Mittwoch, 15.Mai


Durch’s Land radeln für’s Stadtradeln
Stand heute: 3.217 km
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Heute haben
Arthur Schnitzler * 1862
Emily Dickinson * 1886
K.A.Porter * 1890
Michail Bulgakow * 1891
Max Frisch * 1911
Raymond Federman * 1928
Geburtstag
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Winfried Hermann Bauer
Die Welt unter deinen Füßen

Ein Heim
Ist ein Heim
Nur für wen, fragt sich
Wenn du nicht wirklich zu Hause bist
In dir
Mit dir
Wenn du den Teppich beleidigst
Über den du schleichst
Den du am Boden hältst
Obwohl er fliegen will
Wenn du dich zurückziehst
Auf dein Kanapee
Wo du dich mit einem wolkigen Display
Vor Augen
Der Welt verschließt

Warum nur
Ziehst du sie nicht aus, die Pantoffeln
Und spürst die Welt unter deinen Füßen
Geh in Kontakt
Mit den Haaren der Ziege
Mit dem Fell des Bären
Mit Gossyps Samenhaaren
Schmecke, sehe, höre, rieche
Zum Teufel mit den Allergenen
Verdammt
Es sei dir vergeben
Aller Gene Ziel bleibt doch
Weiß Gott
So glaube mir
Das Leben
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Es geht weiter. Mit voller Windstärke.


Caroline Wahl: „Windstärke 17
DuMont Verlag € 24,00

Einige Jahre sind vergangen seit Tilda die Kleinstadt verlassen hat, um zum Studieren zu gehen.
Zurück blieb ihre jüngere Schwester Ida und ihre alkoholkranke Mutter. Nach deren Tod beginnt für Ida ein neuer Lebensabschnitt. Zur Beerdigung hat sie es nicht geschafft. Abschiednehmen ist nicht ihre Sache. So findet sie sich auf Rügen wieder. Die längste Zugstrecke, die sie gefunden hat. Mit nicht mehr als dem alten verschrabbelten Hartschalenkoffer der Mutter, ein paar Klamotten und ihrem MacBook, um weiter an ihren Texten zu arbeiten. Ohne Plan und voller Trauer, Verzweiflung und großen Schulgefühlen wirft sie sich ins eiskalte Wasser und kämpft sich durch die hohen Wellen.
Mehr mag ich hier nicht verraten. Caroline Wahls zweiter Roman, einer Fortsetzung von „22 Bahnen“, ist trotz aller Trauer ein tröstliches Buch, ein Buch, das Hoffnung macht.
Ein intensives Leseerlebnis, das uns die Autorin in ihrer sehr eigenen Sprache, die wir aus dem ersten Roman kennen, hier präsentiert. Ein Muss für alle, die „22 Bahnen“ geliebt haben. Viel Vergnügen.
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Heute, Mi., 15.Mai, 19 Uhr
Hospiz Ulm

AnsprechBar: Best of Rundbriefe
Bei uns in der Buchhandlung

Do., 16.Mai, 19 Uhr
Stadthaus Ulm
Bund für Umwelt und Naturschutz
lädt ein:
Die kandidierenden Parteien und Wählergruppen zur Gemeinderatswahl am 9. Juni positionieren sich zu Umweltthemen und geben Antworten zu Fragen aus dem Publikum.

Freitag, 17.Mai, 19 Uhr
Uli Wittmann: „Wanderungen für Langschläfer auf der Schwäbischen Alb“

Ein Outdoor-Feuerwerk bei uns in der Buchhandlung
Eintritt frei
Uli Wittmann ist Vater von vier Kindern. Viele Jahre leitete er Pfadfindergruppen und sammelte dabei Ideen fürs Outdoor-Basteln. Er ist studierter Betriebswirt und Journalist. Als freier Redakteur arbeitet er für verschiedene Zeitschriften und schrieb etliche Wanderführer, davon einige für Familien. Uli Wittmann betreibt die erfolgreiche Website www.Kinderoutdoor.de sowie den gleichnamigen YouTube Kanal und stellt dort regelmäßig Ideen für Aktionen im Freien vor.

