Montag, 11.Oktober

Heute haben
Conrad Ferdinand Meyer * 1825
Gertrud von Le Fort * 1876
Francois Mauriac * 1885
Boris Pilnjak * 1894
Geburtstag
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Conrad Ferdinand Meyer
Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.
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Harald Welzer: „Nachruf auf mich selbst
Die Kultur des Aufhörens
S.Fischer Verlag € 22,00

Harald Welzer, Zukunftsforscher, Autor, Direktor von Futurzwei, streitbarer Intellektueller, der sich u.a. mit Nachhaltigkeit und Klimawandel beschäftigt, stellt fest, dass unsere Kultur kein Konzept vom Aufhören hat. Deshalb baut sie Autobahnen und Flughäfen für Zukünfte, in denen es keine Autos und Flughäfen mehr geben wird. Harald Welzer hatte einen Herzinfarkt und macht sich deshalb Gedanken über die Endlichkeit des eigenen Leben und die Endlichkeit vieler unserer Ideen. Warum arbeitet unsere Industrie immer noch so, als gäbe es keine Endlichkeit von Rohstoffen? Warum leben wir weiter so, obwohl die Erde unseren Wohlstand nicht mehr verarbeiten kann? Unser Leben könnte durch Weglassen und Aufhören besser werden. Unsere Kultur hat den Tod genauso zur Privatangelegenheit gemacht, wie sie die Begrenztheit der Erde verbissen ignoriert.
Welzer zieht alle Register seines Wissen, zitiert Marx und Arendt, redet u.a. mit Reinhold Messner und einer Sterbebegleiterin und bringt sich selbst immer wieder mit seiner Infarkterfahrung ins Spiel.
Ich habe das Buch fasziniert gelesen und die große Bandbreite der Argumente, vom Urmensch bis in die Gegenwart, von der Philsosophie bis zur Hirnforschung, sehr genossen.
Für mich ein wichtiges Buch über unsere Zeit, warum wir so sind, wie wir sind und woran es liegt, dass wir uns mit Veränderungen so schwer tun.

Leseprobe

Freitag, 8.Oktober

Heute haben
J.C.Powys * 1872
M.Zwetajewa * 1892
H.J.Schädlich * 1935
Geburtstag
und es ist der Todestag con Natalia Ginzburg
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Conrad Ferdinand Meyer
Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zu Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
„Genug ist nicht genug!“ um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!
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Gestern ausgepackt und sehr begeistert:


Nicolas Mahler: „Schwarze Spiegel
nach Arno Schmidt
Suhrkamp Verlag € 24,00

Dieser Nicolas Mahler stetzt seine Idee fort, Weltliteratur in seiner Art von Graphic Novel umzusetzen. Seine beiden letzten Bücher habe ich hier auf dem Blog vorgestellt: „Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biographie“ und „Nachtgestalten“ zusammen mit Jaroslov Rudis. Daneben hat er aber auch „Ulysses“, Bernhards „Alte Meister“, „Kant“, Proust, Wedekind, Musil und vieles andere illustriert.
So großartig, wie er aus Schmidts 80-seitiger Erzählung/Kurzroman seine Ideen herauszieht, seine Ideen zeichnerisch umsetzt und doch sehr nah an der Geschichte bleibt. Wieder ist es ein Einzelgänger, der auf dem Fahrrad durch eine menschenleere Landschaft radelt. Arno Schmidts Situation nach einem Atombombenabwurf in den 60er Jahren in Deutschland, ist ideal für Mahlers Art zu zeichnen. Ein paar wenige Striche und ein kurzer Textauszug dazu. Genial, wie er das macht.
Das hatte natürlich zur Folge, dass ich gestern abend Jonathan Franzen „Crossroads“ zur Seite gelegt habe und eine alte Schmidt Ausgabe von „Scharze Spiegel“ herausgezogen und mit großem Genuß darin gelesen habe.


