Samstag, 26.November

img_1187

Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
und Charles M.Schulz * 1922
Geburtstag.
___________________________

___________________________

3293005101

Werner Wollenberger:Janine
Fast eine Weihnachtsgeschichte
Unionsverlag € 15,00

»Wenn eine Fee käme und sagen würde, ›Janine, du
kannst dir wünschen, was du willst.‹ Was würdest du
dir dann wünschen?«
Das Kind schaute den Vater an. Es überlegte scharf.
Dann lächelte es und dann schüttelte es den Kopf.
»Das würde ja nicht gehen!«
»Was würde nicht gehen?«
»Dass bald Weihnachten ist!«

Werner Wollenberger (1927–1982) war ein Schweizer Schriftsteller und Publizist. Bekanntheit erlangte er in jungen Jahren mit seinen satirischen Texten für den Nebelspalter und das Cabaret Federal. Er prägte die deutschsprachige Kabarettszene der Nachkriegszeit als einer ihrer beliebtesten Autoren und schrieb später für Radio, Film, Fernsehen und die Bühne, für die Zürcher Woche, die Neue Presse, die Weltwoche und viele mehr. Sein Werk zeugt von einer in seiner Zeit ungewöhnlichen, engagierten Präsenz.

Endlich ist diese kleine Weihnachtsgeschichte wieder lieferbar. Gerade rechtzeitig noch, bevor alle gemeinsam Weihnachten feiern. Weihnachten beginnt mit dem Heiligen Abend am 24.12..Darauf folgen die beiden Feiertage. Das war schon immer so. Naja zumindest so lange, wie wir uns erinnern können. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und um dieses Fest der Liebe geht es in „Janine – Fast eine Weihnachtsgeschichte“. Ich kannte den Text noch nicht und habe ihn mit auf eine Zugfahrt mitgenommen. Allzuviel Zeit brauchen Sie nicht für die Lektüre. Umso länger hält sich die Geschichte im Gedächtnis.
Wir befinden uns in einem Schweizer Juradorf Ende der 50er Jahre. Ein Bäcker, ein paar Kneipen, ein Elektrogeschäft, eine Kirche und eine Schule. Jeder kennt jeden und es könnte alles gut sein, wenn nicht die 8jährige Janine an Leukämie erkrankt wäre und, laut den Ärzten, nur noch ein paar Wochen zu leben hat. Und dieser Weihnachtstermin wird zum großen Problem für die Familie. Der Vater kommt nämlich auf die Idee, den Termin für dieses Fest vorzuverlegen. Das geht doch nicht, meint seine Frau. Aber der Vater sagt, ein Fest der Liebe kann auch einmal etwas vorverlegt werden. Oder vielleicht noch krasser: Können wir nicht öfter ein Fest der Liebe feiern. Und wenn es doch der große Wunsch seiner Tochter ist. Und so beginnt er im Dorf herumzufragen, stößt erst auf Ablehnung und finder dann doch offene Ohren. Sogar beim Pfarrer, der von einem besonnenen jungen Mann überzeugt wird, daß dieses Jahr im Dorf Weihnachten schon zwei Wochen vorher gefeiert, der Kirchgang am 25.12. und 26.12.genauso begangen wird, wie immer. Nur dieser Heilige Abend, mit den Geschenken usw. ist davon betroffen. Und so verändert sich das Dorf in diesem Jahr schon früher. Die Auslagen in den Geschäften werden früher umdekoriert. Es wird schon gebacken und verpackt, damit das vorverlegte Fest auch richtig begangen werden kann. Als es dann so weit ist, schafft es der Elektrohändler, daß er Weihnachtsmusik über das Radio im Dorf senden kann.
Das Mädchen Janine ist überglücklich, dass ihr großer Wunsch in Erfüllung gegangen ist und stirbt zwei Tage später.

Werner Wollenberger hat hier eine zarte, etwas freche, etwas andere Weihnachtsgeschichte aufgeschrieben, die an die Seele rührt und nicht rührselig ist. Schnell sind die 80 Seiten gelesen. Und prima, daß der Unionsverlag den Roman wieder in dieser schönen Ausgabe veröffentlicht hat.

Mittwoch

IMG_1865

Heute haben
Georg Forster * 1754
Franz Jung * 1888
Eugène Ionesco * 1909
Geburtstag.
Und auch Charles M.Schulz und Tina Turner.

