Mittwoch,24.Oktober

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Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag.
Herzlich Glückwunsch zum Festtag, liebe Zsuzusa Bánk.
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Gerrit Engelke
Herbst

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage,
Vom Zeitwind weggeweht.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,
Ob draußen tost Vergänglichkeit,
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Stadt dampft heiß in Unrast ohne Zeit.
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Die Kalender 2019 sind ausgepackt.

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Deutsche Gedichte 2019
Harenberg Verlag € 12,99

Was würde ich ohne diesen Abreisskalender machen?
Täglich freue mich darauf und benutze die Gedichte oft für den Jastram Blog.
313 deutschsprachige Gedichte, vom Barock bis in die Gegenwart, sind hier versammelt. Leider manchmal nur als Auszüge. Aber der Platz auf dem kleinformatigen Kalender ist einfach begrenzt.

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Untitled

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Mittwoch, 31.Januar

Heute haben
Marie Luise Kaschnitz * 1901
Benoite Groult * 1920
Kurt Marti * 1921
Norman Mailer * 1923
Kenzaburo Oe * 1935
Geburtstag
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Heute auf dem Duden Gedichtekalender:

Gerrit Engelke
Ich will heraus aus dieser Stadt

Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
Draußen – weit –
Und Wald und Winterfeld und Wiesengarten
Voll Gotteinsamkeit –

Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
So lange schon –
Daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt
Den Ewig-Ton –

Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
Daß Ebenen, Gebirge wellen
In meine Träume –

Die Winterberge, meine Berge tönen –
Wälder sind verschneit –
Ich will hinaus, mit Euch mich zu versöhnen,
Ich will heraus aus dieser Zeit,

Hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus –
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
Locken mich hinaus!

Bald hab ich diese Straßenwochen,
Bald diesen Stadtbann aufgebrochen
Und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
Ziehe selig in die Welt!
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Claudia Wiltschek empfiehlt:

Brink

H.M.van den Brink:Ein Leben nach Maß
Aus dem Niederländischen von Helga Beuningen
Hanser Verlag € 19,00

Als junge Burschen treten Karl und der Erzähler dieses Romanes das erste Mal durch die dicke Tür des alten Eichamtes, schleichen erwartungsvoll die nicht besonders einladenden Flure entlang um Ihren ersten Arbeitstag als Messgehilfen anzutreten. Als Gehilfen sind sie den Messbeamten untergeordnet und sind ab nun für die weniger
beliebten Aufgaben zuständig : Die meisten Kunden sind mürrische Händler, die verpflichtet sind ihre Messgeräte überprüfen zu lassen, oft alte, verschmutzte, gar nicht mehr zulässige Waagen, die vor der Prüfung erst mal gesäubert werden müssen. Beide junge Männer teilen sich lange Jahre ein Bürozimmer, bis sie zu Messbeamten
aufsteigen, viel über weites holländisches Land fahren dürfen und ihre Arbeit nicht nur im muffigen Büro erledigen müssen. Karl ist ein leidenschaftlicher Messer und Wieger, der ein ebenso exaktes berechnendes Leben führt.
Die Zeit schreitet voran, es werden keine Gewichte mehr gebraucht und die digitale Waage hat sogar auf dem Wochenmarkt ihren Platz gefunden. Nun wird auch Karl nicht mehr gebraucht, einer der sich nicht mit dieser Entwicklung abfinden wollte und über dessen Leben eigentlich niemand so recht Bescheid weiss. Der Tag seiner Verabschiedung kommt, die Tische sind gedeckt, die Gläser zum Anstossen bereit, aber einer taucht nicht auf und das ist Karl.
Ein ruhiger, sprachlich sehr schöner Roman über den Wandel der Zeiten.

