Donnerstag, 18.Januar


Heute haben
Franz Blei * 1871
Arno Schmidt * 1914
Peter Stamm * 1963
Geburtstag
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„Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe“, sagte Agnes. „Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person. Aber manchmal bin ich auch froh. Dann ist das Ende wie die Befreiung aus einem bösen Traum, und ich fühle mich ganz leicht und frei, wie neugeboren. Ich frage mich manchmal, ob die Schriftsteller wissen, was sie tun, was sie mit uns anstellen.“
Aus Peter Stamm: „Agnes“
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Jetzt als Taschenbuch:


Elena Medel: „Die Wunder
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Suhrkamp Verlag € 13,00

Ein starkes, intensives Debüt der 37jährigen Spanierin, die allerdings schon seit 20 Jahren im Literaturbetrieb tätig ist. „Die Wunder“ erzählt die Geschichte dreier Frauen, Großmutter, Tochter und Enkelin. Großmutter und Enkelin hat es beide nach Madrid verschlagen (in einem Abstand von 30 Jahren) Sie kennen sich nicht und sie sind sich noch nie begegnet.
Beide Frauen arbeiten in prekären Stellungen, als Haushaltshilfe, als Putzfrau, Angestellte im Kiosk und in der Kneipe. Immer mit der Angst, dass genügend Geld für den Monat hereinkommt, entlassen zu werden und die Wohnung gekündigt zu bekommen. Beide leben mehr oder weniger alleine und versuchen ihren Alltag in den Griff zu bekommen.
Während Mariá, wegen ihres unehelichen Kindes, von der Familie verstoßen, in den Norden zieht und den Kontakt zu ihrer Tochter mehr und mehr verliert, zieht Alicia aus freien Stücken nach Madrid, um unabhängig von familiären Zwängen zu leben.
Elena Medel gibt diesen beiden Frauen eine Stimme, der man als Leser:in erst nach und nach auf die Schliche kommt. Während Mariá, in der Franco Ära, in der Arbeiterbewegung als Frau eher nebenherläuft und sich ihren Platz erkämpfen muss, hadert Alicia mit den Umwälzungen der Globalisierung und den dadurch veränderten Arbeitsbedingungen.
Elena Medel springt in den Zeiten, wirft Textbrocken ein, die sich erst später auflösen, verwebt Vergangenes mit der Gegenwart und zeigt zwei Frauenbiografien, die als Spiegelbild für Millionen von Frauen auf der ganzen Welt stehen können.
Ein starker, intensiver und hochaktueller Roman, der auch in Berlin, Paris und Warschau spielen könnte.

Leseprobe
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Der Ring politischer Jugend Ulm (RPJ) ruft zu einer überparteilichen Kundgebung unter dem Motto „Gemeinsam gegen Hass und Hetze der AfD. Für unsere Demokratie!“ auf.
Die Veranstaltung findet diesen Samstag, 20. Januar, ab 15.30 Uhr auf dem Münsterplatz in Ulm statt.

Donnerstag, 3.August

Heute haben
Leon Uris * 1924
PD James * 1920
Christoph Geiser * 1949
Geburtstag
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Johann Wolfgang von Goethe
Sommernacht

Niedergangen ist die Sonne,
Doch im Westen glänzt es immer;
Wissen möcht ich wohl, wie lange
Dauert noch der goldne Schimmer?
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Unser Tipp des Tages:

Arno Schmidt: „Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher
Über das (Vor)Lesen, Sammeln und Schreiben
Herausgegeben von Bernd Rauschenbach
Suhrkamp Verlag € 15,00

