Donnerstag, 18.Januar

Heute haben
Franz Blei * 1871
Arno Schmidt * 1914
Peter Stamm * 1963
Geburtstag
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Zu lieben mag wohl eine Lust sein, aber ein Vergnügen ist es nie: genauso wie das Leben.
Franz Blei
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Heute gibt es gleich zwei Geburtstagskinder, die mit unserer Buchhandlung verbunden sind.

Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte …
Arno Schmidt

Arno Schmidt Foto von Alice Schmidt © Arno Schmidt Stiftung Bargfeld, in den 60er Jahren

Als »musivisch« oder löcherig bezeichnete Arno Schmidt unsere Wahrnehmung der Gegenwart. Er entwickelte in seiner frühen Prosa eine Erzähltechnik, die diesem Umstand gerecht werden sollte: Seine Romane setzen sich aus einer Kette von signifikanten Momentaufnahmen zusammen. In Brand’s Haide, Schwarze Spiegel, Aus dem Leben eines Fauns, Das steinerne Herz und Die Gelehrtenrepublik entsteht so ein plastisches Erzählen, das unmittelbar auf den Leser wirkt. Der Autor selbst erläutert diese Schreibtechnik so:

[…] man rufe sich am Abend den vergangenen Tag zurück, also die »jüngste Vergangenheit« (die auch getrost noch als »älteste Gegenwart« definiert werden könnte): hat man das Gefühl eines »epischen Flusses« der Ereignisse? Eines Kontinuums überhaupt?
Es gibt diesen epischen Fluß, auch der Gegenwart, gar nicht; Jeder vergleiche sein eigenes beschädigtes Tagesmosaik!
Die Ereignisse unseres Lebens springen vielmehr. Auf dem Bindfaden der Bedeutungslosigkeit, der allgegenwärtigen langen Weile, ist die Perlenkette kleiner Erlebniseinheiten, innerer und äußerer, aufgereiht. Von Mitternacht zu Mitternacht ist gar nicht »1 Tag«, sondern »1440 Minuten« (und von diesen wiederum sind höchstens 50 belangvoll!).
Aus dieser porösen Struktur auch unserer Gegenwartsempfindung ergibt sich ein löcheriges Dasein –: seine Wiedergabe vermittels eines entsprechenden literarischen Verfahrens war seinerzeit für mich der Anlaß zum Beginn einer weiteren Versuchsreihe (Typ Brand’s=Haide=Trilogie).
Der Sinn dieser »zweiten« Form ist also, an die Stelle der früher beliebten Fiktion der »fortlaufenden Handlung«, ein der menschlichen Erlebnisweise gerechter werdendes, zwar magereres aber trainierteres, Prosagefüge zu setzen.
(Ich warne besonders vor der Überheblichkeit, die hier vielleicht das dem Bürger naheliegende schnelle Wort von einem »Zerfall« sprechen möchte; ich stelle vielmehr meiner Ansicht nach durch meine präzisen, »erbarmungslosen«, Techniken unseren mangelhaften Sinnesapparat wieder an die richtige ihm gebührende biologische Stelle. Gewiß geht dabei der liebenswürdige Wahn von einem singulären überlegenen »Abbilde Gottes« wiederum einmal mehr in die Brüche; die holde Täuschung eines pausenlosen, »tüchtigen«, Lebens, (wie sie etwa Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann so unangenehm geschäftig zur Schau trägt) wird der Wirklichkeit überhaupt nicht gerecht. Eben dafür, daß unser Gedächtnis, ein mitleidiges Sieb, so Vieles durchfallen läßt, ist meine Prosa der sparsam=reinliche Ausdruck.)

Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts III,3 S.167f.
© Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld
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Freitag, den 18.Mai um 19 Uhr
Peter Stamm
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Bei uns in der Buchhandlung, oder im Roxy.
Eintritt € 15,00

Freitag

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Heute haben
Johanna Spyri * 1827
Djuna Barnes * 1892
HC Artmann * 1921
Henry Slesar * 1927
Anne Frank * 1929
Christoph Meckel * 1935
Regula Venske * 1953
Wolfgang Herrndorf * 1965
Geburtstag

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Heute wäre Wolfgang Herrndorf 50 Jahre alt geworden, hätte er sich nicht am 26.August 2013 umgebracht.
Mehr zu seinem Leben können Sie bei Wikipedia nachlesen.
Gerade rechtzeitig hat der Rowohlt Verlag eine Gesamtausgabe seiner literarischen Werke in drei Leinenbänden im Schuber herausgebracht.