5 Fragen an …
Hans Maarten van den Brink

Die Hauptfigur in Ihrem neuen Roman Ein Leben nach Maß ist ein Eichbeamter. Wie sind Sie ausgerechnet auf das Thema des Eichwesens gekommen?
Eine Geschichte beginnt bei mir immer mit einem Bild und etwas Abstraktem, einer Idee. Als Kind habe ich oft im Laden gestanden, gewartet, bis wir bedient wurden, und dann fasziniert die Waage beobachtet, auf der die Bestellungen abgewogen wurden, das Spiel mit den Gewichten und dem Zeiger, bis man den Preis festlegen konnte. Einen Supermarkt gab es damals noch nicht in unserem Dorf. Unerhört die Idee, dass man die Ware selbst anfassen dürfte! Als ich dann etwas älter war und lesen konnte, sah ich, dass auf jeder Waage ein Schildchen mit dem Eichzeichen klebte – und seitdem habe ich mich gefragt, wer diese geheimnisvollen Männer denn sind, wie sie aussehen und wie sie ihre Kontrolle durchführen. Dazu kam sehr viel später eine ziemlich abstrakte, eigentlich politische Vorstellung von der Ethik der Beamten, von der gesellschaftlichen Stabilität, die sie gewährleisten als Gegengewicht zum Opportunismus der Politik. Es stellte sich heraus, dass die Geschichte von Kilo und Meter und vom Eichwesen eine richtige Fundgrube war, wunderbar zum Recherchieren. Aber eine gute Recherche macht noch keinen guten Roman, das Sammeln von Fakten ist ja oft eher eine Ausrede, um nicht zu schreiben, jedenfalls bei mir. Die Geschichte konnte erst entstehen, als ich die zwei Hauptfiguren vor mir sah – und dann haben diese zwei das Ganze übernommen und es entstand etwas, das nicht geplant war, etwas Rätselhaftes und sehr Menschliches, das eher einen Gegensatz bildet zu all dem Eindeutigen und Klaren, wofür das Eichwesen steht. Also: ein Roman.

Der Eichbeamte Karl Dijk, der zu seiner eigenen Verabschiedung nicht erscheint, ist ein sehr eigensinniger Charakter. In seiner Prinzipientreue bewundernswert, aber auch erschreckend. Wie sehen Sie ihn?
Ich glaube, ich bewundere seine Haltung. Er scheint mir eine tragische Figur zu sein. Wie Don Quijote, den ich ja gleichfalls bewundere. Prinzipien sind ja auch nur Verabredungen. Ein Kilo ist nicht immer ein Kilo, und ein Meter misst manchmal etwas weniger oder etwas mehr. Als Dijk seine Karriere anfing, 1961, war Stabilität ein Verdienst; heute gilt umgekehrt Flexibilität als etwas sehr Erstrebenswertes. Ob Dijk sich selbst auch als tragisch empfindet, wissen wir nicht. Wir sehen ihn ja nur durch die Augen seines langjährigen Kollegen, des Erzählers. Und je länger dieser Erzähler über Karl Dijk nachdenkt, desto unsicherer wird er hinsichtlich seiner Beobachtungen, seiner eigenen vernünftigen Anpassungsbereitschaft, seiner Identität. Um etwas genau zu vermessen, braucht man immer etwas Stabiles, etwas, das sich nie ändert – einen Maßstab, an dem gemessen wird. So was gibt es aber nicht, wenn man zwei Menschen vergleicht.

Der Erzähler ist eine Art Gegenpol zu Karl Dijk. Steht er Ihnen persönlich näher als der Mann mit dem deutschen Vornamen?
Ich kenne Dijk genauso wenig wie er. Ich staune immer über Leute, die korrekt und stabil erscheinen, so voller Selbstvertrauen. So bin ich nicht. Zweifel ist der Grundton meiner Existenz. Ich habe in meinem Leben schon so oft meine Meinung geändert – und habe gesehen, wie schnell und wie oft sich die Stimmung und die Meinungen in unserer Gesellschaft ändern und wie schnell man dann vergisst, was man gestern noch für selbstverständlich und wahr hielt. Wüsste ich ganz genau und für immer, wie die Welt funktioniert, dann wüsste ich auch von jeder Geschichte, wie sie endet. Und dann bräuchte ich sie nicht mehr zu schreiben.

Die Welt der 60er-Jahre, als es noch den Milchmann, den Schlachter und den Tante-Emma-Laden gab, wird im Roman so liebevoll beschrieben, dass man fast nostalgisch werden kann. Glauben Sie, die Zeiten waren damals besser?
Nostalgie empfinde ich fast als eine Krankheit, und zwar nicht immer als eine unschuldige. Besser war es damals höchstens in der Hinsicht, dass ich selbst zu dieser Zeit viel jünger war. Dass ich das alles noch einmal beschreiben wollte, hat einfach damit zu tun, dass es diese Dinge gab und dass sie so viel bedeutet haben für den Milchmann und den Ladenbesitzer, der vielleicht sein ganzes Leben mit ihnen verbracht hat – und auch für den Eichbeamten, den die beiden wahrscheinlich als ihren Feind ansahen. Jetzt sind alle diese Leute, ihre Umgebung, ihre Arbeit nicht mehr da. Die kleinen Läden geschlossen, das Eichwesen privatisiert. Also ist alles umsonst gewesen? Das glaube ich nicht. Aber dass heute alles besser ist, glaube ich genauso wenig. Der Schnee vom vergangenen Jahr war kein besserer Schnee, aber er war nun einmal da, als ich jung war, ich hab ihn gesehen, er gehört zu mir, zu meinen Erinnerungen, und im Schreiben halte ich ihn noch einmal fest.