„Erste Lektüre: schlimmer als die erste Liebe!“

Ein Leben ohne Bücher? Für Arno Schmidt unvorstellbar! Sein Vater, ein unpoetischer Wachtmeister, hatte dem Dreijährigen immerhin Karl May und Jules Vernes vorgelesen. Rasch lernte er selbst lesen und konnte sich frei im Fantasiereich der Literatur bewegen. Als junger Mann begann Arno Schmidt in Antiquariaten nach raren Büchern zu stöbern, und seine ersten literarischen Versuche schrieb er in buchähnliche Kladden. Dieser Band versammelt Texte Arno Schmidts zum Thema »der Schriftsteller und das Buch«; er führt die Leser in das »Gewölk von Braun und Gold« alter Bibliotheken, die Schmidt so liebte.
Bernd Rauschenbach hat aus den literarischen Radiosendungen, den sogenannten „Nachtprogrammen“ eine umfangreiche Auswahl getroffen.
Weitere Taschenbuchausgaben sind auch gerade erschienen und vervollständigen diese neue Edition.

Foto: Wilhelm Michels / Arno Schmidt Sonderseite

Leseprobe
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Gestern, am 2.August 2023, war Earth Overshoot Day, zu Deutsch: Erdüberlastungstag. Das bedeutet, dass die Menschheit am heutigen Tag bereits alle Ressourcen aufgebraucht hat, die der Planet innerhalb eines Jahres regenerieren kann. Im Jahr 1973 lag der Earth Overshoot Day im Dezember. Seitdem wird der Ressourcenverbrauch der Menschheit immer größer. Auch für Jana Rettig vom BUND-Naturschutz ist der heutige Tag bezeichnend. Denn so viel wie der Mensch verbraucht kann die Natur nicht regenerieren. Heute bräuchte es rund 1,7 Erden um den Bedarf der Menschen zu decken. Gemessen am Deutschen verbrauch wären es sogar rund 3 Erden. Für die jungen Menschen bei Fridays for Future bedeutet jeder Tag nach dem Earth Overshoot Day ein Tag auf Kosten zukünftiger Generationen. Deshalb wollen sie auch weiterhin demonstrieren.

https://www.regio-tv.de/mediathek/video/heute-ist-earth-overshoot-day/

Samstag, 3.Juni

Heute haben
Detlev von Liliencron * 1844
O.E.Hartleben * 1864
Gerhard Zwerenz * 1925
Allen Ginsberg * 1926
Monika Maron * 1941
Philippe Djian * 1949
Geburtstag
und es ist der Todestag von Franz Kafka, Nazim Hikmet und Arno Schmidt.
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„Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“
Arno Schmidt
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Unser Taschenbuch-Tipp:


Lin Hierse: „Wovon wir träumen

Piper Taschenbuch € 12,00

Durch einen Streit zwischen Mutter und Tochter tauchen wir ein in das Leben der 27jährigen Ich-Erzählerin, die ihre alte Welt (China) verlassen hat und sich nicht von Familie und Freunden lossagen kann und will. Der Vorwurf der Mutter, dass sie ja nichts mit Familie am Hut hat, trifft sie schwer.
So tauchen wir mit der Autorin, der Erzählerin, ein in eine (für uns) fremde Welt und in ein Leben in Deutschland als junge Frau mit Migrationshintergrund. Identität und Zugehörigkeit, Nähe und Abgrenzung sind einige der Themen, die Lin Hierse in einer sensiblen, poetischen Sprache erzählt. Fast meinen wir, die Personen zu kennen, so anrührend, empathisch ist der Ton, ohne in Kitsch abzutriffen.
Ein gelungenes Debüt. Jetzt als Taschenbuch.

Lin Hierse, geboren 1990 in Braunschweig, hat Asienwissenschaften und Humangeographie studiert. Sie lebt in Berlin und ist seit 2019 Redakteurin der taz. Dort erscheint auch ihre Kolumne poetical correctness. „‚Wovon wir träumen“ ist ihr erster Roman.
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Jetzt haben ein endgültiges Ergebnis des diesjährigen Stadtradeln in Ulm.

Das Jastram Team hat mit 18 Radelnden 3.816 km zusammenbekommen.
Wir belegen somit Platz 39 von 153.

Ist das nicht großartig?!

