Samstag, 24.Mai

Heute haben
Ambrose Bierce * 1842
Bruce Marshall * 1899
Yves Bonnefoy * 1923
Anita Desai * 1937
Gerhard Roth * 1942
Eugen Ruge * 1954
Geburtstag
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August Stramm
Traum

Durch die Büsche winden Sterne
Augen tauchen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Düfte spritzen
Schauer stürzen
Winde schnellen prellen schwellen
Tücher reißen
Fallen schrickt in tiefe Nacht.
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Franzobel: „Einsteins Hirn
Zsolnay Verlag € 28,00

Der Österreichische Autor Franzobel versteht es einfach immer wieder sehr gut zu unterhalten. In seinen Romanen verquickt er Fakten mit Fiktionen. Als Autor darf er das und er macht es perfekt.
„Das Floß der Medusa“, „Die Erboberung Amerikas“ sind hierfür prima Beispiele.
Beim Thema Einstein sind wir Ulmer*Innen sofort angefixt und werden dafür abelohnt.

Am 18. April 1955 kurz nach Mitternacht stirbt Albert Einstein im Princeton Hospital, New Jersey. Seinem Wunsch entsprechend wird der Körper verbrannt und die Asche an einem unbekannten Ort verstreut. Vorher jedoch hat der Pathologe Thomas Harvey Einsteins Hirn entfernt, danach tingelt er damit 42 Jahre durch die amerikanische Provinz. Mit ihm erlebt Harvey die Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten und die erste Landung auf dem Mond, Woodstock und Watergate und das Ende des Vietnamkriegs; und irgendwann beginnt das Hirn, mit Harvey zu sprechen.

Franzobel steht mit diesen Büchern in der Tradition der Romane von T.C.Boyle und braucht sich hinter diesem großen Namen nicht zu verstecken. Sehr gute Lektüre und beste Unterhaltung.

Leseprobe

Foto: Julia Haimburger

Falls Sie mehr zum Buch und zum Autor erfahren wollen, dann schauen Sie doch in der Stadtbibliothek Ulm vorbei.

Mittwoch, 28.Juni, 19:30 Uhr
Freilichtforum der Glaspyramide
Lesung mit Franzobel: „Einsteins Hirn“
Moderation: Ingo Bergmann, Bibliotheksgesellschaft Ulm e. V.
In Kooperation mit dem Museum „Die Einsteins“

Eintritt frei
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Samstag

Heute hat Marguerite Yourcenar Geburtstag (* 1903)
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Der Buchtipp für das Wochenende.

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Nadia Budde: „Großstadttiere
ab 9 Jahren und für alle Großen
Jacoby&Stuart Verlag € 18,00

Frau Budde ist eine ganz Große. Praktisch die Königin der Illustrationen mit Witz. Ihre Bücher im Peter Hammer Verlag, diese Mischung aus skurilen Geschichten, oder schrägen Gedichten und dazu ihre Bilder in ihrem ganz eigenen Stil, sind so stark und wurde zurecht mehrfach ausgezeichnet.
Nun ist ihr ein umfangreiches Werk über Großstadttiere erschienen.
Wenn Sie nun meinen: Ah, jetzt wird sie seriös und wechselt ins Sachbuchfach …. weit gefehlt. Allein schon die beiden Jungs aus der Waschbärgang auf dem Umschlag, zeigt wo der Weg lang geht.
Bevor das Buch mit seinem Impressum losgeht, hat sie erstmal das Freudsche Sofa gemalt. Ja, das ist nun mal ein gutes Motto, bevor Frau Budde so weitermacht:

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Sie hat 50 Tiere aufgesammelt und stellt einige genauer und im Detail vor.
Ich habe leider auf der Verlagseite keine Abbildungen gefunden und traue mich aus rechtlichen Gründen nicht, Ihnen abfotografierte Tiere aus dem Buch zu zeigen. Schade drum.
Es sind u.a. die Ente, die, wenn sie zu sehr mit Weissbrot gefüttert wird, erst verfettet und dann kopfnachunten im Teich schwimmt, oder die diversen Nager, wie auch die Eichhörnchen. Dort verhält es sich umgekehrt, wie bei den Menschenfrauen. Wenn bei denen nämlich die ersten grauen Strähnen auf dem Kopf erscheinen, dann greifen sie zu Haarfärbemittel und es bleibt bei den meisten ein undefinierter Rotschimmer übrig. Bei den Eichhörnchen ist das gegenteilige Phänomen zu erkennen. Hier übernehmen nähmlich die grauen, großen Eichhörnchen so langsam die Herrschaft und vertreiben die kleineren roten, die wir aus unserer Kindheit kennen. Die Elster, die Krähe, die Schabe, nein besser DIE Schaben. Die tauchen nämlich gleich in Massen in Trikots auf mit den Aufschriften, welche Städte sie möge. Praktisch die ganze Welt. Nur wir mögen sie nicht. Faru Budde sagt uns in welcher Stadt die meisten die Fledermäuse zu Hause sind (1.500.000 in …), warum man in Moskau sich beim Verlassen des Kaufhauses vor Wölfen in Acht nehmen muss. 2.500 Tiere soll es dort geben. Oder wussten Sie, dass es in Rom ca. vier Millionen Stare sind, die dort die einzigartigen Formationen am Himmel über der Ewigen Stadt fliegen. Ein Tier wird dabei natürlich oft vergessen, vernachlässigt. Aber Frau Budde gibt ihm endlich, dem ihm gehörenden Platz. Der Regenwurm leidet nämlich sehr in der Großstadt. Kaum regnet es, muss er natürlich sein Röhrensystem verlassen. In der Natur kein Problem. In der Stadt allerdings landet er auf 6spurigen Straßen und sieht dann dementsprechend aus. Und deshalb nimmt Frau Budde den Wurm an die Hand und legt ihn am Ende des Buches auf das Freudsche Sofa. Gut gemacht. Und wir? Wir Menschen? Ja wir haben uns wie die Stare umgestellt, die anders als ihre Landkollegen, Handyklingen nachmachen können und täglich eine Stunde länger aktiv sind. Wir genießen (als Touristen den Rummel) die Großstadt und sehnen uns als Eingeborene nach der Natur.
Sie merken schon, dies ist eine wahre Fundgrube für die ganze Familie und gleichzeitig ein Lexikon mit sehr großem Spaß- und Lachfaktor.
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Um nochmals auf Eugen Ruges: „Cabo de Gata“ zurückzukommen.
Hei, holen Sie sich dieses Buch. Ruge beschreibt in seinen dauernden Erinnerungssätzen so genau und hat dabei einen so großen Witz, dass ich mehrfach schmunzeln musste. Auch die Vernetzungen zwischen verschiedenen Büchern ist schön. So kommen hier auch Tiere vor, die Frau Budde beschreibt. Bei Ruge sind es die tantenartigen Möwen, die streunden Hunde und natürlich die unnahbare Katze. Ruge gibt sich gegenüber einem penetranten Touristen als Schrifteller aus und nachdem der Unbekannte unbedingt seinen Namen haben will, damit er daheim in der Buchhandlung nach seinen Werken schauen kann, nennt Ruge sich einfach mal: Peter Handke. Wie ein wiederkehrender Gag taucht immer wieder die grantige dickarschige Bedienung auf, die ihn nicht beachtet. Er erwähnt Arno Schmidt und Uwe Johnson als seine Lieblingsautoren, während in seine Kladden kritzelt, er schreibt über das Schnurren der Katzen und erinnert sich an Trink-Gepräche am Meer, die dann im Rausch des Meeres und im Kopf vernebeln.

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Mir hat das Buch großes Vergnügen bereitet und ist mit seinem Umfang sehr überschaubar.
Ein gutes Buch, dem ich viele LeserInnen wünsche.
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Eva Stotz war gestern im Laden und hat Süßigkeiten aus Istanbul mitgebracht. Dies war ein Dankeschön für die Unterstützung für ihren FilmOne Million Steps. Eva Stotz hat in der Lichtburg mehrfach ihren Film über das Couchsurfen vorgestellt und hat in ihrem neuen Projekt Istanbul tänzerisch erkundet. Als sie sich nun ans Schneiden machen wollte, begannen die Menschen in Istanbul (Großsstadt, s.o.) auf die Straße zu gehen und Eva Stotz meint, dass ihr Filmprojekt der Auslöser dafür war. Sie lässt das Schneiden nochmal liegen und geht mit der Kamera zurück nach Istanbul und schaut, was sich auf den Straßen dort tut. Noch weitere Millionen Schritte wird sie dort auffinden. Schauen Sie sich die website zum Filmprojekt an, incl. eines Trailers und Informationen zur Beteiligung am Projekt.
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Donnerstag

Heute haben
Pierre Corneille * 1606
Alexander Puschkin * 1799
Thomas Mann * 1875
Joyce Carol Oates * 1938
Geburtstag.
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Thomas Mann:
„Wir finden in den Büchern immer nur uns selbst. Komisch, daß dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.“
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Eselsohren!

