Dienstag, 18.Oktober

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Heute haben
Heinrich von Kleist * 1777
Henri Bergson * 1859 (Nobelpreis 1927)
Tibor Déry * 1894
und auch Klaus Kinski * 1926
und Lotte Lenya * 1898
Geburtstag.
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Jaaaa, wir haben beim Shortlistlesen richtig gelegen, oder die Jury hat auf unser Votum gehört. Bodo Kirchhoff hat mit seiner Novelle „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen.
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Clarice Lispector:Der große Augenblick
Mit einem Nachwort von Colm Tóibín
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
Schöffling Verlag € 18,95

Der schmale Roman der brasilianischen Autorin hat es im Februar 2016 auf Platz 2 der swr-Bestenliste geschafft. 1977 im Original erschienen, ist es auch der letzte Roman der Autorin, die im gleichen Jahr verstorben ist.
Ein Autor sitzt am Schreibtisch und muß über Macabéa schreiben. Eine junge Frau aus dem Nordosten des Landes, die sich in der Hauptstadt als einfache Schreibkraft durchschlägt. Sie ist dünn, nagt am Hungertuch, ist hässlich, geistig sehr unbedarft und erwartet auch nicht viel vom Leben. Der Autor hingegen, der sich immer wieder einbringt, Kommentare abgibt, holpert durch seinen Text. Er will die Realität ablichten, was aber nicht so einfach geht. Er gibt diesem Roman mehr als zehn andere Titel, weil er nicht weiß, wohin das alles noch führen wird. Wie auch schon in den früheren Romanen von Clarice Lispector, herrscht auch hier ein mittleres Durcheinander. Nicht nur in den Köpfen von Macabéa und des Autoren, sondern auch im Schreibstil. Wir mäandern durch den beschreibenen Lebensabschnitt, haben es plötzlich mit einem langen, abgehackten Dialog zu tun, sind mit Macabéa und ihrem „Freund“ im Zoo und plötzlich wieder in der Gedankenwelt des Aufschreibenden.

„Auch ich habe mich von Misserfolg zu Misserfolg auf mich beschränkt, will aber wenigstens noch der Welt begegnen und ihrem Gott, meine Grenzen zu überschreiten, das hat mich fasziniert. Beim Schreiben lüge ich nicht. Was ich schreibe, ist mehr als eine Fiktion, ich habe die Pflicht, von dieser jungen Frau zu erzählen, wie es Tausende gibt. Ebenso obliegt es mir, sei es auch in wenig kunstvoller Weise, ihr Leben für sie zu offenbaren. Denn es gibt das Recht zu schreien.“

Macabéa ist so unbedarft, daß es 40 Jahre nach Erscheinen des Romanes schon fast lustig, satirisch klingt. Sie fragt wie ein kleines Kind, will wissen, was um sie herum vorgeht und fällt am Ende doch auf eine Hellseherin herein. Ihr werden so viele hässliche Dinge an den Kopf geworfen und doch macht sie immer weiter, ohne groß nachzufragen, wie ihre Mitmenschen mit ihr umgehen, was sie von ihr halten. Damit tut sich auch der Schriftsteller schwer. Er würde ja gerne anders und liebevoller mit seiner Figur umgehen. Aber es geht nicht. Sie ist in diese Welt geworfen, die nicht für sie gebaut ist und auch sie ist nicht für diese Welt geschaffen.

„Gewiss hätte sie verdient, in den Himmel der Windschiefen zu kommen, wohin nur gelangt, wer krumm gewachsen ist. Nur geht es nicht um den Zugang zum Himmel, es geht ums Schiefe auf der Welt. Ich versichere euch, wenn ich könnte, würde ich für Verbesserung sorgen.“

Knapp 120 Seiten hat der Roman und nach einer Anlaufzeit, hat mich das Buch sehr gefesselt und eine große Empathie für Macabéa entstehen lassen, obwohl sie als Gesprächspartnerin sehr anstrengend gewesen sein könnte. Ganz sicher. Manchmal dachte ich, daß so ein Text auf die Bühne gehört. Er wäre unglaublich intensiv, frech, ironisch und liebenswert.
Ein großes Lob an den Schöffling Verlag, der sich dem Werk von Clarice Lispector angenommen hat.
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Werner Färbers Ungereimtheit der Woche
Die Hefeschnecke LXI

Eine klitzekleine Schnecke
kriecht gemächlich um die Ecke.
Sie wittert einen süßen Duft
in der lauen Abendluft.