Vielen Dank und bis im nächsten Jahr.
Samy Wiltschek
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Samstag, 3.Juni ab 14 Uhr
Fahrraddemo des ADFC + Fridays For Future

Treffpunkt: Marktplatz

Mittwoch, 18.Januar


Heute haben
Franz Blei * 1871
Arno Schmidt * 1914
Peter Stamm * 1963
Geburtstag
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„Was soll ich in New York – ich war schon zweimal in Hannover.“
Arno Schmidt
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Heute wird Peter Stamm 60 Jahre alt.


Peter Stamm: “ In einer dunkelblauen Stunde
S.Fischer Verlag

Ein großer Almauftrieb für den Schweizer Autor. Und das ist gut so.
Seit Jahren begleitet er uns in der Bücherwelt, bei Veranstaltungen und als Schullektüre.
Heute wird er also 60 Jahre alt und ein Filmteam hat ihn über einen längeren Zeitraum, bei der Entstehung seines neuen Romanes, begleitet.
Peter Stamm nutzt die Gelegenheit und vermischt Realität und Fiktion. Er baut genau dies in seinen Roman ein und lässt die junge Dokumentationsfilmerin Andrea auf den Schriftsteller Richard Wechsler (allein schon der Name) los. Ein gekonntes Verwirrspiel, wie wir es vonPeter Stamm kennen, beginnt und der Autor geht damit sehr spielerisch um. Also keine Nabelschau, keine Selbstbespiegelung, sondern eine Weiterführung des gegebenen Zustandes, in der er die Dokumentarfilmerin immer wieder in die Irre führt, Fallstricke auslegt und Vieles im Unklaren lässt.
Eine gekonnt gute Unterhaltung, wie wir es von Peter Stamm kennen und dieses Mal mit viel Humor locker unterfüttert.

Gratulation, lieber Peter Stamm, zu dem neuen Roman, zu den 60 Jahren und alles Gute, nicht nur für das neue Lebensjahr.
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Wärmerekord in der Nordsee gemessen
Der vergangene Sommer war für die Nordsee laut dem Bundesamt für Seeschifffahrt der heißeste seit 25 Jahren. Auch die Zahl der Sturmfluten bezeichnete das Amt in seinem Jahresrückblick als“ungewöhnlich hoch“.
Für die Nordsee war der vergangene Sommer der wärmste seit 1997. Die Oberflächentemperaturen lagen insgesamt mehr als ein Grad über dem langjährigen Mittel, die der Ostsee großflächig sogar 1,5 Grad, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg mitteilte.
– Hitzewellen in Nord- und Ostsee
– Sturmfluten haben zugenommen

Der komplette Artikel auf tagesschau.de

Samstag, 8.Oktober


Heute haben
John Cowper Powys * 1872
Marina Zwetajewa * 1892
Andrei Donatowitsch Sinjawski * 1925
Hans Joachim Schädlich * 1935
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Georg Heym
Der Herbst

Viele Drachen stehen in dem Winde,
Tanzend in der weiten Lüfte Reich.
Kinder stehn im Feld in dünnen Kleidern,
Sommersprossig, und mit Stirnen bleich.

In dem Meer der goldnen Stoppeln segeln
Kleine Schiffe, weiß und leicht erbaut,
Und in Träumen seiner leichten Weite
Sinkt der Himmel wolkenüberblaut.

Weit gerückt in unbewegter Ruhe
Steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldne Flaggen hängen
Von den höchsten Türmen schwer und matt.
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Ende September erschienen:


Arno Schmidt: „KAFF auch MARE CRISIUM“ € 18,00
Kühe in Halbtrauer“ € 18,00
Schwarze Spiegel“ € 14,00
Seelandschaft mit Pocahontas“ € 14,00

Kaum habe ich ein paar Zeilen aus der „Seelandschaft“ gelesen, merkte ich, wie großartig dieser Autor ist. Gerade seine schmalen Romane sind voller Witz und böser gesellschaftlicher Kritik. Kritik an der Politik der Adenauer Zeit, Beschreibungen einer postapokalytischen Welt, aber auch voller Zärtlichkeit und Poesie. Die Gespräche an der Kreissäge in „Kühe in Halbtrauer“ sind jedes Mal ein großes Lesevergnügen und zeigen Arno Schmidt als einen genauen Chronisten der deutschen Nachkriegszeit.

