Dienstag, 28.Dezember


Heute haben
Alfred Wolfenstein * 1883
und Hildegard Knef * 1925
Geburtstag
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Alfred Wolfenstein
Städter

Nah wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschloßner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.
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Unser Filmtipp:


„The Power of the Dog“
Regie: Jane Campion
Darsteller, u.a.: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kosi Smit-McPhee
Zu sehen auf Netflix

Dieser Film hat mich nachhaltig beeindruckt und ich empfehle ihn immer wieder weiter.
Jane Campion („Das Piano“) hat einen Spätwestern gedreht, in dem sich nicht nur das Umfeld (1925 in Montana) ändert, sondern auch sich zwei ungleiche Brüder auf einen Umbruch zusteuern.
Phil und George leiten eine große Rinderfarm, irgendwo im Nirgendwo. Während Phil der harte Cowboy ist, hält sein Bruder nicht viel von dieser Art von derber Männlichkeit. Er möchte die Farm anders führen, legt Wert auf gute Kleidung, einen städtischen Umgang und ist stolz auf sein Auto. Die Rollen sind verteilt. Als der ruhige, introvertierte Phil heimlich heiratet und seine Frau mit auf die Farm bringt, verhärten sich nochmals die Fronten, worunter die Ehefrau extrem leidet. Eine weitere und sehr entscheidente Wendung nimmt der Film, als der Sohn von Rose in den Ferien auf die Farm kommt. Zuerst ist er der absolute Aussenseiter, bis plötzlich der harte Phil sich des zarten Jungen annimmt.

Jane Campion hat sich, zu Beginn des Filmes, an „Das Piano“ angelehnt, dann geht der Film (der ja auch eine Romanvorlage hat) einen ganz anderen Weg.
Sehr fein, ruhig, mit wenigen Worten erzählt die Filmemacherin diese Geschichte und legt dabei immer wieder Fallstricke aus, die dann zu einem unerwarteten Finale hinführen.

Der Trailer ist mal wieder auf Action geschnitten.
Also bitte nicht irritieren lassen.

Samstag

Heute hat Alfred Wolfenstein (* 1883) Geburtstag
und dies hat er vor fast 100 Jahren veröffentlicht:

Alfred Wolfenstein
Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

(1914)
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Und weil Max Dauthendey (1867-1918) heute in meinem Lyrikkalender auftaucht, von ihm auch noch eins:

Max Dauthendey

Nie war die eine Liebesnacht in deinem Schoß
der andern gleich

Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.
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Noch so ein Projekt, was ich endlich über die Feiertage geschafft/gelesen habe.

Alan Ilser: „Der Prinz von der West End Avenue“
Das Buch erschien im Berlin Verlag und später bei dtv. Isler hat dieses Buch mit 62 Jahren geschrieben und 1994 in London und ein Jahr später in Berlin veröffentlicht. Es ist längst vergriffen und ich frage mich wirklich warum. Es ist ein grossartiges Buch, ein Erstlingswerk, wie es selten zu finden ist. Und: Es ist in meinem Lesekanon verblüffenderweise mehrfach eingebunden.
Diese Woche hat der Arche Literaturkalender Tristan Tzara auf dem Kalenderblatt, der am 25.12. 1963 gestorben ist. Tzara spielt eine wichtig Rolle in der Zürcher Dada-Zeit der jungen Hauptperson.
Cherubino aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ singt auf Seite 170 „Voi che sapete“, das ich vor Wochen hier mit Christiane Schäfer verlinkt habe. Dazu kommen noch einige Nachnamen, die in meiner Familie mütterlicherseits geläufig waren. Solche Sachen sind mir mehrfach in diesem Buch über den Weg gelaufen. Das macht das Lesen noch viel spannender.
Aber zum Inhalt:
Otto Korner, eigentlich Körner, aber das ö hat er sich bei der Einreise in die USA gespart ist 83 Jahre alt und lebt im Emma-Lazarus-Altersheim, Manhattan, Upper Westside. Dort proben im Sommer 1978 gutbetuchte jüdische Rentner das jährliche Shakespeare Stück Hamlet. Und Korner ist die perfekte Hamlet Figur in seiner inneren Zerissenheit. Alan Isler stellt uns seine Personen in einem sehr witzigen, spritzigen Ton vor. Es ist dieser jüdische Humor, der das ganze Buch durchzieht. Die Treffen in der Lieblingskneipe „Goldstein’s Dairy Restaurant“ sind solche Höhepunkte. Diese schrägen Vögel mit ihren Macken, sind einfach köstlich. Der ewig junge 70jährige, der jedem Rock hinterhersteigt, der nichts dazulernende Revolutionär, die alten reichen Damen, die einer Liebschaft nicht aus dem Weg gehen. Die Gebrechen, die Toten, die Essensdüfte, die Dame am Empfang und der Arzt, der sich seine Liebe zu einer Krankenschwester nicht eingestehen will; erst als Korner ihm auf die Sprünge hilft, wird das was.
Über allem stehen die Proben zu Hamlet, die unter einem schlechten Stern stehen, da es zu sehr großen Zerwürfnissen unter den Rentner kommt. Es kommt sogar zu einem Toten, dessen Rolle neu besetzt werden muss.
Dies ist in dem schon erwähnten lockeren frechen Ton geschrieben und Otto Korner streut immer mehr aus seiner Kindheit in Berlin, seine Zeit bei den Dadaisten in Zürich hinzu. Wir erfahren stückchenweise über seine zwei Ehen, die beide gescheitert sind. Das dramatische Ende einer der Ehen endet im Zug Richtung Auschwitz. Diese Episoden kommen so ziemlich am Ende des Buches. Sie haben Korner geprägt und er hat sie ganz tief unten versteckt gehalten. Jetzt kommen sie hoch, nachdem ein alter Bekannter aus diesen Tagen im Altersheim auftaucht. Und somit wird auch klar, warum es zu einem dramatischen Zusammentreffen mit Korner und seiner Schwester kommt, als sie sich zum ersten Mal wieder in new York treffen können.
Ilser schafft es, so ähnlich wie Seethaler in seinem „Trafikant“ eine dramatische Geschichte mit viel Humor zu erzählen. Wobei Isler noch einen Schritt weitergeht. Er zeigt uns Seite um Seite das Innenleben einer zerbrochenen Figur, die es jahrzehntelang verdrängt hat. oder es zumindest versucht hat.
Selten so ein humorvolles Buch gelesen, in dem sich solche Abgründe auftun. Grossartig und leider vergriffen.
Leihen Sie es sich in der Bibliothek aus, oder suchen Sie im Netz nach gebrauchten Exemplaren. Es lohnt sich.