Uhren spielen eine große Rolle in diesem Roman. Meistens gehen sie falsch. Ist Ein Leben nach Maß auch ein Buch über das Vergehen der Zeit?
Alle Romane handeln vom Vergehen der Zeit. In diesem Fall geht es insbesondere um ein Spiel mit Zeit und Raum. Wir kennen das Gefühl, wenn man zum Beispiel einen altmodischen Laden betritt und sagt: „Es scheint, als wäre die Zeit hier stehen geblieben.“ Das scheint nicht nur so, das ist auch so. In Holland spricht man noch immer über die revolutionären 60er-Jahre, als sich so vieles veränderte, als man freier und toleranter wurde. Aber in großen Teilen der Niederlande fingen diese legendären 60er-Jahre erst 1978, 1998 oder sogar erst 2010 an. Ebenso sind gewisse Umgebungen, die sich längst verändert haben, für mich noch immer sehr konkret; ich sehe Häuser, die es nicht mehr gibt; ich weiß, wie sie von innen aussehen, und von den Häusern, die jetzt da stehen, weiß ich es nicht. Die letzteren sind also die Chimären, nicht die verschwundenen. Und so geht es mir auch mit Personen, von denen ich weiß, dass sie gestorben sind, die für mich aber noch immer viel realer anwesend sind als Leute, denen ich tatsächlich auf der Straße begegnen kann – weil ich ihre Stimmen noch höre und in manchen Fällen noch weiß, wie sie gerochen haben. Ein faszinierendes Buch von Karl Schlögel heißt Im Raume lesen wir die Zeit. Das Umgekehrte ist auch wahr.

Leseprobe
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Jetzt ist es sicher:
Mariana Leky kommt am Freitag, den 7.September ins Roxy.

Dienstag, 24.Oktober

Heute haben
Dorothea von Schlegel * 1764
August von Platen * 1796
Zsuzsa Bánk * 1965
Geburtstag.
Herzlich Glückwunsch zum Festtag, liebe Zsuzusa Bánk
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Gerrit Engelke
Herbst

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage,
Vom Zeitwind weggeweht.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen,
Ob draußen tost Vergänglichkeit,
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Stadt dampft heiß in Unrast ohne Zeit.
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Unser Musiktipp der Woche:

Avital Meets Avital
Deutsche Grammophon CD € 19,99

Nicht verwandt und nicht verschwägert, spielen die beiden Namensvetter Avi und Omar Avita, der eine aus Israel, der andere aus den USA, eine gelungene, kurzweilige Melange unterschiedlicher Stile und Kulturen ein. Avi mit der Mandoline und Omer am Bass wandeln zwischen Klassik und Jazz. Westliche Musik verbindet sich mit marrokanischen Beats. Tradition und Moderne fügen die Beiden zu einem großen Ganzen zusammen. Kennen wir Avi Avital bisher als Interpret klassiker Musik, so können wir ihn nun auch von seiner anderen Seite kennen.
Aber warum so viele Worte verwenden, wenn wir so tolle Musikbeispiele haben.
Buon divertimento.

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Morgen ist es so weit:

Mittwoch, 25.Oktober um 19 Uhr
Gabriele Glang: Göttertage
Moderation: Christiane Wachsmann
Bei uns in der Buchhandlung
Der Eintritt ist frei.

Mit einem Vorwort von Sibylle Knauss
»Paula Modersohn-Becker oder Das Ringen einer großartigen jungen Künstlerin um ihre Anerkennung in der von Männern geprägten Kunstwelt. In diesen fiktionalen lyrischen Monologen findet es seinen Ausdruck. Heute ist ihr Weltrang längst offenbar und unbestritten. Den Rang der Lyrikerin Gabriele Glang gilt es jetzt zu entdecken.«
Sibylle Knauss

Paris, Februar 1906: Die wenig erfolgreiche Malerin Paula Modersohn-Becker verlässt mit Anfang 30 ihren Künstlergatten Otto Modersohn, um sich in der flirrenden französischen Kunstmetropole neu zu erfinden. Nach sechs Jahren unbefriedigender Ehe ist sie der engstirnigen Worpsweder Künstlerkollegen überdrüssig. In der großen Freiheit soll endlich etwas aus ihr werden …

Mit ihren fiktionalen Monologen schlüpft die Lyrikerin und Malerin Gabriele Glang in die Haut der Paula Modersohn-Becker während ihres letzten Paris-Aufenthalts – ein halbes Jahr voller Höhen und Tiefen, in dem sie vollendete Bilder schafft. Ein Jahr später, drei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter, stirbt sie.