Dienstag, 18.Januar


Heute haben
Franz Blei * 1871
Arno Schmidt * 1914
Peter Stamm * 1963
Geburtstag
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„Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte …“
Arno Schmidt
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Mary Ruefle: „Mein Privatbesitz
Aus dem Amerikanischen von Esther Kinsky
Bibliothek Suhrkamp € 18,00

Mitte Februar erscheint ein neues Buch von Esther Kinsky. „Rombo“ beschreibt die Veränderungen nach zwei schweren Erdbeben im Friaul im Jahr 1976.
Letzte Woche erschien „Mein Privatbesitz“, übersetzt von Esther Kinsky.
Die amerikanische Autorin stand 2020 auf der Shortlist für den Pulitzer Preis und ihr jüngster Gedichtband war für den National Book Award nominert. „Mein Privatbesitz“ ist ihr erstes Buch auf deutsch.
Kleine Prosastücke beinhaltet dieses Buch und es wundert schon, dass wir hier in Deutschland jetzt erst von dieser Autorin etwas zu lesen bekommen. Poiniert, schräg, philosophisch, genau betrachtet, mit viel Feingefühl, ja, so sind diese kurzen Texte. Immer wieder möchte ich einen Stift nehmen und Sätze unterstreichen.
Eine junge Frau besucht zum ersten Mal in ihrem Leben ein klassisches Konzert und schläft mittendrin ein. Später bemerkt sie, dass es sich um Brahms ‚Wiegenlied‘ gehandelt hat – war sie vielleicht gar die einzige Person im Saal, die die Musik wirklich gehört hat? Aber diese Geschichte nimmt noch zwei weitere Wendungen.
Fast meint man, dass diese wenigen Zeilen / Seiten ein kompletter Roman sind. So konzentriert und gekürzt erzählt uns Mary Ruefle Ereignisse, Gedanken ihrer Protagonist:innen.
Ich bin gespannt, was als nächstes von Mary Ruefle auf deutsch erscheint.

Leseprobe

Freitag, 8.Oktober

Heute haben
J.C.Powys * 1872
M.Zwetajewa * 1892
H.J.Schädlich * 1935
Geburtstag
und es ist der Todestag con Natalia Ginzburg
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Conrad Ferdinand Meyer
Fülle

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zu Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
„Genug ist nicht genug!“ um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!
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Gestern ausgepackt und sehr begeistert:


Nicolas Mahler: „Schwarze Spiegel
nach Arno Schmidt
Suhrkamp Verlag € 24,00

Dieser Nicolas Mahler stetzt seine Idee fort, Weltliteratur in seiner Art von Graphic Novel umzusetzen. Seine beiden letzten Bücher habe ich hier auf dem Blog vorgestellt: „Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biographie“ und „Nachtgestalten“ zusammen mit Jaroslov Rudis. Daneben hat er aber auch „Ulysses“, Bernhards „Alte Meister“, „Kant“, Proust, Wedekind, Musil und vieles andere illustriert.
So großartig, wie er aus Schmidts 80-seitiger Erzählung/Kurzroman seine Ideen herauszieht, seine Ideen zeichnerisch umsetzt und doch sehr nah an der Geschichte bleibt. Wieder ist es ein Einzelgänger, der auf dem Fahrrad durch eine menschenleere Landschaft radelt. Arno Schmidts Situation nach einem Atombombenabwurf in den 60er Jahren in Deutschland, ist ideal für Mahlers Art zu zeichnen. Ein paar wenige Striche und ein kurzer Textauszug dazu. Genial, wie er das macht.
Das hatte natürlich zur Folge, dass ich gestern abend Jonathan Franzen „Crossroads“ zur Seite gelegt habe und eine alte Schmidt Ausgabe von „Scharze Spiegel“ herausgezogen und mit großem Genuß darin gelesen habe.