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Unsere nächste Veranstaltung:

Sonntag, 10.Oktober 11 Uhr
vh Ulm, Club Orange
„Die erste Seite“
Wir stellen diese vierBücher vor:

Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich
Daniela Krien: Der Brand

Hervé Le Tellier: Die Anomalie
Monika Helfer: Vati


Es liest Clemens Grote
Eintritt frei

Dienstag, 13.Juli

Heute haben
Gustav Freytag * 1816
Isaac Babel * 1894
Georg Hensel * 1923
Wole Soyinka * 1934 (Nobelpreis 1986)
Helga Königsdorf * 1938
Milena Moser * 1963
Geburtstag.
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Conrad Ferdinand Meyer
Der schöne Tag

In kühler Tiefe spiegelt sich
Des Juli-Himmels warmes Blau,
Libellen tanzen auf der Flut,
Die nicht der kleinste Hauch bewegt.

Zwei Knaben und ein ledig Boot –
Sie sprangen jauchzend in das Bad,
Der eine taucht gekühlt empor,
Der andre steigt nicht wieder auf.

Ein wilder Schrei: „Der Bruder sank!“
Von Booten wimmelt′s schon. Man fischt.
Den einen rudern sie ans Land,
Der fahl wie ein Verbrecher sitzt.

Der andre Knabe sinkt und sinkt
Gemach hinab, ein Schlummernder,
Geschmiegt das sanfte Lockenhaupt
An einer Nymphe weiße Brust.
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Das habe ich auch noch nie gemacht.
Einen Film vorzustellen, den es nur auf Netflix gibt.


Two Distant Strangers“
Regie und Drehbuch: Davon Free und Martin Desmond Rom
Darsteller/in: Joey Bada$$, Zaria Simone, Andrew Howard

Prämiert mit einem Oscar für den besten Kurzfilm

Im Trailer zum Film heisst es, dass es Carters bester Tag war, aber auch sein schlimmster.
Ja, es war zumindest eine gute Nacht, die der junge Schwarze Carter bei der hübschen Perri verbracht hat. Noch vor dem Frühstück möchte er wieder nachhause, da sein Hund auf ihn wartet. Perri nimmt es mit Humor und meint: Alles klar. Erst Sex und dann ghosten. In dieser lockeren Atmosphäre, in der beide nicht wissen, was aus der Nacht wird, verlässt Carter die Wohnung, setzt sich Kopfhörer auf (Bruce Hornby: The Way It Is) und verlässt das Appartmenthaus. Er hält einem Mann die Tür auf, sieht links eine schicke Dame auf ihn zukommen, stellt seinen Rucksack ab und rempelt beim Sichumdrehen einen weißen Mann an, der sich dabei Kaffe aus seinem Becher auf sein Hemd kleckert. Auf Grund des kurzen Gespräches der beiden, steht plötzlich NYPD Officer Merk bei Carter und innerhalb kürzester Zeit liegt Carter auf dem Boden und drei Polizisten über ihm. Den Spruch „I can’t breathe“ hören wir ein paar mal. Dann ist Carter tot.
Diese Situtaion verfolgt Carter in einer Endlosschleife. Er wacht immer von diesem Alptraum auf, befindet sich in Perris Bett, verlässt das Haus und wird von Merk erschossen. Wir sehen die unterschiedlichsten Varianten und immer endet es gleich. Auch als Perri ihm sagt, er solle mit dem Polizisten reden, wird es nicht besser.
Der Film dauert nur 30 Minuten und gegen Ende scheint sich eine Lösung anzubahnen.
Gefilmt nicht als Thriller, sondern mit viel Musik und Witz und jedes Mal mit einem blutigen Ende.
Im Nachspann werden Namen aufgelistet und was sie getan haben: Auf der Straße gestanden, Baby gesittet, eingekauft, im Auto gesessen … Was dann passiert ist, können wir uns denken.
Wir sollen diese Namen nicht vergessen und versuchen aus dieser Endlosschleife herauszukommen.
Dafür gab es einen Oscar für den besten Kurzfilm.