Mittwoch, 20. Dezember


Heute haben
Aziz Nesin * 1915
Friederike Mayröcker * 1924
Gernot Wolfgruber * 1944
Abdularazak Gurnah * 1948
Kate Atkinson * 1951
Geburtstag
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Winterfrost und Sonnenschein,
Beides kann zusammensein.
Und dazu ein gutes Buch
Ich mir dann zum Schmökern such.

Thomas Dietrich
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Eine Auswahl meiner Lieblingsromane:


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Wir haben die beiden neuen Modelle Verse und Verse Pro im Laden.
Sie lösen die Pocketbook Touch Reader ab.
Genauere technische Daten können Sie auf einem Faltblatt bei uns im Laden einsehen.
Was mir aufgefallen ist, dass dasGerät eine sehr gute Bildqualität besitzt und schnell reagiert.
Handlich, schmal und klein, passt es in jede Tasche und sorgt auch bei Zugverspätungen für genügend Lesestoff.
Verse Pro hat mehr Speicher, eine noch bessere Bildqualität und die Möglichkeit Hörbücher/Musik zu hören und ist badewannenwasserdicht.
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Jetzt noch ne richtige Besprechung der neuen Kraan-CD von Ralf Grimminger auf Ulm News.

Die legendäre Band „Kraan“ hat ein neues Album veröffentlich. Das neue Werk mit dem Titel „Zoup“ wird von den Musikkritikern hoch gelobt. Das neue KRAAN album „zoup“ ist ab sofort in der Buchhandlung Jastram in Ulm erhältlich. Als Langspielplatte gibt es „Zoup“ ab 19. Januar 2024.  

Kraan sind mit ihrem neuen Album ZOUP nach etlichen Solo-Abenteuern wieder dort gelandet, wo die Kenner sie in der Regel musikalisch verorten: irgendwo zwischen Kraut Rock, Ethno und Jazz. Die Ulmer Combo wurde vor 52 Jahren von Bassist Hellmut Hattler, Gitarrist Peter Wolbrandt und Schlagzeuger Jan Fride ins Leben gerufen. Seit jeher lebt der Gruppen-Sound in erster Linie von Hattlers kernigem Bassspiel sowie dem Umstand, dass die Kompositionen zum größten Teil instrumental ausfallen. Hier wird also wieder Fusionrock de Luxe gespielt! Ein YouTube-Fan der Band hat neulich zurecht geschwärmt: „Kraan is: German precision meets German anarcho, that’s beautiful man.“ Oder, um es mit Hattler etwas weniger ekstatisch, aber nicht minder zufrieden, zu erklären: „Wir sind ja von jeher – und jetzt mal wieder ganz besonders – planlos glücklich mit unserem Tun!“ Keyboarder Ingo Bischof war bis zwischen 1975 – 2007 bei der Gruppe. Er verstarb 2019. Aus Respekt vor seinem Schaffen ist der Tasten-Meister noch auf einem Stück auf ZOUP zu hören: „Aus allen Wolken“. Und – Überraschung: Auf einem der drei CD-Bonustracks spielt sogar Kraans Ur-Saxofonist Johannes „Alto“ Pappert mit! Zur Erklärung des etwas kryptischen Albumtitels meint Hattler: „Eine „Zoup“ ist nicht nur eine falsch geschriebene „Suppe“. Es könnte auch ein Gebräu sein, in das eine Menge an Einflüssen hineingeschüttet wird. Insofern passt die Bezeichnung prima zum Kraan- Sound von heute. Wir wollten ja schon immer weg von den Definitionen Kraut- und Jazz-Rock. Aber man braucht ja wohl immer ein Etikett auf der Flasche.“ Letzten Sommer kamen Hellmut die ersten Ideen für das neue Werk. „Ich saß auf der Veranda in der Sonne und ließ mich von meiner eigenen musikalischen DNA inspirieren. Ziemlich schnell wurde mir klar, dass ich da grade anfange an einer neuen Kraan-Platte zu arbeiten.“

