Mittwoch

Heute haben
Ernst Meister * 1911
Alison Lurie * 1926
Fritz J.Raddatz * 1931
Kiran Desai * 1971
Geburtstag
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Gestern abend hatten wir wieder eine brechend volle Buchhandlung. Vielen Dank an all die BesucherInnen und an Clemens Grote. Ich habe dort auf unser Shortlistlesen am Freitag, den 12.9. um 19 Uhr hingewiesen. Wir wollen in der Buchhandlung aus den sechs übriggebliebenen Büchern vorlesen und intern abstimmen, wer es denn verdient hätte, die € 25.000 mit nach Hause zu nehmen.
In der FAZ berichtete gleichzeitig gestern Michael Ziegelwagner, der mit seinem Titel: „Der aufblasbare Kaiser“ auf der Longlist vertreten ist, wie er sich als Autor unter den zwanzigbesten Autoren des Jahres fühlt. Er ist Redakteur des Satiremagazins „Titatanic“ und wir können erahnen, wier das meint. Er ruft u.a. zum Boykott auf und will mit den Sponsoren des Preises (u.a. Dt.Bank) nicht an einem Tisch sitzen. So meinte er, man könne doch alle Preisgelder in einen Topf legen und unter den zwanzig Autoren, je nach Bedarf, verteilen. Zumal der Siegertitel zehnmal so viel bekommt, wie die anderen der Shortlist und ein Buch nicht einfach zehnmal wert sein kann, als ein anderes. So müssten die Autoren gar nicht auf den Römer nach Frankfurt kommen und könnten ein leckeres Picknick organisieren, zumal der Langzeitwetterbericht prima Sonne ankündigt. Ach, von wegen Preisgeld: Michael Ziegelwagner meinte, dass die Vorstände der Dt.Bank für die € 25.000 ca. 2,8 Tage arbeiten müssten. Irgendwie auch komisch.
Auf jeden Fall hat mich der Bericht scharf auf den „aufblasbaren Kaiser“ gemacht und werde da reinschauen und berichten.
Ich hoffe, wir sehen uns am Freitag, den 12.9.und machen uns einen netten Abend ohne Preisgeld und Dt.Bank.
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Und jetzt heben wir ab und los geht’s Richtung Süden:

Gans

Margaret Wild & Ann James: „Lilli Gans fliegt los“
Orell Füssli Verlag € 14,95
Bilderbuch ab 3 Jahren

„Lucy Goosey“ heisst das Bilderbuch im Original und lucy goosey heisst übersetzt so ungefähr locker, entspannt sein.

Die kleine Gans Lilli ist an einem Teich aufgewachsen und fühlt sich dort „pudel“wohl. Sie fliegt und plantscht, sie entdeckt und denkt gar nicht daran, dass sie jemals von hier wegmüsste. Doch es ist die Zeit gekommen, in den Süden zu fliegen. „Ich will aber nicht weg“, sagt Lilli und schaut in den hohen Himmel. Er ist weit, unendlich weit. „Ich fliege nicht mit“ ruft sie ihrer Mama zu und versteckt sich im Unterholz. Dort ist es  unheimlich und als sie wieder herauskriecht, ist es dunkel. Der Teich ist leer, die Gänse sind weg und der Mond steht am Himmel. Sie ist traurig und verzagt. Aber die Mutter hat die kleine Lilli überall gesucht, findet ihre Kleine und fragt, warum sie nicht mit will. Liebe erzählt ihr von ihrer Angst wegen des weiten Himmels, der Dunkelheit dort oben. Sie könnte dort verlorengehen. Auch die Stürme ängstigen sie, genauso die hohen Wellen des Meeres. Aber ihre Mama spricht jedesmal tröstend auf sie ein und sagt, dass sie immer für sie da ist. Sie werde nie verloren gehen, müsse sich nicht vor dem Sturm und den Wellen fürchten. Sie sei immer bei ihr. Lilli entgegnet darauf ihrer Mutter, dass sie, wenn ihre Mama alt sei, auch immer für sie da sei.
„Und jetzt? Fliegen wir los?“
„Ja. Fliegen wir los!“, sagt Lilli und schlägt mit den Flügeln.
Away they flew into a never-ending sky full of stars heisst es im englischen Original.

Ein leibevoll gemaltet und erzähltes Bilderbuch, das sehr zart mit dem Thema Angst und Alleinsein umgeht.

