Donnerstag, 28.Dezember

Heute hat
Alfred Wolfenstein
Geburtstag
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Alfred Wolfenstein
Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
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Cecilia Bartoli & Sol Gabetta:Dolce Duello
DECCA 2017 CD 19,99

Caldara: „Fortuna e speranza“ aus Nitocri; „Tanto, e con sì gran piena“ aus Gianguir
Albinoni: „Aure, andate e baciate“ aus ll Nascimento dell’Aurora
Gabrielli: „Aure voi, de’ miei sospiri“ aus San Sigismondo, Re di Borgogna
Vivaldi: „Di verde ulivo“ aus Tito Manlio
Händel: „What passion cannot Music raise and quell?“ aus Ode for St Cecilia’s Day; „Son qual stanco pellegrino“ aus Arianna in Creta
Porpora: „Giusto Amor, tu che m ’accendi“ aus Gli orti esperidi
Boccherini: Cellokonzert Nr. 10 D-Dur G. 483

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Von einem Duell kann hier nun wirklich nicht die Rede sein. Da hat die Werbemaschinerie in die Vollen gelangt. Auch die Aufmachung der CD erinnert eher an den ersten Italien-Badeurlaub, als eine eine hochkarätige Barockmusik-Einspielung. Denn, dass beide Frauen in ihrem Fach Weltklasse sind, dürfte wohl klar sein. Der warme sonore Klang von Sol Gabettas Cello passt ausgezeichnet zum warmen Ton den Cecilia Bartolis Stimme. Beide haben in der Musikkiste gekramt und dabei drei Musikstücke als Weltersteinspielung aufgenommen.

Unterstützt werden die beiden Solistinnen auf »Dolce Duello« von ihrem Cappella Gabetta Kammerensemble unter der musikalischen Leitung von Violinist Andrés Gabetta.

Mir macht diese Musik Spaß und ich kann sie auch mehrfach hintereinander anhören. Sie fließt, sie ist rund, angenehm und zeigt das große Können der beiden Künstlerinnen, ohne, dass sie sich in einem Wettstreit in die Höhe schaukeln.

Donnerstag, 16.November

Heute haben
José Saramago * 1922
Anne Holt * 1958
Karen Duve * 1961
Geburtstag.
Und es ist der Todestag von Ringelnatz.
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Joachim Ringelnatz
Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.
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SINN UND FORM
SECHSTES HEFT
November/Dezember 2017 € 11,00

Ganz unscheinbar kommt dieses Heft daher. Seit 69 Jahren sieht es so aus und innen drin verstecken sich jedes Mal unbekannte Schätze. Unglaublich, denke ich so oft; so  auch dieses Mal.

Der russische Schriftsteller Dmitri Bakin, der Taxifahrer war, beginnt mit einer unglaublichen Erzählung: „Bleiben: verwehrt“. Ich habe noch nie etwas von ihm gehört und gelesen und möchte nach dieser Lektüre noch mehr in die Finger bekommen.
Wolfgang Hilbig schreibt über Marina Zwetajewas Gedichtzyklus „Schlaflosigkeit“.
Großartig.
Und so geht es weiter. Texte über Literatur, Gedichte reihen sich an Erzählungen.
Hans Benders Vortrag „Vom Leben, Schreiben und Herausgeben“ aus den 80er Jahren taucht hier plötzlich auf und lässt mich staunen.
Heißenbüttel schreibt über Hamsun (Leseprobe) und Gert Löschütz nimmt uns mit nach Prag. Cécile Wajsbrots „Tröstung“ ist eine wahre Perle“
Zum Schluß noch Michael Maar über Peter Sloterdijk und Hans Christoph Buch über Joseph Brodsky.
Muss ich noch mehr loben?

Dienstag, 14.November

Heute haben
Claude Monet * 1895
und Astrid Lindgren * 1907
Geburtstag.
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Paul Boldt
In der Welt

Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen,
Die wie getroffen auseinander hinken.
Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen,
Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken.

Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise.
Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen.
Die Tage sterben weg, die weißen Greise.
Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen.
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Keaton Henson:Gloaming
Luftschacht Verlag € 23

„Ich habe meine Kindheit alleine verbracht, mit dem Ausblick auf Dächer und Schornsteine, und habe mich gefragt, wo all die Kreaturen aus meinen Märchenbüchern waren, warum ich sie nicht in der Vorstadtlandschaft sehen konnte, wo sie doch eindeutig hingehörten. Nun, da ich erwachsen bin, lässt mich diese Idee nicht los, und im Laufe eines Jahres in Abgeschiedenheit beschloss ich, dass meine Heimatstadt Monster bräuchte. Das Ergebnis ist dieses Buch. Es zeigt, wo ich lebe, was ich sehe, und wie ich mir wünsche, dass es sein könnte. Ich nenne es Gloaming.“
Keaton Henson

Es ist schon sehr verstörend, was mir da entgegenkommt. Diese Graphic Novel, in schwarzweiss gezeichnet, erinnert an englische Gespenstergeschichten, Kindheitsphantasien, Erwachsenenängste, japanische Comics und immer wieder zeigt sich eine warme Geborgenheit, die zuerst gar nicht zu vermuten ist.
Der englische Maler, Musiker und Poet erzählt eine melancholische Geschichte ohne Worte. Er schafft sich eine eigene Welt, die er selbst Gloaming nennt. Er zeichnet Kreaturen, die in Stadtlandschaften und Vorstädten herumschleichen, in Wohnungen eindringen. Irgendwie auf der Suche nach … Ja nach was? Geborgenheit? Dazuzugehören?
Ich blättere vor, dann wieder zurück, bleibe bei bestimmten Bildern hängen. Nehme den Schutzumschlag ab und schaue auf deren Innenseite, die auch bedruckt ist. Nichts ist dem Zufall überlassen. Alles hängt zusammen. Ein eigene Szenerie, die so fremd ist und doch gleich um die Ecke auftauchen könnte.

Draußen ist alles weiß verreift, zwischen den Bäumen ist es noch dunkel.
Vielleicht …., wenn wir genau hinschauen …?

In der „Tiny Desk“ Serie können wir Keaton Henson als Sänger und Musiker zuhören.