Auf seinem Soloprojekt HATTLER hatte er immer viel mit Programmieren und DJs zu tun: „Doch das war für mich ganz plötzlich totgelaufen. Also besann ich mich meiner musikalischen Wurzeln. Das bedeutet mehr Melodik, Harmonik, andere Beats. Nachdem ich die ersten Ideen in Form hatte, habe ich Peter und Jan kontaktiert und sie gefragt, ob sie mitmischen würden. Sie hatten Lust – und schnell war klar: Ab jetzt geht’s um Kraan.“ Auf dem hieraus entstandenen Album ZOUP sind neun Instrumentals und zwei Gesangsstücke zu hören, „weil wir ja immer noch nicht die begnadetsten Sängerknaben sind“, witzelt Hattler; „es gibt Midtempo-Stücke, Balladen, und diesmal auch wieder reichlich Knackig-Schnelles.“ Die „Kraaniche“ sehen sich laut Hellmut als Seelenverwandte und kreative Partner gleichermaßen. „Schon witzig, dass es uns nach über fünfzig Jahren On-Off-Beziehung immer wieder zusammentreibt um etwas zustande zu bringen, was mit anderen Konstellationen einfach nicht zu schaffen ist. Und das spüren unsere treuen Fans auch – und geben uns so viel an Zustimmung und Kraft zurück! Wir planten zwar nie, wie es mit Kraan weitergeht, auch nicht, ob ZOUP nicht mal wieder die letzte Produktion von uns sein könnte. Sollte dies aber unser ultimatives Album sein, muss es wie eine Ausnahme klingen, also so gut wie nur irgend möglich – und das könnte echt geklappt haben!“

Mittwoch, 2.August


Heute haben
Thomas Mofolo * 1875
Philippe Soupault * 1897
Joseph Hayes * 1918
James Baldwin * 1924
Isabel Allende * 1942
Bei Dao * 1949
Caleb Carr * 1955
Geburtstag
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Joachim Ringelnatz
Landregen


Der Regen rauscht. Der Regen
Rauscht schon seit Tagen immerzu.

Und Käferchen ertrinken
Im Schlammrinn an den Wegen. – –
Der Wald hat Ruh.
Gelabte Blätter blinken.

Im Regenrauschen schweigen
Alle Vögel und zeigen
Sich nicht.

Es rauscht urewige Musik.

Und dennoch sucht mein Blick
Ein Streifchen helles Licht.
Fast schäm ich mich, zu sagen:
Ich sehne mich nach etwas Staub.

Ich kann das schwere, kalte Laub
Nicht länger mehr ertragen.
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Und wieder beginnt ein neuer Monat.

august


August
Gedichte
Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell
78 Seiten, Reclam Verlag € 6,00

Es dürften fast 70 Gedichte sein, die sich in diesem Büchlein befinden.
Von Hochsommer kann im Moment nicht die Rede sein und es ist keine große Veränderung in Sicht. Vielleicht haben sich die heissen Wochen in den Juni verschoben.
So lesen wir halt Gedichte über diesen Sommermonat und freuen uns, dass wir bei angehmen nächtlichen Temperaturen gut schlafen können.
U.a. finden wir Erich Kästner,Ernst Jandl, Gottfried Benn, Eugen Roth, Nicolas Born, Günter Grass, Joachim Ringelnatz, Novalis und natürlich die üblichen Verdächtigen, wie Erich Fried, Robert Gernhardt, Enzensberger und Eichendorff, Hesse, Jandl und kein Goethe.

Joseph Freiherr von Eichendorff
Treue

Wenn schon alle Vögel schweigen
In des Sommers schwülem Drang,
Sieht man, Lerche, dich noch steigen
Himmelwärts mit frischem Klang.

Wenn die Bäume all verzagen
Und die Farben rings verblühn,
Tannbaum, deine Kronen ragen
Aus der Öde ewiggrün.

Darum halt nur fest die Treue,
Wird die Welt auch alt und bang,
Brich den Frühling an aufs neue,
Wunder tut ein rechter Klang!