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Wolfgang Herrndorf: „Gesamtausgabe“
Rowohlt Verlag € 49,95
Leseprobe

Damit würdigt sein Verlag ihn als Großen seines Hauses und als Wichtigen in der deutschen Literatur. Richtig so. Wir kennen ihn seit „tschick“, das in sehr vielen Schulen gelesen und an ganz vielen Bühnen gespielt wird. So auch am Akademie Theater Ulm. Danach kam „Sand“, für das er den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Posthum erschien sein Blog in gedruckter Form „Arbeit und Struktur“ und sein Fragment gebliebener Roman „Bilder einer großen Liebe“.
Vorstellen möchte ich heute das Hörbuch von „Sand“.

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810 Minuten auf 11 CDs für € 29,95
oder auf 2 MP3-CDs für € 16,95

Stefan Kaminski liest diesen Roman, der deutlich länger und komplexer als all seine anderen Texte ist, so genial, das ich aus dem Staunen nicht herausgekommen bin. Viele LeserInnen, die sich an „Sand“ versucht haben, sind gescheitert (auch ich), haben mehrfach den Faden verloren, schätzen den Roman zwar sehr hoch, können ihn aber nicht wiedergeben. Stefan Kaminski schafft es nun mit seiner Stimme und seinen verschiedenen Tempi den einzelnen Personen ein Gesicht zugeben, die Strukturen der kurzen Kapitel zu ordnen. Endlich erkennen wir die vielen Menschen, die auftreten (hauptsächlich zu Beginn) und können sie später noch zuordnen. Der Sprecher schafft eine großartige Atmosphäre. Und dies passt natürlich auch zu Herrndorfs Roman, der wie ein Film angelegt ist. Herrndorf hat in der Zitatenkiste gewühlt und nicht nur für jedes Kapitel eines gefunden, sondern auch verschiedene literarische und filmische Muster benutzt. Politthriller, Liebesgeschichte, Afrika-Wüsten-Roman, James Bond-Persiflage und vieles mehr hat er hier verwurstelt und doch scheint bei allem seine eigene Stimme durch. Man merkt fast in jeder Zeile Herrndorfs großes literarisches Wissen. Er hat seine Klassiker alle gelesen. Egal aus welchem Bereich auch kommend. Und dazu perlen seine Wortspiele, seine genialen Dialoge, seine unglaublichen, verrückten Ideen und machen dieses Buch zu einem wirklichen Meisterwerk.
Wenn es also ein Hörbuch gibt, dass „besser“ als die gedruckte Version ist, dann haben wir hier ein Beispiel.
Lassen Sie sich berauschen von Stefan Kaminskis Können und lassen Sie sich fallen in diesen Agenten- und Spionageroman, in dem die Charaktere schablonenhaft festgelegt sind (die Amis foltern, die Afrikaner sind faul, die Europärer sind arrogant, …), in dem sich Herrndorf so richtig ausgetobt hat.

Stefan Kaminski wurde für seine herausragende Arbeit als Hörbuchsprecher u. a. mit dem Deutschen Hörbuchpreis und dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. In seinem Live-HörSpiel-Theater Kaminski ON AIR schlüpft er fließend in alle Rollen und verleiht Filmklassikern, Theater- und Opernstoffen ein neues Gewand.

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Gestern abend lasen Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach, im Rahmen der Literaturwoche, aus den Briefen von Arno Schmidt. In einem vollen und sehr warmen Laden durften wir in den Kosmos des Schriftstellers aus der Heide eintauchen und immer wieder herzlich lachen.
Heute liest Bernd Rauschenbach eigene Texte aus seinem Buch „Applausordnung“.
Der Mensch ist das Tier, das auftritt.
Der Mensch verstellt sich – und entblößt sich dabei.
Immer aber spielt er eine Rolle, die nach Applaus verlangt.

