Mittwoch

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Heute haben
Richard Dehmel * 1863
Klaus Mann * 1906
Vassilis Vassilikos * 1933
Margaret Atwood * 1939
Christoph Wilhem Aigner * 1954
Geburtstag
und es ist der Todestag von Marcel Proust.
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Richard Dehmel
Empfang

Aber komm mir nicht im langen Kleid!
komm gelaufen, daß die Funken stieben,
beide Arme offen und bereit!
Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;
über Berge geht’s, reiß ab die Schleppe,
nur mit kurzen Röcken kann man lieben!

Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!
Einsam ist die Nacht in meinem Walde,
und am schönsten bist du blaß und bloß,
nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;
trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,
und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.

Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;
o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!
Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:
wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!
und dein Brautbett ist die ganze Erde.
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Neben der Reihe „Menschen und Orte“ in seiner kleinen, feinen, geklammerten Form, in der sehr bibliophil zu Leben und Lebensorte bedeutender Menschen erzählt wird, gibt es in der Edition A.B.Fischer auch noch die Reihe „Wegmarken“. Werden in den ersteren Heftchen Orte, oder Fleckchen Erde, an denen Künstler Ruhe fanden, ungestört arbeiten oder eine persönliche Krise bewältigen konnten, beschrieben, die man heute noch besuchen kann, nähern wir uns in den „Wegmarken“ einer Biografie des Künstlers. Nicht immer sind die Häuser oder die Ateliers berühmter Schriftsteller und Künstler erhalten. Oft lassen sich ihre Spuren nur noch an verstreuten Erinnerungsorten finden – in Städten, Dörfern und Landschaften. Eine hervorragende Möglichkeit sich diesen rastlosen Dichtern, unbehausten Künstlern und geistigen Exilanten zu nähern.

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Irene Fußl, Arturo Larcati:Das Rom der Ingeborg Bachmann
Wegmarken
Edition A. B. Fischer € 12,00

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Dieser biografische Essay mit alten und neuen Fotos in besten Qualität entführt uns in das Rom der Bachmann. Für sie war Italien nicht ein Sehnsuchtsort, wie für so viele andere. Sie kam über eine Einladung von Henze dorthin und nicht mehr von dort los. Mit einer kurzen Unterbrechung (nach der Trennung von Max Frisch) lebte sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens in der Ewigen Stadt. Eine Stadt, die sie nicht mehr losließ. Ein Stadt, die ihr Werk intensiv gesprägt hat, in der sie die allegria fand, die im Gegensatz zu ihrem Leben stand. Wir wissen um ihre Alkohol- und Medikamentenprobleme, wir wissen um Probleme mit ihrem Vater. Und hier nun fand sie einen Ort, der sie empfing, der einfach da war, den sie zu Fuß erkundete und in dem sie sich wahrscheinlich besser auskannte, als so mancher Römer. Ingeborg Bachmanns kurzer Text „Was ich in Roma sah und hörte“ dient dem Büchlein als roter Faden. Einzelne Passagen werden unterfüttert mit Fotos und Orten in Rom. Der Tiber, die Menschen, der Himmel, die Luft. Alles ist darin enthalten und immer noch da. Wenn sie sich eines der architektonischen Spielchen von Borromini anschauen, dann müssen sie sich nur umdrehen und sie stehen vor einem der ersten Wohnungen der Bachmann. Stehen Sie vor der Spanischen Treppe, ist es nur ein Katzensprung von ihrer berühmten Wohnung in der Via Bocca di Leone 60 entfernt, über die auch Uwe Johnson schrieb, der dort zu Besuch war. Auf Ihrem Weg von der Altstadt in Richtung Vatikan können sie durch eine ruhige, verwunschene Straße direkt an ihrer Wohnung vorbeigehen, in der es zu dem schrecklichen Unfall kam, an dessen Folgen Ingeborg Bachmann kurz darauf im Krankenhaus starb.
Dieser Werkmarken-Band eignet sich natürlich nicht als Reiseführer mit Stadtplan etc, ist jedoch eine perfekte Ergänzung, wenn Sie sich in der Ewigen Stadt aufhalten. Lassen Sie sich treiben, gehen Sie ein paar Umwege. Der Trevi-Brunnen ist nachts um eins eh am Schönsten. Schlendern Sie durch das Rom der Bachmann, nehmen Sie sich die Textzitate aus dem Buch vor und Sie verstehen, warum die Autorin sich hier wohlfühlte und wo und wie dieses Rom-Gefühl in ihrem Werk auftaucht.

„Ich hörte, daß es in der Welt mehr Zeit als Verstand gibt, aber daß uns die Augen zum Sehen gegeben sind.“
So endet der Rom-Text von Ingeborg Bachmann.
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Gestern großes Aufgebot bei uns in der Buchhandlung.
Pressegespräch mit Manfred Spitzer, der am kommenden Freitag in der Neu-Ulmer Ratiopharm Arena einen Vortrag aufgrund seines neuen Buches „Cyberkrank“ hält.
Der Beitrag von Regio TV soll heute abend zu sehen sein.

