Mittwoch

Heute haben
Giorgio Vasari * 1511
Emily Bronte * 1818
Dominique Lapierre * 1924
Renate Feyl * 1944
Patrick Modiano * 1945
Geburtstag
und halt auch noch
und Jürgen Klinsmann * 1964
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Der Buchtipp für heute, passt vielleicht auch zum Schulschluss in Baden-Württemberg. Der vorbildliche Mirco Watzke lebt auch auf ein wichtiges Ereignis in der Schule hin, aber der Fall der Mauer macht ihm ein Strich durch die Rechnung.

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Mawil: „Kinderland“
Reprodukt € 29,00

Einfach grossartig was Mawil hier in dieses dicke Buch gepackt hat. Über 290 Seiten, voll mit Comic-Bildchen. Wie er den kleinen, vorbildlichen Schüler Mirco („Mirgo“, wie ihn seine sehr kleine Schwester nennt) darstellt, ist einach toll.

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Wir befinden uns in der DDR des Jahres 1989. Micro lebt einer Familie, die christlich orientiert ist. In der Kirche ministriert er auch ab und an. Gleichzeitig ist er natürlich im ganz normalen DDR-Alltag integriert. FDJler in der Schule prägen den Alltag um ihn herum. Bis eines Tages ein Mitschüler auftaucht, der in die Parallelklasse kommt. Er ist anders. trägt auch keine Uniform bei Festtagen, benimmt sich anders. Obwohl er einen Kopf größer als Mirco ist, hilft er ihm, als Mirco sich mit dem Bus verfahren hat und er zu spät in die Schule kommt. Mawil packt immer wieder witzige Momente, berlinerische Sprüche in seine Bilder. Und gerade der neue Mitschüler hat einen wilden Slang drauf. Zwischen den beiden entwickelt sich eine schöne Freundschaft und als Mirco Probleme mit den älteren Schülern bekommt, steht ihm immer wieder der Neue bei.
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Mawil malt für uns diese Wochen und Monate vor dem Mauerfall wie ein normaler Sommer. Mirco hört zwar immer wieder von „Rübermachen“, Schüler tauchen nicht mehr auf und sogar Lehrer bleiben vom Unterricht fern. Als Mirco seine Russischlehrerin besucht (eine ganz harte in der Schule), sehen wir, wie sie gerade noch rechtzeitig das Westfernsehen ausschaltet und den „Spiegel“ versteckt. Doch all dies bekommt er gar nicht mit. Für ihn entwickelt sichdas Tischtennisspielen zu seinem Lebensmittelpunkt. Hier kann er es den Großen zeigen. Das geht sogar so weit, dass seine Mitschüler ihn dazu auswählen, ein Turnier zu organisieren. Alles gar nicht so einfach, wenn in der Schule nur eine Platte, aber keine Netz vorhanden ist und wenn Bälle Mangelware und „Kellen“ durch Bücher ersetzt werden. Aber es kommt mal wieder anders. Wie so oft im Leben. Die Mauer fällt und Mircos Eltern fahren für einen Tag nach Westberlin. Mirco ist sauer, gekränkt – kann er doch am Turnier nicht teilnehmen. Er findet jedoch in einem Kaufhaus einen Tischtennisschläger und kauft sie seinem Freund.

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Mawil schafft es in seinen vielen Bildern eine warmherzige, freundliche, freche und ehrliche Geschichte zu erzählen, die vor 25 Jahren hier in Deutschland passiert ist. Eine Jungenfreundschaft, eine Entwicklungsgeschichte und eine entscheidende Situation in der deutschen Geschichte, die von den Schülern gar nicht, oder nur am Rande bemerkt worden ist.

Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.

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Mittwoch

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Ich glaube, ich brauche einen Geburtstagskontrolleur.
Gestern habe ich schon wieder die Termine vertauscht.
Heute haben Primo Levi und Martin Mosebach Geburtstag.
Gestern hatte Emily Bronte * 1818
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Karl-Markus Gauß:Das Erste, was ich sah
Zsolnay Verlag € 14,90
als eBook € 11,99

