Samstag

Also wenn diese schreckliche Hintergrundsfarbe keinen Frühling herauszaubert, dann weiss ich auch nicht.
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Erich Mühsam * 1878
Leonora Carrington * 1917
Günter Herburger * 1932
Friedrike Roth * 1948
haben heute Geburtstag.
Nicht zu vergessen:
Raffael * 1483
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Zum Wochenende hin gibt es mal ein richtiges Quatschbuch.
Bildergeschichten ohne Text. Biographien in Zeichen.
Mal ganz leicht, mal sehr schwer.
Die beiden Autor schreiben in einem klitzekleinen Vorwort, dass es für dieses Buch kein Vorwort braucht und auch keine Gebauchsanleitung. Dann schreiben sie aber doch, welche Methoden des Lesens und Anschauen es gibt.
Sie geben den einen oder anderen Tipp, den das Buch (laut deren Meinung) gar nicht benötigt und wünschen dann viel Spaß.
Den wünsche ich Ihnen auch.

Sekunden

Matteo Civaschi und Gianmarco Milesi:
Das Leben in 5 Sekunden
200 Biographien von Gott bis Pippi Langstrumpf
Scherz Verlag € 14,99

Mit den Biographien von Che Guevara, Cinderella, Al Capone, Dracula, Mozart, George W. Bush, Jimi Hendrix, Superman, Mark Zuckerberg, Harry Potter, John Travolta, Einstein, Elvis Presley, Mutter Teresa, Michael Jordan, Caesar, Alien, Beethoven, Jack the Ripper, Hannibal Lecter, Dschingis Khan, Moses, Moby Dick, Satan, Tiger Woods, Picasso, Batman, King Kong, Gott und vielen anderen mehr.

Lust auf mehr: Dann finden Sie in dem Buch noch weitere 193 Biografien.
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Die Kirchentreppe
Per aspera ad astra. Steil wie eine Himmelsleiter führte sie in die Höhe, die Steintreppe zu Füßen der evangelischen Kirche in Jungingen, fast senkrecht hinan zum Gotteshaus. Und Sonntag für Sonntag wurde sie erklommen, schwitzend und schnaufend oder leichtfüßig, je nach Alter und Gesundheit, von einer mal zahlreicheren, meist jedoch eher kleinen Gemeinde zum Dienst am Herrn. Beschwerlich war der Weg nach oben, keine Frage, über die von vielen Generationen und aber Generationen schief getretenen Steinstufen, gefährlich auch, im Winter zumal, wenn Schnee und Eis den Weg unsicher machten, sodass manch ein gebrechliches Weiblein auf den glitschigen Stufen nur knapp und mit Gottes Hilfe einem schmerzhaften Unfall oder Schlimmerem entrann.
Nach dem Gottesdienst am Fuß der Treppe, wenn die Gemeinde sich noch austauschte, lachend sich Neuigkeiten zuwarf, wirkten alle heiter und erleichtert, als wären sie froh aus der bisweilen schwindelerregenden geistigen Höhe des Glaubensbekenntnisses über die schwierige Treppe wieder heil herabgestiegen zu sein, um nun reineren Gewissens und flotteren Schrittes einem frugalen Mahl entgegen zu eilen.
In ihrer Art war diese Treppe das beste Bild für den Einzug ins Himmelreich und die beste Vorbereitung für die sonntägliche Zeremonie, denn Christ sein ist kein Spaziergang, nichts für Spaßvögel oder Hedonisten. ‚Strengt Euch an!’ schien sie ihren Bezwingern zuzurufen. ‚doch seht euch vor, denn wie leicht könntet ihr fallen auf Eurem Weg!’.
Das Beschwerliche aber wurde unmodern, die Gefahr sollte aus dem Leben verschwinden, auch die Lahmen und Alten sollten sicheren und bequemen Schrittes den Aufstieg bewältigen und so schlängelt sich nun, statt der alten, steilen Steintreppe mit den Spuren unserer Urväter, ein Serpentinenpfad aus grauem Kopfsteinpflaster in sanfter Steigung den Kirchhügel hinan, gemütlich wie ein Wanderweglein in den sonnigen Bergen der Toskana. Der Weg ist etwas länger geworden, wie unser irdisches Dasein länger geworden ist und symbolisiert mit seinen Kehren und Kehrtwendungen statt des oben leuchtenden Seelenheils nun vielleicht mehr die Ab- und Umwege, denen wir bisweilen folgen auf unserem steinigen Pfad durchs Leben.