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Heute abend ab 19 Uhr in der Buchhandlung.
„Vergessene Bücher“
Wir stellen Bücher vor und Clemens Grote liest daraus.
Kennen Sie „Donner über dem Meer“, oder „Murmeljagd“?
Nein? Na dann lohnt sich aber ein Besuch bei uns.
Der Eintritt ist frei.

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Heute haben
Guillaume Apollinaire * 1880
Jules Romains * 1885
Christopher Isherwood * 1904
Julio Cortázar * 1914
Walter Helmut Fritz * 1929
Steinunn Sigurdardóttir * 1950
Geburtstag
und es ist der Todestag von Wolfgang Herrndorf

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„Glaubt mir“, sagte er, „ihr schließt ein Mal die Augen und öffnet sie wieder, und welk hängt das Fleisch in Fetzen. Die Liebe, die Liebe! Carpe diem.“
Wolfgang Herrndorf: „Tschick“
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Auf der Longlist und bei uns im Laden:

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Gertraud Klemm: „Aberland“
Droschl Verlag € 19,00

Der österreichische Droschl Verlag hat gleich zwei Titel auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Da wurden sicherlich ein paar gute Flaschen Weisswein geöffnet.
So hoffe ich.
„Aberland“ ist schon im Frühjahr erschienen und tauchte zu diesem Zeitpunkt auf unserem Blog auf. Ich habe ihn damals gelesen und es war ein Lesegenuss zwischen Schmunzeln und Lachen, das mir im Halse stecken blieb. Gleichzeitig ist dieses bitterböse Porträt zweier Frauengenerationen mit so einer gekonnten Sprachwucht geschrieben, dass die Vergleiche mit Streeruwitz und Bernhard nicht weit hergeholt sind.
Es gibt zum einen Elisabeth, 58 Jahre alt, deren Mann kurz vor der Pensionierung steht. Sie versucht mit allen Mittel, in Würde zu altern. Das heisst: Morgens raus zum Walken, dann etwas Sonnenbaden, damit die alte Haut nicht gar so weiss aussieht. Die Gespräche auf der Liegewiese, die sie wahrscheinlich mit geschlossenen Augen mitbekommt, sind ein Spiegel unserer Gesellschaft. Gertraud Klemm hat genau hingehört, wenn sie unterwegs ist, wenn sie auf Partys steht, wenn Menschen zusammenstehen. Elisabeth hat keinen Beruf erlernt, hat den Haushalt geführt, die Kinder großgezogen, meist die Augen vor den Liebschaften des Ehemanns verschlossen und will auch nicht ins Erbbuch der Schwiegermutter eingetragen werden, mit der sie ein Leben lang nicht klar gekommen ist. Gertraud Klemm beschreibt dies mit einem gekonnt eingesetzten Zynismus, der messerscharf eingesetzt ist. Elisabeth beobachtet auch ihre Kinder; hauptsächlich Franziska, die andere Protagonistin, 35 Jahre, die mit ihrem kleinen Sohn heillos überfordert ist. Sie hat studiert, eine Doktorarbeit dem Kinderwunsch hintenangestellt und da ihr Mann gut verdient, diesen Luxus auch genossen. Somit gehen ihre Anschuldigungen auch immer auf sie selbst zurück.Und das weiss sie auch. Das Leben des Kleinen bestimmt ihren Alltag. Kindergeburtstage, Muttertagsbrunch und Weihnachtsfeiern durchbrechen den Trott, was an ihrer Situatuion als Mutter nichts ändert. Sie nimmt sich zumindest die Freiheit heraus, mit Männern ins Bett zugehen. Ein klein wenig Ausbruch aus dem Alltag und der Familienplanung. Auch hier schaute Gertraud Klemm genau hin. Wenn der kleine Sohn zur Mama sagt, dass es doch so sei, dass nur Frauen die Spülmaschine einräumen, dann entspricht dies wohl der Wirklichkeit in vielen Haushalten. Diese Mutter-Kind-Situationen könnte man wirklich verfilmen. Dieser Sprachwitz, die ungewollte Komik, die Wutausbrüche der Mutter – das einfach großartig geschrieben.
Ein großes, unterhaltsames, gnadenlos, bissig, komisches Lesevergnügen, das manchmal richtig wehtut, wenn wir uns selbst in Sätzen und Passagen wiederekennen und gleichzeitig eine böse Abbrechnung mit dem Thema Emanzipation und was Frauen aus zwei Generationen daraus gemacht haben.

Hier können Sie Gertraud Klemms Lesung beim Bachmann Wettbewerb und die Diskussion zu ihrem Text anschauen. Dort hat der Text den Publikumspreis erhalten.
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Impressionen aus unserem Buchladen

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Donnerstag

Heute haben
Georg Büchner * 1813
Alfred Polgar * 1873
Nathanael West * 1898
Arthur Miller * 1915
Geburtstag und
Ingeborg Bachmann ist vor 40 Jahren (1973) gestorben.
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Georg Büchner
O meine müden Füße ihr müßt tanzen

O meine müden Füße ihr müßt tanzen
In bunten Schuhen,
Und möchtet lieber tief, tief
Im Boden ruhen.