„Die Stimme, wie lange spricht sie schon? Sie kommt aus dem dunklen, mit gerippten Plastikknöpfen bestückten Kasten, der zwischen den zwei hohen Buchregalen steht und ein quer laufendes, grünlich leuchtendes Band hat.“
So beginnt diese Erinnerungsbuch seiner Kindheit.
Karl-Markus Gauß kennen wir als großen, hochdekorierten Erzähler aus und über den Donauraum. Er schreibt über die Hundeesser von Svinia, über sterbende Europäer, aber auch über die Zimbern in den italienischen Alpen, oder die Sorben in Ostdeutschland. Er kümmert sich um die Wiederentdeckung wichtiger Literatur aus Osteuropa und fördert sie durch Vor- und Nachworte. Gauß bleibt in seinen „Reisebeschreibungen“ immer sehr nahe bei den Menschen. Er erzählt uns Alltäglichkeiten und kleine Details, aus denen wir uns dann ein großes Ganzes zusammenbasteln können, aus denen sich ein kompletter Kosmos ergibt. Ich denke, dass seine Buchverkaufszahlen nicht enorm sind. Umso mehr möchte ich hier Trommel für ihn rühren. Lesen Sie Gauß, es wird Ihnen gefallen.
Nun aber zurück zu seinem neuen Buch, einem dieser „I remember“-Bücher, die hier auf diesem Blog immer wieder auftauchen. Es sind jeweils kurze Artikel von drei, vier Seiten. Wir lesen über die vielen Umsiedler, Kriegsflüchtlinge, die in seinem Wohnblock wohnen und in der Mehrheit sind, gegenüber den in Österreich Geborenen. Gauß schriebt über die verschiedenen Dialekte: Guchen und Gäggsä für Kuchen und Kekse. Dirol, Dürgei,Babsd, Bedersblads. Er schreibt über die abendlichen Besuche von Bekannten, bei denen er als ganz Kleiner auf dem Schoß seiner Mutter teilnehmen durfte und wie dann immer mehr getrunken wurde, wie die Stimmen immer lauter und bedrohlicher wurden. Es standen dann Worte wie Kommunist im Raum, mit denen er nichts anzufangen wußte.
„Ich liebte das Aufwachen um des Weiterschlafenswillen. Wenn die Sonne hinter dem Gaisberg aufging, kitzelte sie mich in der Nase, ich öffnete die Augen und sah, wie über die jetzt noch dunkle Bergkuppe, die tagsüber eine blaue Farbe annham, die ersten Strahlen fielen. … Herrlich aber war es, früh am Morgen zu erwachen und es nach einem Blick hinaus in den beginnenden Tag für ein, zwei Stunden noch einmal mit dem Schlafen und Träumen zu probieren; oder mich gar in dem Zustand zu halten, der der kostbarste war und halb zum Schlaf, halb zum Wachen gehörte, ein Zustand, in dem ich es manchmal zu einer Art von vorsätzlichem, gesteuertem Träumen schaffte.“
Er schreibt darüber, wie sie sich als Kinder vor der Haut auf der Milch ekelten und wie sein Vater sie dann stumm mit der Gabel herausfischte. Oder wie er versuchte, sich den Schorf vom Knie zu puhlen. So lange, bis dann doch wieder Blut kam. Immer in der Angst, dass dann am nächsten Morgen ein roter Ring um die Stelle herum zusehen sein und ihn eine Blutvergiftung hinwegraffen wird. Für solche Fälle wünscht er sich unter dem Bolzplatz hinter dem Haus beerdigt zu werden. Es geht aber auch um Bücher. Es gab zwei Sorten davon im Haushalt. Die einen, bei denen er seine Geschwister beim Lesen stören durfte (die rote Reihe mit einem bestimmten Kommissar zum Beispiel). Diese wurde aus der Bibliothek ausgeliehen. Dann aber die anderen Bücher, bei denen eine Störung nicht erlaubt war und die auch in denen eigenen Buchregalen blieben. Das waren dann z.B. die russischen Romane.
Das letzte Kapitel handelt von einer schweren Erkrankung, die ihn einen ganzen Sommer lang ins Bett fesselte. Eine Lungenenzündung usw. ließ ihn schwitzend unter den Dekcen zurück, während deine Freunde draußen kickten. Seine deutlich älteren Schwestern betreuen ihn, lesen vor und spielen mit ihm; seine Mutter bekocht ihn mit dem Besten, was sie hat. Aber es kommt noch etwas Wichtiges hinzu:
„Denn etwas war in den zwei Jahren zuvor geschehen, das mein Leben veränderte und ihm die Richtung wies: Ich konnte lesen.“
Jetzt haben Sie den ersten und den letzten Satz dieses Buch gelesen und einen kleinen Überblick über die Seiten dazwischen bekommen. In der Leseprobe gibt das das komplette erste Kapitel (das mit dem Radio).
Leseprobe.

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