Christian Morgenstern
Hochsommernacht

Es ist schon etwas, so zu liegen,
im Aug der Allnacht bunten Plan,
so durch den Weltraum hinzufliegen
auf seiner Erde dunklem Kahn!

Die Grillen eifern mit den Quellen,
die murmelnd durch die Matten ziehn;
und droben wandern die Gesellen
in unerhörten Harmonien.

Und neben sich ein Kind zu spüren,
das sich an deine Schulter drängt,
und ihr im Kuß das Haar zu rühren,
das über hundert Sterne hängt …

Es ist schon etwas, so zu reisen
im Angesicht der Ewigkeit,
auf seinem Wandler hinzukreisen,
so unaussprechlich eins zu zweit …
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Heute abend in der Stadtbibliothek.
Ich vermute mal nicht im Freien.


Kultur auf Stufen: Lesung mit Caroline Wahl aus „22 Bahnen“
Mittwoch, 2. August, 19:30 Uhr, Freilichtforum der Glaspyramide / Stadtbibliothek Ulm
Eintritt frei

Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, Geld verdienen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern – und manchmal auch um die Mutter. Ihre Freunde leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist in der trostlosen Kleinstadt geblieben, einer muss ja Verantwortung für Ida übernehmen. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf. Viktor, der genau wie sie immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda glaubt, alles könnte gut werden, gerät die Situation außer Kontrolle.
Eines der besten Romane dieses Jahres.
Caroline Wahl, 1995 in Mainz geboren, wuchs in der Nähe von Heidelberg auf. Sie hat Germanistik und Deutsche Literatur studiert. „22 Bahnen“ ist ihr Debütroman.

Samstag, 29. Juli

Heute haben
Simon Dach * 1605
August Stramm * 1874
Dag Hammarskjöld * 1905
Chester Himes * 1909
Mikis Theodorakis * 1925
Harry Mulisch * 1927
Sten Nadolny * 1942
Ulrich Tukur * 1957
Geburtstag
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August Stramm
Traum

Durch die Büsche winden Sterne
Augen tauchen blaken sinken
Flüstern plätschert
Blüten gehren
Düfte spritzen
Schauer stürzen
Winde schnellen prellen schwellen
Tücher reißen
Fallen schrickt in tiefe Nacht.
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Astrid Schulte: „Meine Schnitzwerkstatt
Mit 30 Schritt-für-Schrittanleitungen sicher schnitzen lernen.
Mit Kinder-Schnitzmesser und Kosmos-Plus APP
Kosmos Verlag € 24,00



Schnitzen für Kinder? Mit einem richtigen Messer? Kann das gut gehen?
Der Ulmer Uli Wittmann hat es mehrfach im Stadthaus Ulm gezeigt.
Die Schnitzfachfrau Astrid Schulte zeigt in diesem vielbebilderten Sachbuch, wie das funktioniert mit dem Messer. Wie das Messer zu halten ist und vieles mehr. Regeln und Techniken werden anschaulich erklärt.
Aber nicht nur das. Es geht nämlich raus in die Natur. Welches Holz kann ich benutzen? Zu welchem Baum gehört es? Dann geht eslos und wir schnitzen Rennautos, Schmuck, Tiere oder einen Katamaran und natürlich Pfeil und Bogen.
Mit den Videos für Kinder auf der Kosmos-Plus-App gibt es noch mehr zu entdecken.
Dabei ein Opinel-Kinderschnitzmesser mit Feststellring und abgeundeter Klinge.
Los geht’s.
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Nicht vergessen.
Dienstag und Mittwoch sind Literaturabende.
Am Dienstag, 1.August stellen wir in der Buchhandlung vier neue Romane vor.
Es liest Clemens Grote.
Am Mittwoch liest Caroline Wahl ab 19:30 Uhr aus ihrem Roman: „22 Bahnen“
Stadtbibliothek Ulm. Bei schönem Wetter im Freien.
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https://taz.de/Klimaaktivistin-von-Lkw-angefahren/!5946680/

