Sonntag, 2.Mai

Nein, keine Impfschlange, sondern die Eröffnung eines Donut-Ladens. Links ging die Schlange noch locker 10 Meter weiter.

Heute haben
Novalis * 1772
Gottfried Benn * 1886
Georges-Arthur Goldschmidt * 1928
Gisela Elsner * 1937
Franz Innerhofer * 1944
Angela Krauß * 1950
Geburtstag
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Novalis

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in’s freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
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Rachid Benzine: „Als ich ihr Balzac vorlas
Die Geschichte meiner Mutter
Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Piper Verlag, gerademal 90 Seiten, € 16,00
Ainsi parlait ma mère“ € 9,90

Eine grandiose Überraschung am Samstagabend.
Warum der Verlag das Buch in die Kategorie „Sachbuch“ stellt, erschließt sich mir nicht.
Rachid Benzine wurde 1971 in Marokko geboren, ist Historiker, Politologe, Islamwissenschaftler und Berater in Brüssel bei der EU.
So liebenswert und rührend (und in keinem Fall kitschig) erzählt er das Leben seiner Mutter, die auch nach Jahren in Brüssel, nicht lesen kann und eine Mischung aus Berbersprache, arabisch und französisch spricht. Sie wurde früh Witwe und hat ihre fünf Söhne mit Putzarbeiten über die runden gebracht. Als sie erkrankt, pflegt der Ich-Erzähler seine Mutter 15 Jahre lang, wobei er hauptberuflich als Professor an einer Universität arbeitet.
Diese Episoden sind so freundlich, witzig, mit ernstem Hintergrund erzählt, dass man sie sofort laut vorlesen sollte. Der erwachsene Sohn erfährt im Laufe der Zeit viel Unentdecktes aus dem Leben seiner Mutter und stellt fest, dass sie, obwohl sie ihr Leben lang als unwissende Ausländerin behandelt worden ist, immer für ihre Söhne, für Nachbarn, für Menschen in Not zur Stelle war und viel großzügiger im Denken war, als die vier Brüder des Erzählers.
Warum der Titel? Der Sohn muss ihr in dieser Zeit gefühlte 250 Mal den Roman „Das Chagrinleder“ von Balzac vorlesen. Ein Text, den sie nicht komplett verstand, aber den Sohn sofort korrigierte, wenn er sich verlas.
Ein wohltuender Roman, in unserer Zeit, in der Empathie, Solidarität und Fürsorge immer wichtiger werden.

Leseprobe
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Mitmachen und in den nächsten drei Wochen Kilometer sammeln.
Am ersten Tag des Ulmer Stadtradeln wurde schon eine Tonne CO2 eingespart.
Das Team „Jastram radelt“ strampelt fröhlich mit.

Dienstag

Heute haben
Honoré de Balzac * 1799
Sigrid Undset * 1882
Hans Sahl * 1902
Wolfgang Borchert * 1921
Hanna Krall * 1937
Matthias Politycki * 1955
Ingvar Ambjornsen * 1956
Geburtstag.
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Werner Färber
UNGEREIMTHEIT DER WOCHE:

EINE KLEINE ZAUBERMAUS
(Ungereimtheiten aus der Tierwelt CCLVI)

Wird bedroht sie von der Katze,
nimmt eine kleine Zaubermaus,
trotz bereits erhob’ner Tatze,
nicht voller Panik schnell Reißaus.

Mit Zauberkraft wird sie zum Hund!
Worauf die Katz‘ lässt langsam sinken
die Pfote höchst verlegen und
tut dann so, als würd‘ sie winken.
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Wind

Warum ist Rosa kein Wind?
Gedichte & Geschichten vom Leben, Lieben & Fliegen
Herausgegeben von Christine Knödler
Mit zahlreichen Illustrationen von Stefanie Harjes
Ravensburger Verlag € 16,99

Anthologien gibt es ja wie Sand am Meer, aber diese sticht sowohl durch ihre Auswahl und ihre portischen Illustrationen heraus. Wer hätte das gedacht, dass der Ravensburger Verlag so ein besonders schönes Buch im Programm hat. Aufmerksam geworden bin ich durch die Lektorin des Buches, die in Ulm wohnt und mich im Buchladen darauf hingewiesen hat. Und recht hatte sie. Zumal wir es seitdem schon einige Male verkauft haben.

Jahrelang haben sich Herausgeberin und Illustratorin Gedichte und Texte hin- und hergeschickt, die ihnen beiden gefallen, die ihnen auf gefallen sind. Aus ihrer beider Liebe zu Worten und Bildern sollte ein Buch entstehen, das das Zeug zu dem hat, was Literatur und Kunst grundsätzlich vermögen: zu berühren, zu beflügeln, Horizonte zu eröffnen, neue Welten enstehen zu lassen. Und gerade Gedichte spielen mit Gedanken und Gefühlen,, mit Tempo und Klang. Sie müssen erfühlt und erfahren werden. Können unser Herz öffnen, oder treffen voll dort hinein.

Ringsherum lacht es und luftet
Mit den Kirschen im Mund
Und es wurde Gold und schwer
Um zu entfliehen meinwärts

heissen die Kapitel und sind angefüllt mit Gedichten, Texten von Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Franz Hohler, Sarah Kirsch, Paul Klee, Arno Holz, Pablo Neruda und neben Wiglaf Droste und Durs Grünbein, dessen Gedichtzeile dem Buch den Namen gab, noch viele andere mehr.

Heinrich Heine
Buch der Lieder

(Der Kopf spricht:)

Ach, wenn ich nur der Schemel wär,
Worauf der Liebsten Füße ruhn!
Und stampfte sie mich noch so sehr,
Ich wollte doch nicht klagen tun.

(Das Herz spricht:)

Ach, wenn ich nur das Kißchen wär,
Wo sie die Nadeln steckt hinein!
Und stäche sie mich noch so sehr,
Ich wollte mich der Stiche freun.

(Das Lied spricht:)

Ach, wär ich nur das Stück Papier,
Das sie als Papillote braucht!
Ich wollte heimlich flüstern ihr
Ins Ohr, was in mir lebt und haucht.

Arno Holz
Mählich durchbrechende Sonne

Schönes, grünes, weiches Gras.
Drin liege ich.
Mitten zwischen Butterblumen!

Über mir
warm
der Himmel:
ein
weites, zitterndes Weiß,
das mir die Augen langsam, ganz langsam
schließt.

Wehende Luft, . . . ein zartes Summen.

Nun bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und deutlich spür ich,
wie die Sonne mir durchs Blut rinnt –
minutenlang.

Versunken alles. Nur noch ich.

Selig.

Gefunden habe ich das noch:
Wiglaf Droste schimpft, weil eines seiner Gedichte ungefragt benutzt worden ist. In der Nähe solch großer Dichter, wie Ringelnatz, Brasch, Neruda fühlt er sich jedoch ganz wohl. Das mit dem Durs Grünbein, den er wohl gar nicht abkann, ist dann eine Privatsache zwischen Wiglaf und Durs.
Hier kommt sein Text.

Ich kann Ihnen keine weiteren Illustrationen aus dem Buch zeigen, habe aber ein Filmchen über die Arbeit von Stefanie Harjes gefunden, die dort ihre Werke erklärt.

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