Margaret Wild, 1948 in Eshowe/ Südafrika geboren und aufgewachsen in Johannesburg, schrieb während und nach der Schule für lokale Zeitungen und Magazine.1972 zieht sie nach Sydney, arbeitet als Journalistin und Lektorin in einem Kinderbuchverlag. Bis heute lebt sie dort mit ihren beiden Kindern und hat sich mittlerweile ganz dem Schreiben gewidmet. Ihre mehr als 40 Kinderbücher wurden mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Dienstag

Heute haben
Ernst Meister * 1911
und
Kiran Desai * 1971
Geburtstag
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Von Heinrich Heine gibt es heute ganz starken Tobak in meinem Gedichtekalender:

Morphine

Groß ist die Ähnlichkeit der beiden schönen
Jünglingsgestalten, ob der eine gleich
Viel blässer als der andre, auch viel strenger,
Fast möcht ich sagen viel vornehmer aussieht
Als jener andre, welcher mich vertraulich
In seine Arme schloß – Wie lieblich sanft
War dann sein Lächeln und sein Blick wie selig!
Dann mocht es wohl geschehn, daß seines Hauptes
Mohnblumenkranz auch meine Stirn berührte
Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte
Aus meiner Seel – Doch solche Linderung,
Sie dauert kurze Zeit; genesen gänzlich
Kann ich nur dann, wenn seine Fackel senkt
Der andre Bruder, der so ernst und bleich. –
Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich
Das beste wäre, nie geboren sein.
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titel

Mac Barnett: „Extra Garn
mit Illustrationen von Jon Klassen
Aus dem Englischen von Susanne Lin
Verlag Freies Geistesleben € 15,90

Jawoll! Ein weiteres Buch von Jon Klassen. Diesmal tritt er „nur“ als Illustrator in Erscheinung. Aber was für tolle Bilder. Wow! Kein Wunder stand das Buch auf der New York Times-Bestsellerliste und ist zudem Gewinner der Caldecott Honor 2013 und wurde mit dem Boston Globe-Horn Book Award ausgezeichnet. Was will man mehr. Ich finde: Zu Recht. Jon Klassen spielt immer in der Champions League.
Vor Kurzem hatte ich hier auf dem Blog das Buch von ihm vorgestellt, in dem der kleine Fisch dem großen Fisch den Hut klaut und meint, er sei so schlau, dass der Große ihn nie finden wird. Zuvor wurde doch dem Bären der Hut gemopst. Diesmal wird allerdings nichts weggenommen, sondern es kommt immer mehr dazu. Gut, es ist vielleicht noch nicht die Jahreszeit dafür, aber die kalten Herbsttage stehen in den Startlöchern und der Winter kommt bestimmt. Hier nun zum Inhalt:
Annabelle wohnt in einer kleinen, grauen Stadt, in der alles weiß von Schnee, oder schwarz von Ruß ist. Da findet sie eine kleine Truhe voll mit Wollgarn in allen Farben. Annabelle geht nach Hause und strickt sich einen Pulli, aber es ist immer noch Garn übrig. Also bekommt ihr Hund Mars auch einen. Aber: Es ist immer noch Garn übrig. So bekommen innerhalb kürzester Zeit alle Freunde, Nachbarn und Mitschüler einen Pulli.

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Nur Herr Pflaume nicht. Der trägt nämlich auch im tiefsten Winter nie einen und hat immer kurze Hosen an. Aber er hat keine Mütze. Naja, hatte keine. Annabelle strickt ihm nämlich eine. Nachdem alle Menschen und auch alle Tiere (sehr lustig anzuschaun) bestrickt worden sind (und immer noch Garn übrig ist) bekommen Dinge einen Pullover, die sonst nie einen haben.

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Briefkästen, Vogelhäuser, richtige Häuser, Türme und ganze Kirchen. Auch Bäume und Sträucher leuchten in den bunten Farben von Annabelles nie ausgehendem Garn.

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Davon bekommt auch ein Großherzog zu hören. Er macht sich mit seinem Schiff sofort auf den Weg, um der kleinen Annabelle die Holzkiste mit dem Garn abzukaufen. Die Kleine geht aber auf das Angebot von einer Million nicht ein. Auch beim letzten Angebot von zehn Millionen sagt sie nein.