Aus Bernd Schmitt: „Lückentexte“. Mit Illustrationen von Dorothea Grathwohl.
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Herr Steidl bereitet einen Ausstellung in Barcelona und philosophiert nebenbei über’s Büchermachen.
Sehr speziell.

Samstag

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Heute haben Geburtstag:
Paul Verlaine * 1844
Sean O’Casey * 1880
Jean Giono * 1895.
Vor 160 Jahren wurde Vincent van Gogh geboren
und dies sind  auch noch Geburtstagskinder:
Céline Dion (45)
Wolfgang Niedecken (62)
Norah Jones (34)
Friedrich Wilhelm Raiffeisen (195)
Eric Clapton (68)
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Hier eine weitere Erzählung aus Bernd Schmitts Buch: „Lückentexte“, das bei uns im Laden erhältlich ist.
Die obigen Illustration von Dorothea Grathwohl finden Sie auch darin.

Georg Keifert
Er stand bereits in seinem neunten Lebensjahrzehnt, doch man konnte ihm eine gewisse Rüstigkeit nicht absprechen. Klein und hager durchfuhr er das Dorf in allen Richtungen auf seinem schweren, schwarzen Herrenfahrrad. Seine Augen waren nicht zu erkennen hinter den dicken Brillengläsern und so wirkte er immer ein wenig abwesend-autistisch, wenn er so gemächlich an einem vorüberglitt, vielleicht sogar ein kleines bisschen gespenstisch, denn bedenke ich es recht, so sah ich ihn eigentlich nie aufsteigen auf sein Rad noch absteigen, geschweige denn je zu Fuß daherkommen.
Bei jeder unserer seltenen Begegnungen schien er zwar noch ein wenig hagerer geworden zu sein, kleiner auch, so dass seine Füße bald kaum mehr die Pedale erreichen würden und seine stets aufrechte Haltung hatte allmählich etwas leicht Windschiefes bekommen, doch da er immer denselben blauen Arbeitsanzug trug, seine immergleiche Mütze auf dem Kopf und die Brille vor dem Gesicht hatte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er seit dem letzten Treffen überhaupt nicht abgestiegen war, sondern unablässig sein Fahrrad durchs Dorf rollte, wie Sisyphos seinen Stein den Berg hinauf.
Wer weiß, was diesen Junginger Ahasver eines Tages erlöst hat.
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weiss

Kenya Hara: „Weiss“
Lars Müller Publishers € 25,00

„Weiss“ ist kein Buch über Farbe. Es ist vielmehr ein Versuch des Autors, das Wesen von Weiss zu ergründen, das er eng mit der Quelle der japanischen Ästhetik verbunden sieht, die für Einfachheit und Feinheit steht. Leere und das vollkommene Nichts sind die zentralen Begriffe, die in dieser Publikation diskutiert werden. Kenya Hara betrachtet seine Arbeit als Designer als eine reine Form von Kommunikation. Gute Kommunikation zeichnet sich durch gegenseitiges Zuhören aus, statt dem Gegenüber seine Meinung aufzudrängen. Diese Form der Verständigung wird von Kenya Hara mit einem «leeren Gefäss» verglichen. Ebenso gibt es in der visuellen Kommunikation Zeichen, deren Bedeutung begrenzt ist, aber auch Zeichen wie das Kreuz oder den roten Kreis auf der japanischen Flagge, die wie leere Gefässe, jede Beutung zulassen und der Vorstellung keine Grenzen setzen. Nicht nur die Tatsache, dass das japanische Schriftzeichen für Weiss Bestandteil der Schriftzeichen für Leere ist, haben ihn veranlasst, die Farbe Weiss in eine enge Verbindung mit dem Zustand der Leere zu setzen. Das Buch bietet einen persönlichen Einblick in die Philosophie des erfolgreichen Designers und Autors von „Designing Design“.

„Wir scheinen heute eine Rationalisierung der Sinne zu erleben. Die Kunst der Verfeinerung gerät in Vergessenheit, und die Aufmerksamkeit für Detail, Vertiefung und bedächtige Auseinandersetzung wird vernachlässigt. In seinem bestechend leichten Text über das Konzept «Weiss» stellt Kenya Hara sich dieser Tendenz entgegen. Seine persönliche Reise durch Konzepte, Objekte und Praktiken wie Leere, Papier und die japanische Teezeremonie eröffnet nicht nur ein Reich der gesteigerten Nuancierung und Verfeinerung. Indem er alltägliche Beobachtungen mit Reflexionen über die japanische Ästhetik und Sensibilität verbindet, verstärkt er zudem das Bedürfnis, unser Verständnis der Sinne kritisch zu revidieren. Dieses wichtige kleine Buch fordert damit die Simplifizierung heraus, die in die heutige Vorstellung von dem eingedrungen ist, was wir empfinden, erfahren und emotional verarbeiten können.“
Olafur Eliasson über „Weiss“

