Montag, 29.November

Alte und neue Bilder (albertcueppers.wordpress.com)


Heute haben
Wilhelm Hauff * 1802
Gerti Tetzner * 1936
Geburtstag
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Ein Gedicht zum gestrigen 1.Advent

Theodor Fontane

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
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Roger Willemsen: „Wer wir waren
S.Fischer Verlag € 9,50

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

Ein Zitat aus diesem schmalen Buch, das im November 2016 erschienen ist.
Der Titel des Buches hätte zum neuen, geplanten Buch von Roger Willemsen gehört. Seine Krebskrankheit hat diesen Plan zunichte gemacht. Geblieben ist die Idee in einer Rede zusammengefasst und hier nachzulesen.
Schön, an einem Adventsonntag die Zeit für solche Texte zu haben.
Wie klug und informativ Roger Willemsen uns sein Wissen unterbreitet. Aktueller, inmitten der Pandemie, könnte dieser Text nicht sein, den er 2015 vorgetragen hat.
Seine scharfe Analyse unserer Gesellschaft, seine melancholische Betrachtung unserer Zustände und Zusammenhänge, machen mich staunen. Seine Forderung zu einer Abkehr der Rasanz unserer Zeit, finden wir bei Hartmut Rosa wieder. Seine Idee des Futur Zwei ist die Leitidee von Harald Welzer. Unser Handeln, jetzt und in naher Zukunft, aus einer ferneren Zukunft zu betrachten, würde anders aussehen.
64 kleine Seiten, die sich lohnen und in jedes Nikolaus Päckle passen.
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Und dann auf dem Sofa sich stundenlang in den neuen Franzen zu vertiefen, darin zu versinken und die Abgründe mitzuerleben, die sich in dieser Familiengeschichte auftun, das hat schon was.
Der Roman spielt in der Adventszeit, kurz vor Weihnachten 1971, also genau vor 50 Jahren.
Eine gekonnt gemachte Lektüre, die einen nicht mehr loslässt.
Das dicke Buch passt nicht in jeden Stiefel. Daher erst mal selber lesen.


Jonathan Franzen: „Crossroads
Deutsch von Bettina Abarbanell
Rowohlt Verlag € 28,00

Freitag

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Heute haben
O.Henry * 1862
D.H.Lawrence * 1885
Theodor W.Adorno * 1903
Joachim Fernau * 1909
Geburtstag
und „Kaiser Franz Beckenbauer wird heute 70 und Arvo Pärt 80 Jahre alt.

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Rasmus Schöll empfiehlt:

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Jonathan Franzen: „Unschuld“
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld
Rowohlt Verlag € 26,95
als E-Book € 23,99
Harper Collins € 23,99

Jonathan Franzens neuer Roman „Unschuld“ wurde in allen wichtigen Feuilletons sehr gut besprochen. Doch lohnt sich das 800 Seite dicke Buch tatsächlich zu lesen?
Im Groben geht es um die großen Themen der Literatur: Liebe, Freiheit, Hass, Freundschaft und Mord. Das ist ja schon mal nicht nichts!
Im Zentrum des Romans steht eine junge Frau Namens Purity, so auch der Titel im Original. Im Buch selbst wird sie fast nur Pip genannt. Purity, von solchen Anspielungen und Wortspielen brummt es von Kapitel zu Kapitel und das macht Spass und ist zum Teil sehr witzig. Pips Mutter lebt zurückgezogen in einer Art Dorfgemeinschaft und leidet
an Hypochondrie. Pip liebt und verabscheut ihre Mutter gleichermaßen, da diese ihr unter keinen Umständen verraten möchte wer ihr Vater ist. Durch ihr Studium hat sich Pip hochverschuldet und fristet nun ein Dasein in der Telefondirektakquise einer abgehalfterten Firma, bis sie zum sagenumwobenen Sunlightprojekt kommt. Dies ist eine Enthüllungsplattform ganz im Stile von Wikileaks, nur eben besser. Im Mittelpunkt dieses Projektes steht der deutsche Andreas Wolf (schon wieder so ein Wortspiel), aufgewachsen in der DDR, unglaublich charismatisch, beinahe schon in das Magische abgleitend, eine Gurufigur, eine Sonne, der sich nur mit weiblichen Mitarbeitern umgibt, da er Männern nicht vertraut. Wir folgen den Figuren, in „franzenscher-Manier“ über Jahrzehnte, es geht um Freundschaft, Familie, Liebe und wie diese in Hass um schlägt. Das Hauptthema des Romans ist die Auseinandersetzung mit dem „Überwachungs“-Internet von heute, den Enthüllungsplattformen, Whistleblowern – Snowden und Assange werden mehrfach erwähnt- und dem traditionellen Journalismus, im Buch repräsentiert von einem Onlinepressedienst. Zu guter Letzt ist es auch ein DDR-Roman. Franzen vergleicht diese mit dem Internet und der Überwachung von heute. Die DDR als Blaupause oder eine Art Versuchsprojekt in klein, für die globale Überwachung.
Das Buch ist ein Mix aus Dave Eggers „The Circle“, Eschbachs „Billion Dollar“ und Franzens „Freiheit“. Teuflisch gut geschrieben. Zu Beginn ein wenig holprig, aber das gibt sich nach gut 100 Seiten. Die Figuren sind allesamt grandios erschaffen in psychologischer Tiefenschärfe.
Klarer Daumen nach oben, Lesenswert!

Der Rowohlt Verlag meldet:
Jonathan Franzen erhält den EuroNatur-Preis 2015
Wir gratulieren unserem Autor Jonathan Franzen, der mit dem EuroNatur-Preis 2015 ausgezeichnet wird. Der Preis würdigt herausragende Leistungen und Engagement im Naturschutz, Jonathan Franzen gilt als begeisterter Vogelbeobachter und engagiert sich intensiv für den Vogelschutz in Europa. Die Preisverleihung findet am
14. Oktober 2015 um 17 Uhr auf der Bodenseeinsel Mainau statt.