Mittwoch, 20.Juni

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Iller und Donau ganz braun.

Heute hat
Kurt Schwitters * 1887
Geburtstag
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Klabund
Sommerabende, ihr lauen

Sommerabende, ihr lauen,
Bettet mich auf eure Kissen,
Laßt in Fernen, dunkelblauen,
Meiner Träume Wimpel hissen.

Stunden, die am Tag sich placken,
Feiern nächtlich froh verwegen,
Und ich fühl um meinen Nacken
Zärtlich sich zwei Arme legen.

Ist die Seele liebeswund?
Heißren Atem haucht der Flieder,
Und der rote Himmelsmund
Neigt sich üppig zu mir nieder.
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Jetzt als Taschenbuch:

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Clarice Lispector:Der große Augenblick
Mit einem Nachwort von Colm Tóibín
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
btb  € 9,00

Der schmale Roman der brasilianischen Autorin hat es im Februar 2016 auf Platz 2 der swr-Bestenliste geschafft. 1977 im Original erschienen, ist es auch der letzte Roman der Autorin, die im gleichen Jahr verstorben ist.
Ein Autor sitzt am Schreibtisch und muß über Macabéa schreiben. Eine junge Frau aus dem Nordosten des Landes, die sich in der Hauptstadt als einfache Schreibkraft durchschlägt. Sie ist dünn, nagt am Hungertuch, ist hässlich, geistig sehr unbedarft und erwartet auch nicht viel vom Leben. Der Autor hingegen, der sich immer wieder einbringt, Kommentare abgibt, holpert durch seinen Text. Er will die Realität ablichten, was aber nicht so einfach geht. Er gibt diesem Roman mehr als zehn andere Titel, weil er nicht weiß, wohin das alles noch führen wird. Wie auch schon in den früheren Romanen von Clarice Lispector, herrscht auch hier ein mittleres Durcheinander. Nicht nur in den Köpfen von Macabéa und des Autoren, sondern auch im Schreibstil. Wir mäandern durch den beschreibenen Lebensabschnitt, haben es plötzlich mit einem langen, abgehackten Dialog zu tun, sind mit Macabéa und ihrem „Freund“ im Zoo und plötzlich wieder in der Gedankenwelt des Aufschreibenden.

„Auch ich habe mich von Misserfolg zu Misserfolg auf mich beschränkt, will aber wenigstens noch der Welt begegnen und ihrem Gott, meine Grenzen zu überschreiten, das hat mich fasziniert. Beim Schreiben lüge ich nicht. Was ich schreibe, ist mehr als eine Fiktion, ich habe die Pflicht, von dieser jungen Frau zu erzählen, wie es Tausende gibt. Ebenso obliegt es mir, sei es auch in wenig kunstvoller Weise, ihr Leben für sie zu offenbaren. Denn es gibt das Recht zu schreien.“

Macabéa ist so unbedarft, daß es 40 Jahre nach Erscheinen des Romanes schon fast lustig, satirisch klingt. Sie fragt wie ein kleines Kind, will wissen, was um sie herum vorgeht und fällt am Ende doch auf eine Hellseherin herein. Ihr werden so viele hässliche Dinge an den Kopf geworfen und doch macht sie immer weiter, ohne groß nachzufragen, wie ihre Mitmenschen mit ihr umgehen, was sie von ihr halten. Damit tut sich auch der Schriftsteller schwer. Er würde ja gerne anders und liebevoller mit seiner Figur umgehen. Aber es geht nicht. Sie ist in diese Welt geworfen, die nicht für sie gebaut ist und auch sie ist nicht für diese Welt geschaffen.

„Gewiss hätte sie verdient, in den Himmel der Windschiefen zu kommen, wohin nur gelangt, wer krumm gewachsen ist. Nur geht es nicht um den Zugang zum Himmel, es geht ums Schiefe auf der Welt. Ich versichere euch, wenn ich könnte, würde ich für Verbesserung sorgen.“

Das Buch hat mich sehr gefesselt und eine große Empathie für Macabéa entstehen lassen, obwohl sie als Gesprächspartnerin sehr anstrengend gewesen sein könnte. Ganz sicher. Manchmal dachte ich, daß so ein Text auf die Bühne gehört. Er wäre unglaublich intensiv, frech, ironisch und liebenswert.

Freitag, 15.Juni

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Heute haben
Trygve Gulbransson * 1894
und Silke Scheuermann * 1973
Geburtstag
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Heute auf dem Gedichtekalender.
Hier auf dem Blog jedoch die ganze Version.

Paul Fleming (1609-1640)
Tanzlied

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn die wollustvolle Heerde
tanzt zum Klange der Schalmeien!
Hirt‘ und Heerde muß sich freuen,
wenn im Tanz‘ auf grüner Erde
Böck‘ und Lämmer lieblich ringen.

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn die Sternen, gleich den Freiern,
prangen in den lichten Schleiern!
Was die lauten Zirkel klingen,
nach dem tanzen sie am Himmel
mit unsäglichem Getümmel.

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn der Wolken schneller Lauf
steht mit dunkeln Morgen auf!
Ob sie gleich sind schwarz und trübe,
dennoch tanzen sie mit Liebe
nach der Regenwinde Singen.

