Donnerstag, 8.August

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Annette von Droste-Hülshoff
Kinder am Ufer

„O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke
Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?
O, das ist schön! hätt‘ ich nur einen Stecken,
Schmalzweiße Kelch‘ mit dunkelroten Flecken,
Und jede Glocke ist frisiert so fein,
Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.
Was meinst du, schneid‘ ich einen Haselstab
Und wat‘ ein wenig in die Furt hinab?
Pah! Frösch‘ und Hechte können mich nicht schrecken –
Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?

Ich geh‘, ich gehe schon – ich gehe nicht –
Mich dünkt‘, ich sah am Grunde ein Gesicht –
Komm, laß uns lieber heim, die Sonne sticht!“
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Unser heutiger Buchtipp:

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Byung-Chul Han: „Vom Verschwinden der Rituale“
Eine Topologie der Gegenwart
Ullstein Verlag € 20,00

Der Philosoph Han bleibt seinem Thema über alle seine Bücher hinweg treu. Er ist ein großer Kritiker unserer schnellen, kapitalistischen Arbeits- und Konsumwelt. Jetzt widmet er sich den Ritualen. Vielmehr dem Verschwinden von Ritualen. Rituale werden als rückwärtsgewandt betrachtet. Als etwas, das dem Fortschritt entgegensteht. Wir definieren uns über unsere Arbeit, wir produzieren nur noch und produzieren uns selbst in unseren Posts und Interneteinträgen. Diese Lebensart macht uns anfällig für Werbeangebote, von denen wir überhäuft werden. Dazu kommt noch die immer flacher werdende Kommunikation via Handy und TV-Serien. Dem stehen Rituale entgegen. Sie bremsen unseren rasenden Stillstand und bieten einen Raum zur Einkehr und Besinnung. Sie sind in der Zeit das, was im Raum ein Zuhause ist. Sie bieten Geborgenheit und eine Möglichkeit der Erholung. Wenn wir nur noch arbeiten, uns darüber definieren und einem schnellen Konsum nachgehen, bleibt vom wahren Leben nicht mehr viel übrig und Depressionen sind eine weitverbreitete Folge. So wie Han das auch schon in seinem Buch „Die Müdigkeitsgesellschaft“ geschrieben hat.

Freitag

Heute haben
Fabrizia Ramondino * 1936
Wolfgang Hilbig * 1941
Geburtstag
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Annette von Droste-Hülshoff
Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!
Ein wenig Luft, ein schwacher West!
Wo nicht, dann schließe dein Gezweig
So recht, dass Blatt an Blatt sich presst.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;
Allein die bunte Fliegenbrut
Summt auf und nieder übern Rain
Und lässt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub
Erscheint verdickt und atmet Staub.
Ich liege hier wie ausgedorrt
Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg‘ ich doch
Dort, – grad‘ an deinem Felsenjoch,
Wo sich die kalten, weißen Decken
So frisch und saftig drüben strecken,
Viel tausend blanker Tropfen Spiel;
Glücksel’ger Säntis, dir ist kühl!

