Donnerstag, 8.August

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Annette von Droste-Hülshoff
Kinder am Ufer

„O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke
Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?
O, das ist schön! hätt‘ ich nur einen Stecken,
Schmalzweiße Kelch‘ mit dunkelroten Flecken,
Und jede Glocke ist frisiert so fein,
Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.
Was meinst du, schneid‘ ich einen Haselstab
Und wat‘ ein wenig in die Furt hinab?
Pah! Frösch‘ und Hechte können mich nicht schrecken –
Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?

Ich geh‘, ich gehe schon – ich gehe nicht –
Mich dünkt‘, ich sah am Grunde ein Gesicht –
Komm, laß uns lieber heim, die Sonne sticht!“
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Unser heutiger Buchtipp:

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Byung-Chul Han: „Vom Verschwinden der Rituale“
Eine Topologie der Gegenwart
Ullstein Verlag € 20,00

Der Philosoph Han bleibt seinem Thema über alle seine Bücher hinweg treu. Er ist ein großer Kritiker unserer schnellen, kapitalistischen Arbeits- und Konsumwelt. Jetzt widmet er sich den Ritualen. Vielmehr dem Verschwinden von Ritualen. Rituale werden als rückwärtsgewandt betrachtet. Als etwas, das dem Fortschritt entgegensteht. Wir definieren uns über unsere Arbeit, wir produzieren nur noch und produzieren uns selbst in unseren Posts und Interneteinträgen. Diese Lebensart macht uns anfällig für Werbeangebote, von denen wir überhäuft werden. Dazu kommt noch die immer flacher werdende Kommunikation via Handy und TV-Serien. Dem stehen Rituale entgegen. Sie bremsen unseren rasenden Stillstand und bieten einen Raum zur Einkehr und Besinnung. Sie sind in der Zeit das, was im Raum ein Zuhause ist. Sie bieten Geborgenheit und eine Möglichkeit der Erholung. Wenn wir nur noch arbeiten, uns darüber definieren und einem schnellen Konsum nachgehen, bleibt vom wahren Leben nicht mehr viel übrig und Depressionen sind eine weitverbreitete Folge. So wie Han das auch schon in seinem Buch „Die Müdigkeitsgesellschaft“ geschrieben hat.

Mittwoch, 7.August

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Heute haben
Nina Berberowa * 1901
Jostein Gaarder * 1952
und
Birgit Vanderbeke * 1956
Geburtstag
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Heute auf dem Gedichtekalender:

Paul Zech
Die Häuser haben Augen aufgetan…

Am Abend stehn die Dinge nicht mehr blind
und mauerhart in dem Vorüberspülen
gehetzter Stunden; Wind bringt von den Mühlen
gekühlten Tau und geisterhaftes Blau.

Die Häuser haben Augen aufgetan,
Stern unter Sternen ist die Erde wieder,
die Brücken tauchen in das Flußbett nieder
und schwimmen in der Tiefe Kahn an Kahn.

Gestalten wachsen groß aus jedem Strauch,
die Wipfel wehen fort wie träger Rauch
und Täler werfen Berge ab, die lange drückten.

Die Menschen aber staunen mit entrückten
Gesichtern in der Sterne Silberschwall
und sind wie Früchte reif und süß zum Fall.
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Unser Buchtipp:

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Gerhard Staguhn: „Und ewig lockt das Haar“
Was es bedeutet, wie es wächst und warum es uns so anzieht
zuKlampen Verlag € 18,00

Ein Haar ist fast nichts.“ So beginnt dieses unscheinbare Buch aus einem Verlag, aus dem wir sonst keine Bücher auf Lager haben. Ja, das stimmt, aber wie wichtig Haare für uns selbst sind, wissen wir sehr genau. Seit ein paar Jahren sind Männerfrisörsalons voll und das nicht zum Wochenende hin. Fussballspieler fallen meist mit sehr extravaganten Haartrachten auf und weniger durch fussballerisches Können. Wallendes Frauenhaar hat schon Kinobesucher in den 50er Jahren verrückt gemacht.
Aber was ist ein Haar? Woraus besteht es? Wieviele davon hat ein Mensch auf dem Kopf? Wie schnell wächst es? Und warum können Männer eine Glatze, aber einen Vollbart haben? Dies alles erklärt uns Gerhard Staguhn zu Beginn und zeigt uns in der Einleitung in wie vielen Bereichen Haare eine wichtige Rolle spielen.
Die Faszination Haar begegnet uns täglich. Wir sind fasziniert über dessen Schönheit und finden gleichzeitig ein einzelnes kleines Haar in der Dusche im Hotelzimmer als Grund, sich zu beschweren. Das Haar der Berenike hängt hoch am Himmel und in Märchen und in der Bibel taucht es bei Rapunzel und Samson auf. Gerade dem religiösen Aspekt widmet der Autor ein ganzes Kapitel.
Die Haartracht hat im Laufe der Geschichte, mit seinen Barockfrisuren und Männerbärten, bishin zu Kurzhaarschnitten, enorme Wandlungen durchgemacht und spiegelt sich auch in der Kunst, der Literatur, in der Malerei wieder. Die Venus mit ihrem überlangen Haar und Gustave Courbets „Entstehung der Welt“ sind nur zwei Beispiele, die im Buch näher ausgeführt werden.
Wobei wir dann natürlich auch zur Psychologie des Haares kommen.
Gerhard Staguhn hat ein hochinteressantes, vergnügliches Buch geschrieben, das sich weit von so vielen Verschenkbüchern absetzt. Mit einem anderen Umschlag und bei einem bekannten Verlag würde es sicher ein Kassenschlager. So liegt es bei uns an der Kasse und wartet auf’s Reingeschautwerden.

Leseprobe

Dienstag, 6.August

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Heute haben
Alfred Tennyson * 1809
Paul Claudel * 1868
Christa Reinig * 1926
Geburtstag
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Emilia Wiltschek (13) empfiehlt:

9783551553881

Chris Rylander: „Die Legende von Greg“
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Carlsen Verlag € 16,99
als Hörbuch bei Silberfisch für € 17,00
Jugendbuch ab 11 Jahren

Greg ist ein ganz normaler Junge in einem ganz normalen Leben. Obwohl so normal ist es nun auch wieder nicht. Sein Vater betreibt einen Bioladen und verkauft irgendwelche Seifen und Tees, die er (natürlich) an Greg ausprobiert. Außerdem existiert in seiner Familie anscheinend ein Fluch, der jeden Donnerstag zu einem Albtraum macht. Was Greg jetzt auch nicht bestreiten kann. Aber als sein Vater von einem Bergtroll entführt wird, stellt sich sein Leben erst recht auf den Kopf. Er soll in echt ein Zwerg sein und von einem alten Zwergenvolk abstammen?! Und wäre das nicht schon genug, fängt auch diese komische Axt an, mit ihm zu reden. Am liebsten würde Greg einfach zu seinem besten Freund gehen und bei ihm unterkommen. Doch der ist, wie sich herausstellt, ein Elf und Elfen und Zwerge sind bekanntlich Erzfeinde und können sich nicht ausstehen. Doch das kann Greg nicht glauben: sein bester Freund ein Verräter?!
Doch wem kann er überhaupt noch trauen? Das Buch ist sehr schön geschrieben und es macht Spaß die Geschichte zu verfolgen! Sollte man unbedingt lesen!