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Unsere nächste Veranstaltung:

Sonntag, 10.Oktober 11 Uhr
vh Ulm, Club Orange
„Die erste Seite“
Wir stellen diese vierBücher vor:

Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich
Daniela Krien: Der Brand

Hervé Le Tellier: Die Anomalie
Monika Helfer: Vati


Es liest Clemens Grote
Eintritt frei

Dienstag, 22.Dezember


Hans Leifhelm
Winterwald

Ich geh‘ in einen Winterwald hinein,
der Winterwald muss voller Wunder sein.

Die Tannen stehen enge angeschmiegt,
soweit das Land in tiefer Schneelast liegt.

Und keine Spuren gehen durch den Wald
als vom Getier – und die verwehen bald.

Und manchmal ist ein Seufzen in den Bäumen,
wie Kinder seufzen unter tiefen Träumen.

Der Schnee liegt weiß, so weit ich wandern will;
Da werden alle Menschenwünsche still.
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Gestern frisch eingetrudelt:

Georg Patzer: „Arno Schmidt und Ulm“
Spuren 121
Deutsche Schillergesellschaft € 4,50

Ein kleines Heftchen mit 16 Seiten über eine kleine Geschichte, die schon so oft erzählt worden ist. Fast wäre Arno Schmidt an der HfG angestellt worden. Aus vielen Gründen hat dies allerdings nicht geklappt.
Schmidt war auf der Flucht in ein anderes Bundesland, da er ein Gerichtsverfahren in Trier am Hals hatte. Kein Geld, keine großen Perspektiven. Dann der Ruf nach Ulm.
Aber die Chemie stimmte nicht. Ein paar Jahre später bekommt er nochmals ein Angebot, das er erneut ablehnt.
Es hätte wohl auch nicht gepasst.
Sehr fein gestaltet, mit vielen Fotos, macht diese kleine Arbeit von Georg Patzer viel Vergnügen.
Demnächst soll noch etwas zu diesem Thema erscheinen. Ich bin gespannt.

Vor ein paar Wochen erschien dieses Lesebuch:

Arno Schmidts Zettel´s Traum. Ein Lesebuch

„Arno Schmidts Zettel’s Traum“
Herausgegeben von Bernd Rauschenbach.
Mit einführenden Texten von Susanne Fischer.
Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag.
Gestaltung und Satz Friedrich Forssman
Suhrkamp Verlag € 25,00

Zettel’s Traum – ein großformatiges Buch mit 1300 Seiten und 10 Kilo Gewicht.
Alle kennen wir es. Aber wer hat es gelesen? Innerhalb von 50 Jahren wurde es immerhin 25.000 Mal verkauft.
Bernd Rauschenbach hat hier eine Best-Of Version zusammengestellt und führt uns durch die einzelnen Kapitel dieses Mythos-Werkes.
Spannend auch, dass wir hier nicht in drei Spalten lesen, sondern in einer leicht lesbaren Form.
Ja, es stimmt, durch die Einführungstexte von Susanne Fischer, bekommt man Lust, wieder reinzublättern. Das Format (als größeres Taschenbuch mit Fadenheftung) lässt sich überall mitnehmen.
Hier also die Möglichkeit, aus einem „unlesbaren“ Buch eine spannende Lektüre zu machen.


Donnerstag, 18.Januar

Heute haben
Franz Blei * 1871
Arno Schmidt * 1914
Peter Stamm * 1963
Geburtstag
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Zu lieben mag wohl eine Lust sein, aber ein Vergnügen ist es nie: genauso wie das Leben.
Franz Blei
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Heute gibt es gleich zwei Geburtstagskinder, die mit unserer Buchhandlung verbunden sind.

Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte …
Arno Schmidt

Arno Schmidt Foto von Alice Schmidt © Arno Schmidt Stiftung Bargfeld, in den 60er Jahren

Als »musivisch« oder löcherig bezeichnete Arno Schmidt unsere Wahrnehmung der Gegenwart. Er entwickelte in seiner frühen Prosa eine Erzähltechnik, die diesem Umstand gerecht werden sollte: Seine Romane setzen sich aus einer Kette von signifikanten Momentaufnahmen zusammen. In Brand’s Haide, Schwarze Spiegel, Aus dem Leben eines Fauns, Das steinerne Herz und Die Gelehrtenrepublik entsteht so ein plastisches Erzählen, das unmittelbar auf den Leser wirkt. Der Autor selbst erläutert diese Schreibtechnik so:

[…] man rufe sich am Abend den vergangenen Tag zurück, also die »jüngste Vergangenheit« (die auch getrost noch als »älteste Gegenwart« definiert werden könnte): hat man das Gefühl eines »epischen Flusses« der Ereignisse? Eines Kontinuums überhaupt?
Es gibt diesen epischen Fluß, auch der Gegenwart, gar nicht; Jeder vergleiche sein eigenes beschädigtes Tagesmosaik!
Die Ereignisse unseres Lebens springen vielmehr. Auf dem Bindfaden der Bedeutungslosigkeit, der allgegenwärtigen langen Weile, ist die Perlenkette kleiner Erlebniseinheiten, innerer und äußerer, aufgereiht. Von Mitternacht zu Mitternacht ist gar nicht »1 Tag«, sondern »1440 Minuten« (und von diesen wiederum sind höchstens 50 belangvoll!).
Aus dieser porösen Struktur auch unserer Gegenwartsempfindung ergibt sich ein löcheriges Dasein –: seine Wiedergabe vermittels eines entsprechenden literarischen Verfahrens war seinerzeit für mich der Anlaß zum Beginn einer weiteren Versuchsreihe (Typ Brand’s=Haide=Trilogie).
Der Sinn dieser »zweiten« Form ist also, an die Stelle der früher beliebten Fiktion der »fortlaufenden Handlung«, ein der menschlichen Erlebnisweise gerechter werdendes, zwar magereres aber trainierteres, Prosagefüge zu setzen.
(Ich warne besonders vor der Überheblichkeit, die hier vielleicht das dem Bürger naheliegende schnelle Wort von einem »Zerfall« sprechen möchte; ich stelle vielmehr meiner Ansicht nach durch meine präzisen, »erbarmungslosen«, Techniken unseren mangelhaften Sinnesapparat wieder an die richtige ihm gebührende biologische Stelle. Gewiß geht dabei der liebenswürdige Wahn von einem singulären überlegenen »Abbilde Gottes« wiederum einmal mehr in die Brüche; die holde Täuschung eines pausenlosen, »tüchtigen«, Lebens, (wie sie etwa Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann so unangenehm geschäftig zur Schau trägt) wird der Wirklichkeit überhaupt nicht gerecht. Eben dafür, daß unser Gedächtnis, ein mitleidiges Sieb, so Vieles durchfallen läßt, ist meine Prosa der sparsam=reinliche Ausdruck.)

Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts III,3 S.167f.
© Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld
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Freitag, den 18.Mai um 19 Uhr
Peter Stamm
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Bei uns in der Buchhandlung, oder im Roxy.
Eintritt € 15,00

Freitag

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Heute haben
Johanna Spyri * 1827
Djuna Barnes * 1892
HC Artmann * 1921
Henry Slesar * 1927
Anne Frank * 1929
Christoph Meckel * 1935
Regula Venske * 1953
Wolfgang Herrndorf * 1965
Geburtstag

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Heute wäre Wolfgang Herrndorf 50 Jahre alt geworden, hätte er sich nicht am 26.August 2013 umgebracht.
Mehr zu seinem Leben können Sie bei Wikipedia nachlesen.
Gerade rechtzeitig hat der Rowohlt Verlag eine Gesamtausgabe seiner literarischen Werke in drei Leinenbänden im Schuber herausgebracht.