Ort: Kulturbuchhandlung Jastram
Beginn: 19:30
Eintritt: frei
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Donnerstag

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Heute haben
Ben Jonson * 1572
William Styron * 1925
Diana Kempff * 1945
Richard Pietraß *1946
Geburtstag

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Buchtipp:

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Anke Stelling: „Bodentiefe Fenster“
Verbrecher Verlag € 19,00
auch als eBook erhältlich

Nicht nur, weil Jörg Sundermeier am kommenden Montag seinen Verbrecher Verlag vorstellen wird (zusammen mit Stefan Weidle, mit seinem gleichnamigen Verlag. 19:30 Botanischer Garten, Ulm), in dem dieses Buch erschienen ist, taucht der dritte Roman von Anke Stelling hier auf unserem Blog auf. Aber es ist eine passende Gelegenheit dafür, dieses Buch zu loben. Und ausserdem passt er so gut zum vorgestellten Roman „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau und dem in der Südwestpresse hochgehaltenen Roman „Altes Land“ von Dörte Hansen. Diesmal allerdings nicht Hamburg und das dazupassende Szeneviertel, sondern gleich so richtig mittemang Prenzlauer Berg in Berlin. Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, wohnt dort und hat wieder einmal sehr genau hingeschaut und ihre Eindrücke auf faszinierende Weise wiedergegeben.
Ist „Altes Land“ in seinen Beschreibungen zum Schreien komisch (zumindest auf den ersten Blick), sind die „Glücklichen“ deutlich ernster, melancholisch und liebenswert warmherzig. „Bodentiefe Fenster“ geht noch einen Schritt weiter. Allein schon das Wort „bodentief“ erinnert an „bodenlos“ und lässt einige Assoziationen zu und dazu noch der Ausblick (in die Zukunft) durch die Fenster.
Sandra ist 40 Jahre, hat zwei Kinder und lebt mit ihrem Mann in einem selbstverwalteten Haus mit vielen Familien und Kindern, mit alten und jungen Mitbewohnern. Über allem hängen die Ideale, die die Eltern sehr hochgehängt haben und denen die 40jährigen Kindern immer noch nachhängen, oder versuchen, zu erreichen, aber sich nicht getrauen, sie abzuhängen. Was ist mit den Patchwork-Paaren, die sich per Handy von einem zum anderen Zimmer unterhalten und Informationen austauschen? Oder die Kinderfeste mit ihren vielen Ritualen, bei denen alles zum Wohl der Kleinen gestaltet wird? Ist da nicht sehr viel warme Luft in den vielen Gesprächen zwischen den Mietern, Freunden und anderen Eltern? Wann wird die Wahrheit gesagt und wann wird um den heissen Brei herumgeredet, um sich selbst in ein besseres Licht zu stellen?
Anke Stelling macht diesen weltoffenen und doch sehr einengenden Familien- und Beziehungsalltag mit ihren bodentiefen Fenstern durchsichtig und Sandra extrem dünnhäutig. In schöner Sprache und mit viel Ironie erzählt Anke Stelling von den Hoffnungen, Kämpfen und Widersprüchlichkeiten des Mutterdaseins im linksliberalen Milieu und lauernden Abgründe.
Trotz der vielen (ganz kleinen) tragischen Momenten hat dieses tolle Buch ein ganz besonderes Ende. Ein Ende voller Hoffung.
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»So! : ich hätte’s wieder mal überlebt. … Das Ergebnis? Je nun; ich bin da realistisch … Besseres, als ich bereits vorgelegt habe, werde ich wohl nicht mehr vermögen.« So Arno Schmidt an seinen Schriftstellerkollegen Hans Wollschläger nach Abschluss der Arbeit am Roman Kaff auch Mare Crisium. Überraschend offen äußert sich der einzelgängerische Autor seinen wenigen Freunden gegenüber, spitz und oftmals geradezu maliziös sind seine Formulierungen, wenn er sich etwa an seinen Verleger Ernst Krawehl wendet. Doch welchen Ton er auch anschlägt, immer schon wusste er um sein »großes Talent, Briefe zu schreiben«.

Heute abend um 19:30 (und nicht wie auf dieser Seite und den Jastramhandzettel zu sehen war um 19:00) lesen Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach aus den Briefen von Arno Schmidt.
Der Eintritt ist frei.

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Morgen, Freitag, auch um 19:30 liest Bernd Rauschenbach aus seinem Buch mit Erzählungen „Applausordnung“.
Weitere Termine der Literaturwoche finden Sie hier.