. Halblaute Rufe hallen auf die Bühne. Heirate mich, schreit einer. Er muss betrunken sein. Meine
Hand liegt neben mir, streicht über den Samt, der meinen Hocker überzieht. Wenn die Scheinwerfer angehen, wird es leise, und ich vergesse den Samt. Die Stille wartet auf ein Wort, auf einen kleinen Triller der Stimme, auf den nächsten Ton, das ist mein Leben. Ich habe längst begriffen, dass ihre Begeisterung nichts mit meiner Person zu tun hat. Ich könnte irgendwer sein. Es spielt keine Rolle, ob mein Haar schwarz ist, meine Stiefel rot sind oder umgekehrt. Es spielt keine Rolle, dass ich gern Automatenkaffee trinke, in der Goldlaube wohne oder dass ich mondsüchtig bin. Was einzig zählt, ist, dass ich hier bin. Die Musik ist Musik, die Zeit ist Zeit, während ich spiele.
Alles schweigt. Ich nehme das Lampenfieber in den Mund. Es schmeckt nach Litschi und Salz, ein Lutscher von süßer Penetranz. Meine Zunge wird schüchtern und übermütig zugleich. Auf ihr sind plötzlich Worte. Die sage ich. Mikroverstärkt fallen sie in den Raum. Die Stille fliegt auf, ein erschreckter Vogel. Ich lächle. Einer im Publikum antwortet, aber ich bemerke ihn kaum, verstehe ihn nicht. Die Stille bleibt im Deckengebälk sitzen. Ich beginne zu spielen. Meine Gitarre hat den schwarzen Glanz von Särgen und Klavieren. Nur die Wirbel sind weiß wie Zähne. Manchmal lackiere ich meine Fingernägel genauso schwarz. Oder stahlblau oder blutorangenrot. …
(Beginn von Kapitel zwei. Alle Rechte beim Verlag und der Autorin)