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Wolfgang Herrndorf: „Gesamtausgabe“
Rowohlt Verlag € 49,95
Leseprobe

Damit würdigt sein Verlag ihn als Großen seines Hauses und als Wichtigen in der deutschen Literatur. Richtig so. Wir kennen ihn seit „tschick“, das in sehr vielen Schulen gelesen und an ganz vielen Bühnen gespielt wird. So auch am Akademie Theater Ulm. Danach kam „Sand“, für das er den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Posthum erschien sein Blog in gedruckter Form „Arbeit und Struktur“ und sein Fragment gebliebener Roman „Bilder einer großen Liebe“.
Vorstellen möchte ich heute das Hörbuch von „Sand“.

sand

810 Minuten auf 11 CDs für € 29,95
oder auf 2 MP3-CDs für € 16,95

Stefan Kaminski liest diesen Roman, der deutlich länger und komplexer als all seine anderen Texte ist, so genial, das ich aus dem Staunen nicht herausgekommen bin. Viele LeserInnen, die sich an „Sand“ versucht haben, sind gescheitert (auch ich), haben mehrfach den Faden verloren, schätzen den Roman zwar sehr hoch, können ihn aber nicht wiedergeben. Stefan Kaminski schafft es nun mit seiner Stimme und seinen verschiedenen Tempi den einzelnen Personen ein Gesicht zugeben, die Strukturen der kurzen Kapitel zu ordnen. Endlich erkennen wir die vielen Menschen, die auftreten (hauptsächlich zu Beginn) und können sie später noch zuordnen. Der Sprecher schafft eine großartige Atmosphäre. Und dies passt natürlich auch zu Herrndorfs Roman, der wie ein Film angelegt ist. Herrndorf hat in der Zitatenkiste gewühlt und nicht nur für jedes Kapitel eines gefunden, sondern auch verschiedene literarische und filmische Muster benutzt. Politthriller, Liebesgeschichte, Afrika-Wüsten-Roman, James Bond-Persiflage und vieles mehr hat er hier verwurstelt und doch scheint bei allem seine eigene Stimme durch. Man merkt fast in jeder Zeile Herrndorfs großes literarisches Wissen. Er hat seine Klassiker alle gelesen. Egal aus welchem Bereich auch kommend. Und dazu perlen seine Wortspiele, seine genialen Dialoge, seine unglaublichen, verrückten Ideen und machen dieses Buch zu einem wirklichen Meisterwerk.
Wenn es also ein Hörbuch gibt, dass „besser“ als die gedruckte Version ist, dann haben wir hier ein Beispiel.
Lassen Sie sich berauschen von Stefan Kaminskis Können und lassen Sie sich fallen in diesen Agenten- und Spionageroman, in dem die Charaktere schablonenhaft festgelegt sind (die Amis foltern, die Afrikaner sind faul, die Europärer sind arrogant, …), in dem sich Herrndorf so richtig ausgetobt hat.

Stefan Kaminski wurde für seine herausragende Arbeit als Hörbuchsprecher u. a. mit dem Deutschen Hörbuchpreis und dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. In seinem Live-HörSpiel-Theater Kaminski ON AIR schlüpft er fließend in alle Rollen und verleiht Filmklassikern, Theater- und Opernstoffen ein neues Gewand.

https://www.youtube.com/watch?v=n3pIG8InoL8

https://www.youtube.com/watch?v=za882b_vTzshttp://
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Gestern abend lasen Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach, im Rahmen der Literaturwoche, aus den Briefen von Arno Schmidt. In einem vollen und sehr warmen Laden durften wir in den Kosmos des Schriftstellers aus der Heide eintauchen und immer wieder herzlich lachen.
Heute liest Bernd Rauschenbach eigene Texte aus seinem Buch „Applausordnung“.
Der Mensch ist das Tier, das auftritt.
Der Mensch verstellt sich – und entblößt sich dabei.
Immer aber spielt er eine Rolle, die nach Applaus verlangt.

Ort: Kulturbuchhandlung Jastram
Beginn: 19:30
Eintritt: frei
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