Sie folgt dem Duft zur Bäckerei,
in der es riecht nach Leckerei.
Die Hefe, die in Schüsseln treibt,
die Schnecke sich schnell einverleibt.

Mit vollem Bauch ruht sie sich aus,
die Schnecke in des Bäckers Haus.
Während sie ruht, schwillt sie dann an,
wie man mehr nicht schwellen kann.

Nur noch der Kopf passt in der Frühe
zur Tür hinaus mit größter Mühe.
Mitsamt dem Haus sieht man die Schnecke
verschwinden um die nächste Ecke.
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Morgen, Mittwoch, den 19.Oktober stellen Ute Geprägs und ich ab 19 Uhr neue Romane des Jahres vor.
Wir haben zwei große Taschen, aus denen wir unsere Schätze ziehen und versuchen damit, Ihnen einen kleinen Überblick über das literarische Leben zu geben.
Beginn ist 19 Uhr.
Die Anmeldung läuft über die Familienbildungsstätte Ulm (0731 962860), oder bei uns im Laden.

Samstag, 24.September

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Heute haben
F.Scott Fitzgerald * 1896
Walter Kappacher * 1938
Geburtstag
und auch der Filmemacher Pedro Almodóvar.
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Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist bekannt und wir veranstalten am kommenden Dienstag in unserer Buchhandlung das traditionelle „Shortlistlesen“.
Clemens Grote wird uns kurze Kostproben aus den Romanen vorlesen und wir stimmen ab, welches Buch wir als Sieger hätten.
Hier folgen schon mal alle Bücher mit passenden Leseproben, damit Sie gut vorbereitet am Dienstagabend bei uns aufkreuzen können.

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Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

Alexander kehrt von seinem Auslandseinsatz als Soldat in die Heimat zurück. Seine Unruhe treibt ihn bald wieder fort. Sein jüngerer Bruder Jakob führt unterdessen den elterlichen Hof. Als sich sein Freund aufhängt, wird Jakob die Schuldgefühle nicht mehr los. Der Vater fabuliert von phantastischen Geschäftsideen, während er heimlich Stück für Stück des Ackerlandes verkaufen muss. Die Zeit vergeht, und es geschieht scheinbar nichts. Und doch ereignet sich das gesamte Drama der Existenz dieser Menschen, die durch das Land, Verwandtschaft, Gerede und ihre Sehnsüchte miteinander verbunden sind.

Leseprobe

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Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, erhält überraschend abendlichen Besuch. In sein Leben tritt Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts. Sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise ohne Ziel, die sie nach Sizilien führt. Unterwegs teilen sie Geschichten aus ihrer Vergangenheit und lassen die Zukunft neu auf sich zukommen. Dabei begegnet ihnen ein Mädchen, das sich ihnen stumm anschließt.

Leseprobe

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André Kubiczek: Skizze eines Sommers

1985, Potsdam, große Ferien. Doch der sechzehnjährige René bleibt dieses Jahr zu Hause. Die Mutter ist tot, der Vater in der Schweiz; er lässt René tausend Mark da, die er brüderlich mit seinen Freunden Dirk, Michael und Mario teilt. Dies ist, und das spüren sie alle vier, ein Sommer, wie es ihn nie wieder geben wird für sie. Die Jungs streifen durch die heiße, urlaubsleere Stadt und sitzen in Cafés herum, während sie darum wetteifern, besonders geistreich zu sein. Bei alledem geht es doch vor allem um eines: darum, das richtige Mädchen zu finden.

Leseprobe

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Thomas Melle: Die Welt im Rücken

Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an einer manischen Depression, auch bipolare Störung genannt. Nun erzählt er davon, erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung, und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten vorgeht.