Freitag, 28.Juli

Heute haben
Beatrix Potter * 1866
Malcolm Lowry * 1909
John Ashbery * 1927
Remco Campert * 1929
Beat Brechbühl * 1939
Oleg Jurjew * 1959
Geburtstag
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Eduard Mörike
Früh im Wagen


Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;
Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:
So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Feme drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.
Dein blaues Auge steht,
Ein dunkler See, vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.
Die Sonne kommt; – sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu.
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Unser Buchtipp:


Julia und Lisa Hermes: „Out There
Zwei Schwestern auf der Suche nach einer grüneren Welt“
Malik Verlag € 18,00

Vier Jahre ohne Flugzeug von Deutschland bis nach Mexiko

Die Schwestern Julia und Lisa Hermes sind auf der Suche nach einer nachhaltigeren, einer grüneren, einer solidarischeren Welt. Per Anhalter, Segelboot, Kanu, Fahrrad und zu Fuß machen sie sich auf den Weg gen Westen. Dank der Entschleunigung erleben sie selbst die kleinen Dinge hautnah: die Fischschwärme des Atlantiks, die Gürteltiere der Patagonischen Steppe, die Brüllaffen im Amazonas-Regenwald.
Unterwegs stoßen sie immer wieder auf „gelebte Utopien“. Sie besuchen indigene Gemeinschaften, Aussteiger:innen, Ökodörfer und Kommunen außerhalb der gängigen Normen. Von ihnen lernen sie, wie eine nachhaltige und solidarische Zukunft aussehen könnte und was alles passieren kann, wenn wir den sicheren Hafen verlassen und zu neuen Ufern aufbrechen.

Aus dem Tagebuch:

Eine unvergessliche Nacht
Deutschland | April 2015 bis Juli 2017
Lisa
„Wo kommt denn plötzlich der alte Globus her?“, wundere ich mich, als ich das Wohnzimmer meiner Eltern betrete. Und schon im nächsten Moment schwelge ich in Kindheitserinnerungen: Diese Miniaturausführung der Erde stand früher im Bücherregal unserer Oma Illerich. Manchmal saßen wir davor, während sie uns schwärmerisch von der weiten Welt erzählte. Warum sie so viel von der Ferne wusste, ist mir bis heute ein Rätsel. Sie hatte nie die Möglichkeit, viel weiter zu reisen als bis zur nächsten Stadt – in Gedanken aber besuchte sie die ganze Welt.
„Habe ich eben auf dem Speicher gefunden!“, ruft mein Papa aus der Küche. Es ist kurz vor Ostern, meine ein Jahr jüngere Schwester Julia und ich sind zu Besuch bei unseren Eltern in Hambuch. In diesem beschaulichen Eifeldörfchen im Westen Deutschlands verbrachten wir den Großteil unserer Kindheit – spielten Gummitwist mit unserer kleinen Schwester Michelle und streiften durch die angrenzenden Wälder. Nun knie ich mich vor den Couchtisch, auf dem der Globus steht, und beginne tagträumerisch daran zu drehen, als Jule ebenfalls ins Wohnzimmer kommt und sich neben mich auf den Teppich setzt. Plötzlich hält sie die rotierende Kugel fest und fixiert eine Stelle. „Ist dir schon mal aufgefallen, wie nah Alaska und Russland beieinanderliegen? Da könnte man doch glatt rüberpaddeln!“
Wie elektrisiert setze ich mich auf, das Reisefieber hat Besitz von mir ergriffen. „Dann lass uns das doch machen!“, rufe ich und bin mir nicht sicher, wie ernst ich das meine. Doch als Jule vom Globus auf- und mich mit leuchtenden Augen anschaut, ist es um uns beide geschehen: Die Idee lässt uns nicht mehr los.
Wenn es eine Person gibt, mit der ich mir eine Reise um die Welt vorstellen kann, dann ist das Julia. Zwar haben wir zusammen noch keine Pferde gestohlen, aber für ungewöhnliche oder verrückte Ideen war sie schon immer zu haben. Von Kindesbeinen an sind wir unzertrennlich, und auch wenn uns das Leben wegen Studium oder Reisen manchmal räumlich trennt, bleibt unsere Verbundenheit unerschütterlich.
Zweieinhalb Jahre vergehen. Über Tage, Monate und Jahre nimmt das Hirngespinst Form an und wird allmählich zu einer realen Möglichkeit. Neben dem Abenteuergeist und der Neugier auf das Unbekannte gibt es noch etwas, das uns antreibt: Die Frage nach einer besseren, einer nachhaltigeren, solidarischeren und grüneren Welt. Viele leidenschaftliche Diskussionen haben wir darüber geführt und nächtelang mit Freund:innen über mögliche Lösungen philosophiert. Jetzt wollen wir ohne Flugzeug einmal um die Welt reisen und dabei überall Gemeinschaften, Widerstandsbewegungen, Aussteiger:innen oder lokale Initiativen besuchen. Wir wollen herausfinden, wie Gemeinschaften funktionieren, welche Schwierigkeiten und Lösungsansätze es dort gibt, und dabei viel praktisches Wissen sammeln, das wir irgendwann selbst anwenden können. Die Aussicht, auf unserem Weg Menschen zu treffen, die eine Utopie nicht nur denken, sondern leben, ist letztendlich der entscheidende Faktor, der unseren Traum im Juli 2017 wahr werden lässt.
Seit besagtem Osterwochenende haben wir geplant und gespart, jeder verdiente Cent ist auf ein gemeinsames Reisekonto gewandert. Und jetzt ist es endlich so weit – morgen soll es losgehen!
Vor Aufregung bekomme ich in dieser heißen Julinacht kein Auge zu. Immer wieder gehe ich im Kopf die Liste der Dinge durch, die wir heute im Rucksack verstaut haben: Schlafsack, Zelt, Kocher, Messer und etliche andere Sachen. All das eben, was wir in den nächsten Jahren brauchen werden. Hoffentlich haben wir nichts vergessen! Und dann schweifen meine Gedanken in die Zukunft: Jule und ich in einer Gemeinschaft, trampend am Wegesrand, segelnd auf dem Meer, durch den Dschungel irrend, im Ruderboot die Beringstraße überquerend. Das wirkt hier, im Bett, in unserem ehemaligen Kinderzimmer so surreal und fantastisch wie ein Traum. An Schlaf ist nicht zu denken …
Mit vollen Rucksäcken und einem Gefühl zwischen Wehmut und Vorfreude machen wir uns am nächsten Morgen von unserem Heimatort Hambuch Richtung Südwesten auf. Unser Freund Paul fährt mit uns in seinem klapprigen Volvo bis hinter die französische Grenze, von dort wollen wir per Anhalter weiter. In Gibraltar hoffen wir dann auf eine Mitsegelgelegenheit über den Atlantik nach Südamerika. Wie weit werden wir wohl ohne Flugzeug kommen? Welche Erfahrungen warten auf uns? Und wie wird die Reise uns und unseren Blick auf die Welt verändern?
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Kultur auf Stufen: Lesung mit Caroline Wahl aus „22 Bahnen“
Mittwoch, 2. August, 19:30 Uhr, Freilichtforum der Glaspyramide / Stadtbibliothek Ulm
Eintritt frei

Tildas Tage sind strikt durchgetaktet: studieren, Geld verdienen, sich um ihre kleine Schwester Ida kümmern – und manchmal auch um die Mutter. Ihre Freunde leben in Amsterdam oder Berlin, nur Tilda ist in der trostlosen Kleinstadt geblieben, einer muss ja Verantwortung für Ida übernehmen. Eines Tages aber geraten die Dinge in Bewegung: Es blitzt eine Zukunft auf, die Freiheit verspricht. Und Viktor taucht auf. Viktor, der genau wie sie immer 22 Bahnen schwimmt. Doch als Tilda glaubt, alles könnte gut werden, gerät die Situation außer Kontrolle.
Eines der besten Romane dieses Jahres.
Caroline Wahl, 1995 in Mainz geboren, wuchs in der Nähe von Heidelberg auf. Sie hat Germanistik und Deutsche Literatur studiert. „22 Bahnen“ ist ihr Debütroman.