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Bei uns im Schaufenster zu sehen:

Hommage an Juli Zeh
von Anja Ruschival

Eine Plastik, die daraus entstand, welche magischen Gefühle man beim Lesen haben kann.
Manche Worte und Bilder sind so stark, dass sie förmlich eine Metamorphose im Rezipienten auslösen.
Anja Ruschival ist 24 und lebt in Ulm. Zeit ihres Lebens ist sie fasziniert von Literatur und szenischen Räumen. In ihrer Jugend begann sie, ihre Eindrücke in Bildern und Objekten auszudrücken und darzustellen. Nicht zuletzt um vielen Menschen in die schöne Welt der Worte und Bilder zu entführen.
Heute arbeitet sie mit Kindern und reichte kürzlich eine Bewerbungsmappe für den Studiengang Szenografie und Ausstellungsgestaltung an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ein, welche unter anderem auch die Arbeit Hommage an Juli Zeh enthält.

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Gestern ist das neue Buch von
Eugen Ruge: „Cabo de Gata“
Rowohlt Verlag € 19,95
bei uns im Buchladen angekommen.

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Schön, dass es ein deutlich kürzerer Text, als sein „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, für den er 2011 den deutschen Buchpreis erhalten hat. So nahm ich ihn nach einem langen Tag und einem ausgefüllten Abend mit nach Hause und habe ihn nicht mehr aus der Hand gelegt, bis er mir mehrfach ins Gesicht geflogen ist. Mir fehlen noch ein paar Seiten, die ich heute irgendwie schaffen werde. Vielleicht irgendwo in der Sonne.
Ruge hat ein Erinnerungsbuch geschrieben, wie ein Mittvierziger sich aus dem Arbeitsleben verabschiedet, alle Zelte, wirklich alle, abbricht, Richtung Barcelona fährt und in einem Fischerdorf in Andalusien, Cabo de Gata, eintrifft. Was sich als Paradies vorgestellt hat, entpuppt sich als ein Niemandsland, eine Einöde.
Das Erinnern überträgt sich auf den Text, in dem Ruge immer wieder und wirklich sehr oft: „Ich erinnere mich“ schreibt. Ganz ähnlich wie in Joe Brainards: „I remember“, dessen Buch allerdings dann nur noch aus „I remember“-Zitaten besteht.
Ruge zitiert Marcel Proust, in dem er seinen Roman mit der Beschreibung von Kaffeeduft, vielmehr dem Geruch seiner Kaffemaschine beginnt. Proust begann mit Tee und Gebäck.

„Ich erinnere mich, wie ich innehielt, mitten in derBewegung. Ich erinnere mich an den Geruch vonKaffee, genauer gesagt, an den Geruch des kleinen, arabischen Kaffeekochtopfs, den ich von meiner Mutter geerbt habe, und zwar daran, wie er von innen
riecht, wenn er leer ist, an seinen Eigengeruch also,den er nach hundert- und tausendfachem Aufbrühenangenommen hat (und den ich nur notdürftig mit
den Worten Metall und Kaffeesatz beschreiben kann, weil ich mich an Gerüche meist nur dann erinnere,wenn ich sie tatsächlich rieche).“

Er verabschiedet sich von seinem Vater, zu dem er eine Hassliebe hat und der in einem letzten Satz als erfolgreicher Buchautor beschrieben wird, der ihn allerdings nicht zum Abendessen einladen kann, da er am nächsten Tag (Frauen)besuch bekommt und seine Brotscheiben abgezählt sind.
Die Reise Richtung Spanien verläuft unspektakulär, Barcelona kann ihn nicht locken und auch in dem Fischerdorf passiert nicht viel. Eintönigkeit bestimmt den Tag, bis eine Katze auftaucht. Sie ist eigenwillig, wie Katzen so sind und lässt sich nicht fremdbestimmen. Lässt sich also nur streicheln, anlocken, füttern, wann sie will.
„Schon tagsüber, nach meinem Strandspaziergang, hielt ich beiläufig Ausschau nach der Katze, sah sie aber nicht. Als der Abend heranrückte, musste ich mich zwingen, nicht viel zu früh loszugehen – wegen einer Katze! War dann aber doch ein paar Minuten zu früh.“
Sie hat ihr Leben gefunden, nach dem der Möchtegernautor noch sucht.
Durch das Aufeindertreffen der beiden, löst sich viel im Kopf des Mannes, der bis dahin tagelang versucht hat, einen Roman zu schreiben.
Ruge schreibt dies alles in kurzen, sich oft wiederholenden Sätzen und Satzteilen und gibt dieser Novelle einen sehr eigenen Ton, der stimmig zur Geschichte und Situation daherkommt und vielleicht wirklich als Vorgänger zu seiner großen Familiengeschichte zu lesen ist.
Was hier biografisch und was Fiktion, kann sich jeder selber zusammenreimen.

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