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LouvreTitel

David Prudhomme:Einmal durch den Louvre
Verlag Reprodukt € 20,00

Wie schon „angedroht“, hier eine weitere Neuerscheinung aus dem Verlag Reprodukt. Eine weitere Graphic Novel. Diesmal sind wir nicht in Spanien, sondern in Frankreich, genauer in Paris und noch genauer im Louvre. Bis auf die letzten paar Seiten.
Er läuft durch den Louvre und ist eigentlich mit Jeanne unterwegs. Irgendwie haben sie sich verloren. Alle Versuche mit ihr Kontakt aufzunehmen, misslingen, so dass er große Teile der Ausstellung durchläuft. Zuerst sehr distanziert, betrachtet er die Betrachter. Wir bekommen das durch die feine Art der Zeichnungen von David Prudhomme mit, der zwischen scharz-weiss und farbig wechselt und so auch die Realitäten, die so langsam verschwimmen. (Äh … hatten wir das nicht gestern schon?). Er läuft also durch die verschiedenen Säle, betrachtet die Bilder, aber mehr noch die Personen, die die Bilder betrachten. Wir sehen sie in verschiedensten Körperhaltungen. Viele mit einer Digitalkamera in der Hand, um die Kunstwerke, oder die Partnerin vor den Kunstwerken, oder einfach sich selbst mit der Kunst abzufotografieren. Im Laufe des Buches jedoch merken wir, dass sich Betrachter und Betrachtendes immer mehr ähneln. Eine junge Frau trägt die gleichen Gesichtszüge, wie eine ägyptische Plastik. Ein Torso ohne Kopf dient ständig als Objekt für eine Fotografie mit einem Menschen dahinter. Was schauen eigentlich die vielen, vielen Menschen an? Was wird da denn in Massen fotografiert. Durch die Menschentrauben kommen wir auch nicht in den Genuß. Gottseidank hält jemand seine iPad hoch und drückt ab. Jetzt wird es klar. Es ist die Mona Lisa. Aber was sieht Mona Lisa. Aus ihrer Sicht natürlich jede Menge Menschen. Ein Schulklasse vereint sich beim Abzeichnen des Flosses der Medusa mit dem Bild. Eine Führerin hält den Arm mit dem Wimpelchen so hoch, wie die Freiheits-Marie auf dem weltbekannten Bild. Und so geht es weiter. Immer mehr verschwimmen Bilder mit den Betrachtern, werden zu einem. So lange, bis er unsichtbar wird, bis nur noch der Kopf zu sehen ist und er eventuell dem Standhal-Syndrom anheimfällt. Für ihn also der richtige Zeitpunkt die Hallen zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Trotz des Schocks der Buntheit in der Metro wissen wir oft nicht, ob wir nicht doch noch im Museum sind. Sind die Metrowagenfenster nicht Bilderrahmen, die Mitfahrenden nicht gerade noch auf einem Bild im Louvre gewesen. Dass er sein eigentliches Tagesprojekt total vergessen hat, merkt er auf dem letzten Bild und wir verlassen ihn mit groß aufgerissenen Augen.

Wussten Sie dass der Louvre 403 Räume hat, 243.00 qm Hölzböden (für den 2.500 Liter Wachs benötigt werden)? Dass es 2.410 Fenster und 3.000 Türschlösser gibt, 10.000 Stufen zu 72 Ebenen, 40 Aufzüge, 28 Rolltreppen, 8.000 Brandmelder? Dass monatlich 800 Liter Seife, 1.000 km Toilettenpapier und 3.000 Müllsäcke benötigt werden?
Durchschnittlich besuchen 30.000 Menschen täglich da Museum. Sie legen im Schnitt 2 Kilometer in einer Zeit von 3 Stunden zurück und schauen ca. 10 Sekunden auf ein Bild. In diesem Tempo bräuchte man vier Tage und Nächte für alles.
Brummt Ihnen jetzt auch der Kopf? Mir schon!

David Prudhommes: „Einmal durch den Louvre“ ist Roman, Kunstwerk, Kunstbuch , … in einem und macht riesig Spaß. Achtung: Sie werden auch beim dritten Mal Anschauen, noch nicht alle Feinheiten entdeckt haben. Wie soll das auch gehen, bei der Fülle der Bilder, der Bilder, der Bilder.

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Samstag

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Alles für den Urlaub, für das Wochenende,
für die schönen Stunden abends nach der Arbeit.

