Mittwoch

Heute haben
Marcel Proust * 1871
Paul Wühr * 1927
und Jürgen Becker * 1932
Geburtstag
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Mit unserem heutigen Buchtipp geht es mitten in die Stadt, mitten hinein in Gothic City, New York City, Manhattan.

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Jonathan Lethem: „Chronic City
Fischer Taschenbuch € 10,99

Chase Insteadman, ein ehemaliger Kinderstar, lebt ohne große Aufgaben vor sich hin und versucht nicht in Vergessenheit zu geraten. Er ist ein geliebter Gast auf Partys und lässt sich dies auch bezahlen. Dass er davon nicht allzu viel hält, können wir uns denken. Seine Freundin ist Astronautin und befindet sich in einer Raumkapsel, die führerlos um die Erde kreist. Insteadman schreibt ihr Liebesbriefe, die in der Lokalpresse veröffentlicht werden und für große Begeisterung sorgen. Jonathan Lethem ist also wieder mitten drin in New York, dort wo er sich auskennt, dort, wo er herkommt. Sein erster Roman in deutsch war „Motherless Brooklyn“ und war ein richtiger Kracher. Jetzt also in einem Manhattan einer nahen Zukunft, in der es noch einen freilaufenden Tiger gibt, oder ist es ein losgerissener Bohrer, der Locher in die Erde reisst. Es gibt einen Künstler, der auch das Untere nach oben dreht, es gibt durchgeknallte Typen und wir wissen nie so richtig, was ist nun wahr, was ist Fiktion. Nicht nur in der Geschichte, sondern auch bei den Typen selbst. Ist das, was sie von sich schreiben die Wirklichkeit, oder nur das, was sie gerne sein wollen. Insteadman trifft irgendwann in diesem Roman auf Perkus Tooth, und aus einem Verwirrspiel wird nun fast eine Art Bildungsroman. Tooth hat früher für den „Rolling Stone“ gearbeitet und lebt sehr zurückgezogen mit seiner Filmsammlung. Tooth ist ein Zyniker und hält Insteadman sein Leben wie ein Spiegel vor. In den Gesprächen der beiden wird die ganze Verworrenheit der Gefühle, der Lebensweisen an’s Licht gebracht. (Tooth entspringt einem wahren Menschen, den Lethem in einer Buchhandlung getroffen hat. Paul Nelson, ein großer Musikkritiker, der eng mit Bob Dylan verbunden war. Auch dieser lebte sehr zurückgezogen in Manhattan, bis er tot in seinem Appartment gefunden wurde.) Der von Migräne geplagte Tooth durchschaut die Scheinheiligkeit von Politik und Presse, die Geistlosigkeit der Partygespräche auf der Upper East Side. Eversucht Insteadman dies klar zumachen, der wiederum will der verkrachten Existenz auf die Beine helfen. Zwei Personen also, die an ihrer Biografie gescheitert sind und die versuchen wieder Halt zu finden. Dass dies Lethem alles in einem New York der nahen Zukunft spielen lässt, passt sehr gut. Dieser Moloch, der mehr vorgibt, als er halten kann, der im Roman von einem Multimillionär als Bürgermeister regiert wird, ist dafür genau die richtige Grundlage.
Lethem hat mit „Chronic City“ einen großartigen, durchgeknallten, kritischen Roman geschrieben, den Sie nicht so schnell vergessen werden, so viel ist er mit den wildesten Typen.

Leseprobe zum Reinlesen.
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