Das ist eines der Bücher, die einen schon von aussen überzeugen, das man unbedingt in die Hand nehmen will und wenn Sie angefangen ahben zu lesen, kommen Sie nicht mehr weg. Kenya Hara erwähnt daran auch das Buch „Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik“ von Junichiro Tanizaki, das sich gerade mit dem Dunkel(n) auseinandersetzt. Das Schattenbuch erschien vor 80 Jahren und Kenya Hara ist Jahrgang 1958 und somit eine umgekehrte Fortsetzung der Gedankenspiele.

„Wenn ich über Weiss spreche, spreche ich nicht über Farbe. Vielmehr habe ich mich bemüht, den jeweils kulturell bedingten Ursachen für unsere Empfindung von Weiss nachzuspüren. Kurzum: Ich habe versucht, im Umfeld von Weiss nach dem Ursprung für eine Ästhetikauffassung zu fahnden, die Einfachheit und Subtilität hervorbringt.

Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, kann es passieren, dass Sie Weiss nicht mehr einfach als Weiss betrachten werden, Das ist ein zeichen dafür, dass Sie eine feiner abgestuften Wahrnehmung entwickelt haben. Vermutlich wird Ihnen das, was wirklich Weiss ist, plötzlich noch leuchtender erscheinen. Je sensibler Sie Weiss wahrnehmen, desto feinfühliger werden Sie auch Schatten differenzieren.“
(Aus dem Vorwort)

Kenya Hara schreibt u.a., dass das chinesisches Schriftzeichen für Weiss gleich dem für ausgebleichten Tierschädelknochen ist. Da muss man erstmal draufkommen. Gleichzeitig vergisst man so einen Vergleich nicht mehr.
Im zweiten Kapitel schreibt er über Papier, über das Erfühlen mit den Fingern, das Herstellen und die verschiedensten Arten, die es gibt.
In Kapitel 3 geht es um den leeren Raum und das 4.Kapitel heisst: „Hin zum Weiss“.

Wenn Sie ein ruhiges, kluges Buch lesen wollen; ein schmales Buch über die japanische Ästhetik, die hier im Gegensatz zu unserer schnellen Welt steht, in der es nur blickt und piept, dann sind Sie hier genau richtig.
Ein Traum von einem Buch.
P.s. Schauen Sie mal raus und Sie sehen den Neuschnee mit ganz anderen Augen.

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Mehr österliche Winterbilder auf jastram.tumblr.com.
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Nicht vergessen.
Dienstag, 2.April (gleich nach Ostern) um 19 Uhr
in unserer Buchhandlung.
Clemens Grote liest aus vier neuen, alten Büchern.

Schöne Ostern wünscht Samy Wiltschek

Donnerstag

Heute haben
Maxim Gorki * 1868
Bohumil Hrabal * 1914
Mario Vargas Llosa * 1936
Geburtstag.
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Der Pinguin freut sich und Herr Star hält Wache
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Die SZ/NDR-Sachbücher des Monats April

Die Süddeutsche Zeitung und Norddeutscher Rundfunk haben wieder die besten Sachbücher des Monats ermittelt:

1. Götz Aly
Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte, S. Fischer Verlag, 348 Seiten, €22,99
2. Hermann Kurzke
Georg Büchner. Geschichte eines Genies, C. H. Beck Verlag, 591 Seiten, € 29,95
3. Pierre Bourdieu
Die männliche Herrschaft. Aus dem Französischen von Jürgen Bolder, Suhrkamp Verlag, 210 Seiten, € 19,90
4. Wolfgang Streeck
Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2012, Suhrkamp Verlag, 271 Seiten, € 24,95
5.-6. Richard von Schirach
Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe, Berenberg Verlag, 272 Seiten, € 25,00
Harald Welzer
Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, S. Fischer Verlag, 329 Seiten, € 19,99
7. Ulrich Pohlmann/Dietmar Siegert (Hg.)
Zwischen Biedermeier und Gründerzeit. Deutschland in frühen Photographien 1840-1890 aus der Sammlung Siegert, Verlag Schirmer/Mosel, 366 Seiten, 291 Farbtafeln, 31 Abbildungen, € 49,80
8. Benoît Peeters
Jacques Derrida. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Horst Brühmann, Suhrkamp Verlag, 935 Seiten, € 39,95
9.-10. Philipp Blom/Veronica Buckley
Das russische Zarenreich. Eine fotografische Reise 1855 – 1918, Brandstätter Verlag, 240 Seiten, € 49,90
Wolfgang U. Eckart/Michael Anderheiden
Handbuch Sterben und Menschenwürde, de Gruyter Verlag, 3 Bände, zusammen 2088 Seiten, € 249,00