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Heute haben
Gustav Freytag * 1816
Issak Babel * 1894
Georg Hensel * 1923
Helga Königsdorf * 1938
Geburtstag
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frauen

Gestern gab es im Lyrikband „Frauen dichten andersfolgendes Gedicht:

Annette von Droste-Hülshoff
An ***

O frage nicht, was mich so tief bewegt,
Seh ich dein junges Blut so freudig wallen,
Warum, an deine klare Stirn gelegt,
Mit schwere Tropfen aus den Wimpern fallen.
Mich träumte einst, ich sei ein albernes Kind,
Sich emsig mühend an des Tisches Borden;
Wie übermächtig die Vokabeln sind,
Die wieder Hieroglyphen mir geworden!
Und als ich dann erwacht, da weint ich heiss,
Dass mir so klar und nüchtern jetzt zu Mute,
Dass ich so schrankenlos und überweis’,
So ohne Furcht vor Schelten und vor Rute.
So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild,
Wo tausend frische Lebenskeime walten,
Da ist es mir, als ob Natur mein Bild
Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten;
Und all mein Hoffen, meiner Seele Brand
Und meiner Liebessonne dämernd Scheinen,
Was noch entschwinden wird und was entschwand,
Das muss ich alles dann in dir beweinen.
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9783522437578

Kerstin Schoene: „Ein Haufen Freunde
Thienemann Verlag € 12,95
Bilderbuch ab 4 Jahren

Der kleine Pinguin ist traurig, kuschelt sich an eine kleine Schmusewolke und sitzt traurig auf einem Eisblock mit einer geknickten Blume in der Hand. Sein schwarzes Hütchen und seine kleine Fliege sitzen schief und sehen gar nicht schick aus zu seinem Frack. Alle Tiere im Zoo, die dies sehen fragen ihn: „Was hast du?„.
Er antwortet, dass er doch ein Vogel sei und nicht fliegen könne. Wie sehr er sich auch anstrenge und bemühe; er als Pinguin bleibe immer unten. Dazu sehen wir ihn sich abmühen angeschnallt an zwei Luftballons, oder wedelnd mit zwei Blätter. Er möchte halt doch nur einmal über den Wolken schweben. Ach, er sieht so traurig aus.
Und jetzt geht es ab. Die Giraffe glotzt mich aus dem Bilderbuch an, das Nilpferd auch und der Elefant füllt die ganze rechte Seite und hält ein Schild mit dem Rüssel: „Du da!“ Jetzt bin nämlich ich gefordert. Alle Freunde sollen helfen. Und ich soll auch ein Freund sein. Nun heisst es auf der nächsten Doppelseite das querformatige Bilderbuch umzudrehen. Jetzt habe ich ein richtige langes Bilderbuch auf den Beinen und den Platz brauchen wir auch. Wir sehen den kleinen Pinguin, wie er auf einem kleinen Hügel ganz unten am Bildrand steht und die Wolken sind immer noch so weit weg. Die Tiere stellen ihn auf ein paar Steine. Immer noch nix. Aber jetzt kommen sie alle, die Freunde des Pinguins. Zuerst der Igel. Er stellt sich auf die Steine auf dem Hügel, darauf der Hase, das Schaf, das Zebra, das Nilpferd. Sie merken schon, an der Reihenfolge stimmt etwas nicht. Es geht aber weiter mit Schlange, Kranich, Krokodil, Känguruh, einer Giraffe kopfüber und und und einem Goldfisch im Glas und zu allerletzt der Elefant, der den kleinen Pinguin mit dem Rüssel fast bis zu den Wolken hochhält.Da waren die Wolken nicht mehr zu hoch …und er hat das Gefühl über den Wolken zu schweben. So können wir es auf der letzten Doppelseite sehen, die wir dann wieder im Querformat anschauen.
Na, ein wenig verrückt schon. Aber soviele Tiere auf einem Haufen und gleichzeitig soviele Freude, ist doch toll!

Kerstin Schoene studierte Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal. Schwerpunkt ihres Studiums war Illustration bei Professor Wolf Erlbruch.
Seit ihrem erfolgreichen Abschluss arbeitet sie freiberuflich als Illustratorin und Grafikdesignerin. Sie zeichnet für verschiedene Verlage, schreibt und illustriert eigene Kinderbücher.
Sie lebt, unter Beobachtung eines Fellknäuels, in Haan.