Leseprobe

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Eva Schmidt: Ein langes Jahr

Benjamin lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft. Ihm leistet der Hund „Hemingway“ Gesellschaft. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Eva Schmidt erzählt davon, wie wir leben, allein und miteinander, und wie wir uns dabei zuschauen.

Leseprobe
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Philipp Winkler: Hool

Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. Heikos Leben, das sind die HOOLS. Als einer von ihnen nach einem Spiel zusammengeschlagen wird und sich aus der Szene verabschieden will, ist das für Kolbe wie Verrat. Denn der Kampf gegen die Erzrivalen aus Braunschweig steht direkt bevor: Pokalhalbfinale. Philipp Winkler führt uns ein eine fremde Welt, die doch nebenan liegt, deren Sprache rau ist, deren Sitten roh sind, voller Gefallener und Fallender.

Leseprobe

Dienstag, 20.September

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Die weiße Rose

Heute haben
Hedwig Dohm * 1831
Upton Sinclair * 1878
Joseph Breitbach * 1903
Adolf Endler * 1930
Javier Marias *1951
Geburtstag
und auch Sophie Loren und Alexander Mitscherlich

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David Levithan:Letztendlich geht es nur um dich
Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy
S.Fischer Verlag € 16,99
Jugendbuch ab 14

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David Levithan:Letztendlich sind wir dem Universum egal
Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy
S.Fischer Verlag € 16,99
Ab Ende September als Taschenbuch für € 9,99

„Kann es sein, dass der A, in den ich mich verliebt habe, jeden Tag in einem anderen Körper lebt? Aber wenn Glück sich so gut anfühlt, ist es eigentlich egal, ob es tatsächlich echt ist oder nicht.“

Endlich ist es soweit. Die Fortsetzung von David Levithans Jugendbuch ist auf dem deutschen Buchmarkt erschienen und liegt bei uns auf dem Neuerscheinungstisch. A, der Junge, der jeden Tag in einem anderen Körper aufwacht und sich unsterblich in Rhiannon verliebt hat, ist allen, die das Buch gelesen haben immer noch in Erinnerung. Das geht auch gar nicht anders, denn der Roman ist so packend und einfühlsam geschrieben. Aber wie kann man eine Fortsetzung schreiben, die uns LeserInnen wieder in Atem hält, ohne einfach weitere Episoden aneinander zureihen, weitere Tage aus den beiden Leben von A und Rhiannon aufzuschreiben? David Levithan fand einen genialen Trick und erzählt uns im zweiten Band die Geschichte aus der Sicht des Mädchens. Durch ihre Augen lernen wir A kennen, wie er täglich versucht mit ihr in Kontakt zu treten und jeden Tag in einem anderen Körper vor ihr aufzutaucht. Bisher haben wir nur vermutet, wie es in Rhiannon tobt, wie sie diese Tatsache gar nicht glauben kann und wie sich ihre Liebe zu Justin verändert, mit dem sie seit einem Jahr zusammen ist. Ein Jahr voller Höhen und Tiefen, voller warmer inniger Gefühle und schroffen Abweisungen. Und nun steht da plötzlich A vor ihr und drängt in ihr Leben.
Ein cooler und romantischer Roman über Geborgenheit, Verlässlichkeit und die wahre Liebe. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreise 2015, Kategorie Jugendjury. In den nächsten Tagen erscheint dieser erste Band als Taschenbuch und somit fällt das Einsteigen noch viel leichter. Ich empfehle Ihnen beide Bücher zur Lektüre. Damit meine ich wirklich, daß Sie als Erwachsene auch reinschauen sollten.

Leseprobe
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Heute wird die Shortlist für den Deutschen Buchpreis bekanntgegeben und in einer Woche, am Dienstag, den 27.September, veranstalten wir mit Ihnen unser „Shortlistlesen“.
Clemens Grote liest aus den sechs Finalisten. Wir danach stimmen wir alle gemeinsam ab und küren den internen Siegertitel. Das offizielle Siegerbuch wird auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober bekanntgeben. Bisher lagen wir immer daneben. Ha, vielleichts ja dieses Mal.