Besondere Empfehlung des Monats April von Elisabeth von Thadden:
Claudia Kemfert, Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole, Murmann Verlag, 144 Seiten, € 14,90

Die Jury: René Aguigah, Deutschlandradio; Prof. Dr. Rainer Blasius, FAZ; Dr. Eike Gebhardt; Dr. Wolfgang Hagen, Daniel Haufler, Berli-ner Zeitung; Dr. Otto Kallscheuer; Petra Kammann, Guido Kalberer, Tages Anzeiger; Anke Kapels, New Scientist Deutschland; Elisabeth Kiderlen; Jörg-Dieter Kogel, Nordwestradio; Hans Martin Lohmann; Prof. Dr. Ludger Lütkehaus; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt

Quelle: http://www.buchmarkt.de
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Noch ein Text und eine Illustration aus dem Buch: „Lückentexte“ von Bernd Schmitt und Dorothea Grathwohl

Georg Keifert
Er stand bereits in seinem neunten Lebensjahrzehnt, doch man konnte ihm eine gewisse Rüstigkeit nicht absprechen. Klein und hager durchfuhr er das Dorf in allen Richtungen auf seinem schweren, schwarzen Herrenfahrrad. Seine Augen waren nicht zu erkennen hinter den dicken Brillengläsern und so wirkte er immer ein wenig abwesend-autistisch, wenn er so gemächlich an einem vorüberglitt, vielleicht sogar ein kleines bisschen gespenstisch, denn bedenke ich es recht, so sah ich ihn eigentlich nie aufsteigen auf sein Rad noch absteigen, geschweige denn je zu Fuß daherkommen.
Bei jeder unserer seltenen Begegnungen schien er zwar noch ein wenig hagerer geworden zu sein, kleiner auch, so dass seine Füße bald kaum mehr die Pedale erreichen würden und seine stets aufrechte Haltung hatte allmählich etwas leicht Windschiefes bekommen, doch da er immer denselben blauen Arbeitsanzug trug, seine immergleiche Mütze auf dem Kopf und die Brille vor dem Gesicht hatte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er seit dem letzten Treffen überhaupt nicht abgestiegen war, sondern unablässig sein Fahrrad durchs Dorf rollte, wie Sisyphos seinen Stein den Berg hinauf.
Wer weiß, was diesen Junginger Ahasver eines Tages erlöst hat.

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More Than Honey
Ein Film von Markus Imhoof
Endlich auf DVD € 14,99

Ein sehr hautnaher Dokumentarfilm, der in den Schweizer Bergen, in Österreich, in den USA, China und Australien spielt. Er zeigt ohne moralischen Zeigefinger, wie die Biene vom Wildtier zum überzüchteten Produkteinheit verändert worden ist. Somit erklärt sich für den Regisseur auch das massenhafte, weltweite Bienensterben. Nicht die Medikamente, nicht die Neuzüchtungen, nicht die Killerbienen, oder Pestizide sind dafür verantwortlich, sondern alles miteinander. Das verwundert auch nicht, wenn wir teilnehmen würfen am Jahreslauf eines Großindustriellen in den USA, der riesige Mandelplantagen und eine sehr große Honigproduktion hat. Sein Kollege meint, dass sein Großvater noch zehnmal weniger an Bienen, an Platagen, an Hilfern hatte und dass er sich im Grabe umdrehen würde, könnte er sehen, was aus den Bienen geworden ist.
Es ist jedoch kein Film, der den Weltuntergang heraufbeschwört (“Nach den Bienen sterben die Menschen”), sondern er zeigt einfach auf. Er zeigt alternative Methoden und neue Gedankengänge. Und er zeigt natürlich auch, dass Bienenköniginnenzüchter in Österreich direkt mit der weltweiten Großindustrie verbunden sind und damit ihr Geld verdienen.
Es ist wie überall. Ein großes Netz rund um den Erdball und es ist kaum möglich sich davon fernzuhalten. Und sogar der Bergbienenzüchter in den Schweizer Bergen bleibt von großen Schäden nicht verschont.

Website des Filmes mit vielen Infos, Tipps, Bilder und Adressen.