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn die Wellen, so die Winde
lieblich in einander schlingen,
die verwirren sich geschwinde!
Wenn die bulerische Luft
sie verschläget an die Kluft,
tanzt der Fluten Fuß zu Sprunge,
wie der Nymphen glatte Zunge.

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
denn der bunten Blumen Schaar,
wenn auf ihr betautes Haar
die verlebten Weste dringen,
geben einen lieben Schein,
gleich als soltens Tänze sein!

Laßt uns tanzen, laßt uns springen,
laßt uns laufen für und für,
denn durch Tanzen lernen wir
eine Kunst von schönen Dingen!

Passt zum Ulmer Tanzfestival Ulm moves.
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Gestern abend habe ich einen grandiosen Abend mit dem phänomenalen Teju Cole erlebt. Der us-amerikanische Autor mit nigerianischen Wurzeln machte auf seiner Deutschland-Tour nur in Berlin, Köln und Stuttgart Halt.
Mit „Open City“ wurde er berühmt. Es war plötzlich eine andere Art des Erzählens da. Cole arbeit als Kunstkritiker und schreibt für die New York Times. Es folgten Bände u.a. mit Essays und jetzt ein Buch mit eigenen Fotos, zu denen er kleine Texte verfasste. Er sagte selbst, dass diese Zeilen jede Menge Fußnoten benötigten. Diese Bemerkungen trug er gestern zu ein paar ausgewählten Bildern vor. Cole ist ein glänzender, witzige Erzähler. Klug, schlau, belesen mäandert er durch die Literaturgeschichte, zitiert hier und da und kommt von der Bibel und Homer plötzlich auf sein Lieblingsthema: Fußball.
Ja, er hat in den Jahren zuvor für Weltmeisterschaften gelebt. Diese Wochen nahm er sich frei und entwickelte sich zu einem Fachmann, dessen Witter-Einträge von Tausenden verfolgt wurden. Leider hat sich das Phänomen Twitter für ihn verändert, nachdem mit diesen wenigen Zeilen Weltpolitik gemacht wird. Gleichzeitig ist bei ihm die Korruption im Weltfußballverband immer mehr in den Vordergrund gerückt. Jetzt Rußland, dann Katar. Ein Unding so sagt er.
Und schon erging es ihm wie mir …. wir kommen vom eigentlichen Thema, der Bilder, ab. Aber genau darum geht es ihm auch. Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Dinge neu zu sehen und zwei verschiedene Texte zu einem Foto zu verfassen, ohne, dass sich dies widerspricht.
Ein unvergesslicher Abend.

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Donnerstag, 14.Juni

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Heute haben
Arthur Schnitzler *1862
Katherine Anne Porter * 1890
Max Frisch * 1911
Michael Lentz * 1964
Judith Hermann * 1970
Geburtstag
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Weltgeschichte ist eine Verschwörung der Diplomaten gegen den gesunden Menschenverstand.

Arthur Schnitzler
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Peter Stangel & Cornelia von Seidlein:
Was macht das Horn im Wald?
Die Instrumente stellen sich vor
Midas Verlag € 18,90

»Was macht das Horn im Wald?« ist Bilderbuch, Hörbuch und (Vor-)Lesebuch in einem; und das für alle Altersstufen. Schon im Kindergarten kann damit gearbeitet werden und wer selbst reinspickeln, können wir auch noch etwas lernen. Peter Stangel, Autor und Dirigent aus München, stellt die zwanzig wichtigsten Instrumente eines Sinfonie-orchesters vor und Cornelia von Seidlein illustriert brav aber treffend Spieler und Instrumente.
So erfahren wir, dass Trompeten bei Soldaten für Kommados benutzt worden sind und aus Mundstück, Rohr, Ventilen und Schallbecher bestehen. Es wird uns auch erklärt, warum das Horn Horn heisst, wo es doch aus Metall hergestellt ist. Früher bestand das Intrument tatsächlich aus Stierhörnern und wurde u.a. bei der Jagd benutzt, um den Jägern u.a. mitzuteilen, wo ein Fuchs gesehen worden ist und ob der Hirsch erlegt ist.
Bei der Geige gibt es eine Schnecke und Wirbel. Wo? Na, das steht im Buch. Auch wird erklärt, warum die Öffnungen in der Geige, F-Löcher heissen.
Pizzicato heisst kneifen. Aber was bedeutet das bei der Geige, oder den anderen Streichinstrumenten?
Und welches Orchesterinstrument hat eine Säule? Natürlich das, das auch über Pedale verfügt. Erraten? Lösung auf Seite 48.
Der Dirigent darf nicht fehlen. Zusätzlich gibt es alle Instrumente mit ihren Spielern als Poster zum Aufhängen und eine CD, auf der wir jedes vorgestellte Instrument hören können. Verbunden mit einem Ausschnitt aus einem bekannten Musikstück, wie zum Beispiel „Der Elefant“ aus dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saens.

Wer ein solches Plakat haben will, kann sich melden. Wir haben ein paar vom Verlag dazugelegt bekommen.
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Anja Kampmann liest am Montag, den 18.Juni ab 19 Uhr bei uns in der Buchhandlung. Hinter dem untenstehenden Link versteckt sich ein Interview mit der Autorin auf der Leipziger Buchmesse zu ihrem Buch: „Wie hoch die Wasser steigen„, das auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis stand.

https://www.zdf.de/kultur/filme-dokus-kabarett/anja-kampmann-am-3sat-stand-100.html