_________________

IMG_1856

Szilárd Borbély: „Die Mittellosen“
Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Laszlo Kronitzer
Suhrkamp Verlag € 24,95

Ich kannte den Autor Borbély nicht, hatte noch nie seinen Namen gehört. In Ungarn hat er einige Gedichtbände veröffentlicht, galt als bedeutendster Lyriker des Landes und hat viele deutsche Autoren ins Ungarische übersetzt. Dieser Roman erschien 2013 in Ungarn und war dort eine Sensation. Im Frühjahr diesen Jahres hat er sich das Leben genommen.
Borbélys Grossvater war Jude und kam in Auschwitz um und dieses Anderssein steht auch im Mittelpunkt dieses Buches. Die Mittellosen sind nicht nur ohne Geld, sondern auch ohne Ansehen und Ehre.
Erzählt wird aus der Sicht eines Jungen, der eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder hat. Der Vater verdient sein Geld als Hilfarbeiter. Viel vom Gehalt kommt nicht nach Hause, da er es in der Kneipe in Alkohol umsetzt. Die Mutter ist schwer depressiv und versucht ihre Kinder und sich am Leben zu halten, in dem sie eine kleine Landwirtschaft betreibt und im Wald nach Nahrung sucht. Damit beginnt auch dieser Roman, wie der Junge frierend und schlotternd an der warmen Hand der Mutter durch den winterlichen Wald stapft. Er träumt sich weg, wird aber immer wieder in die Wirklichkeit gezerrt. Seine Mutter redet nicht viel und er weiss oft nicht, wie sie auf seine Fragen reagieren wird. Verwunderlich auch: Dass der Junge die Eltern mit „Sie“ ansprechen muss, obwohl die Handlung ab 1970 spielt.
Der Roman ist sprachlich unglaublich stark. Die beiden Übersetzer fügen immer wieder neue Wortschöpfungen ein, die dem Jungen durch den Kopf gehen. „Pfützig, Flatschen, Zundel, testieren“ sind ein paar davon. Der Junge erträgt die häusliche Gewalt kam, er ekelt sich vor der Arbeit, die zu tun hat. Wie zum Beispiel den Hühnerstall zu säuber. Er bekommt hautnah mit, wie Tiere geschlachtet und ausgenommen werden. Er erträgt die Gerüche des Hauses, des Stalles und der Menschen kaum noch.
Im Dorf ist die Familie an den Rand gedrängt. Von einer Dorfgemeinschaft kann man kaum reden. Jeder lebt für sich und arbeitet gegen den anderen. Da der Junge einen jüdischen Grossvater hat, ist das oft geflüsterte Schímpfwort Jude natürlich auch auf ihn gemünzt. Immer wieder gibt es Anklänge an die Vertreibung der Juden durch die Nazis. So haben die Dorfbewohner das Ladengeschäft des jüdischen Händlers nach seiner Deportation geplündert ohne sich in die Augen zu sehen. Gleichzeitig sind sowohl die Familie, als auch die anderen Dorfbewohner Hinzugezogene, Umgesiedelte, und ehemalige Flüchtlinge.
Borbély erzählt nicht chronologisch. Toten sind lebendig und die Lebenden sind tot, so scheint es mir fast. Und wenn dies tatsächlich ein stark gefärberter Roman ist, wie es auch in den biografischen Texten im Anhang zu lesen ist, dann kann ich sehr gut verstehen, warum der Autor unter posttraumatischen Depressionsschüben litt, wie er selber sagte. Er meinte, er sei soweit, darüber schreiben zu können. Was wohl nicht der Fall war.
Ich denke, dass dieser Roman auch in anderen Flecken Europas spielen könnte. In den armen Ecken von irland oder Portugal, oder auch irgendwo im Niemandsland in Deutschland. Er hat viel mit der ungarischen Geschichte zu tun, aber zeigt auch die Zeit der frühen siebziger Jahre, dort wo es engstirnig, ärmlich zuging und dort wo jemand sofort zum Aussenseiter gestempelt wird, wenn er nicht in die Dorfstruktur passt.
Aussenseiter sind auch die Zigeuner. Sogar der Hund der Familie heisst so. Das Geigenspiel eines Zigeuners bestärkt den Jungen in seinem Wunsch, auch Geigespielen lernen zu dürfen. Dies ist natürlich jenseits des Vorstellbaren. So ist ihm die einzige Hilfe, sich der täglichen Hölle zu entziehen, sein Rechnen mit Primzahlen. Diese Zahlen, die sich nicht teilen lassen, die ein Ganzes sind, beruhigen ihn ungemein. So eine Einheit wünscht er sich herbei, kann sie aber nirgends finden.
Ich könnte noch ewig weiterschreiben, Zitate einfügen und würde vielleicht genau das Gegenteil bewirken. Denn aus dem Zusammenhang gerissen lesen sie sich deutlich brutaler, als sie im Roman vom Jungen erzählt werden.
„Ich sehe die Sterne und den Rücken meines Vaters, wie er sich nach vorne beugt. Vom Bett aus sehe ich, wenn er sich würgend krümmt, die Venus. Der kühle Abendwind trägt den Geruch von Erbrochenem herein.“, soll hier genügen, um die verschiedenen Ebenen des Romanes zu zeigen. Die Brutalität, die Gerüche, das Derbe, aber auch die Natur, die Sehnsucht lesen sich in einem Satz und zeigen das unglaubliche Können dieses Autoren, dem ich in dieser deutschen Übersetzung viele LeserInnen wünsche.

Leseprobe