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So schickt der Großherzog nachts drei Räuber los, um die Holzschatulle zu stehlen. Jetzt muss ich aber aufhören, sonst kennen Sie ja schon die ganze Geschichte. Aber Sie ahnen sicherlich, dass das alles gut ausgeht.
Mac Barnetts Geschichte und Jon Klassens Illustrationen sind so stimmig und liebevoll, dass einem fast das Herz überläuft. Wir erkennen bei den Tiere immer wieder welche, die in seinen anderen Bilderbücher vorgekommen sind und wissen nun, wo sie wohnen. Und das mit dem Strickgarn ist doch ne tolle Geschichte. Hoffentlich haben Sie in der Familie auch eine Oma oder Tante, der die Wolle nie ausgeht und von der Sie immer zu Nikolaus ein Pärchen Socken bekommen. Ein Traum, wenn dem so ist.
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humansofnewyork

Gefunden bei humansofnewyork.tumblr.com
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Heute abend um 19 Uhr Jastrams „Erste Seite“
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Neue Bilder aus der Jastramwelt auf jastram.tumblr.com

Freitag

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Heute wurde Ernesto „Che“ Guevara geboren (* 1928)
Und heute, im Jahre 1979, ist Ernst Meister gestorben.

Ernesto „Che“ Guevara

Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.
Seamos realistas y hagamos lo imposible.

Der Buchtipp des Tages:

Bienek

Horst Bienek: „Workuta
Hg. und mit einem Nachwort von Michael Krüger
Wallstein Verlag € 14,90

„(…) Es war still im Saal. Keiner wagte weiter zu sprechen. Nun stand der Mann doch auf. Er sagte: Sie haben viele Bücher geschrieben, haben wir gehört. Warum haben Sie nicht über Workuta geschrieben?

Dieses Zitat stammt von ziemlich am Anfang des schmalen, nur 79 Seiten starken Büchleins (inl. des Nachwortes von Michael Krüger). Es nimmt Bezug darauf, dass 1990 Bienek aus seinem Buch „Die Zelle“ vorliest. Einer Ausgabe, die der Hanser Verlag nur mit einem neuen Umschlag versehen hat. Innen ist noch das DDR-Impressum. Und während der Veranstaltung melden sich immer Menschen zu Wort und erzählen von ihrer Zeit in den Gefängnissen und Lagern und dass sie Bienek wohl da und dort im Lager getroffen hätten und warum er nicht darüber schreibt. Doch es war zu spät. Mehr als diese wenigen Seiten, die in der Gottfied Wilhelm Leipniz Bibliothek Hannover gefunden wurden, hat er nicht mehr geschafft, bevor er noch im selben Jahr an Aids gestorben ist.
1951 wurde der 21jährige Schriftsteller Horst Bienek in Ostberlin verhaftet und wegen angeblicher Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt. Etwa drei Jahre verbrachte er in Workuta, nördlich des Polarkreises, bis er 1955 nach Westdeutschland entlassen wurde. Nun sind diese Aufzeichnungen aus dem Gulag, aus den Lagern nichts mehr Neues. Auch die mehrbändige Ausgabe von Schalamow hat zum Bekanntwerden dieses eigenen Kosmos beigetragen. Was doch immer wieder beeindruckend ist, wie ein junger Mensch unschuldig ins Getriebe der Justiz (welche Justiz eigentlich) gerät und keine Chance hat, von dort jemals wieder heil herauszukommen. Bienek berichtet über die Verhöre, die eigentlich gar keine sind, er schreibt über seine Urteilsverkündung und Bespitzelung in der Zelle. Auch die wochenlange Fahrt in Zügen nach Sibirien nehmen einen großen Anteil an dem Text ein. Und immer merken wir, wie surreal das Ganze ist, wenn es nicht so wirklich gewesen war und in vielen Orten der Welt noch zur Tagesordnung gehört. Denken wir nur an die Willkür in der Türkei, wo gerade viele Rechtsanwälte, die sich im Streik befunden haben, festgenommen worden sind.
Frei gekommen ist Horst Bienek durch die Moskauer Vereinbarungen unter Konrad Adenauer und arbeitete danach im Rundfunk und als Lektor und widmete sich in seinen Büchern seiner schlesischen Kindheit.
Was am Ende des Buches doch sehr verwundert, ist, wie sich Bert Brecht und Helene Weigel ihm gegenüber verhalten haben, als sie erfuhren, dass er verhaftet worden ist. Wichtig zu wissen ist, dass Hort Bienek Brechts Meisterschüler war.
Bertolt Brecht hat sich als Reaktion auf die Verhaftung in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen – um nicht Stellung beziehen zu müssen, während Helene Weigel gesagt haben soll: „Vielleicht war Bienek doch ein amerikanischer Spion. Man verhaftet doch bei uns nicht so einfach unschuldige Leute.“
Sprachlos lässt mich das werden und damit erhält das Buch noch mehr Gewicht.
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Er heisst wirklich Rembrandt
Er heisst wirklich Rembrandt