O meine heißen Wangen, ihr müsst glühen
Im wilden Kosen,
Und möchtet lieber blühen
Zwei weiße Rosen.

O meine armen Augen, ihr müsst blitzen
Im Strahl der Kerzen,
Und lieber schlieft ihr aus im Dunkeln
Von euren Schmerzen.
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Darina

Maria Matios: „Darina, die Süße
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Mit einem Nachwort von Andrej Kurkow

Gestern schrieb ich, dass ich ein Buch von einer ukrainischen Autorin gelesen und dann entdeckt habe, dass mein nächstes Buch zwar aus Brasilien kommt, Clarice Lispectors Familie jedoch als Juden aus der Ukraine geflohen sind, als die Autorin noch ein Kind war. Jetzt kommt somit die Besprechung des zuerst genannten Romanes:
Maria Matios, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Sie ist 1959 in der Ukraine geboren, lebt und arbeitet dort immer noch und engagiert sich in einer demokratischen Partei, die von Herrn Klitschko gegründet worden ist. „Darina, die Süße“ wurde mit den höchsten Literaturpreisen des Landes ausgezeichnet, was mich nach der Lektüre nicht verwundert. Die Handlung spielt in der Bukowina, in einem Gebiet, aus dem sehr viele Schriftseller kommen und einem Landstrich, der schon seit jeher zwischen den verschiedenen Nationen hin und her gerissen worden ist. Rumänien, Russland, die Nazi-Deutschen – alle haben dort ihre Greueltaten vollbracht und ein Land der Verwüstung hinterlassen.
Wir sind in einem kleinen Dorf am Rande der Bukowina. Dort lebt Darina, die von ihren Nachbarn als nicht ganz bei Verstand und stumm angeshen wird. Darina heisst deshalb „die Süße“, da sie, wenn sie Süßes isst, extreme Kopfschmerzen bekommt, die sie fast wahnsinnig werden lassen. Sie behilft sich damit, dass sie sich in die Erde eingräbt. Die Kühle und die Würme helfen ihr, diese unglaublichen Schmerzen auszuhalten. Es gibt eine Nachbarin, die ihr immer wieder zur Hand geht und es taucht ein Tagelöhner auf, ein schmuddeliger Mann, der sich nichts sagen lässt und flucht und und Menschen beschimpft, dass es eine Wonne ist. Darina jedoch spielt er auf der Maultrommel vor, genießt, wenn sie sich in den Baum ihrer Eltern zurückzieht und ihn schmückt, dass er im Wind nur so glitzert. Gegen ihre Schmerzen findet er ein weiteres, gutes Heilmittel. Wasser, kaltes Wasser, Wasser aus dem Teich. Und so entdecken die Dorfbewohner die beiden nachts im Mondschein nackt im See und denken sich ihr Teil dabei. Diese Idylle hat jedoch bald ein Ende und Iwan muss zur Behörde, die ihn inhaftieren. Dies ist also die Rache der Mitbewohner, die diesem verderbichen Treiben ein Ende machen wollen. Maria Matios schildert diese Tage und Nächte in dem abgeschiedenen Dorf sehr nüchtern. Sie verurteilt die tratschenden Bewohner nicht, sondern versucht mit ihrer Sprache uns ihr Denken verstehen zu lassen.
Damit endet der erste Teil des Buches, der in den 80er Jahren spielt. Der zweite Teil ist ca. 40 Jahre früher angesiedelt, als Darina noch ein Kind war. Hier kommt nun die ganze Brutalität der Menschen in diesem Landstrich in den Vordergrund. Als die Ehefrau eines jungen Paares verschwindet und verunstaltet vom Ehemann wieder gefunden wird, weiss er nichts mit dieser Situation anzufangen und vermutet, dass sie einen Liebhaber hatte. Er schlägt sie wiederum brutal, aber seine Ehefrau spricht nicht mehr und verschwindet immer mehr in ihre Innenwelt. Dies Brutalität zieht sich durch alle Situationen durch. Egal, welches Land gerade den Daumen auf den Landstrich hält – die Macht wird nur mit Gewalt gefestigt. Durch diese Beschreibung, wie ein junges Paar den Umständen ausgesetzt ist und daran zerbricht,oder besser zerbrochen wird, lässt uns das Verhalten Darinas besser verstehen. Dieser zweite Teil hat mich an den estnischen Roman „Fegefeuer“ von Sofi Oksanen, die darin auch die durchgehende Brutaliät an Frauen in dem zerissenen Estland schildert.
Maria Matios Buch hat mich sehr bewegt und ich kann verstehen, dass es in der Ukraine als ein wichtigs Gegenwartsbuch angesehen wird.
Erhellend ist auch noch das Nachwort von Andrej Kurkow, der mittlerweile auch im Haymon Verlag veröffentlicht, den wir von seinen Büchern im Diogenes Verlag her kennen.

Ins Buch hineinlesen auf libreka